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Klingsors Letzter

Star Wars – Ein Verriss

Oje! Ich war doch bereit, auf der guten Seite (des Lobs) zu bleiben. Ich ahnte nichts von der dunklen Seite (der Kritik). Und dann das!

Der neue Star-Wars-Film fängt so hoffnungsvoll an. Es ist ja immer spannend, kleinen Davids (einer Schrottsammlerin und einem Deserteur) bei ihrem Kampf gegen die übermächtigen Goliaths (Die Erste Ordnung) zuzusehen. Die Witze sind etwas ruppig und unbeholfen, aber immerhin, es sind halbwegs gewitzte Dialoge. Auch sehr schön ist es, wie Han Solo wieder eingeführt wird. Hier nimmt sich der Film auch Zeit für einzelne Szenen. Doch spätestens als die zusammengewürfelte Truppe zu ihrer großen Rebellen-Organisation zurückkehrt, kippt die Handlung.

Meine größte und drängendste Frage: Gibt es denn, verdammt nochmal, nichts Neues??? Keine neuen Bedrohungen??? Nichts??? Wieder ein Todesstern, diesmal nur noch größer – J.J.Abrams, ist das dein Ernst? Was soll denn dieser lauwarme Aufguss der ersten Teile? Todesstern zerstört Planeten und muss daher selbst zerstört werden. WTF? Und dann geht das alles auch noch superschnell, ohne nennenswerte Gegenwehr der dunklen Seite.

Überhaupt: Die dunkle Seite… Wenn man diese Serie noch einmal aufleben lassen will, dann muss doch da auch eine Bedrohung sein. Der Bösewicht muss glaubhaft sein. Stattdessen gibt es einen innerlich zerrissenen Ex-Jedi und Darth-Vader-Imitator (orientiert sich an seinem Opa), der seine eigene Wut nicht kontrollieren kann und am Ende sogar von der Jedi-Anfängerin geschlagen wird. Immerhin tötet er Han Solo – zwar völlig unmotiviert, aber immerhin (sonst hätte es überhaupt keine Spannung gegeben).

Dann gibt es den hitleresken General, von dem man nicht weiß, was seine Fähigkeiten sein sollen – in den ersten Teilen wurden solche Figuren von Darth Vader regelmäßig umgebracht (was die Bösartigkeit Vaders gut untermalt hat). Hier darf dieser General eine Ansprache wie im Dritten Reich halten. Warum nur? Wir befinden uns in einem Weltraumkrieg, werden die Soldaten so motiviert (zumal es nur um den Abschuss einer Riesenkanone geht)? Gibt es eine Ideologie dahinter, die uns leider verborgen bleibt?

Und dann müssen diese beiden eher skurrilen Figuren auch noch zum regelmäßigen Rapport vor dem scheinbaren Oberbösewicht. Ein Riese, der an keiner Stelle zeigt, warum er der Oberbösewicht sein soll. Ja, er darf auch mal grüblerisch daran zweifeln, ob der Ex-Jedi der Auseinandersetzung mit seinem Vater stand hält. Wieso hat das Böse keine Macht, wieso hat es keinen Plan, wieso lässt es sich so einfach besiegen?

Das Schöne an den früheren Teilen war ja, dass das Böse dem Guten immer einen Schritt voraus war. Das machte die Spannung aus! In diesem Film wird Spannung durch einen simplen Countdown erzeugt: Kann die Superkanone schnell genug geladen werden, um die Rebellen zu zerstören? Oder schaffen es die Rebellen, wieder einmal, den inneren Reaktor (oder wie auch immer die Achillesferse des Systems diesmal genannt wird), zu zerstören? Und ja, tata, sie schaffen es und alles explodiert.

Und dann wird am Ende auch noch Luke Skywalker gefunden, der versteckt eine Jedi-Armee aufgebaut haben soll. Wäre es nicht dramaturgisch sinnvoller gewesen, wenn er in dem Moment aufgetaucht wäre, in dem es für die Rebellen schlecht aussieht? So hängt der Cliffhanger, also der Spannungsbogen zur nächsten Episode, nur an seiner Person und seiner Geschichte. Das Böse muss sich zwangsläufig in der nächsten Folge ersteinmal wieder sammeln und eine komplett neue Bedrohung aufbauen.

