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Klingsors Letzter

Das Subway-Prinzip. Der Kunde als Koch

Die freie Wahl zu haben, überfordert mich. Das merke ich immer, wenn ich zu Subway gehe. Das Subway-Versprechen ist, dass man das perfekte, nach eigenen Wünschen zusammengestellte Sandwich bekommt. Aber zwanzig verschiedene Zutaten, fünf verschiedene Brotsorten, drei verschiedene Käse, und das alles in fünf oder sechs aufeinander aufbauenden Auswahlschritten – das ist mir einfach zu viel für ein Sandwich.

Dieses (nicht mehr sehr neue) Subway-Auswahl-Prinzip stellt in meinen Augen auch die Logik der Gastronomie auf den Kopf. Früher hat der Koch ein Gericht aus Zutaten kreiert, die er in dieser Kombination für wohlschmeckend hält, oder er hat Rezepte gekocht, die Jahrhunderte lang tradiert wurden. Der Gast hatte dann die Wahl zwischen diesen kreierten und sinnvoll kombinierten Gerichten. Entweder der Koch hatte gut gekocht oder nicht – die Verantwortung für ein schlechtes Geschmackserlebnis lag ganz eindeutig beim Koch.

Subway kehrt dieses Prinzip um: Die Verantwortung für ein schlechtes Geschmackserlebnis liegt beim Kunden – er hat eben die falsche Kombination an Zutaten gewählt! Selbst schuld, wenn er nicht weiß, dass die Kombination aus Brot 1, mit Käse 2, mit Zutat 3 und 4 überzogen mit Soße 5 nicht schmeckt! Der Kunde wird hier zum Koch. Dabei sind die meisten Kunden in Geschmacks- und Kombinationsfragen ja eigentlich ungelernt – sie kennen nur ihre eigenen, individuellen Vorlieben und nur wenigen gelingt es, aus diesen Vorlieben gute Kombinationsmöglichkeiten zu entwickeln.

Um die Bedeutung dieser Umkehrung zu verstehen, muss man sich nur vorstellen, wie dieses Prinzip in einer Cocktail-Bar wäre: Bitte wählen Sie zunächst das Glas für Ihren Drink! Soll er alkoholisch sein? Wieviele verschiedene Spirituosen soll er enthalten? Welche Spirituosen und in welcher Menge? Mit Eiweiß oder ohne? Geschüttelt oder gerührt?

Natürlich ist der geschmackliche Unterschied, den zwei Weinbrandsorten in einem Cocktail bedeuten, nicht so leicht vorstellbar, wie der Unterschied den Peperoni oder Mais auf einem Sandwich-Brot bedeuten. Das Subway-Prinzip funktioniert daher nur bei der Kombination von Zutaten, die aus dem Alltag vertraut sind – so beispielsweise auch in Frozen-Yoghurt-Läden, in denen man zwischen Früchten, Nüssen und Schokoladen wählen kann. Aber das Prinzip hält immer mehr Einzug: Immer häufiger kann ein Bestandteil des Essens oder Trinkens selbst gewählt werden – sei es das Topping bei Cupcakes oder der Flavour beim Kaffee.

Subway bildet hier nämlich nur die Speerspitze einer notwendigen, gesellschaftlichen Bewegung: Warum sollte man das wichtigste, gesellschaftliche Prinzip, die Individualität, nicht auch beim Essen ernst nehmen? Warum muss man sich noch der Macht der Köche unterwerfen und ihre vorgefertigten Portionen essen? Wie kann etwas, das jeder Depp bestellen kann, zu meinem einzigartigen Ich passen?

Das was früher nur Stammkunden in wenigen Lokalen vorbehalten war, können nun alle haben: Jeder hat in jedem Restaurant seine eigenen Gerichte! Das Handy kann hier, wie so oft, der Schlüssel zur Individualität sein. Wenn ich also mit meinem Handy demnächst die Subway-Filiale betrete, wird mein bisheriges Profil automatisch an Subway übermittelt und ich bekomme das Sandwich, das ich von meinen früheren, gespeicherten Bestellungen am besten bewertet hatte.

Das kann allerdings nur eine Übergangslösung sein: Später, wenn ich mein gesamtes Essverhalten in meinem Handy protokolliere und bewerte, wird Subway nicht mehr auf bisherige Bestellungen angewiesen sein, sondern aus meinem Essensprofil mein individuelles Sandwich erstellen. Dazu braucht es dann auch keine Angestellten mehr. Das beendet auch die wirklich tragische Existenz der Subway-Angestellten, die wie Sisyphos im Minutentakt jedem Kunden neu das überfordernde Bestellprinzip erklären müssen.

Die Blender. Oder: Warum ich den größten Bauscheinwerfer habe!

Bei Fahrradlampen hat die Unbremsbarkeit des technisch Machbaren unerbittlich zugeschlagen. Nachdem etwa 100 Jahre lang der Dynamo ebenso zuverlässiger wie langweiliger Standard war und die Glühlampe den einzigen reparaturanfälligen Bestandteil bildete, hat nun die Verbauchsstoffindustrie erbarmungslos zurückgeschlagen: Die ansteckbare, batteriebetriebene LED-Lampe breitet sich seit langem aus. Unklar ist, was der Vorteil dieser Lampen ist. Das ständige An- und Abstecken der Lampe samt wöchentlicher Vergessensgarantie? Das regelmäßige Aufladen oder Batterietauschen? Oder doch die flutlichtartige Beleuchtung der nächsten 100 Meter?

Wahrscheinlich ist es das letztere. Das ist auch der Punkt, der mich aufregt. Ich dachte immer, es ginge beim Fahrradlicht darum, dass ich die Straße vor mir sehe und die Autofahrer mich sehen – „Sehen und Gesehen Werden“. Aber wieso braucht man heute so starke Scheinwerfer, dass man Autos und Fahrräder verwechseln kann? Ist es Teil eines verkehrstechnischen Wettrüstens Fahrräder gegen Autos? Ist es das physikalische Unwissen über die Streuung von Licht, dass man andere nicht (!) direkt blenden muss, um von ihnen gesehen zu werden? Oder geht es dabei doch um männliche Selbstverwirklichung? Vielleicht ist Licht mit großer Reichweite in der Dunkelheit ein klassischer Männertraum nach dem Motto „Ich habe den hellsten“ oder „Ich strahle am weitesten“.

Ist in diesem Bereich eigentlich irgendwas verboten? Scheinbar ist in der Straßenverkehrs-Zulassungs-Ordnung kein Blendwinkel des Lichts vorgeschrieben und keine Maximalleuchtkraft angegeben. Ich könnte also mein Fahrradlicht auch in den Himmel richten oder mir einen Bauscheinwerfer ans Rad montieren. Schade nur, dass die meisten noch steckdosen-abhängig sind. Aber bestimmt gibt es bald auch portable, mit 20 Monozellen betriebene LED-Bauscheinwerfer – die praktische Kombination zum Bauen bei Dunkelheit und zum Anstecken ans Fahrrad.

Leben light. Richtiges Essen für die ewige Gesundheit

Was früher auf das hohe Alter beschränkt war, hat sich mittlerweile bis in die früheste Kindheit verlagert: Der Diskurs um die richtige Ernährung und um die eigene Gesundheit. Ein Beispiel: Neulich erzählte mir ein Freund, dass er sich seit einer Woche endlich eines seiner Lieblingsgerichte machen wollte: Spaghetti mit Tomatensoße und angebratenen Salamiwürfeln. Darauf erklärte ihm eine Freundin: „Gebratene Salamiwürfel erzeugen aber Krebs!“

Zu jedem Lebensmittel gibt es mittlerweile Wissen, ob und wie es gegessen werden sollte, womit es kombiniert werden darf und was es wann bewirkt. Essen ist zu einer Form der permanenten Selbstkontrolle und -optimierung geworden. Man fragt sich: Ist das, was ich gerade esse gesund, sollte ich nicht lieber etwas noch gesünderes essen?

Doch weshalb macht man das eigentlich? Vielleicht ist das ja nur die konsequente Reaktion auf die Zustände in der Lebensmittelindustrie: Wenn dort um Geld zu sparen und mehr Gewinn zu machen, immer mehr unnatürliche Zusatzstoffe zugesetzt werden, wenn Fleisch immer schneller und tierverachtender erzeugt wird, wenn schnellwachsendes, inhaltsleeres Obst und Gemüse gezüchtet wird, wenn immer mehr abhängig machender Zucker in die Lebensmittel kommt. Dieses latent vorhandene Wissen über Lebensmittelkonzerne befördert die Skepsis gegenüber Lebensmitteln.

Zusätzlich wird sie auch noch wissenschaftlich „unterfüttert“: Das Ernährunsverhalten ist in den letzten Jahrzehnten in den Fokus von aufstrebenden, studienhungrigen Wissenschaftszweigen geraten. Die Medizin wollte mit der Evidenzbasierten Medizin nicht mehr nur Anwendungswissenschaft nach dem unwissenschaftlichen Motto „Wer heilt, hat recht“ sein; die Psychologie wollte sich mit der durch Studien kontrollierbaren Verhaltenstherapie von ihrer bisherigen Ausrichtung auf Freud und dessen eher künstlerische und unüberprüfbare Tiefenpsychologie lösen; die Ernährungswissenschaft wurde in den 60er Jahren erst entwickelt und musste sich dementsprechend erst einmal empirisch beweisen. Studien zeigen daher, welche Lebensmittel Krebs erzeugen oder fett machen, welches Essverhalten gesund und welches gestört ist, wann ich was essen muss, damit mein Körper es abbauen kann.

Doch weshalb lassen sich Menschen eigentlich auf diese Risiko- und Wissenschaftsdiskurse über ihr Essen ein und übernehmen sie in Form einer permanenten Essens-Selbstkontrolle in ihren Alltag? Offensichtlich stehen dahinter (mittlerweile) auch wirtschaftliche Interessen einer ganzen Industrie, die versucht, die Essens-Verunsicherung der Menschen mit Bio-Produkten zu lindern. Aber welches Menschenbild steckt eigentlich dahinter? Wofür kontrolliert man eigentlich sein Essen?

Es geht um die eigene Gesundheit in der Zukunft, nicht in der Gegenwart. Wenn ich heute etwas esse, was Krebs erzeugen könnte, werde ich irgendwann an Krebs sterben. Ich will aber in der Zukunft auch gesund sein und mein Leben genießen können! Deshalb muss ich jetzt schon vorsorgen und mir Gedanken darüber machen, wie ich möglichen Krankheiten der Zukunft vorbeugen kann. Es geht um die Kontrollierbarkeit der eigentlich unkontrollierbaren Zukunft und damit letzten Endes auch um die Angst vor dem eigenen Tod. Wenn ich mich nur richtig verhalte, werde ich nicht früh sterben, sondern lange leben.

Aber was wird dabei aus der Gegenwart? Was ist das für ein abgespecktes Jetzt-Leben, ein „Leben light“, das nur auf den Lebenserhalt in der Zukunft ausgerichtet ist? Ist das gute Leben nur ein Leben in der Zukunft? Und: Wird man denn in der Zukunft sich weniger selbst kontrollieren, seine Ernährung weniger optimieren? Vielleicht ist das der größte Trugschluss an dieser Denkweise: Dass dieses ängstliche, zukunftsbezogene Verhalten im Alter geringer werden würde – es wird nur noch mehr. Mit der zunehmenden Angst vor Krankheiten steigen auch die Hoffnungen auf die prophylaktische Wirkung des richtigen Verhaltens. Man spart für etwas, was man eh nicht genießen können wird.

Für puren Hedonismus will ich damit nicht plädieren, sondern nur für ein Sich-nicht-verrückt-machen-Lassen. Es gibt sicherlich auch nachweisbare Zusammenhänge, beispielsweise zwischen dem Essen von Zucker und der Entstehung von Diabetes. Nur ist all dieses Wissen wenig individualisiert, es sind generelle Zusammenhänge. Jeder Mensch sollte ein Sensorium für seinen eigenen Körper entwickeln, sollte lernen, wie welches Essen bei ihm wirkt – und zwar im Jetzt, nicht in einer fernen unbestimmbaren Zukunft.

Was bringt es dir, immer das Richtige gegessen zu haben, wenn du dann mit 50 vom Auto überfahren wirst? Vielleicht solltest du dann sicherheitshalber auch nicht mehr rausgehen…

Aufgeblasene Säue

Ich halte mich eigentlich für einen politisch interessierten und informierten Menschen. Nachdem ich das politische Tagesgeschäft lange tagesaktuell verfolgt habe, bin ich mittlerweile aber müde geworden, jede Sau, die durchs Dorf getrieben wird, zu kennen und eine Meinung dazu zu haben. Es reicht mir, die grundsätzlichen Antreiber, die dahinterliegenden Gründe des Treibens und die häufigsten Trieb-Wege zu kennen. Da muss ich nicht mehr jede einzelne Sau kennen.

Aber dennoch werde ich immer wieder auf Einzelsäue angesprochen. Dabei merke ich, dass das Tempo des Treibens immer größer wird. Wenn man drei Tage lang keine Nachrichten gesehen hat, hat man den größten und wichtigsten Aufreger schon verpasst. Früher haben sich Themen langsamer entwickelt, es wurde länger darüber berichtet und man konnte sich langsam eine Meinung bilden. Heute fallen das Aufkommen eines Themas und die Meinungsbildung zu ebendiesem Thema fast in die Zeitspanne eines Tages.

