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Klingsors Letzter

Die Verliebtheit. Über ihre Erscheinungsformen und ihre Zusammensetzung

Manche Dinge sollte man ja eigentlich nicht rational analysieren. Das war auch der Grund meiner ursprünglichen Angst vor dem Germanistikstudium: Dort sollte man Rilkegedichte nach Reimstruktur und Rhythmus zerlegen und damit alle Freude daran verlieren. Das erwies sich jedoch nur als Aberglaube: Das rationale Wissen um die Form hat die emotionale Freude am Inhalt noch verstärkt, weil man dann erst erkennen kann, wie beides kunstvoll miteinander verschränkt ist.

Und so braucht das Analysieren in meinen Augen auch nicht vor dem heiligsten und reinsten aller Gefühle, vor dem Inbegriff der puren Emotion zu stoppen: Der Verliebtheit. Wer dennoch Angst davor haben sollte, die emotionale Tiefe der Verliebtheit durch eine rationale Auseinandersetzung mit ihr zu verlieren, sollte an dieser Stelle aufhören zu lesen.

Verliebtheit ist nicht gleich Verliebtheit – es gibt verschiedene Varianten der Verliebtheit. Grundsätzlich kann man vielleicht zwischen Top-Down- und Bottom-Up-Verliebtheit unterscheiden. Top-Down bedeutet, dass man sich Hals über Kopf verliebt – eben die klassische Liebe auf den ersten Blick (Top). Man verliebt sich dabei allerdings oft mehr in ein Bild des Anderen als in dessen reale Person. Später beim wirklichen Kennenlernen der Persönlichkeit wird das idealisierte Bild dann mit einem realistischen Bild konfrontiert – oft folgt hier ein schroffer Aufprall (Down). Im Gegensatz dazu steht die Bottom-Up-Verliebtheit. Sie ist durch ein langsames Annähern gekennzeichnet. An ihrem Anfang stehen keine Idealisierungen und keine großen, filmreifen Liebesgefühle (bottom). Erst durch das gegenseitige Kennenlernen im Alltag wird die Verliebtheit langsam immer größer (up).

Medial präsenter ist natürlich die Top-Down-Variante (ohne allerdings jemals das Down näher zu beleuchten). Diese Form der Verliebtheit setzt sich wiederum aus verschiedenen Anteilen zusammen, die man separat beschreiben kann. Alleine würde vermutlich keiner dieser Anteile zu einer Verliebtheit führen, aber in ihrer Mischung bilden sie die Voraussetzung für Verliebtheit:

Der seelenverwandte Anteil
Man entdeckt in dem Anderen einen Seelenverwandten. Man fühlt sich erstmalig voll und ganz verstanden, weil der Andere ähnliche Erfahrungen wie man selbst gemacht hat. Man versteht sich einfach ohne Worte. Das Schwierige daran: Eigentlich kann nur die Differenz auch die nötige Spannung in einer Beziehung schaffen und zur persönlichen Weiterentwicklung führen. Und: Im banalen Alltag hilft Seelenverwandtschaft oft nicht weiter.

Der Schönheits-Anteil
Man verliebt sich in das Äußere, in die Schönheit und Ausstrahlung des Anderen. Allein beim Anblick des Anderen bekommt man ein Kribbeln im Bauch. Dieser Anteil ist wahrscheinlich ein notwendiger Teil jeder Verliebtheit, wenn allerdings keine weiteren Aspekte hinzukommen, wird diese Verliebtheit nur selten zu einer langen Beziehung führen.

Der Spiegel-Anteil
Der Andere spiegelt einen Selbst: All das Schwanken, all die Unsicherheit, all die unklaren Gefühle – all das kann der andere ganz klar erkennen und einordnen. Durch diese Normalisierung fühlt man sich geborgen, verstanden und hingezogen. Dass damit eine mächtige, definierende Position und eine abhängige, interpretierte Position etabliert werden, wird meist erst zu spät verstanden.

Der inspirierende Anteil
Der Andere reizt in einem das kreative und musische Potential: Man entwickelt neue Ideen, bastelt Geschenke, schreibt Gedichte und singt Lieder. Diese Fähigkeiten schlummern ja in vielen Menschen. Auf irgendeine Weise wird dies durch den Anderen ausgelöst – es passiert ja nur bei diesem einen Menschen – und zugleich hat es doch wenig mit dem Anderen zu tun. Diese innere Welle aus Phantasie und Kreativität besteht aus einer unentwirrbaren Mischung aus Berauschtheit an den eigenen Ideen und einer idealisierten Vorstellung vom Anderen, die einer Konfrontation mit der Alltagsrealität nur selten stand hält.