Der ganze Film ähnelt sehr der 4. Episode. Ein geheimer Plan wird einem Roboter übergeben, damit er nicht den Bösen in die Hände fällt. Das ist in beiden Fällen für die bisher unbeteiligten Figuren das handlungsauslösende Movens. Eine unbekannte Jediritterin wird so entdeckt und entwickelt im Laufe des Films ihre Kräfte. Ein Todesstern/-planet zerstört einen Planeten und wird daraufhin selbst zerstört. Der einzige Unterschied: Es wird die Vater-Sohn-Geschichte, die in den Teilen 4-6 einen wesentlichen Teil zur Dramatik beitragen, hier schon mit umgekehrten Rollen entfaltet und durch Han Solos plötzlichen Tod beendet.Warum denn eigentlich schon wieder eine solche Geschichte? Müssen die immer verwandt sein, die Jedis? Muss sich dann immer einer abwenden, damit der andere ihn bekehren kann? Warum nicht mal eine neue Geschichte? Man hätte ja auch mal diese simple Unterscheidung „Gute Gefühle gehören zum Guten, böse Gefühle gehören zum Bösen“ aufbrechen können. Aber vielleicht sollte die Episode mit dem Darth-Vader-Imitator das ja darstellen. Nur dass dadurch dem Film der glaubhafte Bösewicht verloren ging.

Also: Was soll das? War J.J.Abrams insgeheim angetreten, ein Remake zu drehen? Eine moderne Variante der alten Saga – nur viel schwächer? Aber halt, vielleicht ist es ja nur der Auftakt, vielleicht wird das Ganze ja auch noch mit Leben gefüllt. Erstaunlich ist nur, dass die Kritiken so positiv ausgefallen sind – der Riesenrummel vorher scheint eine große Spoilerangst und eine gewisse Milde bei den Kritikern ausgelöst zu haben. Ich jedenfalls war echt enttäuscht und stehe nun – völlig unerwartet – auf der dunklen Seite, der Seite der Kritik. Ich bin bereit von der guten Seite, den echten Fans, beschossen und durchlöchert zu werden.

2 Kommentare »

  Martini wrote @ Dezember 29th, 2015 at 17:04

In einer Filmkritik zu dem damals “neu” aufgelegten Spiderman, wird sehr gut beschrieben WIE das Ganze funktioniert.

“Egal, wie man die Sache am Ende nennt: Es geht hier um Produktzyklen, wie sie für alle Industrien inzwischen normal sind, deren Regeln der Markt diktiert und die ihrerseits allen Beteiligten ihre eigene Logik aufzwingen.”

Und das gilt natürlich auch für die armen Kritiker:

“Am Ende gilt das sogar für die Kritiker, die gezwungen sind, Produktversionen zu vergleichen, Alt-und-Neu-Listen abzuarbeiten (…).”
http://www.sueddeutsche.de/kultur/the-amazing-spider-man-im-kino-superhelden-in-der-wiederholungsschleife-1.1394231

Tja, und “[w]as soll das” alles?

Ob es nun neue Autos, neue Smartphones oder neue Filme sind…was zählt an der “Neuerung” ist die ästhetische Innovation, der Inhalt ist gleichgültig, geschuldet den “Regeln” des Marktes um dem eigentl. Zweck dienen zu müssen $€£¥….

  klingshor wrote @ Januar 4th, 2016 at 19:57

Ja, das stimmt wohl. Man merkt diesen Hintergrund im ganzen Marketing nur nicht, zumindest wenn man auch früher ein wenig betroffen war. Eigentlich auch genial: Man fängt bei den Kindern an, die einfacher durch Marketing manipulierbar sind, und knüpft im Erwachsenenalter an diese früh gelegten emotionalen Bindungen an. Das rührt ja das Herz der Erwachsenen, wenn es ein Remake ihrer Jugend gibt, und wenn sie vielleicht auch ihren eigenen Kindern zeigen können, was sie selbst damals begeistert hat. Nicht umsonst spielen so viele Radiosender “Das Beste der 60er, 70er und 80er”. Die Erinnerung an die Jugend ist enorm viel Geld wert.
Und danke für den Link! Das trifft es wirklich ganz gut. Schön auch Kniebes finale Uminterpretation des Ganzen: Vielleicht geht das Kino langsam zur Variation seiner ewigen klassischen Geschichten über, so wie im Theater auch weiterhin Mozarts Opern aufgeführt werden.

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