Um im Bild zu bleiben: Es werden immer kleinere Säue medial immer größer aufgeblasen. Und dann werden sie – angetrieben von der ausweichenden Luft – durchs Dorf geschossen. Bis sie nach drei Tagen wieder ganz klein sind und die nächste Sau zum Aufblasen bereit steht.

Solange die Menschen den Säuen staunend hinterherschauen und dem Treiben mit ihren Meinungen hinterherhecheln, werden sie nicht fragen, was das Ganze soll und schon gar nicht, wer davon eigentlich profitiert. Dazu bleibt ja keine Zeit – man muss doch informiert sein…

„Und da kommt auch schon wieder die nächste Sau! So was hat’s noch nicht gegeben!“

… oder aber man steigt aus der medialen, dörflichen Erregungsgemeinschaft aus und wird entweder zum Politik- und Medienverächter oder gleich ganz apolitisch…

„Aber schau doch, was für eine Sau! Oh, was für ein Skandal!“

…was aber eigentlich traurig ist, weil doch – so pathetisch es klingen mag – die Gestaltung unserer Gesellschaft uns alle angeht.

„Sag mal, was hältst du eigentlich von dieser unglaublichen Sau?“

Die Relativität des Warmduschens und der 100km/h

Jeder Mensch ist anders – das sagt sich leicht. Im Alltag tendiert man – wohl halb aus Selbstüberschätzung, halb aus Faulheit – eher dazu, in anderen Menschen doch einfach nur Kopien von sich selbst zu sehen. Mühsam muss man sich dann – besonders bei Konflikten – die Möglichkeit der Differenz in Erinnerung rufen.

Dabei gibt es eigentlich einen glasklaren Indikator von Differenz: Die Relativität des Warmduschens! Es ist individuell so verschieden, unter welchen Temperaturen sich Menschen unter einer Dusche wohlfühlen, ja welche Hitze einige Körper aushalten. Wer dieses simple Beispiel einmal verinnerlicht und dann verallgemeinert hat, wird nie mehr in den narzisstischen Urzustand zurückfallen. Immer wenn Menschen andere Dinge sehen, immer wenn sie Dinge sagen, die man nicht versteht, immer wenn sie scheinbar Streit suchen, immer dann kann man an die Dusche denken und sich vorstellen, wie heiß oder kalt dieser Mensch wohl duschen wird.

Notfalls kann man auch, falls dieser Differenz-Indikator zu intim sein sollte, auf die „Relativität der 100 km/h“ zurückgreifen: Wer jemals auf einer Landstraße hinter einem Rentner hergefahren ist, weiß, wie unterschiedlich das Tempolimit ausgelegt werden kann! Denn genau wie die Unterschiedlichkeit des körperlichen Wärmeempfindens unter der Dusche sichtbar wird, wird dort die Differenz des Sicherheitsempfindens beim Autofahren deutlich. Der Rentner fühlt sich eben bei 80 km/h sicher.

Wenn man beide Indikatoren allerdings gegenüberstellt, werden schnell auch die Grenzen des Verständnisses für Andersartigkeit deutlich: Im Straßenverkehr wird man durch das Sicherheitsgefühl von Menschen ausgebremst, deren Wärmeempfinden unter Duschen man glücklicherweise nie kennenlernen wird.

Unter billigen Kopien

Wenn ich junge Studenten sehe, sehe ich oft nur noch jüngere Ausgaben von damaligen Bekannten – nur dass diese jetzt nicht mehr Christian, Matthias oder Alexander heißen, sondern Lukas, Malte und Max. Obwohl also der hippe und coole Alexander mit mir gealtert ist, mittlerweile Kinder hat und langsam konservativ geworden ist, sehe ich ihn nun als hippen und coolen Max wieder auf der Straße und bei Veranstaltungen.

Solche Begegnungen lösen merkwürdige Gefühle in mir aus: Ich schaue die Leute dann lange an, meist viel zu lange, weil ich ebenso fasziniert wie irritiert bin von der Ähnlichkeit – und frage mich, ob ihr Leben wohl auch so laufen wird, wie das der Leute, die ich kenne. Vielleicht erklärt das die merkwürdigen Blicke von manchen älteren Menschen. Vielleicht erklärt das auch, warum es auf den meisten Veranstaltungen kaum Altersdurchmischungen gibt. Wer will schon mit seinem gealterten Ich eine Reise in die Zeit des Studiums machen und von Kopien seiner damaligen jungen Freunde umgeben sein?

Es ist auch irritierend, dass sich Typen scheinbar immer wiederholen! Manchmal, wenn ich doch wieder in einer Veranstaltung mit den jugendlichen Kopien meiner damaligen Freunde sitze, stelle ich mir vor, wie ich plötzlich aufspringe und schreie: „Stoppt das Ganze! Ihr seid doch alles bloß billige Kopien! Ihr denkt, das ist euer Leben – aber das wurde doch alles schon vor 10 Jahren einmal genau so gelebt! Du! Ja, genau du mit dem Bart, den wuscheligen Haaren und dem traurigen Blick! Wie wär’s mal mit einer eigenen Frisur – das hatte vor 10 Jahren schon Christian W. Denk dir doch mal was Eigenes aus! Und du, …“

Ja, das werde ich machen. Und dann werden sie mich auslachen. Oder jemand noch Älteres wird aufspringen und rufen: „Wie originell! Du bist doch auch nur eine billige Kopie! Ich hatte einen Freund, der sah genauso aus wie du und hat das Gleiche schon vor 20 Jahren gerufen!“

Der Zuschauertext. Wenn jeder Gedanke ein Gedanke zu viel ist

Man kann die Qualität von Filmen daran erkennen, wie sie ihre Hauptfiguren vorstellen und einführen. Das kann ganz kunstvoll und über Umwege geschehen, oder aber über einen Weg, den ich den Zuschauertext nenne und der sich immer weiter ausbreitet. Dann sprechen die Figuren Sätze nur, um dem Zuschauer etwas klarzumachen – damit auch der dümmste versteht, worum es gerade geht. Beispielsweise wird erklärt, welche Verbindung die beiden gezeigten Personen zueinander haben oder welche Vorgeschichte sie haben. Ein fiktives Beispiel: „Hallo Schwesterherz, schön dich zu sehen. Nach dem Tod unseres Vaters haben wir uns ja drei Jahre nicht mehr gesehen. Schön, dass du da bist.“

Niemand würde so miteinander sprechen. Menschen haben in ihrer Welt geteiltes Wissen, weil sie einen geteilten Alltag oder eine geteilte Vergangenheit haben. Sie müssen zwangsläufig unverständlich für einen Fremden sprechen, wie das der Zuschauer ist. Die Kunst des Films, so er sich denn an Realität messen lassen soll, ist es, den Zuschauer in die Realität der handelnden Personen zu bringen, ohne diese aus der Realität mit solchem Text aussteigen zu lassen.

Das setzt beim Zuschauer die Fähigkeit voraus, logische Schlüsse ziehen zu können, oder besser: Situationen, die er sieht, entweder vor dem Hintergrund des bisher Gesehenen oder mit Hilfe seines Weltwissens einordnen zu können. Zuschauertext geht davon aus, dass der Zuschauer genau dies nicht kann und blind an der Hand des Regisseurs durch den Film geführt werden muss.

Warum trauen sich die Drehbuchschreiber und Regisseure nicht mehr, ihrem Publikum einen einfachen logischen Schluss zuzumuten? Wie kommt es, dass diese Entmündigung des Zuschauers zunimmt? Geht den vereinzelten Menschen die empathie-erfordernde Fähigkeit verloren, Situationen mit anderen Menschen zu sehen und sie einzuordnen?

Oder haben sich die Wahrnehmungsweisen des Mediums Film so verändert, dass die Zuschauer nur noch einfach konsumierbare Kost erwarten: Jeder selbst zu denkende Gedanke ist ein Gedanke zu viel. Sie sollen in den Bann des Films und seiner vorangetriebenen Handlung gezogen werden und nicht durch Nachdenken über die letzten Sätze oder die Figurenkonstellation abgelenkt werden. Scheinbar dürfen die Zuschauer nicht mehr im Filmkonsum irritiert werden. Oder nur noch da, wo es unmissverständlich und explizit drauf geschrieben wurde: Bei Lars-von-Trier-Filmen beispielsweise.

Neben dieser Zunahme von Zuschauertext, gibt es aber auch einen filmerischen Gegenentwurf: Die Andeutung, dass die Figuren im Film eine Welt jenseits des Films haben. Die wichtigsten Handlungsstränge und Motive sollten schon auserzählt werden, aber daneben finde ich es unglaublich spannend, wenn Filme damit spielen, dass sie nicht ihre ganze Realität abbilden. Woody Allen hatte das beispielsweise in „Vicky Christina Barcelona“ par excellence durch einen Erzähler vorführen lassen.

Die Figuren werden nicht durch einen unnatürlichen Text für den Zuschauer aus ihrer eigentlichen Realität geworfen, sondern dürfen in ihrer eigenen Realität bleiben und sogar noch Geheimnisse vor dem Zuschauer haben.

Esoterik-Mütter, Wende-Eltern und Gott. Über Selbstironie und absolute Werte

Ein Freund erklärte mir einmal, was das Schlimmste für ihn am Waldorfschul-Milieu sei. Er war dort mehr oder weniger unfreiwillig hineingeworfen worden, weil seine Frau seine Kinder dorthin geschickt hatte. Das Schlimmste seien die Esoterik-Mütter! Aber nicht weil sie so esoterisch seien, sondern weil sie in ihrem spirituell aufgeladenen Vorstellungen und Ritualen keinerlei Fähigkeit zur Selbstironie hätten.

Das fand ich eine schöne Charakterisierung. Selbstironie bedeutet eine gewisse Distanz zu sich und seinen eigenen Ansichten zu haben. Wer das nicht kann, wird versuchen andere Menschen mit anderen Wertvorstellungen entweder zum richtigen Glauben zu missionieren oder zumindest ihre Ansichten für unterentwickelt zu halten. Insofern wäre die Fähigkeit zur Selbstironie eine wichtige Voraussetzung für gegenseitiges Verständnis.

Die Fähigkeit zur Selbstironie ist aber auch eine Frage der eigenen Erfahrung: Habe ich ein relatives oder ein absolutes Wertesystem erfahren? Ein Freund meinte dazu einmal, dass gerade auch die Wende hier von entscheidender Bedeutung gewesen sein könnte.

Dazu muss ich zunächst einen kurzen Exkurs machen: In den meisten Betrachtungen der 30- bis 40-Jährigen zum Mauerfall, die ich gelesen habe, kam nur die eigene Erfahrung vor. Das Motto war stets: „Ich habe die Wende und die DDR kaum erlebt, als wurde ich davon nicht geprägt.“ Alles wird auf die eigene Erfahrung zurückbezogen. Was in meinen Augen jedoch viel stärker wiegt: Die Erfahrung, die die eigenen Eltern in dieser Situation gemacht haben – dies hat man als Kind oder Jugendlicher ja miterlebt. Und für die meisten Eltern führte die Wende zu großer Verunsicherung. Das alte Wertesystem, an das man mehr oder weniger geglaubt hatte, wurde fast über Nacht falsch und ungültig. Was waren die neuen Werte? Woran orientierte man sich?

In dieser Situation ist es wahrscheinlich, dass man als Kind ein Wertesystem als austauschbar und relativ erfährt. Es ist nichts, an dem man mit absoluter Sicherheit festhalten sollte. Wer jedoch in einem unveränderten Wertekosmos wie beispielsweise im tiefsten Schwarzwald groß geworden ist, für den ist es in meinen Augen schon wahrscheinlicher, dass er absolute Grundüberzeugungen hat und absolute Werte vertritt. Das Relative kann dann nur durch die Abgrenzung von den eigenen Eltern, beispielsweise in der jugendlichen Rebellionsphase, entstehen. Das ist allerdings eine Phase, in der man eigentlich auch eher zu absoluten Wahrheiten neigt.

Es ist aber nicht nur eine Frage der vergangenen Erfahrungen, sondern auch der gegenwärtigen Bedürfnisse: Wer sucht, will finden. Der absolute Glaube erscheint als die Oase in der Wüste der Sinnsuche – auch wenn sie nur eine Fata Morgana ist. Gerade das Wissen, das man eigentlich ein Suchender ist, ist die wichtigste Voraussetzung zur Bewahrung von Selbstdistanz.

Bertolt Brecht hat dies einmal in der Geschichte „Die Frage, ob es einen Gott gibt“ schön beschrieben: „Einer fragte Herrn K., ob es einen Gott gäbe. Herr K. sagte: ‚Ich rate dir, nachzudenken, ob dein Verhalten je nach der Antwort auf diese Frage sich ändern würde. Würde es sich nicht ändern, dann können wir die Frage fallenlassen. Würde es sich ändern, dann kann ich dir wenigstens noch so behilflich sein, daß ich dir sage, du hast dich schon entschieden: Du brauchst einen Gott.‘“

Einen Gott zu brauchen – das ist der Einstieg in den absoluten Wertekosmos. Und je mehr man sich dann in den Kosmos der absolut Gläubigen hinein begibt, desto weniger wird man das Relative noch sehen und die Fähigkeit zur Selbstironie bewahren. Man braucht Menschen außerhalb dieses absoluten Wertekosmos, mit denen man noch die gleiche Sprache spricht (das ist nicht selbstverständlich) und mit denen man über die, in verschiedenen Universen erlebten, aber dennoch ähnlichen Erfahrungen sprechen kann.

