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Klingsors Letzter

Mein Leben als Ideenkünstler (II)

Nachdem ich vor einiger Zeit mein Leben als Ideenkünstler begonnen habe, will ich es hier nun weiterführen – ohne auch nur eine Idee bisher umgesetzt zu haben (ich schwöre es!).

Die Jokebox
Man wirft 10 Cent ein, ein Schallplattenarm greift eine Platte heraus und man bekommt einen Witz erzählt. Die Witze sind dabei nach Kategorien sortiert, wie „klassisch verschweint“, „politisch inkorrekt“, „absurder Anti-Witz“, „Randgruppe“… Die Maschine kann in Kneipen Aufheiterungen für unlustige Runden bieten, kann den Wortschwall von Witz-Allein-Unterhaltern stoppen oder kann auch zum klassischen Duell „Mensch-Maschine“ anregen.

Das Zeitreise-Hotel
Ein Hotel, in dem man das Leben einer anderen Zeitepoche leben kann. Man kann beispielsweise das Leben der 50er Jahre leben: Man gibt alle elektronischen Geräte, alle Kleidung, also eigentlich alles am Eingang des Hotels ab. Man wird komplett neu mit dem Besitz-Portfolio eines Menschen aus den 50er Jahren ausgestattet. Wer beispielsweise telefonieren will, muss Münzen in den Fernsprecher stecken und die Vermittlung anrufen. Männer und Frauen wohnen natürlich in getrennten Zimmern - außer sie sind verheiratet. Dabei ist das 50er-Jahre-Hotel ja noch recht fortschrittlich, im Vergleich zum Hotel des 18. Jahrhunderts.
Hier kommt das Konzept natürlich auch an Grenzen. Kann man in Gebäuden, die in dieser Form in dieser Zeit nicht existiert haben, und in einem Modus des Reisens, der in dieser Zeit ebenfalls nicht existiert hat, die Zeit selbst nachstellen? Vielleicht müsste daher eher ein ganzes Dorf gebaut werden, um das Leben im 18. Jahrhundert nachzustellen. Damit dies nicht nur wieder eine Projektion unserer Vorstellungen der damaligen Zeit wird (siehe Mittelaltermärkte), müssten diese Dörfer und Hotels an die wissenschaftlichen Abteilungen der Museen der Sozial- und Alltagsgeschichte angebunden werden. Das Wichtigste bei dieser Idee ist aber, dass man dort auch leben kann, und es nicht nur - wie ein Museum - besucht.

Der Diavortrag des streitenden Ehepaares
Immer diese Idylle bei Diavorträgen! Ich würde gerne einmal den Diavortrag eines streitenden Paares inszenieren. Er in der einen Ecke des Hörsaals, sie in der anderen Ecke. Er zeigt ein Dia und kommentiert es, sie unterbricht ihn jäh und ruft: „Das stimmt doch gar nicht! Da hab ich dich …“ Dann erzählt sie ihre Version und wird wieder von ihm unterbrochen usw. So schaukelt sich das hoch, bis beide am Ende bei einem wunderbar idyllischen Bild, vielleicht einer Berglandschaft, wutentbrannt den Raum verlassen.
Der Vorteil dieses Vortrags ist, dass er die Urlaubserlebnisse vieler Menschen wohl widerspiegelt und damit auch den oftmals absurden Kontrast zwischen dem Vortragenden, der das Schöne und Spannende erlebt hat, und dem Zuhörer, der immer nur das Langweilige und Spießige erlebt, aufhebt.

Star Wars – Ein Verriss

Oje! Ich war doch bereit, auf der guten Seite (des Lobs) zu bleiben. Ich ahnte nichts von der dunklen Seite (der Kritik). Und dann das!

Der neue Star-Wars-Film fängt so hoffnungsvoll an. Es ist ja immer spannend, kleinen Davids (einer Schrottsammlerin und einem Deserteur) bei ihrem Kampf gegen die übermächtigen Goliaths (Die Erste Ordnung) zuzusehen. Die Witze sind etwas ruppig und unbeholfen, aber immerhin, es sind halbwegs gewitzte Dialoge. Auch sehr schön ist es, wie Han Solo wieder eingeführt wird. Hier nimmt sich der Film auch Zeit für einzelne Szenen. Doch spätestens als die zusammengewürfelte Truppe zu ihrer großen Rebellen-Organisation zurückkehrt, kippt die Handlung.

Meine größte und drängendste Frage: Gibt es denn, verdammt nochmal, nichts Neues??? Keine neuen Bedrohungen??? Nichts??? Wieder ein Todesstern, diesmal nur noch größer – J.J.Abrams, ist das dein Ernst? Was soll denn dieser lauwarme Aufguss der ersten Teile? Todesstern zerstört Planeten und muss daher selbst zerstört werden. WTF? Und dann geht das alles auch noch superschnell, ohne nennenswerte Gegenwehr der dunklen Seite.

Überhaupt: Die dunkle Seite… Wenn man diese Serie noch einmal aufleben lassen will, dann muss doch da auch eine Bedrohung sein. Der Bösewicht muss glaubhaft sein. Stattdessen gibt es einen innerlich zerrissenen Ex-Jedi und Darth-Vader-Imitator (orientiert sich an seinem Opa), der seine eigene Wut nicht kontrollieren kann und am Ende sogar von der Jedi-Anfängerin geschlagen wird. Immerhin tötet er Han Solo – zwar völlig unmotiviert, aber immerhin (sonst hätte es überhaupt keine Spannung gegeben).

Dann gibt es den hitleresken General, von dem man nicht weiß, was seine Fähigkeiten sein sollen – in den ersten Teilen wurden solche Figuren von Darth Vader regelmäßig umgebracht (was die Bösartigkeit Vaders gut untermalt hat). Hier darf dieser General eine Ansprache wie im Dritten Reich halten. Warum nur? Wir befinden uns in einem Weltraumkrieg, werden die Soldaten so motiviert (zumal es nur um den Abschuss einer Riesenkanone geht)? Gibt es eine Ideologie dahinter, die uns leider verborgen bleibt?

Und dann müssen diese beiden eher skurrilen Figuren auch noch zum regelmäßigen Rapport vor dem scheinbaren Oberbösewicht. Ein Riese, der an keiner Stelle zeigt, warum er der Oberbösewicht sein soll. Ja, er darf auch mal grüblerisch daran zweifeln, ob der Ex-Jedi der Auseinandersetzung mit seinem Vater stand hält. Wieso hat das Böse keine Macht, wieso hat es keinen Plan, wieso lässt es sich so einfach besiegen?

Das Schöne an den früheren Teilen war ja, dass das Böse dem Guten immer einen Schritt voraus war. Das machte die Spannung aus! In diesem Film wird Spannung durch einen simplen Countdown erzeugt: Kann die Superkanone schnell genug geladen werden, um die Rebellen zu zerstören? Oder schaffen es die Rebellen, wieder einmal, den inneren Reaktor (oder wie auch immer die Achillesferse des Systems diesmal genannt wird), zu zerstören? Und ja, tata, sie schaffen es und alles explodiert.

Und dann wird am Ende auch noch Luke Skywalker gefunden, der versteckt eine Jedi-Armee aufgebaut haben soll. Wäre es nicht dramaturgisch sinnvoller gewesen, wenn er in dem Moment aufgetaucht wäre, in dem es für die Rebellen schlecht aussieht? So hängt der Cliffhanger, also der Spannungsbogen zur nächsten Episode, nur an seiner Person und seiner Geschichte. Das Böse muss sich zwangsläufig in der nächsten Folge ersteinmal wieder sammeln und eine komplett neue Bedrohung aufbauen.

Der ganze Film ähnelt sehr der 4. Episode. Ein geheimer Plan wird einem Roboter übergeben, damit er nicht den Bösen in die Hände fällt. Das ist in beiden Fällen für die bisher unbeteiligten Figuren das handlungsauslösende Movens. Eine unbekannte Jediritterin wird so entdeckt und entwickelt im Laufe des Films ihre Kräfte. Ein Todesstern/-planet zerstört einen Planeten und wird daraufhin selbst zerstört. Der einzige Unterschied: Es wird die Vater-Sohn-Geschichte, die in den Teilen 4-6 einen wesentlichen Teil zur Dramatik beitragen, hier schon mit umgekehrten Rollen entfaltet und durch Han Solos plötzlichen Tod beendet.Warum denn eigentlich schon wieder eine solche Geschichte? Müssen die immer verwandt sein, die Jedis? Muss sich dann immer einer abwenden, damit der andere ihn bekehren kann? Warum nicht mal eine neue Geschichte? Man hätte ja auch mal diese simple Unterscheidung „Gute Gefühle gehören zum Guten, böse Gefühle gehören zum Bösen“ aufbrechen können. Aber vielleicht sollte die Episode mit dem Darth-Vader-Imitator das ja darstellen. Nur dass dadurch dem Film der glaubhafte Bösewicht verloren ging.

Also: Was soll das? War J.J.Abrams insgeheim angetreten, ein Remake zu drehen? Eine moderne Variante der alten Saga – nur viel schwächer? Aber halt, vielleicht ist es ja nur der Auftakt, vielleicht wird das Ganze ja auch noch mit Leben gefüllt. Erstaunlich ist nur, dass die Kritiken so positiv ausgefallen sind – der Riesenrummel vorher scheint eine große Spoilerangst und eine gewisse Milde bei den Kritikern ausgelöst zu haben. Ich jedenfalls war echt enttäuscht und stehe nun – völlig unerwartet – auf der dunklen Seite, der Seite der Kritik. Ich bin bereit von der guten Seite, den echten Fans, beschossen und durchlöchert zu werden.

The future is cloudy

Eigentlich ist es schade, dass Orwell in seinem Roman 1984 nicht beschrieben hat, wie diese Welt entstanden ist. So können wir mit Schrecken auf die Endversion dieser Welt blicken und uns daran freuen, dass wir in einer freien Gesellschaft leben … obwohl die Wege in eine vielleicht nicht Orwellsche, aber doch dystopische Welt schon fleißig gepflastert werden.

Ein Pflasterstein auf unserem Weg in diese Welt sind die Clouds. Man speichert seine persönlichen Daten nicht mehr auf seinem eigenen Rechner, sondern in der eigenen Cloud. Menschen nehmen diese Verlagerung ihrer Daten scheinbar gern in Kauf, weil durch die Vermehrung ihrer Endgeräte ein enormer Synchronisierungsbedarf entstanden ist. Gab es früher für alle Funktionen einzelne, nicht miteinander verbundene Geräte (z.B. Musik, Telefon, Kamera) übernimmt nun das Handy all diese Funktionen, ohne jedoch gleichzeitig den eigenen Rechner ersetzen zu können. Durch kluge Software hätte man beide Geräte so miteinander koppeln können, dass alle Daten immer auf dem neuesten Stand sind - bei der stetigen Speicherweiterentwicklung wären alle Daten auf dem jeweiligen Gerät geblieben.

Diesen Weg, der anfangs sogar beispielsweise von Apple beschritten wurde, haben nun aber alle Hersteller verlassen und sich für das Cloud-Modell entschieden. Die Geräte, die für die Cloud nötig sind, bräuchten eigentlich gar keinen Speicher, keine Festplatte mehr, nur noch Zwischenspeicher, weil sie ja nur noch Anzeigegeräte sind. Das macht die Entwicklung der Geräte für die Anbieter billiger, macht die Nutzer aber auch abhängiger von ihrer Internetverbindung.

Dass diese Version für die Anbieter wie Google, die von den Daten der Nutzer leben, attraktiv ist, leuchtet unmittelbar ein: Man hat endlich alle, ich betone, alle! Daten des Nutzers, man kann sein Nutzerverhalten und seinen Umgang mit seinen Dokumenten live analysieren. Aber warum machen das die Nutzer mit?

Vielleicht liegt es ja an der wahrhaft genialen Namensschöpfung „Cloud“. Die Cloud ist immer über uns, sie ist nie weit weg und sie gehört uns. Und dabei ist das alles falsch. Um sich das bewusst zu machen, müsste man den Satz „Ich lade mal meinen Lebenslauf aus der Cloud.“ wahrscheinlich so umformulieren: „Ich lade mal meinen Lebenslauf von einer Festplatte in Nebraska, die im Rechenzentrum eines milliardenschweren Unternehmen verbaut ist, bei dem täglich Unternehmen wie Geheimdienste anklopfen, um sich meine Daten für Werbezwecke runterzuladen oder auf Gesellschaftskonformität zu überprüfen.“ Wenn man sich also bewusst machen würde, dass die Cloud nicht über einem schwebt, sondern doch lokal auf einer Festplatte irgendwo am anderen Ende der Welt abgespeichert wird, würde den Menschen klar werden, wie absurd es ist, Daten über tausende Kilometer hinweg dorthin zu speichern.

Vielleicht ist Cloud aber auch ein doppeldeutiger Begriff oder sogar ein Metabegriff: Es sind die Wolken der Cloud, die die Sonne der Erkenntnis verschleiern - der Erkenntnis, was eine Cloud eigentlich ist.

Verriss light: Im Witzbus von Jan Böhmermann

Mit dem Alter wird man tatsächlich milder. Früher hätte ich einen übertrieben polarisierenden Schmähartikel über den gerade gehypten Jan Böhmermann geschrieben. Es wäre ein einseitiger Verriss geworden, eben weil er gerade gehypt wird. Heute erkenne ich seine Schwächen und denke mir: „Einige Sachen sind ja auch gut…“ Die Kritik muss aber dennoch, ungeachtet ihrer fehlenden Einseitigkeit, noch raus - immerhin bin ich mir da treu geblieben:

Ich war wirklich verwundert, wie ungelenk Jan Böhmermann moderiert. Vielleicht hatte er nur zwei schlechte Sendungen, vielleicht zu Hause Probleme (ah, diese schreckliche Milde!), aber es wirkt alles sehr künstlich: Die Ankündigung der Gäste, die Standup-Einstiegswitze, die Interviews mit den Gästen. Jan Böhmermann fehlen scheinbar für seine Gäste die sozialen und für die Comedy die mimischen und gestischen Fähigkeiten. Bei den Witzen kommt erstaunlicherweise die fehlende Abgeklärtheit hinzu, einen Witz einfach mal stehen zu lassen. Man merkt es Böhmermann an: Er steht oder sitzt dann feixend da und freut sich insgeheim an dem gelungenen Wortwitz. Da fehlt ihm zur nötigen Souveränität vielleicht sogar Selbstironie und -distanz.

Schlimmer als die Witzeinlagen sind aber die „Gespräche“ mit den Gästen. Sie sind eine Qual: Es wird willkürlich ein spezieller Punkt aus dem Leben des Gastes herausgegriffen und zwei ebenso willkürliche Fragen dazu gestellt. Das Problem ist: Man weiß eigentlich nicht, wofür die Gäste da sind. Jeder Gast hat ja eigentlich ein Thema an sich kleben - etwas, für das er oder sie steht. Dazu müsste man gezielt Fragen (und Nachfragen) stellen, dann könnte das ein Gespräch werden.