Der Anti-Anteil
Man ist begeistert, jemanden gefunden zu haben, der auf der gleichen Augenhöhe ist: Man erfährt endlich echten und fundierten Widerspruch. Die Streits sind hier Teil des Flirtens, sie sind wie eine Kraftprobe. Der positive Kern des Ganzen, das Sich-Eigentlich-Mögen, muss unter all dem Dagegensein allerdings immer noch spürbar sein. Wenn keine weiteren Anteile hinzukommen, kann dieses dauernde Kämpfen-Müssen allerdings auch ermüdend werden.

Der situative Anteil
Dieser Anteil der Verliebtheit entsteht erst aus der Situation heraus: Man schaukelt sich gegenseitig hoch und findet einen gemeinsamen Flow. Es ist viel schöner miteinander, als man es sich je erträumt hätte. Das gefährliche an diesem Anteil ist, dass man sich nach einem solchen Erlebnis, in dem sich alles perfekt fügte und es einzigartig war, doch wieder im Alltäglichen gegenüberstehen wird und dann (fast) wieder bei Null anfangen muss. Man versucht dann krampfhaft das, was es damals einzigartig gemacht hat, wiederzufinden und den Flow wiederzubeleben.

Der Sehnsuchts-Anteil
Die persönlichen Voraussetzungen der einzelnen Personen spielen natürlich auch eine Rolle. In welcher Situation befinden sie sich? Wie geht es ihnen gerade in ihrem Leben? Was suchen sie? Wenn man durch eine Wüste der Einsamkeit geirrt ist, kann die Erscheinung eines Anderen sehr viel leichter wie eine Oase wirken. Man ist eher bereit und offener dafür, sich zu verlieben. Dies ist natürlich ein Einfallstor für alle möglichen Formen der Projektion.

Dies scheinen mir die wesentlichen Anteile einer Verliebtheit zu sein. Wenn man um diese Anteile weiß, kann man besser erkennen, wenn etwas fehlt: Es kann in den Begegnungen beispielsweise kein Flow entstehen, obwohl man den Anderen sehr attraktiv findet. Man kann extrem kreativ werden, obwohl man seelisch viel zu verschieden ist. Man kann sich seelenverwandt fühlen, obwohl man den Anderen gar nicht attraktiv findet…

Auf diese Weise lassen sich vielleicht einige Ambivalenzen im gegenseitigen Kennenlernen besser verstehen. Und letztendlich kann man es so zusammenfassen: Je mehr dieser Anteile in eine Verliebtheit hineinspielen, desto größer wird die Verliebheit! Umso größer ist natürlich auch die Gefahr, die in dieser Form der Verliebtheit lauert: Die Entidealisierung und Entzauberung im wirklichen Kennenlernen. Die andere Form der Verliebtheit, die Bottom-Up-Verliebtheit, scheint davor besser gefeit. Nur wird man wohl mit dieser, sich langsam im Alltag steigernden Liebe nur selten die Höhen erreichen, die man mit der idealisierenden Verliebtheit mühelos schon in den ersten Stunden und Tagen erobert…

2 Kommentare »

  Calliope wrote @ Februar 13th, 2017 at 20:49

Falls du was zu lesen suchst, solltest du mal Sternbergs Dreieckstheorie der Liebe anschauen. Auch die weiterführenden Überlegungen sind spannend: http://www.robertjsternberg.com/love/ Für mich ein sehr einleuchtendes Modell.

  klingshor wrote @ Februar 15th, 2017 at 19:55

Danke für den Link! Ganz interessanter Artikel - besonders der erste Teil.

Die “Theory of Love as a Story” scheint mir von der Grundidee her sehr plausibel, aber was sie dann für verschiedene Storys daraus entwickelt haben, das ist ja nur Kraut und Rüben! Ich hatte bei meinem eigenen Eintrag hier schon ein schlechtes Gewissen, weil die Kategorien aus sehr verschiedenen Sphären stammen (teilweise aufs Ich und dessen Wahrnehmung bezogen, dann auf die eigene langfristige Beziehungssituation bezogen und dann noch auf das momentane Umfeld bezogen)! Aber nachdem ich das gelesen nun habe, bin ich wirklich beruhigt: Wenn ein solches Konvolut an völlig diversen, aus unterschiedlichsten Sphären stammenden Gedanken und Ideen als wissenschaftlich verkauft wird, dann sind meine Gedanken hier ja hochwissenschaftlich und wenigstens überschaubar!

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