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Die Idee des Musicals. Oder: Wieso „La La Land“ nur ein inhaltsleerer Tanzfilm ist

Ich muss noch einen Verriss nachliefern. Dies ist besonders wichtig vor dem Hintergrund, dass dieser Film heute Abend bei der Oscar-Verleihung voraussichtlich sehr viele Oscars erhalten wird. Es geht um das „Musical“ „La La Land“.

Zunächst einmal zur Klärung: “La La Land” ist kein Musical! Der Film ist das, was man heute für ein Musical hält: Ein Film, in dem gesungen wird. Wer jemals ein altes Musical gesehen hat, wird das erkennen. In einem Musical, das ist für mich der entscheidende Punkt, drücken die Figuren ihre Emotionen, ihre Träume und ihre Wünsche in Liedern aus. Dadurch versteht man die Figuren besser, sie bekommen in diesem eher seichten Unterhaltungsgenre eine gewisse Tiefe. Das passiert bei La La Land so gut wie gar nicht. Dabei hätte es wunderbare Anlässe für Lieder gegeben.

Die Story geht so: Ein Mann und eine Frau verlieben sich. Beide sind noch erfolglos, haben aber ihre Träume: Er will einen Jazzclub eröffnen, sie will Schauspielerin werden. Als der Erfolg langsam bei ihm kommt, weil er seine musikalischen Ansprüche senkt und durch die USA tourt, zerbricht die Beziehung. In dieser einfachen Story liegt ein unglaubliches Potential für Lieder mit Inhalt. Zum Beispiel: Sie sagt ihm am Anfang, dass sie Jazz hasst. Dann zeigt er ihr „wahren“ Jazz. Aber statt diesen Streit dadurch zu zeigen, dass sie ihren Standpunkt in einem Lied ausführt und Beispiele für Fahrstuhljazz oder nervigen Freejazz vorführt, und er ihr die Finessen, die Innovationen, den Flow, all das was großartig an Jazz sein kann, vorführt, statt diesen perfekten Liedinhalt auszuleben, sitzen sie nur an einem Tisch und er erzählt ihr all das, während die Kamera immer mal kurz zu einem Jazzmusiker zoomt. Wie lahm. Interessant wäre es auch gewesen, ein Lied zu hören, warum er dann den Kompromiss eingeht und in einer Soul-Jazz-Band spielt, die er vorher verachtet und für den Tod des Jazz gehalten hat. Ach, es hätte viele interessante Möglichkeiten gegeben.

Dabei startet der Film sogar mit recht guten Charakterdarstellungen. Beide Hauptdarsteller werden - wenn auch nicht im Sinne eines Musicals in Form von Liedern, so doch durch gut geschriebene Szenen - als Charaktere vorgestellt und plausibel gemacht. Ab der Hälfte des Films rächt es sich allerdings, dass Hollywood keine Vorstellung von Liebe jenseits des Verliebtseins hat. Deshalb gibt es eine deutliche Dysbalance zwischen der überausführlichen dargestellten Kennenlernen-Geschichte und der kaum gezeigten, gelebten Beziehung. Der Film schafft es nicht mehr, die kriselnde und sich langsam auflösende Beziehung zu zeigen. Dafür findet der Regisseur leider keine Sprache und - dies gelang ihm ja vorher auch schon nicht - erst recht keine Lieder.

Stattdessen flüchtet sich der Film ins Tanzen! Ab der Hälfte des Films wird kaum noch gesungen – nur noch getanzt. Daran zeigt sich die größte Schwäche des Films: Er ist ab der Hälfte ohne Inhalt, die Personen haben keine Tiefe mehr, sie haben nichts mehr zu sagen. Deshalb tanzen sie. Es gäbe zwar auch weiterhin Inhalte für die Lieder (die Enttäuschungen, die sich die Hauptfiguren zufügen, und dann das traurige Weiterleben), aber vermutlich war einfach kein Geld mehr da für gut geschriebene Szenen und pointierte Lieder (vielleicht fehlte auch die Erfahrung mit Beziehungen jenseits des Verliebtseins). Aber es war noch Geld für ausschweifige Tanz-Kamerafahrten da, die extrem leer wirken, weil sie eben nicht ausdrücken können, wie es den Figuren geht.

Trotz seiner Länge von über zwei Stunden endet der Film dann ziemlich abrupt. Die entscheidenden Phasen (das Erfolgreich-Werden, das Loslassen) werden einfach nicht gezeigt. Stattdessen wird ein „5 Jahre später“-Text eingeblendet. Beide sind natürlich (wie sollte es in einem Hollywood-Film anders sein) super erfolgreich geworden und treffen sich wieder. Dann passiert aber etwas Interessantes: Es wird gezeigt, wie weit sich Hollywood im Moment traut, auf ein Happy End zu verzichten. Das Happy End wird als Fiktion (wieder in Form eines Tanzes statt eines Liedes) komplett in allen Farben und Facetten ausbuchstabiert, um den Film danach doch noch in den letzten Sekunden „unhappy“ enden zu lassen. Das gezeigte Happy End schafft somit die Fallhöhe für die traurige Realität. Das ist vielleicht die größte Leistung dieses inhaltsleeren Tanz-Films: Die kitschigen Standards zu bewahren und sie dennoch ein wenig zu verschieben.

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