Aber das ist auch selten. Wer will sich schon, wenn er etwas gefunden hat, wieder in Frage stellen lassen. Vielleicht umgeben wir uns ja insgeheim nur mit Menschen, die unser Weltbild sowieso bestätigen. Auch deshalb gibt es, nicht nur im Umfeld von Waldorfschulen, einen eklatanten Mangel an Selbstironie.

Gleichzeitig gibt es in unserer Gesellschaft aber auch das andere Extrem: Ein Zuviel an Selbstironie, das jede Position so wirken lässt, als hätte sie keine Verbindung zur sprechenden Person und sei willkürlich austauschbar. Gerade diese Form von übersteuerter Ironie, hinter der sich meist nur Positionslosikgkeit und Unsicherheit verstecken, ist hier nicht gemeint: Selbstironie zeigt vielmehr an, dass man eine Position gewonnen hat, die man ironisieren kann, aber die dennoch bestehen bleiben wird. Erst wenn eine Position innerlich gefestigt ist, wird man sie irgendwann auch ironisieren können.

Das ist wohl die Kunst: Seine absoluten Positionen mit relativer Ironie sehen zu können. An den Punkten, an denen man das nicht kann, da rutscht man leicht ins Absolute und Dogmatische.

P.S.: Dummerweise stelle ich grade, während ich dies schreibe, fest, dass ich auch in einigen Bereichen zum Dogmatischen tendiere: Zum Beispiel bei Fragen der sozialen Gerechtigkeit. Aber warum sollte ich dort ironisch sein? Das sind doch ernsthafte Fehlentwicklungen unserer Gesellschaft!

Verdammtes Bloggeschreibsel, stimmt doch alles gar nicht!

Der Trend zur Ortspoesie. Oder wie Gedichte wieder akzeptierter werden können

Es gibt bei Gedichten gerade einen traurigen Trend zur Ortspoesie. Die Dichter beschreiben in diesen Gedichten ausführlich den Ort, an dem sie sich gerade befinden. Dabei kommen dann Gedichte über Apolda, unbekannte Orte in der Pfalz oder in Großbritannien raus. Es werden Supermärkte und Kassierer, Straßen und Fahrradfahrer, Häuser und ihre Bewohner beschrieben. Mich langweilt das. Es erinnert an den Maler, der einfach nur malt, was er grade sieht. In der Malerei wird das heute nicht mehr als Kunstwerk akzeptiert – es kann höchstens noch als handwerkliches Training dienen.

In der Poesie scheint sich aber diese Gattung auszubreiten. Sie ist für den Dichter ein schwieriges Unterfangen: Um den Ort zu beschreiben, muss er möglichst konkret sein, aber zugleich auch für den Leser, der diesen Ort womöglich nicht kennen wird, möglichst allgemein schreiben. Er darf sich nicht in literarisch leicht überformten, realen Beobachtungen verlieren, sondern muss ein Gesamtbild, ein Gefühl im Leser erwecken, das unabhängig vom Ort ist. Die Kunst wäre es in meinen Augen, im Ort das Überörtliche zu sehen: Durch den Ort einen Menschen zu beschreiben, eine Lebensphase vielleicht oder das Lebensgefühl einer Generation. Das gelingt aber viel zu selten.

Wenn es nur lyrisch überformte Alltagsbeobachtung ist, dann werden merkwürdigerweise die Rollen verkehrt: Die künstlerische Leistung vollbringt nicht mehr der Dichter, indem er auswählt und verdichtet, sondern der Leser, der in dem Unausgewählten und Episodenhaften das große Ganze heraussuchen soll: Ist diese Episode nun charakteristisch? Und wenn ja, für was? Nur für den Ort?

Einen Vorteil hat die zunehmende Ausbreitung dieser Gattung jedoch: Man könnte bei Google Maps eine neue Kategorie zum Anzeigen einführen – „Gedichte über diesen Ort“. Dann kann man sich auf Reisen immer anzeigen lassen, ob ein lokaler Ortspoet schon einmal über den jeweiligen Ort ein episodenhaft-beschreibendes Gedicht verfasst hat.

Vielleicht würde das auch die allgemeine Akzeptanz von Lyrik in der Gesellschaft wieder erhöhen: Wenn der Normalbürger an dem Ort auch den Arbeitslosen sieht, den der Dichter an genau demselben Ort auch sah, dann wird er Lyrik endlich nicht mehr als abgehoben und elitär wahrnehmen.

Abschalten durch Anschalten. Vom Fernsehabend zum Binge-Watching

Es ist erstaunlich, wie sehr Serien in den letzten Jahren zu Identifikationsstiftern, ja zu Identitätsmarkern geworden sind. So wie man sich früher nur über Musik, die man hörte, ausgetauscht hat, spricht man heute über die Serien, die man schaut: „Ich habe die neue Staffel von Game of Thrones schon komplett gesehen.“ oder „Hast du schon die neuen Folgen von Sherlock gesehen?“

Dadurch dass das Fernsehen lange Zeit nur synchron konsumierbar war, war die Aktualität der Fernsehinhalte in Gesprächen von großer Bedeutung: „Ich hab gestern die neue Folge von Akte X gesehen!“ oder „Hast du gestern den Tatort gesehen?“ Man zeigte, dass man Up-to-Date war, indem man zu einem fest bestimmten Zeitpunkt an einem fest bestimmten Ort ein fest bestimmtes Ritual ausführte: Den Fernseher anzuschalten. Das Leben vieler Jugendlicher war durch die Synchronität des Fernsehens insgeheim gleichgeschaltet. Die Möglichkeiten, die Fernsehinhalte auf Videokassetten aufzuzeichnen, waren im Vergleich zu heute nur rudimentär ausgebildet und angesichts des Aktualitäts-Wertes, den das Gestern-Gesehene hatte, auch weitgehend nutzlos.

Die Auflösung des Synchronitätszwangs des Fernsehens durch das Internet und die ständige Verfügbarkeit der Serien durch den DVD- bzw. Bluray-Verkauf haben dieses Identifikationsmuster fast vollkommen beendet und ein neues Muster erzeugt: Die Individualisierung durch die Serien, die man schaut. Das Fernsehen versucht zwar zurückzuschlagen, indem es verstärkt Events schafft, die Einmaligkeit suggerieren und damit nur durch das Live-Dabei-Sein einen Wert erhalten: Die Liveübertragung von sportlichen Großereignissen oder von Festakten wie Hochzeiten oder Gedenkfeiern. Wenn man am nächsten Tag sportlich, politisch oder promitechnisch mitreden will, so das neue Muster des Fernsehens, muss man weiterhin synchron dabei sein.

Gleichzeitig wurde aber auch eingesehen, dass die frühere Deutungshoheit über die Identifikation mit Serien und Filmen verloren gegangen ist, da diese nun auch weitgehend in Mediatheken frei verfügbar sind. Das letzte Alleinstellungs- und damit auch Aktualitätsmerkmal, das das Fernsehen in Bezug auf Serien und Filme noch hat, ist die Erstausstrahlung einer Serie in Deutsch. Damit kann das Fernsehen zumindest die Zielgruppe halten, für die das Ansehen der Originalversion kein Wert an sich ist. An dieser Stelle muss ich allerdings anmerken, dass diese Ausführungen stark auf die jüngere Generation bezogen sind. Für meine Eltern ist es immer noch eine Unterhaltung wert, sich über das Fernsehprogramm von gestern auszutauschen – alles natürlich versehen mit dem Hinweis, dass da ja sowieso nichts Gescheites komme.

Wie aber kommt es in der jüngeren Generation zu dieser Identifikation mit den gesehenen Serien? Wie kommt es zu einem Phänomen wie Binge-Watching, bei dem alle Folgen einer Serie auf einmal geschaut werden? Warum schauen so viele Leute eigentlich Serien?

Die Antworten auf diese Fragen sind in meinen Augen eng verknüpft mit der Frage, warum Menschen überhaupt Fernsehen schauen. Die einfachste Erklärung ist die folgende: Nach einem achtstündigen Arbeitstag wollen sie vor dem Fernseher nur noch entspannen – sie wollen abschalten durch anschalten. Die Bedürfnisse der Menschen, um innerlich abschalten zu können, sind allerdings sehr verschieden: Einige wollen mitfiebern, einige mitlachen und einige mitleiden. Das Fernsehen bietet für diese Formen des individuellen Abschaltens die verschiedenen Sender. Man individuiert sich beim Fernsehen durch die Auswahl eines Senders aus einem festgefügten, synchronen Programm: Es gibt nur diese eine Auswahl an diesem einen Abend.

Durch die Verfügbarkeit von Serien im Internet oder auf DVDs oder Blurays wird diese Auswahl nun enorm erweitert: Im Vergleich zu den 30 Fernsehsendern mit ihrem synchron begrenzten Angebot steht nun ein schier endloses Angebot an Filmen und Serien zur Verfügung. Man könnte einen Fassbinder-Film schauen, eine BBC-Dokumentation über den Kapitalismus oder eine Folge von „How I met your mother“. Man kann sich durch die Auswahl aus diesem riesigen Spektrum individuieren. Dennoch gibt es hier einen aktuellen Kanon, was die meisten Menschen schauen. Und das sind meist Serien.

Auf Filme muss man sich immer wieder neu einlassen, sie können unterschiedlich gut sein. Im Gegensatz dazu schaffen Serien eine eigene Welt, die garantiert, dass man innerlich abschalten kann. Sie bieten einen geborgenen Kosmos, in dem man sich auskennt, der gleichzeitig aber nicht statisch ist, sondern mit jeder neuen Episode (den Gesetzen dieses festen Kosmos‘ folgend) erweitert werden kann.

Die meisten Serien bieten natürlich eine extreme Übersteigerung des Alltags: Die Figuren erleben in ihrer fiktiven Welt wesentlich dramatischere und spannendere und lustigere Geschichten als sie in der realen Welt der meisten Menschen möglich sind. Insofern sind die Figuren Projektionsfläche für die Sehnsüchte nach einem aufregenderen Leben. Gleichzeitig vermitteln die Serienfiguren durch ihren Umgang mit ihrem dramatischeren und spannenderen und lustigeren Leben den Zuschauern aber auch eine Handlungssicherheit, die es in deren realen Leben gar nicht geben kann. Die Figuren erleben zwar Katastrophen und Unglücke und Absurditäten, aber da die Serie weitergeht, ja weitergehen muss, gibt es immer zugleich auch für die Zuschauer die Sicherheit, dass die Figuren mit allen Hindernissen irgendwie fertig werden. In diesem Sinne bieten Serien die Möglichkeit, innerlich abzuschalten und sich in einen wohlbekannten Kosmos fallen zu lassen, in dem die Figuren ihre viel spannenderen und dramatischeren und lustigeren Leben allen Widerständen zum Trotz meistern.

Während frühere Generationen also Ihre allabendliche Sicherheit, innerlich abschalten zu können, durch das Anschalten des Fernsehers gewannen und aus dieser Quelle auch ihr gesprächliches Individuierungspotential der kommenden Tage schöpften, findet die neue Generation die Möglichkeit ihrer Individuierung in der Auswahl ihrer Serien aus dem schier unbegrenzten Kosmos des Anschaubaren und gewinnt ihre Sicherheit durch den geborgenen Kosmos der ausgewählten Serie.

Wieder keine Welterklärung

Dieses elende Verstummen immer wieder. Mit jedem Tag wird die Entfernung zum letzten Blogeintrag für mich spürbarer. Ich will ja wieder was schreiben. So wie das hier zum Beispiel.

Aber mit der Distanz, wächst auch der Anspruch: Der nächste Blogeintrag muss perfekt werden, wenn er dieses Schweigen durchbrechen will. Da darf nichts Belangloses stehen – unter einer Welterklärung mache ich es nicht. Auf keinen Fall darf es ein grüblerischer Meta-Text über das Schreiben werden. Oh nein, Meta ist es ja jetzt schon!

Und da kommen auch noch die Zweifel: Wie oft hast du schon über das Schweigen philosophiert? Wie oft hast du schon in diesem Blog neu angefangen und wolltest wieder mehr schreiben? Vielleicht ist der Blog einfach nicht mehr dein Medium? Jede Zeit braucht ihren Ausdruck. Und vielleicht ist Schweigen ja auch das passende Medium in Zeiten des Alltags und des Funktionierens. Wer hat noch Zeit zur Verdichtung der letzten Gedankenfetzen?

Ja, gute Frage. So sieht es aus.

Damn it, wieder keine Welterklärung! Aber vielleicht ein Anfang.