Stattdessen merkt man, dass Böhmermann vorbereitete Fragen - unabhängig von den Antworten der Gäste - abarbeitet. Es gibt halt vorbereitete Witzhaltestellen, die müssen angefahren werden. Es fehlt ihm scheinbar die Schlagfertigkeit. Wer den Kontrast spüren will, dem empfehle ich, sich einmal ein Gespräch von Erwin Pelzig anzuschauen: Er hat auch vorbereitete Witze, ist aber zugleich auch schlagfertig im Gespräch, er kann sich auf seine Gäste einlassen und ist immer gut vorbereitet. Vielleicht war Böhmermann ja in den beiden Sendungen ausnahmsweise schlecht vorbereitet, vielleicht ist das halbstündige Format auch zu kurz für Gespräche und Witze, aber ein so wirres und langweiliges Gespräch mit einem so geeigneten Gast wie Oliver Kalkofe zu führen, ist eine Kunst.

Ohne Zweifel: Die Ideen und Wortwitze sind in der Show da. Es sind jedoch Ideen und Wortwitze, die auch auf Studentenparties spätnachts im Suff entstehen könnten. Der einzige Unterschied: Niemand auf der Party hat das ZDF im Hintergrund, das erlaubt diese Ideen tatsächlich umzusetzen.

Eine Schlacht mit Laugenbrötchen unter dem Motto „Der Laugendetektor“ zu machen, ist genauso eine Idee. Sie wirkt auf den ersten Blick witzig, aber sie verliert eigentlich nur, wenn man sie wirklich umsetzt. Besonders auch dann, wenn man dem Gast (Ina Müller) nur schlechte Fragen stellen kann, weil man mit ihr (aus den genannten Gründen) nicht warm werden konnte, sondern sie nur auf eine Witzbusreise durch den eigenen, achso lustigen Kosmos mitgenommen hat.

Die neue deutsche Flüchtlingspolitik. Oder: Wie mein politischer Kompass kaputt ging

Die Bundesregierung verhält sich gerade bipolar. Die Kanzlerin gibt für das Image Deutschlands die gute Mutter, die alle Flüchtlinge für Selfies an ihre Brust drücken will, während der Innenminister den bad cop spielt, der das Asylrecht verschärfen will, um sogenannte „Fehlanreize“ zu verringern. Allein im aktuellen Ankunftsland Nummer 1, in Bayern, wird die Gleichzeitigkeit dieser unvereinbaren Positionen deutlich: Die Behörden holen nun Flüchtlinge an der Grenze mit Bussen ab („Mutti“ Angela), nachdem zwei Tage zuvor die Grenzen geschlossen worden waren und der Zugverkehr komplett eingestellt wurde („Bad Cop“ Lothar). Was soll das?

Lange Zeit dachte ich: „Wie passend, durch die Flüchtlinge bekommen wir doch endlich mal die Folgen der Kriegs- und Wirtschaftspolitik zu spüren, die wir jahrelang betrieben haben.“ Das hat sich aber nun durch die Dramatik der Ereignisse geändert. Um es klar zu sagen: Wenn Deutschland sich weiter abgeschottet hätte, hätte ich das mindestens genauso kritisiert. Aber Angela Merkels plötzliche Einladung an alle erscheint mir verlogen. Sie ist so wenig durch ihre vorherige Politik gedeckt: Sei es das Dublin-Abkommen, von dem Deutschland jahrelang profitiert hat, seien es die Boat People, die noch unter kräftigem Wegschauen der Kanzlerin zu Tausenden in diesem Sommer starben, oder sei es die tränen-auslösende Aussage der Kanzlerin an ein 14-jähriges palästinensisches Mädchen, dass man nicht alle aufnehmen könne. Im professionellen Politikbetrieb scheint mir ein plötzlicher Meinungswechsel, der zudem emotional begründet wird, wenig glaubhaft.

Aber ich muss mich nun damit auseinandersetzen, ob die Kanzlerin die Gute ist - wie absurd. Und ich muss in Abgrenzung zur Merkel-Position, „Es gibt keine zahlenmäßige Begrenzung des Asylrechts“, eine Position vertreten, die immer irgendwie rechts war: „Wir können doch nicht alle aufnehmen.“ Eigentlich will ich das nicht, obwohl es mir im Vergleich zur All-Aussage von Merkel plausibel erscheint. Irgendwie ist mein politischer Kompass in der Flüchtlingsfrage kaputt gegangen. Ich muss auch zugeben: Die vielen Flüchtlinge und der medial vermittelte Run auf Deutschland machen mir Angst, die Solidarität mit dem einzelnen Schicksal geht mir langsam in dieser medialen Darstellung der Flüchtlinge als schiere Masse, die an den Grenzen Europas “anbrandet”, verloren. Aber für diese Angst gibt es keinen Raum in der Öffentlichkeit.

Diese Angst resultiert insbesondere auch aus der Entwicklung in Deutschland in den letzten Jahren: In meinen Augen driftete Deutschland in den letzten Jahren immer weiter auseinander. Immer mehr prekäre Beschäftigung entstand neben dem immer größeren Reichtum Einzelner. Während es den meisten Menschen schlechter geht, wird medial der Eindruck vermittelt, es ginge allen gut. In dieser schizophrenen Lage hat sich die Angst abzusteigen bis in die Mitte der Gesellschaft gefressen. Aufgrund der allumfassenden medialen “Es-geht-uns-gut-”Rhetorik findet sich der einzig sichtbare Ausdruck dieser Angst in dem medial zelebrierten (und von der Mehrheit der Gesellschaft kritiklos übernommenen) Hass auf die letzten scheinbaren Schmarotzer wie die Hartz-4-Empfänger oder die Griechen. Die deutsche Gesellschaft sitzt auf einem sozialen Pulverfass.
Nun kommen die Flüchtlinge und könnten die Lunte sein. Es ist nur naheliegend, dass es Verteilungskonflikte geben wird und Konkurrenz um Arbeitsplätze entstehen wird. Und vielleicht das Brenzligste an der gesamten Situation ist: Aus dem öffentlichen und medialen „Wir-sind-so-gut-und-heißen-alle-Willkommen”-Konsens sind solche Ängste ausgeschlossen. Dass heißt, diese Ängste werden irgendwann eruptiv wie in Heidenau auftauchen und alle werden sich wundern, wieso sich soviel Hass wie angestaut hat. Vielleicht passiert es der Einfachheit halber wieder in Sachsen, dann lässt es sich leichter erklären.

Dabei würde ich den Fokus viel lieber auf die Ursachen der Flucht legen: Die Kriege, die wir unterstützt haben, und bei denen wir auch heute nicht helfen, sie zu beenden, weil wir durch unsere sklavische Amerikabindung in der Außenpolitik alle Player ausschließen, die in diesen Krisenherden vermitteln könnten. Stattdessen liefert Deutschland lieber Waffen in den Nahen Osten. Und in Afrika erschließt die EU europäischen Unternehmen die afrikanischen Märkte und macht die dortigen Arbeitsmärkte kaputt, so dass die Menschen ihre einzige Chance im gelobten Europa sehen. (Die Frage, die sich eigentlich auch stellt: Warum ist Europa für die Flüchtlinge das “gelobte” Land, wenn doch ebendieses Europa in ihren Heimatländern die Lebensgrundlagen der Menschen zerstört?) Aber all diese Zusammenhänge tauchen in der medialen Debatte über Flüchtlinge nicht auf.
Die mediale Debatte ist auf den Augenblick, auf die Live-Schalte fokussiert - Hintergründe oder Zusammenhänge interessieren da nicht. Weiter als bis zum Schleuser wird in den medialen Gut-Böse-Geschichten meist nicht gedacht. Dabei ist der Schleuser nur das von den Regierungen auserkorene Böse, um von der eigenen Verantwortlichkeit für die Situation abzulenken - er ist nur das offenkundige Symptom einer Politik, die keine legalen Einreisewege in die Festung Europa zulässt.

Aber dank Angela Merkels Aussagen wankt die Festung ja nun. Es ist ein bisschen so, als ob sie durch ihre Aussagen einen Bank-Run ausgelöst hat. Sicherlich, sie wollte nur sagen, dass es vielleicht besser ist, sein Geld jetzt abzuheben, aber dadurch, dass das nun alle wollen, bricht das Banksystem zusammen. Übertragen auf die Flüchtlinge: Ein Staat nach dem anderen kollabiert unter dem Andrang der Flüchtlinge und muss seine Grenzen schließen, gerade weil Deutschland in der Außenwahrnehmung so tut, als würde es alle Flüchtlinge aufnehmen (obwohl der Bad Cop intern die Abschiebung und Abschreckung eigentlich schon plant). Damit wird die Bundesregierung wohl auch gerechnet haben: Die anderen müssen sich - wie im Dublin-System - die Hände mit Grenzzäunen und Militäreinsätzen schmutzig machen, wir sind die Saubermänner, die die Flüchtlinge mit Bussen von der Grenze abholen. Das ist in meinen Augen sehr unsolidarisch und wird dem Ansehen Deutschlands in Europa weiter schaden: Erst der finanzielle Zuchtmeister der Griechen, jetzt der moralisch überlegene Flüchtlingshelfer.

Wer A sagt, der sagt auch F

Der Raum des Sagbaren wird in öffentlichen Diskussionen in letzter Zeit immer weiter eingeschränkt. Abwägende Aussagen werden sofort den extremen Seiten zugeschlagen. Das funktionierte lange Zeit nach dem Motto: „Wer A sagt, der sagt auch B!“ Nur dass sich die Kette der mitgedachten Argumente mittlerweile extrem verlängert hat. Heute heißt es eher: „Wer A sagt, der sagt auch F!“

Ein Beispiel: „Es gibt auch Wirtschaftsflüchtlinge.“ (A) Die insgeheim fortgeführte Argumentation: „Denen geht es also gar nicht so schlecht.“ (B), „Die kommen nur her, um ein besseres Leben zu haben.“ (C), „Die wollen sich hier ausruhen und auf unsere Kosten leben.“ (D), „Diese Sozialschmarotzer!“ (E), „Flüchtlinge raus!“ (F).

Die erste Aussage wird durch die stillschweigend angenommene Argumentationskette unmöglich gemacht. Wenn bereits über solchen, nicht einmal unwahrscheinlichen Aussagen ein „Du bist Nazi”-Schwert hängt, ist eine offene Diskussion über die damit verbundenen, gemeinsam zu klärenden, gesellschaftlichen Fragen nicht mehr möglich. Stattdessen können nur noch leere Platitüden sicher als Beiträge eingebracht werden: „Flüchtlinge sind willkommen!“

Über Wahrheitssucher und Meinungsverkünder. Warum Diskussionen meist zum Scheitern verurteilt sind

Jahrelang habe ich versucht, Artikel über Podiumsdiskussionen zu schreiben. Ich habe versucht, alles thematisch zu ordnen, die Argumente gegenüberzustellen und am Ende eine sinnvolle, dem Gegenstand angemessene Zusammenführung zu finden. Das war immer sehr anstrengend, denn bei den meisten Diskussionen passiert stattdessen Folgendes: Die Diskutanten hören einander nicht zu und reden aneinander vorbei. Gleichzeitig versuchen sie die Form der Diskussion aufrechtzuerhalten, indem sie so tun, als ob sie sich aufeinander beziehen, nur um dann nach zwei Sätzen völlig abzuschweifen und zu einem ganz anderen Thema zu wechseln. Je länger ihre Redezeit, desto stärker mäandern ihre Argumentationen – verloren irgendwo im weiten Spektrum von anekdotischer Evidenz und statistischen “Fakten”. Kurzum: Es war eine völlig verquere Vorstellung Podiumsdiskussionen für ein Mittel der Wahrheitsfindung zu halten bzw. zu glauben, man könne im Nachhinein eine Form der Wahrheit herausdestillieren!

Das gilt leider auch für private Diskussionen. Menschen gehen scheinbar mit sehr unterschiedlichen Voraussetzungen und Zielen in Diskussionen hinein. Ich würde zwischen drei Grundtypen von Diskutanten unterscheiden:

  1. Die Wahrheitssucher
    Ihnen geht es um die Sache: Welche Positionen gibt es zu einem Thema, welche sind plausibel, welche nicht? Die eigene Position steht meist noch nicht fest.
  2. Die Offen-Interessierten
    Ihnen geht es um die Position des anderen: Wie denkt der oder die andere zu dem Thema, was sind seine oder ihre Argumente? Die eigene Position steht zwar meist schon fest, ist aber noch veränderbar.
  3. Die Meinungsverkünder
    Ihnen geht es darum, die eigene Position mitzuteilen: Das denke ich zu dem Thema, das sind meine Argumente! Die eigene Position steht meist schon unverrückbar fest.

Je nach Thema kann aber die Zugehörigkeit zu diesen Typen auch variieren. Je abstrakter und fremder ein Thema, desto eher kann ein Diskutant zum Wahrheitssucher werden. Je mehr sich ein Mensch bereits Gedanken zu einem Thema gemacht hat, desto eher wird er zum Meinungsverkünder werden. Dennoch gibt es in meinen Augen eine grundsätzliche, in der Persönlichkeit eines Menschen angelegte Nähe zu einem dieser Typen.

Kompliziert wird es zusätzlich dadurch, dass es in jeder Diskussion eine Sach- und eine Emotionsebene gibt. Eigentlich hat jede Position in einer Diskussion ihre Berechtigung, da sie eine persönliche Entstehungsgeschichte hat und meist unbewusst mit unhinterfragten Grundannahmen über das Wesen der Welt verknüpft ist. Wenn ich eine Position zu Flüchtlingen habe, dann habe ich eben nicht nur eine Position zu Flüchtlingen, sondern dann stehen im Hintergrund auch dazu passende Vorstellungen über die eigene Empathiefähigkeit, die eigene Mobilitätsbereitschaft oder das eigene Leistungsdenken. Auf diese sehr persönliche Ebene kann man in Diskussionen auch kommen – dies wäre das positive Ergebnis einer Diskussion unter Offen-Interessierten.

Meist jedoch kommt es nicht dazu. Je sendungsbewusster und missionarischer ein Diskussionsteilnehmer seine Position vertritt, je stärker er damit die Existenzberechtigung der sachlichen Position des Anderen in Frage stellt, desto eher wird ein verbitterter Pro-Contra-Streit auf einer pseudo-sachlichen Ebene beginnen, der eigentlich nur auf einer emotionalen Ebene beendet werden kann. Doch dafür fehlt leider oft der Rückzugsraum in öffentlichen Diskussionen.

Solche Konstellationen treten aber meist nur ein, wenn die unterschiedlichen Diskussions-Typen aufeinandertreffen: Meinungsverkünder können auf die anderen beiden Typen missionarisch und übergriffig wirken. Untereinander haben Meinungsverkünder da eher keine Probleme - ihre Meinung ist ja bereits fest gefügt. Sie diskutieren nach dem Motto: Jeder wirft seine Meinung in den Ring und wer es nicht tut, ist selber schuld! Daher verstehen sie auch das eher abwägende Diskutieren und das in ihren Augen pingelige Festbeißen an einem Thema der Wahrheitssucher nicht. Umgekehrt sind für Wahrheitssucher die Meinungsverkünder eher lästig, geht es doch nicht um die Meinung dieses einen Menschen, sondern um das Verstehen der Sache an sich. Offen-Interessierte und Meinungsverkünder ergänzen sich hingegen sehr gut, solange die Meinungsverkünder nicht zu missionarisch auftreten.

Zwei weitere Typen kamen bisher noch nicht vor - da sie eher passiv am Fortgang der Diskussion teilnehmen. Sie sollen hier aber der Vollständigkeit halber zum Abschluss auch noch erwähnt werden:

  1. Die Zuhörer(innen)
    Sie tragen nichts zur Diskussion bei und hören nur zu. Leider ist das oft die Rolle von Frauen in von Männern geprägten Diskussionen. Was sie bewegt, bleibt unklar. Möglicherweise der Gedanke, warum die Anderen sich alle so selbst produzieren müssen.
  2. Die Zyniker
    Nach dem Verkünder wohl bei Männern die zweitbeliebteste Form der Diskussionsbeteiligung. Sie trauen sich nicht ihre Meinung zum Thema offen zu sagen und weichen daher auf zynische, die Argumente der Anderen störende Einwürfe aus.

