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Klingsors Letzter

Einblicke in den Kosmos des alternativlosen Denkens

Es gibt Sätze, die sind der absolute Ausweis eines alternativlosen Denkens, die Essenz der Unfähigkeit zum Möglichkeitssinn. Menschen, die solche Sätze äußern, sind bei mir sofort in jeder Kategorie durchgefallen. Sie sind zu banal, um sich mit ihnen zu beschäftigen. Das klingt hart, ist es auch. Aber jemand, der einen dieser Sätze äußert, besitzt in meinen Augen nicht die Fähigkeit, auch nur einen kreativen Gedanken zustande zu bringen. Zwei schöne Beispiele habe ich in letzter Zeit erlebt:

1. Heute war ich auf einem Konzert einer Band, bei der wesentliche Bestandteile der Musik nur durch einen Rechner eingespielt wurden. Scherzhaft meinte auch der Schlagzeuger, das seien die Folgen der modernen Musik, die Musiker seien „Sklaven des Rechners“. Es wurde ein Stück vom Mac eingespielt, dazu spielte ein Musiker Schlagzeug, einer Bass und einer Harmonika. Während der Vorstellung fragte ich mich, wann denn Musik eigentlich zur Aufführung geeignet sei, wieviel müsse dafür auf der Bühne geboten werden. Diese Musik war so statisch, alles war vorgegeben, die Musiker haben keinen Ton improvisiert – die Musik hätte eigentlich auch vom Band abgespielt werden können. Das fragte ich nach dem Konzert in die Gruppe. Ein Freund hatte auch ähnliche Gedanken gehabt. Dann aber antwortete eine Semi-Bekannte mit dem folgenden Satz: „Wer etwas auf die Bühne bringen will, kann das doch tun.“ Die Freude über das Philosophieren wird hier auf einen Schlag durch die Erinnerung an den sozialpädagogischen, olympischen Gedanken ausgelöscht.

2. Vor einer Weile war ich bei einer Sitzung eines politischen Gremiums. Es ging darum, wie man sich zu den bevorstehenden Kürzungen an der eigenen Hochschule verhält. Der Rektor hat einen Plan aufgestellt, demzufolge sehr viele Stellen in den nächsten fünf Jahren weggekürzt werden sollen. Es wurden viele für mich verständliche Positionen von Protest bis zur Anpassung geäußert, bis dann einer folgendes Statement zum Besten gab: „Die Kürzungen stehen doch schon fest. Dagegen zu sein, ist doch sinnlos. Man ist doch auch nicht gegen das Untergehen der Sonne oder gegen die Nacht.“ Für diesen Menschen besitzen politische Entscheidungen scheinbar die gleiche Notwendigkeit wie Naturgesetze. Dass ein vermutlich halbwegs gebildeter Mensch so denken kann, war für mich äußerst schockierend.

Ein anderes Beispiel ist einer meiner All-Time-Favorites, obwohl ich da nicht so strikt bin und keine komplette Unfähigkeit zu kreativem Denken unterstellen würde. Der Satz fällt immer dann, wenn jemand einen Witz erzählt, der gut aber auch abstrus ist. Dann sagt der unkreative Andere: „Wer sich so etwas ausdenkt! Wie die nur immer auf so etwas kommen!“ Das tut mir im Herzen weh, wenn Menschen die Fähigkeit zu kreativem Denken so weit von sich weg schieben. Sie tun so, als sei das etwas völlig Fremdes, auf das nie jemand kommen könnte. Das ist so traurig. Dabei kann doch jeder, wenn er nur ein wenig nachdenkt, eine abstruse Parallele ziehen oder ein schönes Wortspiel finden – mit Ausnahme natürlich der beiden oben beschriebenen, völlig möglichkeitsfernen Menschen.

1 Kommentar »

[...] Die Trennlinie zwischen aktivem und passivem Humor verläuft in meinen Augen entlang der Aussage „Wie die immer nur darauf kommen“. Wer diesen Satz sagt, schiebt die Möglichkeit eines aktiven Humors von sich selbst weg und [...]

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