Geniale Umdeutungen. Heute: Gefasste Spione

Es gibt Videos, die müssten eigentlich die Weltpolitik verändern, weil sie ganz offensichtlich widerlegen, was Politiker und Medien seit Tagen ununterbrochen behaupten: Ein Sprecher der OSZE erklärt im ORF, dass die in der Ukraine gefangen genommenen Militärbeobachter keine Mitarbeiter der OSZE sind. Allerdings wird diese Nachricht nicht bekannter werden, da sie die momentane Drohkulisse komplett zerstören würde und den Blick auf andere Fragen lenken würde: Was war das dann für eine Mission? Wieso ist dort ein deutscher Oberst unterwegs? Wieso geben sie sich für OSZE-Beobachter aus?
Die Geschichte lief vermutlich so ab: Die ukrainische Regierung beauftragt die Bundeswehr damit, sich verdeckt in die besetzten Gebiete einzuschleusen, um herauszufinden, wie man am besten gegen die Rebellen vorrücken kann.
(Gibt es dafür eigentlich offizielle Ausschreibungen: Suchen Geheimdienstler, die in der Ostukraine spionieren! Warum haben es dann nicht die Amis gemacht? Die wären auf jeden Fall nicht erwischt worden. Genial wäre es, wenn der CIA das Geschnapptwerden der Deutschen eingeplant hätte: Gerade die Deutschen sind in der Ukraine viel zu zögerlich und blockierend. Eine Geiselaffäre zwingt da schon zur Festlegung. Aber das klingt nach Verschwörungstheorie.)
Diese “Militärbeobachter” (vulgo: Spione) bekommen sicherheitshalber noch ein Alibi: Sie sind unter einem OSZE-”Dokument” tätig. In James-Bond-Filmen wird immer so schön gesagt: “Wenn Sie geschnappt werden, James, werden wir ihre Existenz verleugnen!” Heutzutage hieße der Satz wahrscheinlich: “Wenn Sie geschnappt werden, James, sind Sie für eine humanitäre Hilfsorganisation tätig gewesen.” Was sonst sollte der Westen auch tun, wenn die Separatisten versuchen werden, die Geiseln der Weltöffentlichkeit zu präsentieren? Dann macht man doch lieber – in einer völligen Verkehrung der Tatsachen – aus den militärischen Spionen einen “casus belli“! Eigentlich genial.

Auf einen (langen) Blick: Die Ereignisse in der Ukraine

Mich erstaunt immer wieder, wie unausgewogen die deutschen Medien über die Krise in der Ukraine berichten. Mit ein wenig Zeit und ein wenig Recherche insbesondere auf englischsprachigen Seiten lassen sich die Ereignisse doch recht gut rekonstruieren. Daher will ich hier mal einen Versuch wagen.

Kurze Vorgeschichte der Entwicklungen in der Ukraine
Die Ukraine besteht aus einem Ostteil, der sich traditionell eher an Russland orientiert, und einem Westteil, der sich an Europa orientiert. Seit der Auflösung der UDSSR streiten nun beide Teile um die Macht. Im Jahr 2004 gewannen nach der sogenannten Orangenen Revolution die EU- und westfreundlichen Kräfte die Oberhand. Nach mehreren Jahren der Uneinigkeit und auch der Korruption innerhalb der prowestlichen Kräfte, gewannen im Jahr 2010 die prorussischen Kräfte um den Präsidenten Viktor Janukowitsch die Macht.

Aktuelle Entwicklungen
Der bisherige, russlandfreundliche Präsident Janukowitsch sieht sich 2013 vor die Wahl gestellt, ob er ein Assoziierungsabkommen mit der EU oder ein Abkommen über die Etablierung einer eurasischen Freihandelszone mit Russland unterschreibt. Das ausschließliche Entweder-Oder kommt zunächst von der EU. (vgl. hier) Später erhöht auch Russland den Druck auf die Ukraine, indem es ankündigt, dass bei einem EU-Assoziierungsabkommen, die Einfuhr von ukrainischen Waren neu berechnet werden müsste. (vgl. hier) Janukowitsch will das Abkommen dennoch unterschreiben. Allein die EU knüpft an das Abkommen die Bedingung, dass Janukowitschs Konkurrentin Julia Timoschenko freigelassen werden sollte. Janukowitsch empfiehlt dem Parlament dies, das Parlament lehnt es jedoch ab. (vgl. hier)
Hinzu kommt an dieser Stelle auch die aktuelle finanzielle Situation der Ukraine: Sie steht kurz vor der Pleite und bräuchte dringend neue Kredite. Die EU würde der Ukraine zwar Geld leihen, aber bei weitem nicht genug und dieses Geld wäre zudem an die Bedingung geknüpft, „strukturelle Reformen“ durchzuführen (siehe Griechenland). Ähnlich verfährt auch der Internationale Währungsfond. Mit einer Unterzeichnung des Abkommens ließe sich somit die prekäre finanzielle Lage nicht lösen. Russland bietet jedoch Kredite in ausreichender Höhe an, ohne Bedingungen zu stellen, und bietet zusätzlich eine Reduktion des Gaspreises an. In dieser Situation entscheidet sich Janukowitsch dafür, das EU-Assoziierungsabkommen nicht zu unterzeichnen. Der ukrainische Ministerpräsident, Mykola Azarov, plädiert stattdessen für die Aufnahme von Verhandlungen sowohl mit Russland als auch mit der EU. Dies lehnt die EU jedoch auf dem Gipfel in Vilnius ab. (vgl. hier)

Darauf bildet sich eine Protestbewegung, die dann öffentlichkeitswirksam den Maidan-Platz in Kiew besetzt. Sie besteht aus unterschiedlichsten Kräften und ist vielleicht zunächst sogar mit einer Graswurzel-Bewegung vergleichbar, die sich aus politisch Unzufriedenen rekrutiert. Allerdings wird diese Maidan-Bewegung bald auch politisch duch Parteien überformt und von militanten rechten Kräften unterwandert.

Amerikanische und Europäische Beteiligung?
Diese Bewegung kommt natürlich der EU und den USA sehr gelegen, wenn sie von diesen nicht sogar bewusst initiiert wurde. Die amerikanische EU-Beauftragte Victoria Nuland hat erstaunlich offen erklärt, dass die USA in den letzten Jahren 5 Milliarden in der Ukraine für einen Regimechange investiert hätten. (vgl. hier) Eine solche Einflussnahme läuft gewöhnlich über Stiftungen, die vor Ort arbeiten und den Aktivisten Geld und Wissen zur Verfügung stellen. 2004 soll es beispielsweise mithilfe von amerikanischen Stiftungen gelungen sein, dass die Wahl Janukowitschs zum Präsidenten ungültig erklärt wurde. Es gab Neuwahlen, aus denen die USA-freundliche Julia Timoschenko als Siegerin hervorging. (vgl. hier)
Grundsätzlich kann man festhalten, dass es eigentlich naiv wäre, anzunehmen, dass die USA diese Bewegung nicht unterstützt hätten – vor dem Hintergrund ihrer jahrzehntelangen Putsch-Geschichte (z.B. Iran, Brasilien, Guatemala, Chile).

Anfang Februar sieht die Situation in Kiew so aus: Obwohl die Maidan-Bewegung bereits mehrere Monate besteht, hat sich an den politischen Machtverhältnissen nichts geändert. Es besteht die Gefahr, dass die Bewegung ihr Momentum verpasst hat. Vor dieser Entscheidung stehen irgendwann die meisten Bewegungen: Sich auf das politische Spiel einlassen und durch Kompromisse abgeschliffen werden (z. B. Grüne) oder sich zu radikalisieren und das System als Feind zu begreifen (z. B. RAF). Die Bewegung hat ein Angebot von Janukowitsch für eine größere politische Beteiligung abgelehnt. (vgl. hier) Die Maidan-Bewegung wählte also den zweiten Weg: Sie radikalisiert sich. Diese Radikalisierung betrifft natürlich nicht alle Protestierenden, sondern nur einen (eher rechts ausgerichteten) Teil. Das Kiewer Rathaus wird besetzt, brennende Barrikaden werden aufgebaut und erste Gefechte mit der Polizei verdeutlichen der Regierung die neue Situation. Es geht darum, die Regierung zur polizeilichen oder zur militärischen Gegenreaktion zu zwingen. Die Regierung hat in dieser Situation kaum eine Wahl: Verhandlungen sind nicht mehr möglich, wenn sich ein Teil der Protestbewegung radikalisiert. Schaut sie den radikalen Aktionen ihrer Gegner nur zu, werden diese sich immer weiter steigern. Die Regierung wird zum Eingreifen gezwungen, da sie auch die Aufrechterhaltung der „staatlichen Ordnung“ garantieren muss: Entweder die staatliche Ordnung wird bei einem Nicht-Eingreifen sukzessive durch die Regierungsgegner aufgelöst oder sie wird durch eine militärische Gegen-Aktion in extremer Weise wiederhergestellt – meist mit dem Rebound-Effekt, dass die Regierung dann unter Rechtfertigungsdruck gerät. Die militärische Gegenreaktion wird daher von den Gegnern oftmals bewusst eingeplant. Martin Luther King hatte beispielsweise bewusst seine Demonstrationen für die Rechte der Schwarzen gerade in der Stadt geplant, die einen der repressivsten Polizeichefs hatte. Gerade die Fotos, die bei der brutalen Niederschlagung der Demonstrationen entstanden, sorgten USA-weit für Empörung und dafür, dass John F. Kennedy einschreiten musste und letztlich (nach dem Marsch auf Washington) die Rassentrennung aufhob. (vgl. hier)
Vor dem Hintergrund der hohen öffentlichen Aufmerksamkeit für die Prozesse in der Ukraine war eine empörte Reaktion der (westlichen) Welt-Öffentlichkeit auf die Niederschlagung der radikalen Proteste einplanbar. Deshalb rief die Maidan-Bewegung zu einem Marsch auf das Parlament, das Herzstück der staatlichen Ordnung, auf. Im Parlament sollte an diesem Morgen über die Forderungen der Bewegung diskutiert werden.

EU-Sicht des Beginns der gewaltsamen Proteste
Aus EU-Sicht starteten die gewalttätigen Proteste, nachdem Russland eine weitere Zwei-Milliarden-Dollar-Tranche seines Kreditpakets in Höhe von 15 Milliarden an die Ukraine überweisen wollte. Daran sollte, laut EU und USA, die Bedingung geknüpft gewesen sein, härter gegen die Demonstranten vorzugehen und den Maidan endlich räumen zu lassen.(vgl. hier) Diese Version erscheint wenig plausibel, da – zumindest laut der chronologischen Nacherzählung des 18. Februars auf der englischen Wikipedia-Seite – zuerst der Marsch auf das Parlament begann und dann die Proteste gewaltsam zerschlagen wurden. (vgl. hier)

Jedenfalls wird die Bewegung militärisch zurückgedrängt und der Maidan-Platz gewaltsam geräumt. Es sterben mehr als 80 Menschen auf Seiten der Protestierenden. Die Regierung gerät in die Krise: Der Innenminister, der den Einsatz angeordnet hatte, muss zurücktreten. Vermittelt durch die Außenminister von Polen, Deutschland und Frankreich verhandeln Janukowitsch und die (politischen) Vertreter der Maidan-Bewegung am kommenden Tag. Ein Kompromiss wird beschlossen: Die Verfassung, die 2010 zugunsten Yanukowitschs hin zu einem präsidialen System verändert worden war, wird wieder zu einem (eher) parlamentarischen System geändert; Neuwahlen sollen zügig stattfinden; die blutige Niederschlagung der Aufstände soll untersucht werden; die besetzten Gebäude verlassen werden. (vgl. hier) Ein Rücktritt Janukowitschs ist nicht vorgesehen. Auf dem Maidan wird der Kompromiss deshalb abgelehnt und der Rücktritt der (politischen) Verhandlungsführer gefordert. (vgl. hier) An dieser Stelle geschieht etwas Unerwartetes: Die Polizei, die Janukowitschs Amtssitz bisher geschützt hatte, verlässt ihre Posten und kehrt in ihre Heimatstädte zurück. Da er nun dem Mob ausgeliefert wäre, flieht Janukowitsch und taucht unter. (vgl. hier) Dieser politische Trick, für den ich bisher noch keine schlüssige Erklärung gefunden habe, hat die Situation in der Ukraine letzten Endes komplett gekippt. Erst so gelangte die Opposition wirklich an die Macht in der Ukraine. Etwa zeitgleich wird Janukowitsch vom Parlament des Amtes enthoben und ein enger Vertrauter der gerade erst freigelassenen Julia Timoschenko, Oleksandr Turchynov, zum neuen Übergangspräsidenten gewählt. In der Folge besetzt die Opposition alle wichtigen Ämter. Zum Ministerpräsidenten wird Arseniy Yatsenyuk gewählt, der nach geleakten Telefongesprächen auch der Favorit der USA für dieses Amt war. Vitali Klitschko, ebenfalls einer der (politischen) Führer der Maidan-Bewegung, bekommt kein Amt – just so, wie es die USA gewünscht hatten. (vgl. hier)

Offen bleibt nach den beschriebenen Ereignissen die Frage, ob die neue Regierung auf legalem Wege oder durch einen Putsch an die Macht gekommen ist. (vgl. hier) Aus russischer Sicht war es ein Putsch, aus europäischer Sicht wurde die neue Regierung gewählt. Die neue ukrainische Regierung wird dementsprechend sofort von vielen europäischen Staaten und den USA als legitime Vertretung der Ukraine anerkannt. An dieser Stelle hatten es die USA und die EU geschafft: Die Ukraine war wieder an den Westen angegliedert und Moskaus „Fängen“ entrissen. Der neue Ministerpräsident kündigte auch gleich an, das Assoziierungsabkommen mit der EU zügig umzusetzen. (vgl. hier) Die angespannte finanzielle Lage der Ukraine war damit aber noch nicht gelöst. Die Zusagen der EU und der USA blieben weiterhin zu niedrig. Aber angesichts der weiteren Ereignisse stand diese Frage erst einmal nicht mehr im Vordergrund.