Machtlosigkeit und Schizophrenie

Ich ertrage die Berichterstattung über Griechenland nicht mehr. Ein Land wird in den Ruin geschickt, die Menschen in die Verarmung getrieben. Und das alles vor unseren Augen – in Europa! Einem Raum, der sich als aufgeklärt, als modern und zivilisiert versteht. Es ist nicht einmal ein Krieg, der all dies auslöst, es ist einfach nur eine Ideologie: Austerität. Es soll ein Exempel statuiert werden, dass niemand von dieser Doktrin abweicht. Es ist die Angst der Mächtigen in Europa, dass sonst überall in Europa alternative Ideen Raum bekommen könnten. Und Deutschland ist der wesentliche Antreiber dieser europäischen Katastrophe!

Im historischen Rückblick erscheint es oft einfach zu sagen, die Menschen in einer bestimmten Zeit z.B. im Nationalsozialismus waren verblendet. Die kriegstreibende Presse wird dann analysiert und die aufeinander aufbauenden Entwicklungen werden geschildert, die dann – wir wissen es ja schon – zur Katastrophe führen. Aber was, wenn man mittendrin ist in der Verblendung? Was kann man tun?

Es ist ja nicht so, dass die Griechen – wie damals die Juden – innerhalb Deutschlands ausgegrenzt und mit Verachtung behandelt würden. Unser Leben hier geht einfach unbeeinträchtigt weiter. In 2000 Kilometer Entfernung wird gehungert, weil unsere Regierung dies beschließt, aber ich gehe hier ins Schwimmbad oder Eisessen.

Diese unglaubliche Diskrepanz – zwischen den weit entfernten Auswirkungen politischer Entscheidungen und meinem persönlichen Alltag – ist bei vielen Entscheidungen der Politik der Fall, am deutlichsten wohl bei Kriegseinsätzen wie dem Kosovo-Krieg. Aber in der aktuellen Griechenland-Politik wird dies zumindest für mich so unglaublich offensichtlich: Die Toten, das Hungern und das Leiden, das ein Krieg auslöst, kann ich mir – so schrecklich es ist – real und plastisch vorstellen. Aber das Leiden, das aufgrund einer radikal durchgedrückten Ideologie durch die Regierung meines aufgeklärten Landes entsteht, ist für mich kaum vorstellbar – gerade weil es so grundlos ist.

Ich würde ja am liebsten auf die Straße gehen und für eine andere Europapolitik demonstrieren. Aber selbst in meinem studierten Umfeld ist es den Menschen entweder egal oder sie glauben sogar an die weitverbreitete mediale Erzählung der „guten Deutschen“ und der „bösen Griechen“. Wie sollte man da eine breite Mehrheit der Menschen erreichen?

Eine Mehrheit, die durch die entsolidarisierende Politik der letzten Jahrzehnte enorme Angst vor dem sozialen Abstieg bekommen hat und sich deshalb regelmäßig in die Wut auf imaginierte schmarotzende Personengruppen hineintreiben lässt. Lange Zeit waren das die Hartz-4-Empfänger, jetzt sind es außerdem die „faulen Griechen“ und die „kriminellen Flüchtlinge“.

Eine Mehrheit, die durch die vielen gleichgerichtet berichtenden Medien konstant desinformiert wird: Von Medien, die Live-Ticker zu den Griechenland Verhandlungen schalten – als sei der Untergang eines Landes und vielleicht sogar der europäischen Idee kommentierbar wie ein Fußballspiel. Von Medien, die die absurd falschen Sprechblasen von Politikern wieder und wieder unhinterfragt wiederholen, nur weil es zur herrschenden Erzählung der Rettung Griechenlands passt. Ich kann es nicht mehr hören und nicht mehr ertragen.

Vielleicht sollte ich einfach aufhören, kritische Artikel oder Seiten zu lesen und anfangen nur noch die Regierungserklärungen bzw. überregionalen Zeitungen zu studieren. Oder mich auf den beliebten „Das-versteht-doch-eh-keiner-mehr“-Standpunkt zurückziehen. Vielleicht kann ich so meine schizophrene Existenz zwischen dem, was in den Verhandlungen mit Griechenland „wirklich“ zu passieren scheint, und dem, wie es in Deutschland politisch wie medial dargestellt wird, endlich beenden.

Coolness revisited

Man sollte Coolness nicht mit Individualität verwechseln. Coolness ist eigentlich eine Form der Anpassung: In der Pubertät und in der Adoleszenz merkt man, dass es wichtig wird, cool zu sein. Daher lernt man die Formen des Coolseins und wird – je nach Fäghigkeit – Obercooler oder Mitläufer eines Obercoolen.

Doch mit der Zeit ändern sich die gesellschaftlichen Ansprüche: Für die arbeitende Bevölkerung hat Coolness keine Bedeutung mehr – andere Werte werden plötzlich wichtiger, wie Verlässlichkeit, Planbarkeit, Genauigkeit, Sicherheit, in einem Wort: Bürgerlichkeit. Das Interessante ist nun, dass der Coole genau zu diesem Zeitpunkt eine bürgerliche Existenz annehmen wird, die er früher eigentlich mit jeder Faser abgelehnt hätte. Der Coole ist jedoch den Anforderungen der Gesellschaft direkt ausgeliefert, da er ja auch zuvor schon nur das gemacht hatte, was implizit von ihm verlagt wurde. Individualität oder Eigensinn hat er durch das Coolsein nicht entwickeln können – so kann er nun auch nicht gegen die schlichten und verlockenden Werte des bürgerlichen Lebens aufbegehren.

Solche Excoolen umweht dann eine Aura der Restcoolness. Diese restcoole Fassade verbirgt oftmals noch lange die in der warmen Stube dahinter gelebte gutbürgerliche Existenz. Gelernte Form und gelebter Inhalt stimmen nicht mehr überein.

Insofern lohnt es nicht, das Coole zu bewundern, da es nur Anpassung verbirgt. Lieber sollte man Individualität bewundern, wenn man ihr begegnet. In der Schulzeit gibt es leider neben der Coolness nur wenig Raum dafür, aber nach der Schulzeit könnte man beginnen, Individualität zu entwickeln und auszuleben. Vielleicht kann man es sogar so zusammenfassen: Gerade wer nie cool war, hat immer noch die Chance, individuell zu werden.

Das Wetter von übermorgen und die neue Wetterreligion

Seit drei Tagen berichtet meine (eigentlich) liebste Wetterseite darüber, dass die Hitzewelle durch schwere Gewitter beendet werden wird. Nur: Da war noch gar keine Hitzewelle bei uns, die beendet werden könnte. Das Wetter von morgen scheint nicht mehr zu reichen („Es kommt eine Hitzewelle!“), man muss schon das Wetter von Übermorgen berichten!

Das hat ja auch konkrete Auswirkungen auf die Menschen. Viele sind mehr im Wetter von morgen, als im Wetter von heute: „Am Montag soll der schönste Tag des Jahres werden!“ Diese Verlagerung in die Zukunft könnte man natürlich auch positiv sehen: Wenn schlechtes Wetter ist, entstehen so Hoffnungsschimmer auf Besserung; wenn gutes Wetter ist, entsteht so eine Carpe-Diem-Stimmung. Aber meist ist es eher so, dass das schöne Wetter nur in der Zukunft stattfindet. Die Gegenwart ist immer zu warm, zu kalt, zu windig, zu regnerisch.

Hinzu kommt ein neues Phänomen: Die Wettervorhersage-Gläubigen. Die technische Verfeinerung der Wetterstatistiken und die Entwicklung des Regenradars haben zur Suggestion einer wissenschaftlich-wahren, objektiven Wettervorhersage geführt. Dies hat besonders bei technik-und statistik-affinen Männern zu einem tiefen, fast religiösen Glauben an die Vorhersagbarkeit des Wetters und insbesondere des Regens geführt. Der Regen wird dabei als das Böse definiert, als jenes Wetter, das man in jedem Fall vermeiden muss. Salbungsvoll wird deshalb auf die Verkündung der stundengenau berechneten Regenwahrscheinlichkeiten geschaut. Nur um dann zu sagen: „Ich kann da leider nicht kommen, um 17 Uhr ist Regen angesagt.“

Das Problem ist nur: Es wird eine Berechenbarkeit der Zukunft suggeriert, die in der Statistik gar nicht vorhanden ist. Zugegeben: Die Statistiken werden immer ausgefeilter. Aber es handelt sich immer noch um Wahrscheinlichkeiten! Wie sich das Wetter in einer bestimmten Region entwickelt, ist letztendlich von sehr vielen metereologischen und geografischen Faktoren abhängig. Da können die Modelle noch so gut sein, die zufälligen Einflüsse der Gegenwart können sie nicht vorhersehen.

Aber das ist möglicherweise auch ein Problem der mangelhaften Erfahrung im Umgang mit Statistiken. Eine Regenwahrscheinlichkeit von 70 Prozent sagt nichts darüber aus, wie lange und stark es regnet. Sie besagt nur, dass es mit 70 prozentiger Wahrscheinlichkeit einmal regnen könnte. Die Wettervorhersage-Gläubigen gehen jedoch davon aus, dass der ganze Tag verteufelt sein wird. Und eine Höchsttemperatur besagt nicht, dass es wirklich am Tag so heiß wird. Die tatsächliche Temperatur hängt von vielen regionalen Faktoren ab. Die meisten Menschen ziehen sich jedoch so an, als ob diese Temperatur auf jeden Fall erreicht werden würde.

Die Unerschütterlichkeit des Glaubens an die Vorhersagbarkeit des Wetters ist es, was diese Bewegung zu einer Quasi-Religion macht. Wetterszenarien, die sich im Laufe von ein paar Tagen grundlegend verändern, oder regelmäßige Regen-Fehlprognosen, die eigentlich auf eine geringe Aussagekraft von Vorhersagen hindeuten, schaden diesem Glauben nicht, sondern scheinen ihn sogar noch zu verstärken. Denn eigentlich ist keine andere Prognose so oft so falsch wie die Wetterprognose. Dagegen sind die Wirtschaftsweisen wahre Hellseher.

Mein Plädoyer wäre daher, ganz anachronistisch: Sich auf das gegenwärtige Wetter einlassen, nicht das Wetter der Zukunft leben. Für die Zukunft reicht es meist aus, den Himmel zu beobachten – das Wetter ändert sich nur selten sehr schnell. Vielleicht sollte es in der Schule auch ein neues Fach geben: Wetterdeutungskunde. Oder zumindest: Statistik für Anfänger.

Vor “unserer” Zeitrechnung

Im Studentenleben lautete die einfache Rechnung, um die „Zeit für sich“ zu bestimmen, wie folgt:

Zeit für sich = Gesamtzeit - Zeit für (wechselnde) Beziehungen - Zeit für Freunde - Zeit fürs Studium (- Zeit für Lebenserhaltung/Haushalt)
(Werte in Klammern sind fakultativ einzubeziehen)

Mit dem Eintritt in eine Familie und dem Start ins Arbeitsleben beginnt eine neue Zeitrechnung. Die gesamte Rechnung ändert sich für mindestens 6 Jahre wie folgt:

Gesamtzeit - Zeit für Arbeit - Zeit für den Nachwuchs - Zeit für Lebenserhaltung/Haushalt (- Zeit für die Beziehung) (- Zeit für Freunde) (= Zeit für sich)
(Werte in Klammern sind fakultativ einzubeziehen)

Insofern bekommen die Formulierungen “Vor ‘unserer’ Zeitrechnung” und “Nach ‘unserer’ Zeitrechnung” im Familienkontext eine ganz neue Bedeutung.

Das Subway-Prinzip. Der Kunde als Koch

Die freie Wahl zu haben, überfordert mich. Das merke ich immer, wenn ich zu Subway gehe. Das Subway-Versprechen ist, dass man das perfekte, nach eigenen Wünschen zusammengestellte Sandwich bekommt. Aber zwanzig verschiedene Zutaten, fünf verschiedene Brotsorten, drei verschiedene Käse, und das alles in fünf oder sechs aufeinander aufbauenden Auswahlschritten – das ist mir einfach zu viel für ein Sandwich.

Dieses (nicht mehr sehr neue) Subway-Auswahl-Prinzip stellt in meinen Augen auch die Logik der Gastronomie auf den Kopf. Früher hat der Koch ein Gericht aus Zutaten kreiert, die er in dieser Kombination für wohlschmeckend hält, oder er hat Rezepte gekocht, die Jahrhunderte lang tradiert wurden. Der Gast hatte dann die Wahl zwischen diesen kreierten und sinnvoll kombinierten Gerichten. Entweder der Koch hatte gut gekocht oder nicht – die Verantwortung für ein schlechtes Geschmackserlebnis lag ganz eindeutig beim Koch.

Subway kehrt dieses Prinzip um: Die Verantwortung für ein schlechtes Geschmackserlebnis liegt beim Kunden – er hat eben die falsche Kombination an Zutaten gewählt! Selbst schuld, wenn er nicht weiß, dass die Kombination aus Brot 1, mit Käse 2, mit Zutat 3 und 4 überzogen mit Soße 5 nicht schmeckt! Der Kunde wird hier zum Koch. Dabei sind die meisten Kunden in Geschmacks- und Kombinationsfragen ja eigentlich ungelernt – sie kennen nur ihre eigenen, individuellen Vorlieben und nur wenigen gelingt es, aus diesen Vorlieben gute Kombinationsmöglichkeiten zu entwickeln.

Um die Bedeutung dieser Umkehrung zu verstehen, muss man sich nur vorstellen, wie dieses Prinzip in einer Cocktail-Bar wäre: Bitte wählen Sie zunächst das Glas für Ihren Drink! Soll er alkoholisch sein? Wieviele verschiedene Spirituosen soll er enthalten? Welche Spirituosen und in welcher Menge? Mit Eiweiß oder ohne? Geschüttelt oder gerührt?

Natürlich ist der geschmackliche Unterschied, den zwei Weinbrandsorten in einem Cocktail bedeuten, nicht so leicht vorstellbar, wie der Unterschied den Peperoni oder Mais auf einem Sandwich-Brot bedeuten. Das Subway-Prinzip funktioniert daher nur bei der Kombination von Zutaten, die aus dem Alltag vertraut sind – so beispielsweise auch in Frozen-Yoghurt-Läden, in denen man zwischen Früchten, Nüssen und Schokoladen wählen kann. Aber das Prinzip hält immer mehr Einzug: Immer häufiger kann ein Bestandteil des Essens oder Trinkens selbst gewählt werden – sei es das Topping bei Cupcakes oder der Flavour beim Kaffee.

Subway bildet hier nämlich nur die Speerspitze einer notwendigen, gesellschaftlichen Bewegung: Warum sollte man das wichtigste, gesellschaftliche Prinzip, die Individualität, nicht auch beim Essen ernst nehmen? Warum muss man sich noch der Macht der Köche unterwerfen und ihre vorgefertigten Portionen essen? Wie kann etwas, das jeder Depp bestellen kann, zu meinem einzigartigen Ich passen?

Das was früher nur Stammkunden in wenigen Lokalen vorbehalten war, können nun alle haben: Jeder hat in jedem Restaurant seine eigenen Gerichte! Das Handy kann hier, wie so oft, der Schlüssel zur Individualität sein. Wenn ich also mit meinem Handy demnächst die Subway-Filiale betrete, wird mein bisheriges Profil automatisch an Subway übermittelt und ich bekomme das Sandwich, das ich von meinen früheren, gespeicherten Bestellungen am besten bewertet hatte.

Das kann allerdings nur eine Übergangslösung sein: Später, wenn ich mein gesamtes Essverhalten in meinem Handy protokolliere und bewerte, wird Subway nicht mehr auf bisherige Bestellungen angewiesen sein, sondern aus meinem Essensprofil mein individuelles Sandwich erstellen. Dazu braucht es dann auch keine Angestellten mehr. Das beendet auch die wirklich tragische Existenz der Subway-Angestellten, die wie Sisyphos im Minutentakt jedem Kunden neu das überfordernde Bestellprinzip erklären müssen.

Die Blender. Oder: Warum ich den größten Bauscheinwerfer habe!

Bei Fahrradlampen hat die Unbremsbarkeit des technisch Machbaren unerbittlich zugeschlagen. Nachdem etwa 100 Jahre lang der Dynamo ebenso zuverlässiger wie langweiliger Standard war und die Glühlampe den einzigen reparaturanfälligen Bestandteil bildete, hat nun die Verbauchsstoffindustrie erbarmungslos zurückgeschlagen: Die ansteckbare, batteriebetriebene LED-Lampe breitet sich seit langem aus. Unklar ist, was der Vorteil dieser Lampen ist. Das ständige An- und Abstecken der Lampe samt wöchentlicher Vergessensgarantie? Das regelmäßige Aufladen oder Batterietauschen? Oder doch die flutlichtartige Beleuchtung der nächsten 100 Meter?

Wahrscheinlich ist es das letztere. Das ist auch der Punkt, der mich aufregt. Ich dachte immer, es ginge beim Fahrradlicht darum, dass ich die Straße vor mir sehe und die Autofahrer mich sehen – „Sehen und Gesehen Werden“. Aber wieso braucht man heute so starke Scheinwerfer, dass man Autos und Fahrräder verwechseln kann? Ist es Teil eines verkehrstechnischen Wettrüstens Fahrräder gegen Autos? Ist es das physikalische Unwissen über die Streuung von Licht, dass man andere nicht (!) direkt blenden muss, um von ihnen gesehen zu werden? Oder geht es dabei doch um männliche Selbstverwirklichung? Vielleicht ist Licht mit großer Reichweite in der Dunkelheit ein klassischer Männertraum nach dem Motto „Ich habe den hellsten“ oder „Ich strahle am weitesten“.

Ist in diesem Bereich eigentlich irgendwas verboten? Scheinbar ist in der Straßenverkehrs-Zulassungs-Ordnung kein Blendwinkel des Lichts vorgeschrieben und keine Maximalleuchtkraft angegeben. Ich könnte also mein Fahrradlicht auch in den Himmel richten oder mir einen Bauscheinwerfer ans Rad montieren. Schade nur, dass die meisten noch steckdosen-abhängig sind. Aber bestimmt gibt es bald auch portable, mit 20 Monozellen betriebene LED-Bauscheinwerfer – die praktische Kombination zum Bauen bei Dunkelheit und zum Anstecken ans Fahrrad.

Leben light. Richtiges Essen für die ewige Gesundheit

Was früher auf das hohe Alter beschränkt war, hat sich mittlerweile bis in die früheste Kindheit verlagert: Der Diskurs um die richtige Ernährung und um die eigene Gesundheit. Ein Beispiel: Neulich erzählte mir ein Freund, dass er sich seit einer Woche endlich eines seiner Lieblingsgerichte machen wollte: Spaghetti mit Tomatensoße und angebratenen Salamiwürfeln. Darauf erklärte ihm eine Freundin: „Gebratene Salamiwürfel erzeugen aber Krebs!“

Zu jedem Lebensmittel gibt es mittlerweile Wissen, ob und wie es gegessen werden sollte, womit es kombiniert werden darf und was es wann bewirkt. Essen ist zu einer Form der permanenten Selbstkontrolle und -optimierung geworden. Man fragt sich: Ist das, was ich gerade esse gesund, sollte ich nicht lieber etwas noch gesünderes essen?

Doch weshalb macht man das eigentlich? Vielleicht ist das ja nur die konsequente Reaktion auf die Zustände in der Lebensmittelindustrie: Wenn dort um Geld zu sparen und mehr Gewinn zu machen, immer mehr unnatürliche Zusatzstoffe zugesetzt werden, wenn Fleisch immer schneller und tierverachtender erzeugt wird, wenn schnellwachsendes, inhaltsleeres Obst und Gemüse gezüchtet wird, wenn immer mehr abhängig machender Zucker in die Lebensmittel kommt. Dieses latent vorhandene Wissen über Lebensmittelkonzerne befördert die Skepsis gegenüber Lebensmitteln.

Zusätzlich wird sie auch noch wissenschaftlich „unterfüttert“: Das Ernährunsverhalten ist in den letzten Jahrzehnten in den Fokus von aufstrebenden, studienhungrigen Wissenschaftszweigen geraten. Die Medizin wollte mit der Evidenzbasierten Medizin nicht mehr nur Anwendungswissenschaft nach dem unwissenschaftlichen Motto „Wer heilt, hat recht“ sein; die Psychologie wollte sich mit der durch Studien kontrollierbaren Verhaltenstherapie von ihrer bisherigen Ausrichtung auf Freud und dessen eher künstlerische und unüberprüfbare Tiefenpsychologie lösen; die Ernährungswissenschaft wurde in den 60er Jahren erst entwickelt und musste sich dementsprechend erst einmal empirisch beweisen. Studien zeigen daher, welche Lebensmittel Krebs erzeugen oder fett machen, welches Essverhalten gesund und welches gestört ist, wann ich was essen muss, damit mein Körper es abbauen kann.

Doch weshalb lassen sich Menschen eigentlich auf diese Risiko- und Wissenschaftsdiskurse über ihr Essen ein und übernehmen sie in Form einer permanenten Essens-Selbstkontrolle in ihren Alltag? Offensichtlich stehen dahinter (mittlerweile) auch wirtschaftliche Interessen einer ganzen Industrie, die versucht, die Essens-Verunsicherung der Menschen mit Bio-Produkten zu lindern. Aber welches Menschenbild steckt eigentlich dahinter? Wofür kontrolliert man eigentlich sein Essen?

Es geht um die eigene Gesundheit in der Zukunft, nicht in der Gegenwart. Wenn ich heute etwas esse, was Krebs erzeugen könnte, werde ich irgendwann an Krebs sterben. Ich will aber in der Zukunft auch gesund sein und mein Leben genießen können! Deshalb muss ich jetzt schon vorsorgen und mir Gedanken darüber machen, wie ich möglichen Krankheiten der Zukunft vorbeugen kann. Es geht um die Kontrollierbarkeit der eigentlich unkontrollierbaren Zukunft und damit letzten Endes auch um die Angst vor dem eigenen Tod. Wenn ich mich nur richtig verhalte, werde ich nicht früh sterben, sondern lange leben.

Aber was wird dabei aus der Gegenwart? Was ist das für ein abgespecktes Jetzt-Leben, ein „Leben light“, das nur auf den Lebenserhalt in der Zukunft ausgerichtet ist? Ist das gute Leben nur ein Leben in der Zukunft? Und: Wird man denn in der Zukunft sich weniger selbst kontrollieren, seine Ernährung weniger optimieren? Vielleicht ist das der größte Trugschluss an dieser Denkweise: Dass dieses ängstliche, zukunftsbezogene Verhalten im Alter geringer werden würde – es wird nur noch mehr. Mit der zunehmenden Angst vor Krankheiten steigen auch die Hoffnungen auf die prophylaktische Wirkung des richtigen Verhaltens. Man spart für etwas, was man eh nicht genießen können wird.

Für puren Hedonismus will ich damit nicht plädieren, sondern nur für ein Sich-nicht-verrückt-machen-Lassen. Es gibt sicherlich auch nachweisbare Zusammenhänge, beispielsweise zwischen dem Essen von Zucker und der Entstehung von Diabetes. Nur ist all dieses Wissen wenig individualisiert, es sind generelle Zusammenhänge. Jeder Mensch sollte ein Sensorium für seinen eigenen Körper entwickeln, sollte lernen, wie welches Essen bei ihm wirkt – und zwar im Jetzt, nicht in einer fernen unbestimmbaren Zukunft.

Was bringt es dir, immer das Richtige gegessen zu haben, wenn du dann mit 50 vom Auto überfahren wirst? Vielleicht solltest du dann sicherheitshalber auch nicht mehr rausgehen…

Aufgeblasene Säue

Ich halte mich eigentlich für einen politisch interessierten und informierten Menschen. Nachdem ich das politische Tagesgeschäft lange tagesaktuell verfolgt habe, bin ich mittlerweile aber müde geworden, jede Sau, die durchs Dorf getrieben wird, zu kennen und eine Meinung dazu zu haben. Es reicht mir, die grundsätzlichen Antreiber, die dahinterliegenden Gründe des Treibens und die häufigsten Trieb-Wege zu kennen. Da muss ich nicht mehr jede einzelne Sau kennen.

Aber dennoch werde ich immer wieder auf Einzelsäue angesprochen. Dabei merke ich, dass das Tempo des Treibens immer größer wird. Wenn man drei Tage lang keine Nachrichten gesehen hat, hat man den größten und wichtigsten Aufreger schon verpasst. Früher haben sich Themen langsamer entwickelt, es wurde länger darüber berichtet und man konnte sich langsam eine Meinung bilden. Heute fallen das Aufkommen eines Themas und die Meinungsbildung zu ebendiesem Thema fast in die Zeitspanne eines Tages.

Um im Bild zu bleiben: Es werden immer kleinere Säue medial immer größer aufgeblasen. Und dann werden sie – angetrieben von der ausweichenden Luft – durchs Dorf geschossen. Bis sie nach drei Tagen wieder ganz klein sind und die nächste Sau zum Aufblasen bereit steht.

Solange die Menschen den Säuen staunend hinterherschauen und dem Treiben mit ihren Meinungen hinterherhecheln, werden sie nicht fragen, was das Ganze soll und schon gar nicht, wer davon eigentlich profitiert. Dazu bleibt ja keine Zeit – man muss doch informiert sein…

„Und da kommt auch schon wieder die nächste Sau! So was hat’s noch nicht gegeben!“

… oder aber man steigt aus der medialen, dörflichen Erregungsgemeinschaft aus und wird entweder zum Politik- und Medienverächter oder gleich ganz apolitisch…

„Aber schau doch, was für eine Sau! Oh, was für ein Skandal!“

…was aber eigentlich traurig ist, weil doch – so pathetisch es klingen mag – die Gestaltung unserer Gesellschaft uns alle angeht.

„Sag mal, was hältst du eigentlich von dieser unglaublichen Sau?“

Die Relativität des Warmduschens und der 100km/h

Jeder Mensch ist anders – das sagt sich leicht. Im Alltag tendiert man – wohl halb aus Selbstüberschätzung, halb aus Faulheit – eher dazu, in anderen Menschen doch einfach nur Kopien von sich selbst zu sehen. Mühsam muss man sich dann – besonders bei Konflikten – die Möglichkeit der Differenz in Erinnerung rufen.

Dabei gibt es eigentlich einen glasklaren Indikator von Differenz: Die Relativität des Warmduschens! Es ist individuell so verschieden, unter welchen Temperaturen sich Menschen unter einer Dusche wohlfühlen, ja welche Hitze einige Körper aushalten. Wer dieses simple Beispiel einmal verinnerlicht und dann verallgemeinert hat, wird nie mehr in den narzisstischen Urzustand zurückfallen. Immer wenn Menschen andere Dinge sehen, immer wenn sie Dinge sagen, die man nicht versteht, immer wenn sie scheinbar Streit suchen, immer dann kann man an die Dusche denken und sich vorstellen, wie heiß oder kalt dieser Mensch wohl duschen wird.

Notfalls kann man auch, falls dieser Differenz-Indikator zu intim sein sollte, auf die „Relativität der 100 km/h“ zurückgreifen: Wer jemals auf einer Landstraße hinter einem Rentner hergefahren ist, weiß, wie unterschiedlich das Tempolimit ausgelegt werden kann! Denn genau wie die Unterschiedlichkeit des körperlichen Wärmeempfindens unter der Dusche sichtbar wird, wird dort die Differenz des Sicherheitsempfindens beim Autofahren deutlich. Der Rentner fühlt sich eben bei 80 km/h sicher.

Wenn man beide Indikatoren allerdings gegenüberstellt, werden schnell auch die Grenzen des Verständnisses für Andersartigkeit deutlich: Im Straßenverkehr wird man durch das Sicherheitsgefühl von Menschen ausgebremst, deren Wärmeempfinden unter Duschen man glücklicherweise nie kennenlernen wird.

Unter billigen Kopien

Wenn ich junge Studenten sehe, sehe ich oft nur noch jüngere Ausgaben von damaligen Bekannten – nur dass diese jetzt nicht mehr Christian, Matthias oder Alexander heißen, sondern Lukas, Malte und Max. Obwohl also der hippe und coole Alexander mit mir gealtert ist, mittlerweile Kinder hat und langsam konservativ geworden ist, sehe ich ihn nun als hippen und coolen Max wieder auf der Straße und bei Veranstaltungen.

Solche Begegnungen lösen merkwürdige Gefühle in mir aus: Ich schaue die Leute dann lange an, meist viel zu lange, weil ich ebenso fasziniert wie irritiert bin von der Ähnlichkeit – und frage mich, ob ihr Leben wohl auch so laufen wird, wie das der Leute, die ich kenne. Vielleicht erklärt das die merkwürdigen Blicke von manchen älteren Menschen. Vielleicht erklärt das auch, warum es auf den meisten Veranstaltungen kaum Altersdurchmischungen gibt. Wer will schon mit seinem gealterten Ich eine Reise in die Zeit des Studiums machen und von Kopien seiner damaligen jungen Freunde umgeben sein?

Es ist auch irritierend, dass sich Typen scheinbar immer wiederholen! Manchmal, wenn ich doch wieder in einer Veranstaltung mit den jugendlichen Kopien meiner damaligen Freunde sitze, stelle ich mir vor, wie ich plötzlich aufspringe und schreie: „Stoppt das Ganze! Ihr seid doch alles bloß billige Kopien! Ihr denkt, das ist euer Leben – aber das wurde doch alles schon vor 10 Jahren einmal genau so gelebt! Du! Ja, genau du mit dem Bart, den wuscheligen Haaren und dem traurigen Blick! Wie wär’s mal mit einer eigenen Frisur – das hatte vor 10 Jahren schon Christian W. Denk dir doch mal was Eigenes aus! Und du, …“

Ja, das werde ich machen. Und dann werden sie mich auslachen. Oder jemand noch Älteres wird aufspringen und rufen: „Wie originell! Du bist doch auch nur eine billige Kopie! Ich hatte einen Freund, der sah genauso aus wie du und hat das Gleiche schon vor 20 Jahren gerufen!“

Der Zuschauertext. Wenn jeder Gedanke ein Gedanke zu viel ist

Man kann die Qualität von Filmen daran erkennen, wie sie ihre Hauptfiguren vorstellen und einführen. Das kann ganz kunstvoll und über Umwege geschehen, oder aber über einen Weg, den ich den Zuschauertext nenne und der sich immer weiter ausbreitet. Dann sprechen die Figuren Sätze nur, um dem Zuschauer etwas klarzumachen – damit auch der dümmste versteht, worum es gerade geht. Beispielsweise wird erklärt, welche Verbindung die beiden gezeigten Personen zueinander haben oder welche Vorgeschichte sie haben. Ein fiktives Beispiel: „Hallo Schwesterherz, schön dich zu sehen. Nach dem Tod unseres Vaters haben wir uns ja drei Jahre nicht mehr gesehen. Schön, dass du da bist.“

Niemand würde so miteinander sprechen. Menschen haben in ihrer Welt geteiltes Wissen, weil sie einen geteilten Alltag oder eine geteilte Vergangenheit haben. Sie müssen zwangsläufig unverständlich für einen Fremden sprechen, wie das der Zuschauer ist. Die Kunst des Films, so er sich denn an Realität messen lassen soll, ist es, den Zuschauer in die Realität der handelnden Personen zu bringen, ohne diese aus der Realität mit solchem Text aussteigen zu lassen.