Blowback I: Aufnahme der Krim
In jedem komplexen System führt das Drehen an einem Rädchen zu einer Veränderung an anderer Stelle. In einem fragilen staatlichen Gebilde wie der Ukraine mussten diese Entwicklungen logischerweise auch einen solchen Blowback auslösen. Der erste Blowback kam durch Russland. Durch den plötzlichen Regierungswechsel in Kiew wurden vitale Sicherheitsinteressen Russlands getroffen, so dass Russland sich zu einer Gegenreaktion gezwungen sah. Russland und die Ukraine hatten 1997 in einem Vertrag geregelt, dass zwei getrennte Armeen entwickelt werden sollten, die Schwarzmeerflotte jedoch bis 2017 in Sewastopol stationiert werden darf. Im Jahr 2010 verlängerte der neue Präsident der Ukraine, Viktor Janukowitsch, in einer seiner ersten Amtshandlungen, diesen Vertrag bis 2042. Teil des Deals war, dass die Ukraine verbilligtes Gas von Russland beziehen kann. Diese Verlängerung war hochumstritten: In der postsowjetischen Ära wollten viele Ukrainer keine russischen Truppen mehr auf ihrem Boden. (vgl. hier)
Der Vertrag mit der Schwarzmeerflotte wäre mit hoher Wahrscheinlichkeit durch die neue Regierung in Kiew bald wieder aufgekündigt worden. Für Russland waren dieser Vertrag und auch der militärische Zugang zum Schwarzen Meer von höchstem sicherheitsstrategischem Interesse. Daher nutzte Russland die neue Lage, um das Problem der Stationierung langfristig zu lösen: Es nahm die Krim nach einem positiven Referendum der mehrheitlich russischsprachigen Bevölkerung in die Russische Föderation auf. Dieser Schritt war sehr umstritten, nicht nur aus Sicht der EU und der USA, sondern auch für Russland selbst.

Viele Staaten haben mit sezessionistischen und separatistischen Bewegungen innerhalb ihrer Landesgrenzen zu kämpfen. Hier sei nur an die ETA im Baskenland oder an die PKK in der Türkei erinnert. Aber auch Russland hat in Tschetschenien eine eigene separatistische Bewegung im eigenen Land. Könnte die Aufnahme der Krim nicht solche innerrussischen Bewegungen bestärken? Wird damit nicht die Büchse der Pandora geöffnet? Aus russischer Sicht wurde sie schön geöffnet – durch die Loslösung des Kosovos auf Serbien im Jahr 2008. Gegen den ausdrücklichen Widerstand Serbiens und seines Verbündeten Russland unterstützte die EU und die USA die einseitige Loslösung des Kosovo und erkannten die neue Republik innerhalb kürzester Zeit an. (vgl. hier) Gerade die Einseitigkeit ist das große Problem: Ein Teil eines funktionierenden Staates erklärt sich selbst als unabhängig und wird von anderen Staaten anerkannt. Das gefährdet die Idee der staatlichen territorialen Integrität. Auf dieser Seite sind die Auswirkungen und Einschätzungen der Unabhängigkeit des Kosovo sehr anschaulich zusammengefasst.
Nachdem bereits die russische Anerkennung von Südossetien im Jahr 2008 eine direkte Reaktion auf die Ablösung des Kosovo war, beziehen sich die Krimregierung und die russische Regierung nach dem Referendum ebenfalls auf den Präzedenzfall der Loslösung des Kosovo. (vgl. hier) Die Aufnahme der Krim ist für Russland in diesem Fall eine weitere, aus sicherheitsstrategischen Interessen sinnvolle Retourkutsche für die Düpierung im Falle des Kosovos.

Die EU und die USA sind zu diesem Zeitpunkt düpiert und müssen machtlos zusehen, wie Russland die Krim aufnimmt. Die USA setzen auf Sanktionen, die sich gegen die zweite Reihe der russischen Regierung richten. Sie wollen Russland international isolieren – was, wenn man nur deutsche Medien liest, als vollkommen gelungen erscheint. International gesehen, steht Russland allerdings alles andere als isoliert da: Es genießt beispielsweise die Unterstützung der BRICS-Staaten und der blockfreien Staaten. (vgl auch hier)

Bis zu diesem Zeitpunkt schien die Lage in der Ukraine noch überschaubar: Es gab einen Coup d’etat der Amerikaner unter dem Deckmantel, dass das Volk die Demokratie und die Freiheit des Westens wolle, und einen Gegen-Coup der Russen unter dem Deckmantel, dass die russische Bevölkerung auf der Krim Schutz suche vor der neuen antirussischen Regierung in Kiew. Wenn es dabei geblieben wäre, würde jetzt niemand mehr über die Ukraine reden. Da die Ukraine aber, wie oben beschrieben, ein extrem gespaltenes Land ist, war die Krimkrise nur die Ouvertüre für die Sezessionsbewegungen im Land.

Blowback II: Die Situation in der Ostukraine
Den zweiten Blowback stellen die Bürgerbewegungen im Osten der Ukraine dar. Der russisch-dominierte Osten der Ukraine sieht sich seit dem Umsturz nicht mehr durch die Regierung in Kiew repräsentiert. Und das zu Recht. Es sitzen keine Repräsentanten des Ostens in der Regierung. Auch die Entscheidungen der neuen Regierung haben der östlichen Bevölkerung keine Zuversicht gegeben: So wurde beispielsweise die Möglichkeit abgeschafft, in den Regionen eine zweite Landessprache neben dem Ukrainischen einzuführen. In ihrem Wunsch, das Land durch die ukrainische Landessprache zu einen, hat die neue Regierung damit aber die Regionen, die einen hohen Anteil an russischsprachiger Bevölkerung haben, deutlich vor den Kopf gestoßen. (vgl. hier) Außerdem führt der Wunsch, die Ukraine stärker in Richtung der EU auszurichten, zu einer Abgrenzung von Russland. Das wird besonders in den östlichen Regionen als existentielle Bedrohung empfunden, die industriell stark mit Russland kooperieren.
Aus dieser Unzufriedenheit ist eine breite Protestbewegung entstanden. In den deutschen Medien könnte diese Bewegung eigentlich ähnlich wie die Maidan-Bewegung dargestellt werden: Es handelt sich um Bürgerbewegungen, die sich nicht mehr von ihrer Regierung vertreten fühlen. Sie veranstalten Demonstrationen, die aber die Wahrnehmungsschwelle der deutschen Medien nicht überschreiten. Die Bewegung hat aber – ähnlich der Maidan-Bewegung – auch einen radikalen und militanten Teil, der Rathäuser besetzt und Barrikaden aufbaut. Diese Bilder schaffen es gerade tagtäglich in die deutschen Medien. Während bei der Protestbewegung auf dem Maidan die militanten, rechten Kräfte nahezu komplett ausgeblendet wurden, werden bei der Protestbewegung in der Ostukraine die zivilen Kräfte komplett ausgeblendet. (vgl. hier)
Doch was will diese Bewegung eigentlich? Die Maidan-Bewegung war zwar auch uneinheitlich, aber immerhin darin vereint, dass Janukowitsch abgesetzt werden sollte. Umfragen zeigen, dass die Bevölkerung entgegen der Behauptung vieler deutschen Medien, gar keine Loslösung von der Ukraine wollen: Zwei Drittel wollen in der Ukraine bleiben – nur unter anderen Bedingungen, beispielsweise, dass die Regionen mehr Autonomie bekommen. (vgl. hier) Das wird jedoch von den deutschen Medien komplett ausgeblendet. Die gesamte Bewegung wird nur als militant und durch Russland gesteuert dargestellt.

Russische Beteiligung an den Protesten?
Dass Russland an den Protesten in der Ostukraine beteiligt ist, die Proteste sogar orchestriert, wird vom Westen gebetsmühlenhaft behauptet. Diese Unterstellung des Westens hat Russland allerdings durch die plötzliche Aufnahme der Krim selbst genährt. Dass Russland mit der Krimregierung zusammengearbeitet hat bei der Erstellung des Referendums und bei der „Sicherung“ der öffentlichen Ordnung, gibt mittlerweile auch Präsident Putin zu. (vgl. hier) Ähnliches passiert nun auch in der Ostukraine: Rathäuser werden besetzt und ein Referendum wird gefordert. Da liegt die Interpretation nahe, dass dort das Gleiche passiert.
Klare Beweise für die These der russischen Orchestrierung des ukrainischen Protests habe ich bisher noch keine gefunden. Mehrere Beweise entpuppten sich in letzter Zeit als Fake. Vor dem Hintergrund der langen Geschichte der USA im Fälschen von Beweisen (z.B. Irakkrieg I, Irakkrieg II, Kosovokrieg (deutsche Fälschungen)), erscheint die aktuelle Suche nach Beweisen und deren regelmäßige Entlarvung umso fragwürdiger.
Ein Trickbetrüger hatte beispielsweise ein Video gedreht, in dem ein russischer Kommandant ukrainischen Polizisten etwas befiehlt. Das Video wurde auch von ARD und ZDF gezeigt. (vgl. hier) Ein weiterer Beweis entpuppte sich ebenfalls als falsch: Auf mehreren Fotos wurde demnach ein bärtiger Mann identifiziert, der aktuell in der Ukraine, vormals aber im Georgien-Konflikt und davor in Russland militärisch aktiv gewesen sein soll. Die ukrainische Regierung hatte die angeblichen Beweisfotos den USA übergeben, die diese wiederum der New York Times zugespielt hatten. Die New York Times veröffentlichte sie auf ihrer Frontseite. (vgl. hier) Die Fotos aus Russland stammen, wie nun herauskam, nicht aus Russland, sondern wurden aktuell in der Ostukraine aufgenommen. (vgl. hier) Der Mann wurde sogar interviewt. Der Artikel im Time-Magazin deutet ganz klar darauf hin, dass es keine russische Unterstützung der Proteste in der Ostukraine gibt. Allerdings wünschen sich die Besetzer das Eingreifen Moskaus.
Darauf ist auch ihre Besetzungs- und Provokationstaktik ausgelegt. Ganz ähnlich der Maidan-Bewegung wollen die ostukrainischen Besetzer die (jetzt neue) Regierung zu einem harten Durchgreifen zwingen und rechnen, wenn die Regierung militärisch eingreift, mit internationaler Unterstützung – diesmal allerdings von russischer Seite. Die EU griff in Kiew diplomatisch ein und half so, Janukowitsch zu stürzen. Russland soll nun militärisch zum Schutz der eigenen russischen Bevölkerung intervenieren. Bisher geht diese Kalkulation sehr gut auf. Die neue Regierung hat ein militärisches Vorgehen gegen die Besetzer beschlossen und Russland hat angekündigt, dass es notfalls seine Bürger verteidigen werde.

Dass der Konflikt politisch gelöst werden könnte, schien vor Ostern sehr unwahrscheinlich. Russland und die USA hatten in der Frage, wie die Krise sich lösen ließe, ein argumentatives Patt erreicht. Russland sagt: Die USA soll doch bitteschön mehr Einfluss auf „ihre“ Regierung in Kiew nehmen, dass sie die Rechte der (russischen) Bürger im Osten stärker berücksichtigt, so dass diese dann weniger protestieren und damit ein Zerfall der Ukraine verhindert wird. Die USA sagen: Russland solle doch bitteschön mehr Einfluss auf „seine“ separatistischen Unterstützer nehmen, dass diese sich entwaffnen lassen und sich in die Gesamt-Ukraine eingliedern. Dieses argumentative Patt wurde zum Erstaunen der deutschen Medien kurz vor Ostern in Genf überwunden. Die EU, Russland, die USA und die Ukraine einigten sich darauf, dass die Separatisten abgerüstet werden müssten, die Gebäude geräumt und eine Verfassung gemeinsam mit allen Regionen ausgehandelt werden müsse. (vgl. hier)
Unklar blieb nur, wer die Bewegungen entwaffnen soll. Nach diesem Osterschock für die deutschen Medien – Russland konnte nicht mehr als böse dargestellt werden – wurden doch mittlerweile wieder die passenden Argumentationsmuster gefunden: Russland hält sich nicht an die Genfer Vereinbarungen und übt seinen (unterstellten) Einfluss auf die Separatisten nicht aus. Russland dagegen wirft der ukrainischen Regierung (und damit den Europäern und Amerikanern) vor, durch das überharte Vorgehen gegen die Separatisten aber auch gegen normale russische Bürger, einen Krieg gegen das eigene Volk zu führen. Das klingt so, als wolle es rhetorisch vorbereiten, „aus humanitären Gründen“ in der Ostukraine einzumarschieren oder zumindest eine „Flugverbotszone“ einzurichten. Das wären allerdings gefährliche Retourkutschen auf vergangene amerikanische und europäische Kriegsvorwände.