Das setzt beim Zuschauer die Fähigkeit voraus, logische Schlüsse ziehen zu können, oder besser: Situationen, die er sieht, entweder vor dem Hintergrund des bisher Gesehenen oder mit Hilfe seines Weltwissens einordnen zu können. Zuschauertext geht davon aus, dass der Zuschauer genau dies nicht kann und blind an der Hand des Regisseurs durch den Film geführt werden muss.

Warum trauen sich die Drehbuchschreiber und Regisseure nicht mehr, ihrem Publikum einen einfachen logischen Schluss zuzumuten? Wie kommt es, dass diese Entmündigung des Zuschauers zunimmt? Geht den vereinzelten Menschen die empathie-erfordernde Fähigkeit verloren, Situationen mit anderen Menschen zu sehen und sie einzuordnen?

Oder haben sich die Wahrnehmungsweisen des Mediums Film so verändert, dass die Zuschauer nur noch einfach konsumierbare Kost erwarten: Jeder selbst zu denkende Gedanke ist ein Gedanke zu viel. Sie sollen in den Bann des Films und seiner vorangetriebenen Handlung gezogen werden und nicht durch Nachdenken über die letzten Sätze oder die Figurenkonstellation abgelenkt werden. Scheinbar dürfen die Zuschauer nicht mehr im Filmkonsum irritiert werden. Oder nur noch da, wo es unmissverständlich und explizit drauf geschrieben wurde: Bei Lars-von-Trier-Filmen beispielsweise.

Neben dieser Zunahme von Zuschauertext, gibt es aber auch einen filmerischen Gegenentwurf: Die Andeutung, dass die Figuren im Film eine Welt jenseits des Films haben. Die wichtigsten Handlungsstränge und Motive sollten schon auserzählt werden, aber daneben finde ich es unglaublich spannend, wenn Filme damit spielen, dass sie nicht ihre ganze Realität abbilden. Woody Allen hatte das beispielsweise in „Vicky Christina Barcelona“ par excellence durch einen Erzähler vorführen lassen.

Die Figuren werden nicht durch einen unnatürlichen Text für den Zuschauer aus ihrer eigentlichen Realität geworfen, sondern dürfen in ihrer eigenen Realität bleiben und sogar noch Geheimnisse vor dem Zuschauer haben.

Esoterik-Mütter, Wende-Eltern und Gott. Über Selbstironie und absolute Werte

Ein Freund erklärte mir einmal, was das Schlimmste für ihn am Waldorfschul-Milieu sei. Er war dort mehr oder weniger unfreiwillig hineingeworfen worden, weil seine Frau seine Kinder dorthin geschickt hatte. Das Schlimmste seien die Esoterik-Mütter! Aber nicht weil sie so esoterisch seien, sondern weil sie in ihrem spirituell aufgeladenen Vorstellungen und Ritualen keinerlei Fähigkeit zur Selbstironie hätten.

Das fand ich eine schöne Charakterisierung. Selbstironie bedeutet eine gewisse Distanz zu sich und seinen eigenen Ansichten zu haben. Wer das nicht kann, wird versuchen andere Menschen mit anderen Wertvorstellungen entweder zum richtigen Glauben zu missionieren oder zumindest ihre Ansichten für unterentwickelt zu halten. Insofern wäre die Fähigkeit zur Selbstironie eine wichtige Voraussetzung für gegenseitiges Verständnis.

Die Fähigkeit zur Selbstironie ist aber auch eine Frage der eigenen Erfahrung: Habe ich ein relatives oder ein absolutes Wertesystem erfahren? Ein Freund meinte dazu einmal, dass gerade auch die Wende hier von entscheidender Bedeutung gewesen sein könnte.

Dazu muss ich zunächst einen kurzen Exkurs machen: In den meisten Betrachtungen der 30- bis 40-Jährigen zum Mauerfall, die ich gelesen habe, kam nur die eigene Erfahrung vor. Das Motto war stets: „Ich habe die Wende und die DDR kaum erlebt, als wurde ich davon nicht geprägt.“ Alles wird auf die eigene Erfahrung zurückbezogen. Was in meinen Augen jedoch viel stärker wiegt: Die Erfahrung, die die eigenen Eltern in dieser Situation gemacht haben – dies hat man als Kind oder Jugendlicher ja miterlebt. Und für die meisten Eltern führte die Wende zu großer Verunsicherung. Das alte Wertesystem, an das man mehr oder weniger geglaubt hatte, wurde fast über Nacht falsch und ungültig. Was waren die neuen Werte? Woran orientierte man sich?

In dieser Situation ist es wahrscheinlich, dass man als Kind ein Wertesystem als austauschbar und relativ erfährt. Es ist nichts, an dem man mit absoluter Sicherheit festhalten sollte. Wer jedoch in einem unveränderten Wertekosmos wie beispielsweise im tiefsten Schwarzwald groß geworden ist, für den ist es in meinen Augen schon wahrscheinlicher, dass er absolute Grundüberzeugungen hat und absolute Werte vertritt. Das Relative kann dann nur durch die Abgrenzung von den eigenen Eltern, beispielsweise in der jugendlichen Rebellionsphase, entstehen. Das ist allerdings eine Phase, in der man eigentlich auch eher zu absoluten Wahrheiten neigt.

Es ist aber nicht nur eine Frage der vergangenen Erfahrungen, sondern auch der gegenwärtigen Bedürfnisse: Wer sucht, will finden. Der absolute Glaube erscheint als die Oase in der Wüste der Sinnsuche – auch wenn sie nur eine Fata Morgana ist. Gerade das Wissen, das man eigentlich ein Suchender ist, ist die wichtigste Voraussetzung zur Bewahrung von Selbstdistanz.

Bertolt Brecht hat dies einmal in der Geschichte „Die Frage, ob es einen Gott gibt“ schön beschrieben: „Einer fragte Herrn K., ob es einen Gott gäbe. Herr K. sagte: ‚Ich rate dir, nachzudenken, ob dein Verhalten je nach der Antwort auf diese Frage sich ändern würde. Würde es sich nicht ändern, dann können wir die Frage fallenlassen. Würde es sich ändern, dann kann ich dir wenigstens noch so behilflich sein, daß ich dir sage, du hast dich schon entschieden: Du brauchst einen Gott.‘“

Einen Gott zu brauchen – das ist der Einstieg in den absoluten Wertekosmos. Und je mehr man sich dann in den Kosmos der absolut Gläubigen hinein begibt, desto weniger wird man das Relative noch sehen und die Fähigkeit zur Selbstironie bewahren. Man braucht Menschen außerhalb dieses absoluten Wertekosmos, mit denen man noch die gleiche Sprache spricht (das ist nicht selbstverständlich) und mit denen man über die, in verschiedenen Universen erlebten, aber dennoch ähnlichen Erfahrungen sprechen kann.

Aber das ist auch selten. Wer will sich schon, wenn er etwas gefunden hat, wieder in Frage stellen lassen. Vielleicht umgeben wir uns ja insgeheim nur mit Menschen, die unser Weltbild sowieso bestätigen. Auch deshalb gibt es, nicht nur im Umfeld von Waldorfschulen, einen eklatanten Mangel an Selbstironie.

Gleichzeitig gibt es in unserer Gesellschaft aber auch das andere Extrem: Ein Zuviel an Selbstironie, das jede Position so wirken lässt, als hätte sie keine Verbindung zur sprechenden Person und sei willkürlich austauschbar. Gerade diese Form von übersteuerter Ironie, hinter der sich meist nur Positionslosikgkeit und Unsicherheit verstecken, ist hier nicht gemeint: Selbstironie zeigt vielmehr an, dass man eine Position gewonnen hat, die man ironisieren kann, aber die dennoch bestehen bleiben wird. Erst wenn eine Position innerlich gefestigt ist, wird man sie irgendwann auch ironisieren können.

Das ist wohl die Kunst: Seine absoluten Positionen mit relativer Ironie sehen zu können. An den Punkten, an denen man das nicht kann, da rutscht man leicht ins Absolute und Dogmatische.

P.S.: Dummerweise stelle ich grade, während ich dies schreibe, fest, dass ich auch in einigen Bereichen zum Dogmatischen tendiere: Zum Beispiel bei Fragen der sozialen Gerechtigkeit. Aber warum sollte ich dort ironisch sein? Das sind doch ernsthafte Fehlentwicklungen unserer Gesellschaft!

Verdammtes Bloggeschreibsel, stimmt doch alles gar nicht!

Der Trend zur Ortspoesie. Oder wie Gedichte wieder akzeptierter werden können

Es gibt bei Gedichten gerade einen traurigen Trend zur Ortspoesie. Die Dichter beschreiben in diesen Gedichten ausführlich den Ort, an dem sie sich gerade befinden. Dabei kommen dann Gedichte über Apolda, unbekannte Orte in der Pfalz oder in Großbritannien raus. Es werden Supermärkte und Kassierer, Straßen und Fahrradfahrer, Häuser und ihre Bewohner beschrieben. Mich langweilt das. Es erinnert an den Maler, der einfach nur malt, was er grade sieht. In der Malerei wird das heute nicht mehr als Kunstwerk akzeptiert – es kann höchstens noch als handwerkliches Training dienen.

In der Poesie scheint sich aber diese Gattung auszubreiten. Sie ist für den Dichter ein schwieriges Unterfangen: Um den Ort zu beschreiben, muss er möglichst konkret sein, aber zugleich auch für den Leser, der diesen Ort womöglich nicht kennen wird, möglichst allgemein schreiben. Er darf sich nicht in literarisch leicht überformten, realen Beobachtungen verlieren, sondern muss ein Gesamtbild, ein Gefühl im Leser erwecken, das unabhängig vom Ort ist. Die Kunst wäre es in meinen Augen, im Ort das Überörtliche zu sehen: Durch den Ort einen Menschen zu beschreiben, eine Lebensphase vielleicht oder das Lebensgefühl einer Generation. Das gelingt aber viel zu selten.

Wenn es nur lyrisch überformte Alltagsbeobachtung ist, dann werden merkwürdigerweise die Rollen verkehrt: Die künstlerische Leistung vollbringt nicht mehr der Dichter, indem er auswählt und verdichtet, sondern der Leser, der in dem Unausgewählten und Episodenhaften das große Ganze heraussuchen soll: Ist diese Episode nun charakteristisch? Und wenn ja, für was? Nur für den Ort?

Einen Vorteil hat die zunehmende Ausbreitung dieser Gattung jedoch: Man könnte bei Google Maps eine neue Kategorie zum Anzeigen einführen – „Gedichte über diesen Ort“. Dann kann man sich auf Reisen immer anzeigen lassen, ob ein lokaler Ortspoet schon einmal über den jeweiligen Ort ein episodenhaft-beschreibendes Gedicht verfasst hat.

Vielleicht würde das auch die allgemeine Akzeptanz von Lyrik in der Gesellschaft wieder erhöhen: Wenn der Normalbürger an dem Ort auch den Arbeitslosen sieht, den der Dichter an genau demselben Ort auch sah, dann wird er Lyrik endlich nicht mehr als abgehoben und elitär wahrnehmen.

Abschalten durch Anschalten. Vom Fernsehabend zum Binge-Watching

Es ist erstaunlich, wie sehr Serien in den letzten Jahren zu Identifikationsstiftern, ja zu Identitätsmarkern geworden sind. So wie man sich früher nur über Musik, die man hörte, ausgetauscht hat, spricht man heute über die Serien, die man schaut: „Ich habe die neue Staffel von Game of Thrones schon komplett gesehen.“ oder „Hast du schon die neuen Folgen von Sherlock gesehen?“

Dadurch dass das Fernsehen lange Zeit nur synchron konsumierbar war, war die Aktualität der Fernsehinhalte in Gesprächen von großer Bedeutung: „Ich hab gestern die neue Folge von Akte X gesehen!“ oder „Hast du gestern den Tatort gesehen?“ Man zeigte, dass man Up-to-Date war, indem man zu einem fest bestimmten Zeitpunkt an einem fest bestimmten Ort ein fest bestimmtes Ritual ausführte: Den Fernseher anzuschalten. Das Leben vieler Jugendlicher war durch die Synchronität des Fernsehens insgeheim gleichgeschaltet. Die Möglichkeiten, die Fernsehinhalte auf Videokassetten aufzuzeichnen, waren im Vergleich zu heute nur rudimentär ausgebildet und angesichts des Aktualitäts-Wertes, den das Gestern-Gesehene hatte, auch weitgehend nutzlos.

Die Auflösung des Synchronitätszwangs des Fernsehens durch das Internet und die ständige Verfügbarkeit der Serien durch den DVD- bzw. Bluray-Verkauf haben dieses Identifikationsmuster fast vollkommen beendet und ein neues Muster erzeugt: Die Individualisierung durch die Serien, die man schaut. Das Fernsehen versucht zwar zurückzuschlagen, indem es verstärkt Events schafft, die Einmaligkeit suggerieren und damit nur durch das Live-Dabei-Sein einen Wert erhalten: Die Liveübertragung von sportlichen Großereignissen oder von Festakten wie Hochzeiten oder Gedenkfeiern. Wenn man am nächsten Tag sportlich, politisch oder promitechnisch mitreden will, so das neue Muster des Fernsehens, muss man weiterhin synchron dabei sein.

Gleichzeitig wurde aber auch eingesehen, dass die frühere Deutungshoheit über die Identifikation mit Serien und Filmen verloren gegangen ist, da diese nun auch weitgehend in Mediatheken frei verfügbar sind. Das letzte Alleinstellungs- und damit auch Aktualitätsmerkmal, das das Fernsehen in Bezug auf Serien und Filme noch hat, ist die Erstausstrahlung einer Serie in Deutsch. Damit kann das Fernsehen zumindest die Zielgruppe halten, für die das Ansehen der Originalversion kein Wert an sich ist. An dieser Stelle muss ich allerdings anmerken, dass diese Ausführungen stark auf die jüngere Generation bezogen sind. Für meine Eltern ist es immer noch eine Unterhaltung wert, sich über das Fernsehprogramm von gestern auszutauschen – alles natürlich versehen mit dem Hinweis, dass da ja sowieso nichts Gescheites komme.

Wie aber kommt es in der jüngeren Generation zu dieser Identifikation mit den gesehenen Serien? Wie kommt es zu einem Phänomen wie Binge-Watching, bei dem alle Folgen einer Serie auf einmal geschaut werden? Warum schauen so viele Leute eigentlich Serien?