Das große Säbelrasseln der EU und der USA
Die EU und die USA werden allerdings keine Soldaten in die Ukraine schicken, um „ihr“ Regime zu verteidigen. Die geopolitische Bedeutung der Ukraine ist hoch (siehe unten), aber gerade innenpolitisch kann Obama es den US-Bürgern nicht mehr vermitteln, wieder in einen neuen Krieg zu ziehen. Das gleiche gilt für die meisten EU-Staaten, die auch ihre Einflusszone gar nicht dort sehen. Hier spielen auch starke wirtschaftliche und energietechnische Abhängigkeiten von Russland eine Rolle.
Der Leiter des Politikressorts der ZEIT, Bernd Ulrich, brachte den Hintergrund der europäischen Position in einem langen (etwas weinerlichen und fast selbstkritischen) Leitartikel über die Frage, wieso Medien und Politik so weit weg von der Bevölkerungsmeinung argumentieren, so auf den Punkt: Gerade weil sich der Westen (moralisch) delegitimiert hat in seinen letzten Kriegen und weil die Bevölkerung kriegsmüde ist, muss der Westen nun lautstark mit den Ketten rasseln und mit glaubhaften Sanktionen drohen – ein anderes Mittel steht einfach nicht mehr zur Wahl. Und bei diesem Rasseln solle die Bevölkerung doch bitteschön mitziehen!

Die geopolitische Bedeutung der Ukraine
Um sich die geopolitische Bedeutung der Ukraine zu veranschaulichen, kann man sich zunächst dieses Bild anschauen. Man sieht deutlich, dass die Ukraine ein Transitland für russisches Gas ist. Die Ukraine hat zudem viele wertvolle Bodenschätze und die fruchtbarsten Böden der Welt, was die Ukraine 2012 zum fünftgrößten Produzenten von Weizen machte. Die wesentliche Bedeutung der Ukraine entsteht aber durch ihren Transitstatus. Russland liefert 80 Prozent seines Erdgases für Europa durch die Ukraine. Das macht die Ukraine für Russland und auch für die EU ökonomisch extrem wichtig.
Russland hat ein strategisches Interesse an guten Beziehungen zur EU. Es will eigentlich in die europäische Sicherheitsarchitektur integriert werden und möglichst gute Geschäftsbeziehungen zu den EU-Ländern unterhalten, da diese einen enormen Absatzmarkt (besonders für das russische Gas) darstellen. Russland will wieder eine Weltmacht werden und spielt dafür die Karte seiner enormen Rohstoffvorkommen aus.
Die EU hat auch ein strategisches Interesse an guten Beziehungen zu Russland, da sie von dessen Gaslieferungen abhängig ist. Die EU muss sich jedoch auf eine zunehmend multilaterale Welt mit den neuen Big Playern China und Russland einstellen. Die EU-Erweiterungsrunden sollen in einer sich auf diese Weise neu aufteilenden Welt verhindern, dass die einzelnen EU-Staaten wieder zu Zwergen werden. Es soll ein möglichst großer Binnenmarkt entstehen, der auch alle Ostblock-Staaten einschließt - was unproblematisch wäre, wenn Russland in dieser Strategie berücksichtigt werden würde.
Dass Russland in dieser Strategie kaum vorkommt, liegt im Wesentlichen an den USA. Die USA wollen verhindern, dass Russland wieder ein relevanter Akteur auf der politischen Weltbühne wird. Daher ist ihnen die energiepolitische Abhängigkeit der EU von Russland ein Dorn im Auge. Auf diese Weise lässt sich Russland nicht isolieren und schwächen, sondern kann seine Stellung aufgrund der entstehenden Abhängigkeiten noch ausbauen. Um die Abhängigkeit der EU zu lösen, haben die USA gemeinsam mit der EU ein Pipeline-Projekt geplant: Das Nabucco-Projekt. Diese Pipeline sollte ihr Gas nicht aus den auf der Feindesliste stehenden Staaten Russland oder Iran, sondern aus dem kaspischen Meer beziehen und gleichzeitig die unsicheren Staaten Ukraine und Weißrussland umgehen. Mittlerweile ist dieses Projekt gescheitert, da das Gas aus dem kaspischen Meer durch eine andere Pipeline (TAP), betrieben von einem europäischen Konsortium, geleitet werden soll. Die Europäer versuchen offensichtlich von sich aus bereits eine größere Unabhängigkeit von Russland zu erreichen. Nach der orangenen Revolution und unter dem prowestlichen Präsidenten Juschtschenko wurde von der Ukraine der sogenannte Gas-Streit angezettelt, um Europa von der Unzuverlässigkeit Russlands zu überzeugen. (vgl. hier) Die Ukraine war und ist für die USA der Hebel um Streit zwischen der EU und Russland zu säen. Um den wechselnden Machtkonstellationen in der Ukraine aus dem Weg zu gehen, hat daher auch Russland alternative Pipelines geplant bzw. gebaut: Die bereits fertige Nordstream-Pipeline, die von russischem Territorium über die Ostsee direkt nach Deutschland führt und prominent von Ex-Bundeskanzler Schröder vermarktet wurde, und die noch geplante Southstream-Pipeline, die von russischem Territorium über das schwarze Meer direkt nach Bulgarien geht.

Neben diesen Fragen der Energieabhängigkeit geht es den USA aber in der Ukraine-Frage auch um die Einkreisung der neu entstehenden Weltmächte Russland und China. Die Idee ist, dass ein Land, das wie durch einen Gürtel von westlich-orientierten Staaten eingeschnürt ist, nicht weiter wachsen kann (vergleichbar mit der Fesselung des Riesen Gullivers durch die Liliputaner in Gullivers Reisen). Dafür nutzen die USA im Falle Russlands besonders die NATO. (Bei China versuchen die USA es über Handelsabkommen mit den Nachbarländern Chinas. (vgl. hier)) Nach dem Ende des kalten Krieges hätte die NATO ebenso wie der Warschauer Pakt aufgelöst werden können. Stattdessen suchte die NATO in den neunziger Jahren krampfhaft nach einer neuen Aufgabe und fand sie zunächst in der Rolle des Weltpolizisten im Kosovokrieg.
Gleichzeitig dehnte sich die NATO aber immer weiter aus. Insbesondere die ehemaligen russischen Satellitenstaaten und die baltischen Staaten schlossen sich gerne der NATO an, da sie auf diese Weise sicher sein konnten, nicht wieder eines Tages von Russland einverleibt zu werden. Im Gegenzug boten sie der NATO die Chance, Militärbasen mit Truppenkontingenten und Raketen auf ihrem Territorium zu aufzubauen. Aus russischer Sicht stellen diese Militärbasen in direkter Nachbarschaft eine akute Bedrohung dar, wie auch der von George W. Bush geplante Raketenabwehrschirm in Polen und Tschechien.
Russland war nach dem Ende des Kalten Krieges (mündlich) zugesichert worden, dass die NATO sich nicht bis zu dessen Territorium ausdehnen würde. (vgl. hier) Dennoch gab es drei Erweiterungswellen der NATO, so dass im Jahr 2008 sogar die Ukraine und Georgien in die NATO aufgenommen werden sollten. Lediglich der von Georgien begonnene Krieg mit Russland um die Republik Südossetien führte dazu, dass den europäischen NATO-Mitgliedsländern bewusst wurde, dass bei einem Beitritt Georgiens in einem ähnlichen Falle ein möglicher Krieg mit Russland drohen könnte.(vgl. hier) Daher wurde auf den Beitritt Georgiens und der Ukraine zunächst verzichtet. In der Ukraine löste sich das Dilemma des NATO-Beitritts nach der Wahl des russlandfreundlichen Janukowitsch im Jahr 2010 auf. Er erklärte, dass es keinen Beitritt geben werde. Auch die neue Regierung in Kiew erklärte dies. Allerdings ist es wohl nur eine Frage der Zeit, bis dieses Thema - durch die USA forciert - auf dem Tisch des nächsten Präsidenten landen wird.

Wo bleibt die eigenständige Position der EU?
So sehen momentan die Fronten und die geopolitischen Hintergründe aus – soweit ich sie aus meinen Recherchen überblicke. Wirklich fraglich ist nur, warum sich die EU so sehr von den USA gegen Russland ausspielen lässt. Ist die transatlantische Freundschaft noch immer so stark? Auch nachdem Deutschland in der NSA-Affäre so deutlich vorgeführt wurde? Wieso vertritt die EU und auch Deutschland keine eigenständige Position? Es ist ganz offensichtlich nicht im Interesse Deutschland oder der EU, Russland zum Feind zu machen – dafür sind die wirtschaftlichen Beziehungen zu eng. Und mit der Behauptung, dass es um die Durchsetzung der Menschenrechte und um die Verbreitung des freiheitlichen demokratischen Gedankens ginge, kann hier wohl niemand argumentieren: Zum einen angesichts der langen Liste der Vergehen des Westens, insbesondere der USA (Abu Graib, Guantanamo, Drohnenkriege, NSA-Affäre), und zum anderen angesichts der positiven Geschäftsbeziehungen mit Ländern, in denen eben diese Menschenrechte mit Füßen getreten werden (Saudi-Arabien, China).

Ausblick
Unabhängig von den Entwicklungen im Osten der Ukraine birgt auch noch die finanzielle Lage der Ukraine enormen Sprengstoff für die Zukunft. Da Russland der Ukraine nach dem Machtwechsel keine weiteren Kredite mehr geben will, müssen die EU und die USA einspringen. Dafür musste die neue Regierung mit dem internationalen Währungsfond verhandeln. Der IWF verspricht Kredite in Höhe von 17 Milliarden Euro, allerdings nur, so ist es beim IWF üblich, im Gegenzug für struktuelle Reformen. (vgl. hier) Bereits zwei Kredite des IWF für die Ukraine wurden eingefroren, weil die Reformen nicht umgesetzt worden waren. Diese Reformen betreffen insbesondere die Energiepreise für die Bevölkerung, die in der Ukraine durch staatliche Subventionierungen absichtlich niedrig gehalten werden. Dass heißt die Energiepreise werden steigen müssen, um die Kredite des IWF zu erhalten. Das könnte in der angespannten Lage der Ukraine leicht zu sozialen Unruhen führen. Um diese zu verhindern, müssten Ausgleichsprogramme aufgelegt werden, für die allerdings auch das Geld fehlt. Es müssten also weitere Kredite beantragt werden. Hinzu kommt, dass Russland die Rabatte für die Gaslieferungen streicht, die der russlandfreundlichen Regierung gewährt worden waren. Dass heißt die Energiepreise steigen nicht nur durch den Abbau von Subventionen für die Bevölkerung, sondern auch durch den höheren Preis, der an Russland zu zahlen ist. Damit wird auch klar, wohin die Kredite des IWF und der EU fließen werden: Zur Begleichung der ukrainischen Gas-Schulden nach Russland. Das wird die Kreditbereitschaft der EU-Staaten und des IWF in der aktuellen konfrontativen Situation sicherlich nicht erhöhen. Es sind also düstere Aussichten für die Ukraine.

Modische Obsoleszenz

Ich gestehe: Ich habe eine altes Nokia-Handy! Ich kann damit weder fotografieren, noch ins Internet gehen, noch Musik hören! Mit diesem Handy werde ich zum Opfer eines Trends, der viel zu lange von den Medien ignoriert wurde: Die modische Obsoleszenz!
Wenn ich mein Handy heraushole, erfahre ich regelmäßig erstaunte, ja sogar besorgte Blicke. Es ist so, als würde mein geistiger Zustand an der Aktualität meines Handys gemessen werden. Bei manchen löst es Nostalgie-Gefühle (”So eins hatte ich auch mal!”) oder Ansätze von Technikskepsis (”Da sind ja eigentlich auch alle Funktionen drin!”) aus. Aber immer (!) ist man mit einem zwölf Jahre alten Handy ein Exot.
Lange habe ich nach einem Begriff gesucht, um dieses Phänomen zu beschreiben. Vor zwei Jahren bin ich dann auf die Obsoleszenz gestoßen. Zu meiner großen Enttäuschung wird dieser Begriff jedoch hauptsächlich mit dem Zusatz “geplant” verwendet und bedeutet dann, dass ein Unternehmen Fehler in seine Produkte einbaut, damit die Kunden neue kaufen. Viel genialer ist es jedoch, wenn man nicht einmal Fehler in seine Produkte einbauen muss, sondern die Kunden diese trotz Funktionstüchtigkeit nach zwei Jahren freiwillig (!) wegschmeißen, weil es mittlerweile ein modischeres Modell mit (scheinbar) mehr Funktionen gibt. Auf diese Weise haben die Unternehmen nicht einmal Probleme mit unzufriedenen Kunden, die sich über das Kaputtgehen der Produkte beschweren. Damit übertrumpft die modische Obsoleszenz sogar die geplante: Vielleicht beträgt die Zeit bis zur geplanten Obsoleszenz, also dem Zerfall des Produkts, sogar wirklich zwei Jahre, aber der Kunde merkt es gar nicht mehr, weil er von sich aus ein neues Produkt will. Eine großartige Marketingleistung!
Dieses Phänomen scheint mir besonders auf die Handy- und die Laptop-Branche zuzutreffen. Radikalisiert und perfektioniert hat es dort Apple. Dieses Unternehmen hat es geschafft, seine Kunden zu hörigen Sklaven der modischen Obsoleszenz zu machen. Sie spüren den Druck, jede neue Version der Apple-Produkte zu kaufen, und müssen sich sogar rechtfertigen, wenn sie eine Generation überspringen. Apple hat sie bei ihrem modischen Gewissen, ihrer Up-to-Date-Manie gepackt und verspricht mit den neuen Modellen regelmäßig bahnbrechende Neuerungen. Vermutlich gibt es eine Liste mit Dingen, die bereits heute technisch umsetzbar sind, und einen Zeitplan, wann sie in welches Produkt eingebaut werden sollen, damit ausreichend Neuigkeitswert erhalten bleibt.
Die Halbwertzeit von technischen Devices beträgt heutzutage dank Apple und anderen keine zwei Jahre mehr. Die meisten jungen Leute sind, ohne es zu wissen, Opfer dieser modischen Obsoleszenz. Sie werden in Zukunft die besten und willigsten Konsumenten sein. Passenderweise wird dieses Phänomen bei Wikipedia auch als “Psychische Obsoleszenz” bezeichnet. Ebenso passend allerdings auch, dass es dazu bisher keinen ausführlichen Beitrag gibt (im Gegensatz zur “geplanten Obsoleszenz”) und der Absatz wegen fehlender Zitate von der Streichung bedroht ist. Diesem Technik-Hype sollten sich Journalisten mal widmen. Ein sehr lohnendes Thema. Auch wenn es vielleicht unser System, das auf “selbst”-bestimmtem Konsum aufgebaut ist, in Frage stellen würde.