Die Antworten auf diese Fragen sind in meinen Augen eng verknüpft mit der Frage, warum Menschen überhaupt Fernsehen schauen. Die einfachste Erklärung ist die folgende: Nach einem achtstündigen Arbeitstag wollen sie vor dem Fernseher nur noch entspannen – sie wollen abschalten durch anschalten. Die Bedürfnisse der Menschen, um innerlich abschalten zu können, sind allerdings sehr verschieden: Einige wollen mitfiebern, einige mitlachen und einige mitleiden. Das Fernsehen bietet für diese Formen des individuellen Abschaltens die verschiedenen Sender. Man individuiert sich beim Fernsehen durch die Auswahl eines Senders aus einem festgefügten, synchronen Programm: Es gibt nur diese eine Auswahl an diesem einen Abend.

Durch die Verfügbarkeit von Serien im Internet oder auf DVDs oder Blurays wird diese Auswahl nun enorm erweitert: Im Vergleich zu den 30 Fernsehsendern mit ihrem synchron begrenzten Angebot steht nun ein schier endloses Angebot an Filmen und Serien zur Verfügung. Man könnte einen Fassbinder-Film schauen, eine BBC-Dokumentation über den Kapitalismus oder eine Folge von „How I met your mother“. Man kann sich durch die Auswahl aus diesem riesigen Spektrum individuieren. Dennoch gibt es hier einen aktuellen Kanon, was die meisten Menschen schauen. Und das sind meist Serien.

Auf Filme muss man sich immer wieder neu einlassen, sie können unterschiedlich gut sein. Im Gegensatz dazu schaffen Serien eine eigene Welt, die garantiert, dass man innerlich abschalten kann. Sie bieten einen geborgenen Kosmos, in dem man sich auskennt, der gleichzeitig aber nicht statisch ist, sondern mit jeder neuen Episode (den Gesetzen dieses festen Kosmos‘ folgend) erweitert werden kann.

Die meisten Serien bieten natürlich eine extreme Übersteigerung des Alltags: Die Figuren erleben in ihrer fiktiven Welt wesentlich dramatischere und spannendere und lustigere Geschichten als sie in der realen Welt der meisten Menschen möglich sind. Insofern sind die Figuren Projektionsfläche für die Sehnsüchte nach einem aufregenderen Leben. Gleichzeitig vermitteln die Serienfiguren durch ihren Umgang mit ihrem dramatischeren und spannenderen und lustigeren Leben den Zuschauern aber auch eine Handlungssicherheit, die es in deren realen Leben gar nicht geben kann. Die Figuren erleben zwar Katastrophen und Unglücke und Absurditäten, aber da die Serie weitergeht, ja weitergehen muss, gibt es immer zugleich auch für die Zuschauer die Sicherheit, dass die Figuren mit allen Hindernissen irgendwie fertig werden. In diesem Sinne bieten Serien die Möglichkeit, innerlich abzuschalten und sich in einen wohlbekannten Kosmos fallen zu lassen, in dem die Figuren ihre viel spannenderen und dramatischeren und lustigeren Leben allen Widerständen zum Trotz meistern.

Während frühere Generationen also Ihre allabendliche Sicherheit, innerlich abschalten zu können, durch das Anschalten des Fernsehers gewannen und aus dieser Quelle auch ihr gesprächliches Individuierungspotential der kommenden Tage schöpften, findet die neue Generation die Möglichkeit ihrer Individuierung in der Auswahl ihrer Serien aus dem schier unbegrenzten Kosmos des Anschaubaren und gewinnt ihre Sicherheit durch den geborgenen Kosmos der ausgewählten Serie.

Wieder keine Welterklärung

Dieses elende Verstummen immer wieder. Mit jedem Tag wird die Entfernung zum letzten Blogeintrag für mich spürbarer. Ich will ja wieder was schreiben. So wie das hier zum Beispiel.

Aber mit der Distanz, wächst auch der Anspruch: Der nächste Blogeintrag muss perfekt werden, wenn er dieses Schweigen durchbrechen will. Da darf nichts Belangloses stehen – unter einer Welterklärung mache ich es nicht. Auf keinen Fall darf es ein grüblerischer Meta-Text über das Schreiben werden. Oh nein, Meta ist es ja jetzt schon!

Und da kommen auch noch die Zweifel: Wie oft hast du schon über das Schweigen philosophiert? Wie oft hast du schon in diesem Blog neu angefangen und wolltest wieder mehr schreiben? Vielleicht ist der Blog einfach nicht mehr dein Medium? Jede Zeit braucht ihren Ausdruck. Und vielleicht ist Schweigen ja auch das passende Medium in Zeiten des Alltags und des Funktionierens. Wer hat noch Zeit zur Verdichtung der letzten Gedankenfetzen?

Ja, gute Frage. So sieht es aus.

Damn it, wieder keine Welterklärung! Aber vielleicht ein Anfang.

Geniale Umdeutungen. Heute: Gefasste Spione

Es gibt Videos, die müssten eigentlich die Weltpolitik verändern, weil sie ganz offensichtlich widerlegen, was Politiker und Medien seit Tagen ununterbrochen behaupten: Ein Sprecher der OSZE erklärt im ORF, dass die in der Ukraine gefangen genommenen Militärbeobachter keine Mitarbeiter der OSZE sind. Allerdings wird diese Nachricht nicht bekannter werden, da sie die momentane Drohkulisse komplett zerstören würde und den Blick auf andere Fragen lenken würde: Was war das dann für eine Mission? Wieso ist dort ein deutscher Oberst unterwegs? Wieso geben sie sich für OSZE-Beobachter aus?
Die Geschichte lief vermutlich so ab: Die ukrainische Regierung beauftragt die Bundeswehr damit, sich verdeckt in die besetzten Gebiete einzuschleusen, um herauszufinden, wie man am besten gegen die Rebellen vorrücken kann.
(Gibt es dafür eigentlich offizielle Ausschreibungen: Suchen Geheimdienstler, die in der Ostukraine spionieren! Warum haben es dann nicht die Amis gemacht? Die wären auf jeden Fall nicht erwischt worden. Genial wäre es, wenn der CIA das Geschnapptwerden der Deutschen eingeplant hätte: Gerade die Deutschen sind in der Ukraine viel zu zögerlich und blockierend. Eine Geiselaffäre zwingt da schon zur Festlegung. Aber das klingt nach Verschwörungstheorie.)
Diese “Militärbeobachter” (vulgo: Spione) bekommen sicherheitshalber noch ein Alibi: Sie sind unter einem OSZE-”Dokument” tätig. In James-Bond-Filmen wird immer so schön gesagt: “Wenn Sie geschnappt werden, James, werden wir ihre Existenz verleugnen!” Heutzutage hieße der Satz wahrscheinlich: “Wenn Sie geschnappt werden, James, sind Sie für eine humanitäre Hilfsorganisation tätig gewesen.” Was sonst sollte der Westen auch tun, wenn die Separatisten versuchen werden, die Geiseln der Weltöffentlichkeit zu präsentieren? Dann macht man doch lieber – in einer völligen Verkehrung der Tatsachen – aus den militärischen Spionen einen “casus belli“! Eigentlich genial.

Auf einen (langen) Blick: Die Ereignisse in der Ukraine

Mich erstaunt immer wieder, wie unausgewogen die deutschen Medien über die Krise in der Ukraine berichten. Mit ein wenig Zeit und ein wenig Recherche insbesondere auf englischsprachigen Seiten lassen sich die Ereignisse doch recht gut rekonstruieren. Daher will ich hier mal einen Versuch wagen.

Kurze Vorgeschichte der Entwicklungen in der Ukraine
Die Ukraine besteht aus einem Ostteil, der sich traditionell eher an Russland orientiert, und einem Westteil, der sich an Europa orientiert. Seit der Auflösung der UDSSR streiten nun beide Teile um die Macht. Im Jahr 2004 gewannen nach der sogenannten Orangenen Revolution die EU- und westfreundlichen Kräfte die Oberhand. Nach mehreren Jahren der Uneinigkeit und auch der Korruption innerhalb der prowestlichen Kräfte, gewannen im Jahr 2010 die prorussischen Kräfte um den Präsidenten Viktor Janukowitsch die Macht.

Aktuelle Entwicklungen
Der bisherige, russlandfreundliche Präsident Janukowitsch sieht sich 2013 vor die Wahl gestellt, ob er ein Assoziierungsabkommen mit der EU oder ein Abkommen über die Etablierung einer eurasischen Freihandelszone mit Russland unterschreibt. Das ausschließliche Entweder-Oder kommt zunächst von der EU. (vgl. hier) Später erhöht auch Russland den Druck auf die Ukraine, indem es ankündigt, dass bei einem EU-Assoziierungsabkommen, die Einfuhr von ukrainischen Waren neu berechnet werden müsste. (vgl. hier) Janukowitsch will das Abkommen dennoch unterschreiben. Allein die EU knüpft an das Abkommen die Bedingung, dass Janukowitschs Konkurrentin Julia Timoschenko freigelassen werden sollte. Janukowitsch empfiehlt dem Parlament dies, das Parlament lehnt es jedoch ab. (vgl. hier)
Hinzu kommt an dieser Stelle auch die aktuelle finanzielle Situation der Ukraine: Sie steht kurz vor der Pleite und bräuchte dringend neue Kredite. Die EU würde der Ukraine zwar Geld leihen, aber bei weitem nicht genug und dieses Geld wäre zudem an die Bedingung geknüpft, „strukturelle Reformen“ durchzuführen (siehe Griechenland). Ähnlich verfährt auch der Internationale Währungsfond. Mit einer Unterzeichnung des Abkommens ließe sich somit die prekäre finanzielle Lage nicht lösen. Russland bietet jedoch Kredite in ausreichender Höhe an, ohne Bedingungen zu stellen, und bietet zusätzlich eine Reduktion des Gaspreises an. In dieser Situation entscheidet sich Janukowitsch dafür, das EU-Assoziierungsabkommen nicht zu unterzeichnen. Der ukrainische Ministerpräsident, Mykola Azarov, plädiert stattdessen für die Aufnahme von Verhandlungen sowohl mit Russland als auch mit der EU. Dies lehnt die EU jedoch auf dem Gipfel in Vilnius ab. (vgl. hier)

Darauf bildet sich eine Protestbewegung, die dann öffentlichkeitswirksam den Maidan-Platz in Kiew besetzt. Sie besteht aus unterschiedlichsten Kräften und ist vielleicht zunächst sogar mit einer Graswurzel-Bewegung vergleichbar, die sich aus politisch Unzufriedenen rekrutiert. Allerdings wird diese Maidan-Bewegung bald auch politisch duch Parteien überformt und von militanten rechten Kräften unterwandert.

Amerikanische und Europäische Beteiligung?
Diese Bewegung kommt natürlich der EU und den USA sehr gelegen, wenn sie von diesen nicht sogar bewusst initiiert wurde. Die amerikanische EU-Beauftragte Victoria Nuland hat erstaunlich offen erklärt, dass die USA in den letzten Jahren 5 Milliarden in der Ukraine für einen Regimechange investiert hätten. (vgl. hier) Eine solche Einflussnahme läuft gewöhnlich über Stiftungen, die vor Ort arbeiten und den Aktivisten Geld und Wissen zur Verfügung stellen. 2004 soll es beispielsweise mithilfe von amerikanischen Stiftungen gelungen sein, dass die Wahl Janukowitschs zum Präsidenten ungültig erklärt wurde. Es gab Neuwahlen, aus denen die USA-freundliche Julia Timoschenko als Siegerin hervorging. (vgl. hier)
Grundsätzlich kann man festhalten, dass es eigentlich naiv wäre, anzunehmen, dass die USA diese Bewegung nicht unterstützt hätten – vor dem Hintergrund ihrer jahrzehntelangen Putsch-Geschichte (z.B. Iran, Brasilien, Guatemala, Chile).

Anfang Februar sieht die Situation in Kiew so aus: Obwohl die Maidan-Bewegung bereits mehrere Monate besteht, hat sich an den politischen Machtverhältnissen nichts geändert. Es besteht die Gefahr, dass die Bewegung ihr Momentum verpasst hat. Vor dieser Entscheidung stehen irgendwann die meisten Bewegungen: Sich auf das politische Spiel einlassen und durch Kompromisse abgeschliffen werden (z. B. Grüne) oder sich zu radikalisieren und das System als Feind zu begreifen (z. B. RAF). Die Bewegung hat ein Angebot von Janukowitsch für eine größere politische Beteiligung abgelehnt. (vgl. hier) Die Maidan-Bewegung wählte also den zweiten Weg: Sie radikalisiert sich. Diese Radikalisierung betrifft natürlich nicht alle Protestierenden, sondern nur einen (eher rechts ausgerichteten) Teil. Das Kiewer Rathaus wird besetzt, brennende Barrikaden werden aufgebaut und erste Gefechte mit der Polizei verdeutlichen der Regierung die neue Situation. Es geht darum, die Regierung zur polizeilichen oder zur militärischen Gegenreaktion zu zwingen. Die Regierung hat in dieser Situation kaum eine Wahl: Verhandlungen sind nicht mehr möglich, wenn sich ein Teil der Protestbewegung radikalisiert. Schaut sie den radikalen Aktionen ihrer Gegner nur zu, werden diese sich immer weiter steigern. Die Regierung wird zum Eingreifen gezwungen, da sie auch die Aufrechterhaltung der „staatlichen Ordnung“ garantieren muss: Entweder die staatliche Ordnung wird bei einem Nicht-Eingreifen sukzessive durch die Regierungsgegner aufgelöst oder sie wird durch eine militärische Gegen-Aktion in extremer Weise wiederhergestellt – meist mit dem Rebound-Effekt, dass die Regierung dann unter Rechtfertigungsdruck gerät. Die militärische Gegenreaktion wird daher von den Gegnern oftmals bewusst eingeplant. Martin Luther King hatte beispielsweise bewusst seine Demonstrationen für die Rechte der Schwarzen gerade in der Stadt geplant, die einen der repressivsten Polizeichefs hatte. Gerade die Fotos, die bei der brutalen Niederschlagung der Demonstrationen entstanden, sorgten USA-weit für Empörung und dafür, dass John F. Kennedy einschreiten musste und letztlich (nach dem Marsch auf Washington) die Rassentrennung aufhob. (vgl. hier)
Vor dem Hintergrund der hohen öffentlichen Aufmerksamkeit für die Prozesse in der Ukraine war eine empörte Reaktion der (westlichen) Welt-Öffentlichkeit auf die Niederschlagung der radikalen Proteste einplanbar. Deshalb rief die Maidan-Bewegung zu einem Marsch auf das Parlament, das Herzstück der staatlichen Ordnung, auf. Im Parlament sollte an diesem Morgen über die Forderungen der Bewegung diskutiert werden.