Martial Dancing. Oder die Regeln der Tanzfläche

Das Tanzen auf Parties unterliegt merkwürdigen Regeln, die sich mir mehr und mehr erschließen. Das Folgende trifft nicht unbedingt auf jede Party zu, aber je prolliger sie ist, desto eher werden diese Regeln wahrscheinlich zutreffen.
Eine einfache und offensichtliche Regel ist zum Beispiel: Je mehr Menschen sich auf der Tanzfläche befinden, desto geringer wird der Raum, um sich frei zu bewegen und angemessen zur Musik zu tanzen. Merksatz: Zusammengequetschte Sardinen tanzen nicht mehr, sie zappeln nur noch. Umgekehrt ist es jedoch auch so, dass je weniger Menschen sich auf der Tanzfläche befinden, es umso mehr Mut erfordert, sich auf die Tanzfläche zu wagen.
An dieser Stelle kommt nun ein Unterschied zwischen Männern und Frauen ins Spiel: Frauen gehen auf Parties, weil sie tanzen und sich bewegen wollen, Männer gehen dorthin, weil sie Frauen anschauen und, wenn möglich, abschleppen wollen. Das klingt etwas abgeschmackt und klischeehaft, erklärt aber doch das Verhalten vieler Männer rund um und auf der Tanzfläche.
Am Anfang der meisten Feiern stehen Männer mit ihrem Bier am Rand und warten, dass etwas passiert. Sie wippen dazu leicht mit. Dann kommen die ersten tanzwilligen Frauengrüppchen. Sie tanzen selbstbezogen erstmal im Kreis und blenden damit aus, dass sie die ersten Mutigen auf der Tanzfläche sind und von den am Rande stehenden Männern höchstwahrscheinlich nach Tanzstil und Aussehen abgecheckt werden. Bald gibt es mehrere solcher Grüppchen, in denen auch schon einzelne Männer mittanzen. Das führt zu einer Auflösung des Am-Rand-Klebe-Effekts der restlichen Männer: Zum einen wird es langsam fürs Frauenchecken zu unübersichtlich, zum anderen erfordert es nun weniger Mut und tänzerische Fähigkeiten, sich auf die Tanzfläche zu wagen. An diesem Punkt ist die kritische Masse erreicht und die Tanzfläche füllt sich immer mehr.
Wenn dieser Punkt erreicht ist, erfordert es keinen Mut mehr und immer mehr Männer strömen auf die Tanzfläche: Männer, die eigentlich nur wie Sardinen auf tanzende Frauen starren wollen, zappeln nun auch sardinenmäßig in der Mitte der Tanzfläche, womit sie tanzwilligen Frauen den Raum zum Tanzen nehmen und das skurrilerweise auch noch als sexuell aufgeladenes Antanzen wahrnehmen.
Für den weiteren Verlauf des Abends kann man folgendes Gleichgewicht für die Tanzfläche feststellen: Je mehr Männer auf die Tanzfläche zum Gucken und Zappeln strömen, desto weniger können die Frauen ausgiebig tanzen, desto eher verlassen sie die Tanzfläche, desto weniger gibt es für die Männer zu gucken, desto eher verlassen sie die Tanzfläche wieder und machen Platz für ausgiebig tanzende Frauen, die wiederum guckende und zappelnde Männer anlocken, usw.
Um mit diesem Phänomen umzugehen und trotz der zappelnden Männer tanzen zu können, will ich eine neue Technik entwickeln: Das Martial Dancing. In vielen Martial-Arts-Filmen wird inbesondere trainiert, wie man den Schlägen des Gegners am besten ausweicht, so dass diese ins Leere gehen. Dafür gibt es dann einen Parcours, den man unberührt absolvieren muss, oder mehrere Gegner, die versuchen, aus allen Richtungen auf den Helden einzuschlagen. Diese Fähigkeiten des Ausweichens will ich mit den Fähigkeiten zu Tanzen kombinieren und die neue Technik des Martial Dancings entwickeln. Man tanzt passend zum Rhythmus der Musik und weicht damit zugleich elegant all den ringsum befindlichen, in den persönlichen Tanzraum eingreifenden Zapplern aus. Den ersten Meister dieser neuen Tanztechnik würde ich dann “Dance Lee” nennen.

Erste Gedanken zur Einführung eines iKnigge: Über die Meldemoral

Neue Techniken führen zu neuen sozialen Verhaltensweisen. Sie lösen dabei alte Probleme und schaffen gleichzeitig neue. Das Handy beispielsweise hat viele neue Fragen des sozialen Verhaltens aufgeworfen. Ein iKnigge wurde aber noch nicht geschrieben (eigentlich ein Wunder, dass das noch niemand geschrieben hat).
Eine wichtige Frage, die in diesem iKnigge geklärt werden müsste, wäre in meinen Augen die Frage der Meldemoral. Wie reagiere ich auf verpasste Anrufe? Momentan sehe ich zwei Extremtypen, die wahrscheinlich die Enden einer Skala darstellen: Auf der einen Seite steht der Immer-Zurückrufer. Sobald man ihn einmal anklingelt, ruft er so schnell wie möglich zurück. Auf der anderen Seite steht der Nie-Zurückrufer. Egal, wie oft man ihn anruft, er ruft nie zurück. Ihn kann man nur erreichen, wenn er gerade Zeit hat und wirklich ans Handy geht.
Beide Positionen sind in sich schlüssig – vielleicht könnte man sogar eine Menschen-Typologie daraus entwickeln (mach ich an dieser Stelle aber nicht). Aus Sicht des Nie-Zurückrufers ist es so, dass der Andere doch etwas von einem will – also soll er sich auch melden. Der Immer-Zurückrufer weiß dagegen, dass der andere den Kontakt gesucht hat, warum sollte man ihn nicht zurückrufen und den Kontaktaufnahmeversuch auf diese Weise honorieren.
Möglicherweise hängen die verschiedenen Arten der Meldemoral auch damit zusammen, dass das Handy-Telefonat eine merkwürdige Zwitterstellung in der modernen Kommunkation einnimmt: Wenn der Kontakt zustande kommt, ist es eine sehr private und intime Form der Kommunation, aber wenn man denjenigen nicht erreicht, ist es die inhaltsleereste Art der Kommunikation. Wer eine SMS oder eine E-Mail bekommt, weiß zumindest, worum es inhaltlich geht. Beim verpassten Anruf kann es alles Mögliche sein. Das führt bei vielen dazu, dass sie erst dann zurückzurufen, wenn auch wirklich Zeit für einen Umgang mit dieser inhaltlichen Offenheit ist. Und das kann dauern oder auch vergessen werden. Eine Regel, die man bei verpassten Anrufen aufstellen kann, lautet: Je mehr der Angerufene zu tun hat, desto schlechter wird die Meldemoral.
Neben diesem Zeitfaktor gibt es aber auch Statusunterschiede: Die Personen, die einem am engsten verbunden sind, werden am ehesten zurückgerufen – selbst die Nie-Zurückrufer haben sicherlich solche Personen. Aufgrund dieses Zusammenhangs versuchen viele Menschen auch ihren persönlichen Status beim Anderen anhand der Dauer bis zu einer Rückmeldung abzulesen. Dabei sollte man jedoch vorsichtig sein, wenn man die anderen bisher genannten Faktoren berücksichtigt. Es dauert oftmals lange, bis man herausgefunden hat, welcher Kommunikationstyp der Gegenüber ist und welche zeitlichen Ressourcen er gerade hat.
Aber immerhin kann aus diesen Faktoren eine allgemeine Formel zur Berechnung der Rückmeldedauer aufgestellt werden:
Dauer der Rückmeldung = Meldetyp + Zeitfaktor – Persönlicher Status.

Der 90-er Jahre Musik-Hype

Disclaimer: Ich bin nicht versiert, wenn es um die neuesten Trends geht! Also alles, was ich nun schreibe, nicht so ernst nehmen – möglicherweise gibt es schon wieder einen neueren Trend oder was ich beschreibe, ist schon uralt.
Ich erlebe auf Feiern immer häufiger, dass Hits aus den 90er Jahren gespielt werden: DJ Bobo, Culture Beat, Whigfield oder Ace of Base. Ich finde das sehr peinlich, nicht nur weil es durch die banalen Beats und die oftmals hochgepitchten Stimmen so schlechte Musik ist, sondern besonders weil es gar nicht die Musik ist, mit der ich mich in meiner Jugend identifiziert habe. Ich habe diese Musik zwar gehört, aber ich bin dazu nicht in irgendeiner Form ekstatisch abgegangen. Zugegeben: Ich hatte eine eher ruhige Jugend und ich weiß daher auch nicht, ob andere früher zu diesen Songs so wild getanzt haben. Irgendwie kann ich es mir aber nicht vorstellen.
Dazu muss ich auch noch Folgendes gestehen: Ich habe mich jahrelang nicht getraut zu tanzen. Bei dieser Musik merke ich meine damaligen Ängste wieder. Hier wird Tanzen nämlich noch komplizierter: Neben dem eigentlichen Tanzen muss man zugleich auch noch eine ironische Geste zur Musik einnehmen. Diese Musik zu spielen, ist nämlich nicht ernst gemeint. Vielleicht ist es ist auch ein ironischer Ausweg aus der schwierigen Frage, welche Musik will ich ernsthaft auf meiner Feier hören. So spielt man lieber Musik, von der man weiß, dass sie schlecht ist, an die sich aber jeder erinnert. Man erwartet mit jedem neuen Lied einen weiteren geschmacklichen Tiefschlag – und dann tanzt man trotzdem dazu und singt vielleicht sogar mit. Das ist wirklich eine hohe Kunst. Mit genügend Alkohol verliert man dann sogar irgendwann die ironische Distanz.
Bei älteren Leuten habe ich mich früher manchmal gewundert, wenn sie bei irgendwelchen Rocksongs aus den 70er Jahren wie wild durchdrehen. Entsteht dieses Phänomen jetzt vielleicht auch? Nur, dass wir das bei Liedern machen, mit denen wir eigentlich gar nichts verbinden – außer vielleicht, dass wir jung waren. Reicht das wirklich aus?