EU-Sicht des Beginns der gewaltsamen Proteste
Aus EU-Sicht starteten die gewalttätigen Proteste, nachdem Russland eine weitere Zwei-Milliarden-Dollar-Tranche seines Kreditpakets in Höhe von 15 Milliarden an die Ukraine überweisen wollte. Daran sollte, laut EU und USA, die Bedingung geknüpft gewesen sein, härter gegen die Demonstranten vorzugehen und den Maidan endlich räumen zu lassen.(vgl. hier) Diese Version erscheint wenig plausibel, da – zumindest laut der chronologischen Nacherzählung des 18. Februars auf der englischen Wikipedia-Seite – zuerst der Marsch auf das Parlament begann und dann die Proteste gewaltsam zerschlagen wurden. (vgl. hier)

Jedenfalls wird die Bewegung militärisch zurückgedrängt und der Maidan-Platz gewaltsam geräumt. Es sterben mehr als 80 Menschen auf Seiten der Protestierenden. Die Regierung gerät in die Krise: Der Innenminister, der den Einsatz angeordnet hatte, muss zurücktreten. Vermittelt durch die Außenminister von Polen, Deutschland und Frankreich verhandeln Janukowitsch und die (politischen) Vertreter der Maidan-Bewegung am kommenden Tag. Ein Kompromiss wird beschlossen: Die Verfassung, die 2010 zugunsten Yanukowitschs hin zu einem präsidialen System verändert worden war, wird wieder zu einem (eher) parlamentarischen System geändert; Neuwahlen sollen zügig stattfinden; die blutige Niederschlagung der Aufstände soll untersucht werden; die besetzten Gebäude verlassen werden. (vgl. hier) Ein Rücktritt Janukowitschs ist nicht vorgesehen. Auf dem Maidan wird der Kompromiss deshalb abgelehnt und der Rücktritt der (politischen) Verhandlungsführer gefordert. (vgl. hier) An dieser Stelle geschieht etwas Unerwartetes: Die Polizei, die Janukowitschs Amtssitz bisher geschützt hatte, verlässt ihre Posten und kehrt in ihre Heimatstädte zurück. Da er nun dem Mob ausgeliefert wäre, flieht Janukowitsch und taucht unter. (vgl. hier) Dieser politische Trick, für den ich bisher noch keine schlüssige Erklärung gefunden habe, hat die Situation in der Ukraine letzten Endes komplett gekippt. Erst so gelangte die Opposition wirklich an die Macht in der Ukraine. Etwa zeitgleich wird Janukowitsch vom Parlament des Amtes enthoben und ein enger Vertrauter der gerade erst freigelassenen Julia Timoschenko, Oleksandr Turchynov, zum neuen Übergangspräsidenten gewählt. In der Folge besetzt die Opposition alle wichtigen Ämter. Zum Ministerpräsidenten wird Arseniy Yatsenyuk gewählt, der nach geleakten Telefongesprächen auch der Favorit der USA für dieses Amt war. Vitali Klitschko, ebenfalls einer der (politischen) Führer der Maidan-Bewegung, bekommt kein Amt – just so, wie es die USA gewünscht hatten. (vgl. hier)

Offen bleibt nach den beschriebenen Ereignissen die Frage, ob die neue Regierung auf legalem Wege oder durch einen Putsch an die Macht gekommen ist. (vgl. hier) Aus russischer Sicht war es ein Putsch, aus europäischer Sicht wurde die neue Regierung gewählt. Die neue ukrainische Regierung wird dementsprechend sofort von vielen europäischen Staaten und den USA als legitime Vertretung der Ukraine anerkannt. An dieser Stelle hatten es die USA und die EU geschafft: Die Ukraine war wieder an den Westen angegliedert und Moskaus „Fängen“ entrissen. Der neue Ministerpräsident kündigte auch gleich an, das Assoziierungsabkommen mit der EU zügig umzusetzen. (vgl. hier) Die angespannte finanzielle Lage der Ukraine war damit aber noch nicht gelöst. Die Zusagen der EU und der USA blieben weiterhin zu niedrig. Aber angesichts der weiteren Ereignisse stand diese Frage erst einmal nicht mehr im Vordergrund.

Blowback I: Aufnahme der Krim
In jedem komplexen System führt das Drehen an einem Rädchen zu einer Veränderung an anderer Stelle. In einem fragilen staatlichen Gebilde wie der Ukraine mussten diese Entwicklungen logischerweise auch einen solchen Blowback auslösen. Der erste Blowback kam durch Russland. Durch den plötzlichen Regierungswechsel in Kiew wurden vitale Sicherheitsinteressen Russlands getroffen, so dass Russland sich zu einer Gegenreaktion gezwungen sah. Russland und die Ukraine hatten 1997 in einem Vertrag geregelt, dass zwei getrennte Armeen entwickelt werden sollten, die Schwarzmeerflotte jedoch bis 2017 in Sewastopol stationiert werden darf. Im Jahr 2010 verlängerte der neue Präsident der Ukraine, Viktor Janukowitsch, in einer seiner ersten Amtshandlungen, diesen Vertrag bis 2042. Teil des Deals war, dass die Ukraine verbilligtes Gas von Russland beziehen kann. Diese Verlängerung war hochumstritten: In der postsowjetischen Ära wollten viele Ukrainer keine russischen Truppen mehr auf ihrem Boden. (vgl. hier)
Der Vertrag mit der Schwarzmeerflotte wäre mit hoher Wahrscheinlichkeit durch die neue Regierung in Kiew bald wieder aufgekündigt worden. Für Russland waren dieser Vertrag und auch der militärische Zugang zum Schwarzen Meer von höchstem sicherheitsstrategischem Interesse. Daher nutzte Russland die neue Lage, um das Problem der Stationierung langfristig zu lösen: Es nahm die Krim nach einem positiven Referendum der mehrheitlich russischsprachigen Bevölkerung in die Russische Föderation auf. Dieser Schritt war sehr umstritten, nicht nur aus Sicht der EU und der USA, sondern auch für Russland selbst.

Viele Staaten haben mit sezessionistischen und separatistischen Bewegungen innerhalb ihrer Landesgrenzen zu kämpfen. Hier sei nur an die ETA im Baskenland oder an die PKK in der Türkei erinnert. Aber auch Russland hat in Tschetschenien eine eigene separatistische Bewegung im eigenen Land. Könnte die Aufnahme der Krim nicht solche innerrussischen Bewegungen bestärken? Wird damit nicht die Büchse der Pandora geöffnet? Aus russischer Sicht wurde sie schön geöffnet – durch die Loslösung des Kosovos auf Serbien im Jahr 2008. Gegen den ausdrücklichen Widerstand Serbiens und seines Verbündeten Russland unterstützte die EU und die USA die einseitige Loslösung des Kosovo und erkannten die neue Republik innerhalb kürzester Zeit an. (vgl. hier) Gerade die Einseitigkeit ist das große Problem: Ein Teil eines funktionierenden Staates erklärt sich selbst als unabhängig und wird von anderen Staaten anerkannt. Das gefährdet die Idee der staatlichen territorialen Integrität. Auf dieser Seite sind die Auswirkungen und Einschätzungen der Unabhängigkeit des Kosovo sehr anschaulich zusammengefasst.
Nachdem bereits die russische Anerkennung von Südossetien im Jahr 2008 eine direkte Reaktion auf die Ablösung des Kosovo war, beziehen sich die Krimregierung und die russische Regierung nach dem Referendum ebenfalls auf den Präzedenzfall der Loslösung des Kosovo. (vgl. hier) Die Aufnahme der Krim ist für Russland in diesem Fall eine weitere, aus sicherheitsstrategischen Interessen sinnvolle Retourkutsche für die Düpierung im Falle des Kosovos.

Die EU und die USA sind zu diesem Zeitpunkt düpiert und müssen machtlos zusehen, wie Russland die Krim aufnimmt. Die USA setzen auf Sanktionen, die sich gegen die zweite Reihe der russischen Regierung richten. Sie wollen Russland international isolieren – was, wenn man nur deutsche Medien liest, als vollkommen gelungen erscheint. International gesehen, steht Russland allerdings alles andere als isoliert da: Es genießt beispielsweise die Unterstützung der BRICS-Staaten und der blockfreien Staaten. (vgl auch hier)

Bis zu diesem Zeitpunkt schien die Lage in der Ukraine noch überschaubar: Es gab einen Coup d’etat der Amerikaner unter dem Deckmantel, dass das Volk die Demokratie und die Freiheit des Westens wolle, und einen Gegen-Coup der Russen unter dem Deckmantel, dass die russische Bevölkerung auf der Krim Schutz suche vor der neuen antirussischen Regierung in Kiew. Wenn es dabei geblieben wäre, würde jetzt niemand mehr über die Ukraine reden. Da die Ukraine aber, wie oben beschrieben, ein extrem gespaltenes Land ist, war die Krimkrise nur die Ouvertüre für die Sezessionsbewegungen im Land.

Blowback II: Die Situation in der Ostukraine
Den zweiten Blowback stellen die Bürgerbewegungen im Osten der Ukraine dar. Der russisch-dominierte Osten der Ukraine sieht sich seit dem Umsturz nicht mehr durch die Regierung in Kiew repräsentiert. Und das zu Recht. Es sitzen keine Repräsentanten des Ostens in der Regierung. Auch die Entscheidungen der neuen Regierung haben der östlichen Bevölkerung keine Zuversicht gegeben: So wurde beispielsweise die Möglichkeit abgeschafft, in den Regionen eine zweite Landessprache neben dem Ukrainischen einzuführen. In ihrem Wunsch, das Land durch die ukrainische Landessprache zu einen, hat die neue Regierung damit aber die Regionen, die einen hohen Anteil an russischsprachiger Bevölkerung haben, deutlich vor den Kopf gestoßen. (vgl. hier) Außerdem führt der Wunsch, die Ukraine stärker in Richtung der EU auszurichten, zu einer Abgrenzung von Russland. Das wird besonders in den östlichen Regionen als existentielle Bedrohung empfunden, die industriell stark mit Russland kooperieren.
Aus dieser Unzufriedenheit ist eine breite Protestbewegung entstanden. In den deutschen Medien könnte diese Bewegung eigentlich ähnlich wie die Maidan-Bewegung dargestellt werden: Es handelt sich um Bürgerbewegungen, die sich nicht mehr von ihrer Regierung vertreten fühlen. Sie veranstalten Demonstrationen, die aber die Wahrnehmungsschwelle der deutschen Medien nicht überschreiten. Die Bewegung hat aber – ähnlich der Maidan-Bewegung – auch einen radikalen und militanten Teil, der Rathäuser besetzt und Barrikaden aufbaut. Diese Bilder schaffen es gerade tagtäglich in die deutschen Medien. Während bei der Protestbewegung auf dem Maidan die militanten, rechten Kräfte nahezu komplett ausgeblendet wurden, werden bei der Protestbewegung in der Ostukraine die zivilen Kräfte komplett ausgeblendet. (vgl. hier)
Doch was will diese Bewegung eigentlich? Die Maidan-Bewegung war zwar auch uneinheitlich, aber immerhin darin vereint, dass Janukowitsch abgesetzt werden sollte. Umfragen zeigen, dass die Bevölkerung entgegen der Behauptung vieler deutschen Medien, gar keine Loslösung von der Ukraine wollen: Zwei Drittel wollen in der Ukraine bleiben – nur unter anderen Bedingungen, beispielsweise, dass die Regionen mehr Autonomie bekommen. (vgl. hier) Das wird jedoch von den deutschen Medien komplett ausgeblendet. Die gesamte Bewegung wird nur als militant und durch Russland gesteuert dargestellt.

Russische Beteiligung an den Protesten?
Dass Russland an den Protesten in der Ostukraine beteiligt ist, die Proteste sogar orchestriert, wird vom Westen gebetsmühlenhaft behauptet. Diese Unterstellung des Westens hat Russland allerdings durch die plötzliche Aufnahme der Krim selbst genährt. Dass Russland mit der Krimregierung zusammengearbeitet hat bei der Erstellung des Referendums und bei der „Sicherung“ der öffentlichen Ordnung, gibt mittlerweile auch Präsident Putin zu. (vgl. hier) Ähnliches passiert nun auch in der Ostukraine: Rathäuser werden besetzt und ein Referendum wird gefordert. Da liegt die Interpretation nahe, dass dort das Gleiche passiert.
Klare Beweise für die These der russischen Orchestrierung des ukrainischen Protests habe ich bisher noch keine gefunden. Mehrere Beweise entpuppten sich in letzter Zeit als Fake. Vor dem Hintergrund der langen Geschichte der USA im Fälschen von Beweisen (z.B. Irakkrieg I, Irakkrieg II, Kosovokrieg (deutsche Fälschungen)), erscheint die aktuelle Suche nach Beweisen und deren regelmäßige Entlarvung umso fragwürdiger.
Ein Trickbetrüger hatte beispielsweise ein Video gedreht, in dem ein russischer Kommandant ukrainischen Polizisten etwas befiehlt. Das Video wurde auch von ARD und ZDF gezeigt. (vgl. hier) Ein weiterer Beweis entpuppte sich ebenfalls als falsch: Auf mehreren Fotos wurde demnach ein bärtiger Mann identifiziert, der aktuell in der Ukraine, vormals aber im Georgien-Konflikt und davor in Russland militärisch aktiv gewesen sein soll. Die ukrainische Regierung hatte die angeblichen Beweisfotos den USA übergeben, die diese wiederum der New York Times zugespielt hatten. Die New York Times veröffentlichte sie auf ihrer Frontseite. (vgl. hier) Die Fotos aus Russland stammen, wie nun herauskam, nicht aus Russland, sondern wurden aktuell in der Ostukraine aufgenommen. (vgl. hier) Der Mann wurde sogar interviewt. Der Artikel im Time-Magazin deutet ganz klar darauf hin, dass es keine russische Unterstützung der Proteste in der Ostukraine gibt. Allerdings wünschen sich die Besetzer das Eingreifen Moskaus.
Darauf ist auch ihre Besetzungs- und Provokationstaktik ausgelegt. Ganz ähnlich der Maidan-Bewegung wollen die ostukrainischen Besetzer die (jetzt neue) Regierung zu einem harten Durchgreifen zwingen und rechnen, wenn die Regierung militärisch eingreift, mit internationaler Unterstützung – diesmal allerdings von russischer Seite. Die EU griff in Kiew diplomatisch ein und half so, Janukowitsch zu stürzen. Russland soll nun militärisch zum Schutz der eigenen russischen Bevölkerung intervenieren. Bisher geht diese Kalkulation sehr gut auf. Die neue Regierung hat ein militärisches Vorgehen gegen die Besetzer beschlossen und Russland hat angekündigt, dass es notfalls seine Bürger verteidigen werde.

Dass der Konflikt politisch gelöst werden könnte, schien vor Ostern sehr unwahrscheinlich. Russland und die USA hatten in der Frage, wie die Krise sich lösen ließe, ein argumentatives Patt erreicht. Russland sagt: Die USA soll doch bitteschön mehr Einfluss auf „ihre“ Regierung in Kiew nehmen, dass sie die Rechte der (russischen) Bürger im Osten stärker berücksichtigt, so dass diese dann weniger protestieren und damit ein Zerfall der Ukraine verhindert wird. Die USA sagen: Russland solle doch bitteschön mehr Einfluss auf „seine“ separatistischen Unterstützer nehmen, dass diese sich entwaffnen lassen und sich in die Gesamt-Ukraine eingliedern. Dieses argumentative Patt wurde zum Erstaunen der deutschen Medien kurz vor Ostern in Genf überwunden. Die EU, Russland, die USA und die Ukraine einigten sich darauf, dass die Separatisten abgerüstet werden müssten, die Gebäude geräumt und eine Verfassung gemeinsam mit allen Regionen ausgehandelt werden müsse. (vgl. hier)
Unklar blieb nur, wer die Bewegungen entwaffnen soll. Nach diesem Osterschock für die deutschen Medien – Russland konnte nicht mehr als böse dargestellt werden – wurden doch mittlerweile wieder die passenden Argumentationsmuster gefunden: Russland hält sich nicht an die Genfer Vereinbarungen und übt seinen (unterstellten) Einfluss auf die Separatisten nicht aus. Russland dagegen wirft der ukrainischen Regierung (und damit den Europäern und Amerikanern) vor, durch das überharte Vorgehen gegen die Separatisten aber auch gegen normale russische Bürger, einen Krieg gegen das eigene Volk zu führen. Das klingt so, als wolle es rhetorisch vorbereiten, „aus humanitären Gründen“ in der Ostukraine einzumarschieren oder zumindest eine „Flugverbotszone“ einzurichten. Das wären allerdings gefährliche Retourkutschen auf vergangene amerikanische und europäische Kriegsvorwände.

Das große Säbelrasseln der EU und der USA
Die EU und die USA werden allerdings keine Soldaten in die Ukraine schicken, um „ihr“ Regime zu verteidigen. Die geopolitische Bedeutung der Ukraine ist hoch (siehe unten), aber gerade innenpolitisch kann Obama es den US-Bürgern nicht mehr vermitteln, wieder in einen neuen Krieg zu ziehen. Das gleiche gilt für die meisten EU-Staaten, die auch ihre Einflusszone gar nicht dort sehen. Hier spielen auch starke wirtschaftliche und energietechnische Abhängigkeiten von Russland eine Rolle.
Der Leiter des Politikressorts der ZEIT, Bernd Ulrich, brachte den Hintergrund der europäischen Position in einem langen (etwas weinerlichen und fast selbstkritischen) Leitartikel über die Frage, wieso Medien und Politik so weit weg von der Bevölkerungsmeinung argumentieren, so auf den Punkt: Gerade weil sich der Westen (moralisch) delegitimiert hat in seinen letzten Kriegen und weil die Bevölkerung kriegsmüde ist, muss der Westen nun lautstark mit den Ketten rasseln und mit glaubhaften Sanktionen drohen – ein anderes Mittel steht einfach nicht mehr zur Wahl. Und bei diesem Rasseln solle die Bevölkerung doch bitteschön mitziehen!

Die geopolitische Bedeutung der Ukraine
Um sich die geopolitische Bedeutung der Ukraine zu veranschaulichen, kann man sich zunächst dieses Bild anschauen. Man sieht deutlich, dass die Ukraine ein Transitland für russisches Gas ist. Die Ukraine hat zudem viele wertvolle Bodenschätze und die fruchtbarsten Böden der Welt, was die Ukraine 2012 zum fünftgrößten Produzenten von Weizen machte. Die wesentliche Bedeutung der Ukraine entsteht aber durch ihren Transitstatus. Russland liefert 80 Prozent seines Erdgases für Europa durch die Ukraine. Das macht die Ukraine für Russland und auch für die EU ökonomisch extrem wichtig.
Russland hat ein strategisches Interesse an guten Beziehungen zur EU. Es will eigentlich in die europäische Sicherheitsarchitektur integriert werden und möglichst gute Geschäftsbeziehungen zu den EU-Ländern unterhalten, da diese einen enormen Absatzmarkt (besonders für das russische Gas) darstellen. Russland will wieder eine Weltmacht werden und spielt dafür die Karte seiner enormen Rohstoffvorkommen aus.
Die EU hat auch ein strategisches Interesse an guten Beziehungen zu Russland, da sie von dessen Gaslieferungen abhängig ist. Die EU muss sich jedoch auf eine zunehmend multilaterale Welt mit den neuen Big Playern China und Russland einstellen. Die EU-Erweiterungsrunden sollen in einer sich auf diese Weise neu aufteilenden Welt verhindern, dass die einzelnen EU-Staaten wieder zu Zwergen werden. Es soll ein möglichst großer Binnenmarkt entstehen, der auch alle Ostblock-Staaten einschließt - was unproblematisch wäre, wenn Russland in dieser Strategie berücksichtigt werden würde.
Dass Russland in dieser Strategie kaum vorkommt, liegt im Wesentlichen an den USA. Die USA wollen verhindern, dass Russland wieder ein relevanter Akteur auf der politischen Weltbühne wird. Daher ist ihnen die energiepolitische Abhängigkeit der EU von Russland ein Dorn im Auge. Auf diese Weise lässt sich Russland nicht isolieren und schwächen, sondern kann seine Stellung aufgrund der entstehenden Abhängigkeiten noch ausbauen. Um die Abhängigkeit der EU zu lösen, haben die USA gemeinsam mit der EU ein Pipeline-Projekt geplant: Das Nabucco-Projekt. Diese Pipeline sollte ihr Gas nicht aus den auf der Feindesliste stehenden Staaten Russland oder Iran, sondern aus dem kaspischen Meer beziehen und gleichzeitig die unsicheren Staaten Ukraine und Weißrussland umgehen. Mittlerweile ist dieses Projekt gescheitert, da das Gas aus dem kaspischen Meer durch eine andere Pipeline (TAP), betrieben von einem europäischen Konsortium, geleitet werden soll. Die Europäer versuchen offensichtlich von sich aus bereits eine größere Unabhängigkeit von Russland zu erreichen. Nach der orangenen Revolution und unter dem prowestlichen Präsidenten Juschtschenko wurde von der Ukraine der sogenannte Gas-Streit angezettelt, um Europa von der Unzuverlässigkeit Russlands zu überzeugen. (vgl. hier) Die Ukraine war und ist für die USA der Hebel um Streit zwischen der EU und Russland zu säen. Um den wechselnden Machtkonstellationen in der Ukraine aus dem Weg zu gehen, hat daher auch Russland alternative Pipelines geplant bzw. gebaut: Die bereits fertige Nordstream-Pipeline, die von russischem Territorium über die Ostsee direkt nach Deutschland führt und prominent von Ex-Bundeskanzler Schröder vermarktet wurde, und die noch geplante Southstream-Pipeline, die von russischem Territorium über das schwarze Meer direkt nach Bulgarien geht.

Neben diesen Fragen der Energieabhängigkeit geht es den USA aber in der Ukraine-Frage auch um die Einkreisung der neu entstehenden Weltmächte Russland und China. Die Idee ist, dass ein Land, das wie durch einen Gürtel von westlich-orientierten Staaten eingeschnürt ist, nicht weiter wachsen kann (vergleichbar mit der Fesselung des Riesen Gullivers durch die Liliputaner in Gullivers Reisen). Dafür nutzen die USA im Falle Russlands besonders die NATO. (Bei China versuchen die USA es über Handelsabkommen mit den Nachbarländern Chinas. (vgl. hier)) Nach dem Ende des kalten Krieges hätte die NATO ebenso wie der Warschauer Pakt aufgelöst werden können. Stattdessen suchte die NATO in den neunziger Jahren krampfhaft nach einer neuen Aufgabe und fand sie zunächst in der Rolle des Weltpolizisten im Kosovokrieg.
Gleichzeitig dehnte sich die NATO aber immer weiter aus. Insbesondere die ehemaligen russischen Satellitenstaaten und die baltischen Staaten schlossen sich gerne der NATO an, da sie auf diese Weise sicher sein konnten, nicht wieder eines Tages von Russland einverleibt zu werden. Im Gegenzug boten sie der NATO die Chance, Militärbasen mit Truppenkontingenten und Raketen auf ihrem Territorium zu aufzubauen. Aus russischer Sicht stellen diese Militärbasen in direkter Nachbarschaft eine akute Bedrohung dar, wie auch der von George W. Bush geplante Raketenabwehrschirm in Polen und Tschechien.
Russland war nach dem Ende des Kalten Krieges (mündlich) zugesichert worden, dass die NATO sich nicht bis zu dessen Territorium ausdehnen würde. (vgl. hier) Dennoch gab es drei Erweiterungswellen der NATO, so dass im Jahr 2008 sogar die Ukraine und Georgien in die NATO aufgenommen werden sollten. Lediglich der von Georgien begonnene Krieg mit Russland um die Republik Südossetien führte dazu, dass den europäischen NATO-Mitgliedsländern bewusst wurde, dass bei einem Beitritt Georgiens in einem ähnlichen Falle ein möglicher Krieg mit Russland drohen könnte.(vgl. hier) Daher wurde auf den Beitritt Georgiens und der Ukraine zunächst verzichtet. In der Ukraine löste sich das Dilemma des NATO-Beitritts nach der Wahl des russlandfreundlichen Janukowitsch im Jahr 2010 auf. Er erklärte, dass es keinen Beitritt geben werde. Auch die neue Regierung in Kiew erklärte dies. Allerdings ist es wohl nur eine Frage der Zeit, bis dieses Thema - durch die USA forciert - auf dem Tisch des nächsten Präsidenten landen wird.

Wo bleibt die eigenständige Position der EU?
So sehen momentan die Fronten und die geopolitischen Hintergründe aus – soweit ich sie aus meinen Recherchen überblicke. Wirklich fraglich ist nur, warum sich die EU so sehr von den USA gegen Russland ausspielen lässt. Ist die transatlantische Freundschaft noch immer so stark? Auch nachdem Deutschland in der NSA-Affäre so deutlich vorgeführt wurde? Wieso vertritt die EU und auch Deutschland keine eigenständige Position? Es ist ganz offensichtlich nicht im Interesse Deutschland oder der EU, Russland zum Feind zu machen – dafür sind die wirtschaftlichen Beziehungen zu eng. Und mit der Behauptung, dass es um die Durchsetzung der Menschenrechte und um die Verbreitung des freiheitlichen demokratischen Gedankens ginge, kann hier wohl niemand argumentieren: Zum einen angesichts der langen Liste der Vergehen des Westens, insbesondere der USA (Abu Graib, Guantanamo, Drohnenkriege, NSA-Affäre), und zum anderen angesichts der positiven Geschäftsbeziehungen mit Ländern, in denen eben diese Menschenrechte mit Füßen getreten werden (Saudi-Arabien, China).

Ausblick
Unabhängig von den Entwicklungen im Osten der Ukraine birgt auch noch die finanzielle Lage der Ukraine enormen Sprengstoff für die Zukunft. Da Russland der Ukraine nach dem Machtwechsel keine weiteren Kredite mehr geben will, müssen die EU und die USA einspringen. Dafür musste die neue Regierung mit dem internationalen Währungsfond verhandeln. Der IWF verspricht Kredite in Höhe von 17 Milliarden Euro, allerdings nur, so ist es beim IWF üblich, im Gegenzug für struktuelle Reformen. (vgl. hier) Bereits zwei Kredite des IWF für die Ukraine wurden eingefroren, weil die Reformen nicht umgesetzt worden waren. Diese Reformen betreffen insbesondere die Energiepreise für die Bevölkerung, die in der Ukraine durch staatliche Subventionierungen absichtlich niedrig gehalten werden. Dass heißt die Energiepreise werden steigen müssen, um die Kredite des IWF zu erhalten. Das könnte in der angespannten Lage der Ukraine leicht zu sozialen Unruhen führen. Um diese zu verhindern, müssten Ausgleichsprogramme aufgelegt werden, für die allerdings auch das Geld fehlt. Es müssten also weitere Kredite beantragt werden. Hinzu kommt, dass Russland die Rabatte für die Gaslieferungen streicht, die der russlandfreundlichen Regierung gewährt worden waren. Dass heißt die Energiepreise steigen nicht nur durch den Abbau von Subventionen für die Bevölkerung, sondern auch durch den höheren Preis, der an Russland zu zahlen ist. Damit wird auch klar, wohin die Kredite des IWF und der EU fließen werden: Zur Begleichung der ukrainischen Gas-Schulden nach Russland. Das wird die Kreditbereitschaft der EU-Staaten und des IWF in der aktuellen konfrontativen Situation sicherlich nicht erhöhen. Es sind also düstere Aussichten für die Ukraine.

Modische Obsoleszenz

Ich gestehe: Ich habe eine altes Nokia-Handy! Ich kann damit weder fotografieren, noch ins Internet gehen, noch Musik hören! Mit diesem Handy werde ich zum Opfer eines Trends, der viel zu lange von den Medien ignoriert wurde: Die modische Obsoleszenz!
Wenn ich mein Handy heraushole, erfahre ich regelmäßig erstaunte, ja sogar besorgte Blicke. Es ist so, als würde mein geistiger Zustand an der Aktualität meines Handys gemessen werden. Bei manchen löst es Nostalgie-Gefühle (”So eins hatte ich auch mal!”) oder Ansätze von Technikskepsis (”Da sind ja eigentlich auch alle Funktionen drin!”) aus. Aber immer (!) ist man mit einem zwölf Jahre alten Handy ein Exot.
Lange habe ich nach einem Begriff gesucht, um dieses Phänomen zu beschreiben. Vor zwei Jahren bin ich dann auf die Obsoleszenz gestoßen. Zu meiner großen Enttäuschung wird dieser Begriff jedoch hauptsächlich mit dem Zusatz “geplant” verwendet und bedeutet dann, dass ein Unternehmen Fehler in seine Produkte einbaut, damit die Kunden neue kaufen. Viel genialer ist es jedoch, wenn man nicht einmal Fehler in seine Produkte einbauen muss, sondern die Kunden diese trotz Funktionstüchtigkeit nach zwei Jahren freiwillig (!) wegschmeißen, weil es mittlerweile ein modischeres Modell mit (scheinbar) mehr Funktionen gibt. Auf diese Weise haben die Unternehmen nicht einmal Probleme mit unzufriedenen Kunden, die sich über das Kaputtgehen der Produkte beschweren. Damit übertrumpft die modische Obsoleszenz sogar die geplante: Vielleicht beträgt die Zeit bis zur geplanten Obsoleszenz, also dem Zerfall des Produkts, sogar wirklich zwei Jahre, aber der Kunde merkt es gar nicht mehr, weil er von sich aus ein neues Produkt will. Eine großartige Marketingleistung!
Dieses Phänomen scheint mir besonders auf die Handy- und die Laptop-Branche zuzutreffen. Radikalisiert und perfektioniert hat es dort Apple. Dieses Unternehmen hat es geschafft, seine Kunden zu hörigen Sklaven der modischen Obsoleszenz zu machen. Sie spüren den Druck, jede neue Version der Apple-Produkte zu kaufen, und müssen sich sogar rechtfertigen, wenn sie eine Generation überspringen. Apple hat sie bei ihrem modischen Gewissen, ihrer Up-to-Date-Manie gepackt und verspricht mit den neuen Modellen regelmäßig bahnbrechende Neuerungen. Vermutlich gibt es eine Liste mit Dingen, die bereits heute technisch umsetzbar sind, und einen Zeitplan, wann sie in welches Produkt eingebaut werden sollen, damit ausreichend Neuigkeitswert erhalten bleibt.
Die Halbwertzeit von technischen Devices beträgt heutzutage dank Apple und anderen keine zwei Jahre mehr. Die meisten jungen Leute sind, ohne es zu wissen, Opfer dieser modischen Obsoleszenz. Sie werden in Zukunft die besten und willigsten Konsumenten sein. Passenderweise wird dieses Phänomen bei Wikipedia auch als “Psychische Obsoleszenz” bezeichnet. Ebenso passend allerdings auch, dass es dazu bisher keinen ausführlichen Beitrag gibt (im Gegensatz zur “geplanten Obsoleszenz”) und der Absatz wegen fehlender Zitate von der Streichung bedroht ist. Diesem Technik-Hype sollten sich Journalisten mal widmen. Ein sehr lohnendes Thema. Auch wenn es vielleicht unser System, das auf “selbst”-bestimmtem Konsum aufgebaut ist, in Frage stellen würde.

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