Die Monologisierer

“Und, wie geht es dir?” Das ist eigentlich eine ziemlich einfache und naheliegende Frage. Dennoch scheint es Menschen zu geben, die sie in ihrem Leben noch nie gestellt haben. Es sind Menschen, die ununterbrochen erzählen, bei denen der innere Monolog zu einem äußeren geworden ist. Für solche Monologisierer sind die Bedürfnisse ihrer Umwelt irrelevant.
Eine Freundin erzählte mir beispielsweise von den Telefonaten mit ihrer Mutter folgendes: Ihre Mutter redete ohne Unterbrechung und Nachfrage immer weiter, so dass diese Freundin oft das Telefon völlig zur Seite legte, auch ohne den Lautsprecher einzuschalten. Nach 10 Minuten nahm sie dann den Telefonhörer wieder auf und ihre Mutter hatte nicht bemerkt, das ihr niemand zugehört hatte. Sie redete immer noch.
Doch wie kommt es zu einer solchen Ignoranz, zu einer solchen radikalen Ich-Bezogenheit? Meine These ist, dass es sich hier um eine Form der Vorwärtsverteidigung handelt. Welche Optionen haben Kinder denn, wenn ihre Eltern mit sich selbst beschäftigt sind, sich nicht für sie interessieren und sie vielleicht sogar verleugnen? Da gibt es die Möglichkeit, rebellisch zu werden – als Problemkind bekommt man sehr viel Aufmerksamkeit. Dann gibt es die Möglichkeit still zu werden und in sich selbst abzutauchen – dann macht man wenigstens keine Probleme und stört das Leben der Eltern nicht weiter. Eine dritte Möglichkeit ist in meinen Augen das ungefragte Erzählen. Es ist vielleicht ein Zwischenweg: Man schadet nicht wie das Problemkind, aber man verstummt auch nicht wie das in sich abgetauchte Kind.
Der Clou an diesem Weg ist: Gerade weil niemand fragt, wird geantwortet! Wenn man warten würde, bis man gefragt wird, bis sich jemand für einen interessiert, müsste man ewig schweigen. Erwachsene, die soviel reden, wurden nie gefragt, wie es ihnen geht. Sie mussten, um überhaupt wahrgenommen zu werden, von sich aus erzählen. Deshalb erzählen sie auch heute noch in den freien Raum, ins Leere hinein. Und das Traurigste daran ist vielleicht, dass sie, gerade weil sie nie das Interesse an ihrer Person kennengelernt haben, auch nicht wissen, wie man sich für andere interessiert und wie man andere fragt.
Doch wie geht man damit um? Das jahrelang erfahrene Desinteresse, das durch ungefragtes Erzählen auch heute noch immer offensiv überbrückt werden soll, kann man nicht in einem Gespräch lindern. Schwierig ist auch, dass man, sobald man Interesse zeigt und nachfragt, diese Rede-Maschinerie erst recht in Gang setzt. Vielleicht ist sogar die Fähigkeit verloren gegangen, das Interesse der Anderen wahrzunehmen.
Während Monologisierer also normales Interesse oftmals nur als Bestätigung und Ermunterung zum weiteren Erzählen erfahren, gibt es noch andere Möglichkeiten des Umgangs mit ihnen. Interessant ist nämlich, wen sich solche Menschen als Freunde suchen: Der obigen Mini-Typologie entsprechend suchen sie nicht die Rebellen, sondern eher die stillen Schweiger. Mit Rebellen können solche Monologisierer nicht umgehen: Offensives Einfordern von Aufmerksamkeit stößt sie eher vor den Kopf, vielleicht weil sie es als Desinteresse an ihrer Person missinterpretieren. Daher sind die stillen Schweiger ihre eigentlich perfekte Ergänzung: Sie erdulden die ewigen Monologe, weil sie es ja gewohnt sind, sich nicht auszudrücken.
Ich bin mir nicht sicher, ob es jenseits dieser eigentlich ungünstigen Passung auch noch Hoffnung gibt. Vielleicht kann man mit konstantem Interesse die aus ewigem Plappern bestehende Mauer ihres Nichtwerts zum Einsturz bringen, so dass dahinter endlich auch andere Menschen für sie sichtbar werden.

Ist Trennung ansteckend?

Es gibt scheinbar Zeiten des Zusammenkommens und Zeiten der Trennung. In meinem Umfeld ist gerade Zeit der Trennung. Wie in einem Live-Ticker bei Spiegel Online kommen täglich neue überraschende Nachrichten über Paare heraus, die sich trennen wollen oder auch schon getrennt haben. Das wirft doch die Frage auf: Wie kommt es zu dieser erstaunlichen Häufung? Ist Trennung vielleicht ansteckend? Gibt es eine unerkannte Trennungsepidemie?
Der einzige mir bekannte Fall, in dem es eine solche offensichtliche Ansteckung gab, war der von zwei Freundinnen, die beide jeweils zwei Kinder und einen Mann hatten. Eine der beiden war latent unzufrieden und sprach mit ihrer Freundin häufig darüber. Die Freundin stellte dann immer öfter fest, dass ihre Beziehung ähnlich “schlecht” war und dass ihr ähnliche Dinge fehlten. Die Freundin geriet auch in eine Beziehungskrise. Der Unterschied war nur, dass ihr Mann so nicht leben wollte und sich von ihr trennte. Die ursprünglich Unzufriedene blieb danach sogar noch wesentlich länger mit ihrem Mann zusammen. Heute leben beide von ihren Partnern getrennt.
Das war ein wirklicher Fall von Ansteckung. Vielleicht ist die ungewöhnliche Häufung mit einem Verweis auf eine Grippe-Epidemie zu erklären: Wer schon angeschlagen ist, wird dort auch viel leichter krank werden. Die Freundinnen hatten sich gefunden, gerade weil sie ähnlich unzufrieden waren. Sie hatten eine ähnliche psychische Konstitution und konnten sich deshalb anstecken.
Viele Konflikte schwelen aber auch lange jenseits der Öffentlichkeit. Umso erstaunlicher ist es dann, wenn das Kränkeln einer Beziehung öffentlich wird. Das passiert vielleicht sogar gehäuft und es kommt zu dieser merkwürdigen Epidemie.
Gegen die Trennungsepidemie hilft dann auch (im übertragenen Sinne) Kaltduschen: Man härtet sich ab, indem man sich nicht nur der Harmonie (des warmen Wassers) hingibt, sondern auch das Gefährliche und Abschreckende (des kalten Wassers) sucht. Und natürlich auch, indem man viel Vitamin C zu sich nimmt: Das Exotische und Besondere (des Obstes) sollte neben dem Alltäglichen und Langweiligen (des Graubrots) seinen Platz finden!
Soweit meine Tipps gegen die Ansteckung! Ich muss jetzt auch erstmal wieder kalt duschen gehen.

Mein Leben als Ideenkünstler

Neben meinen unausgeführten Geschäftsideen habe ich auch noch unausgeführte Kunstideen. Und wenn ich schon kein Gesamtkünstler (Idee+Umsetzung) sein kann, so doch zumindest Ideenkünstler (Idee-Umsetzung). Vielleicht findet sich ja ein begabter Bastler, der meine Ideen umsetzt und mich später in seiner Vernissage als Inspiration erwähnt.
Aber hier nun meine letzten Kunstprojekt-Ideen. Die müssen jetzt auch langsam raus, sonst ist kein Platz für neue Ideen:

Die Genomobile
Inspiriert durch schlecht gemachte Mobile in einer Ausstellung neulich würde ich die Idee des Mobiles weiter ausbauen. Man kombiniert das Mobile, also ein Windspiel, mit einem Genogramm, also einem Stammbaum. So schafft man das Genomobile. Erste Versuche startet man mit dem eigenen Familienstammbaum. Um künstlerischen Erfolg zu haben, baut man riesige Genomobile von bekannten Familiendynastien, z.B. der britischen Königsfamilie. Um ein wenig zu provozieren, baut man natürlich auch die unehelichen gezeugten und die heimlich abgetriebenen Kinder ein. Das wollen die Medien doch, das man auch ein bisschen kritisch als Künstler ist. Daher könnte man dann auch eine Serie mit Firmenbeteiligungen anfangen: Riesige Windspiele, die das Firmengeflecht heutiger Aktien-Unternehmen zeigen. Davon macht man ein paar kritische und ein paar im Unternehmensauftrag, die dann in den Foyers und Lobbies rumhängen und dem Kunden die Weltläufigkeit des Unternehmens beruhigend einflüstern.

Die Artoffel-Serie
Ich schnitze kleine vergängliche Skulpturen aus Kartoffeln: Die Artoffeln. Diese Idee lässt sich sehr weit ausbauen: Man könnte beispielsweise andere Früchte schnitzen, zum Beispiel eine Banane oder einen Apfel. So würde man selbstreflexiv mit der Form der Kartoffel und ihrer Austauschbarkeit als Nahrungsmittel spielen. Man könnte auch Figuren schnitzen, beispielsweise eine Armee aus immer verschiedenen Soldaten, die sogenannte Terrkartoffa-Armee. Die ersten wären längst verfallen, wenn die letzten fertig werden. Man könnte mit Artoffeln ganze Szenarien darbieten, beispielsweise die Schlacht von Verdun oder vielleicht auch aktuellere Szenen, wie den Prozess um Uli Hoeneß. Da man diese Artoffel-Skulpturen nicht sammeln kann, zeigt man auch die Vergänglichkeit des Kunstbetriebs und entlarvt alle Künstler, die längerfristige Werke schaffen (z. B. ein Bild oder einen Roman) als Kommerzschweine. (Auch wenn man natürlich von dem Schnitzen von Artoffeln letzten Endes nicht leben können wird. Aber immerhin hat man sie dann entlarvt!)

2000 Kilometer Verwirrung
Angelehnt an den schönen Diavortrag “2000 Kilometer Freiheit: Zu Fuß über die Alpen von Wien nach Nizza” plane ich einen eigenen Diavortrag. Ich würde in einem kleinen Dorf in Thüringen anfangen. Ich würde den Leuten immer die gleiche Frage stellen: “Wo geht es hier nach Moskau?” Dann würde ich direkt ein Foto von ihrem Gesicht machen. Falls sie mir dann die grobe Richtung weisen, würde ich noch ein Foto von der zeigenden Geste machen. Dieses zweite Foto kann später als dramaturgischer Kniff eingesetzt werden (Spannung beim Zuschauer: “Zeigt er’s oder hält er ihn für verrückt?”). Ich denke, alle Geschichten werden sich allein aus diesem überschaubaren Anfangsimpuls für eine Kommunikation ergeben. Falls nicht, könnte man auch noch nachschieben: “Wollen Sie vielleicht mitkommen?” Besonders die Reise durch Polen und Weißrussland dürfte dann überraschend werden. Der Diavortrag, in dem ich nur die verwirrten Gesichter und die zeigenden Gesten vorführe, hieße dann: “2000 Kilometer Verwirrung: Fragend auf dem Weg nach Moskau”.

Meine besten Geschäftsideen

Mein manchmal abstruses Denken verschafft mir manchmal ebenso abstruse Geschäftsideen. Nur leider verlässt mich bei der Umsetzung meist die Lust. Daher will ich drei Ideen der letzten Wochen zumindest hier mal präsentieren. Vielleicht findet sich ja jemand, der das kongenial umsetzt, und der mich dann an all den Gewinnen beteiligt, so dass ich nie wieder arbeiten muss:

1. Das Fahrrad-Kino
Viele Menschen fahren einfach nur mit ihrem Fahrradlicht nach Hause. Sie wollen sehen, wo sie langfahren. Wie langweilig! Seit es jedoch ultra-mega-helle LED-Lichter gibt, muss diese Langeweile nicht mehr sein. Einfach ein Dia vor’s Fahrradlicht und schon macht Radfahren Spaß. Man kann seine Familiengeschichte betrachten, wenn man ein uraltes Dia einlegt, das man auf dem Dachboden seiner Oma gefunden hat oder man kann sich die Bilder des letzten Urlaubs noch einmal anschauen, der so schrecklich im Kontrast zum alltäglichen Nachhauseweg steht. In der Deluxe-Variante kann man natürlich auch einen kleinen Film im eigenen Fahrradlicht laufen lassen, der über eine Filmspule gezeigt wird, die über die entstehende Fahrenergie angetrieben wird. HD-Qualität lässt sich auf diese Weise allerdings im Fahrradkino bisher noch nicht erreichen.

2. Tastopax:
Für alle Menschen, die Kinder haben, die manchmal im großen Bett bei den Eltern mitschlafen wollen: Da genügt es oftmals nicht, einfach nur Ohropax ins Ohr zu stecken. Kinder schlagen im Schlaf manchmal unwillkürlich aus und drehen sich oft in die ungünstigsten Richtungen. Für diese Situationen gibt es nun Tastopax! Tastopax macht in der Nacht unempfindlich gegen Berührungen wie beispielsweise plötzliche Füße im Gesicht. Man kann endlich wieder durchschlafen! Tastopax gibt es in der Classic-Variante als Pille, die alle Körperempfindungen der Haut abschaltet, und für Esoteriker in der Bio-Variante in Form eines Ganzkörperanzugs aus ökologisch einwandfrei gezapftem Kautschuk!

3. Der Jakobsweg auf der Playstation:
Die ultimative Idee für alle, die nicht mehr laufen können (Rentner) oder wollen (Computerspieler) und trotzdem spirituelle Erleuchtung suchen: Man absolviert den Jakobsweg einfach bequem zu Hause auf der Couch auf seiner Playstation! Am Anfang kann man wählen, welchen Charakter man haben will: Rentner mit Rückenproblemen, junger Mann auf Sinnsuche, mittelalter Mann nach Scheidung oder in der Midlife-Crisis, oder man nutzt die einmalige Chance, in einem Spiel zwei spirituell veranlagte junge Mädchen zu spielen, die sich nicht getraut haben allein zu laufen und sich nun gemeinsam selbst erfahren wollen. Auf dem Weg passiert dann einiges: Man trifft alle anderen Figuren und kann dann im Monkey-Island-Stil Gespräche mit ihnen führen. Nebenbei kann man sein spirituelles Karma aufladen oder durch die falschen Begegnungen (Touri-Shop, All-you-can-eat-Buffet) völlig verlieren. Als Rentner kann man zusätzlich sein Rücken- und Körperkarma aufladen, weil man ja auch immer gegen die eigene, innere Uhr anläuft – auf dem Jakobsweg hieße der Tod dann: plötzlicher Tod durch Erleuchtung.

Absurde Ehrlichkeit

Eigentlich hatte ich mir geschworen, immer ehrlich zu sein. Eigentlich sollte es nur ein paar Ausnahmen geben, wann ich nicht die Wahrheit sagen würde. Eine solche Ausnahme hatten wir damals im Ethikunterricht in meiner Schule durchgespielt. Dafür standen dann Gestapo-Leute bei dem Mann, der Juden versteckte, vor der Tür und fragten: “Haben Sie Juden im Haus?” In diesem Fall war es eine moralische Notwendigkeit zu lügen. Nun habe ich aber eine weitere Form der berechtigten Lüge entdeckt: Die absurde Ehrlichkeit.
Ein Beispiel: Auf einer Party saß ich auf einer Couch, vor uns standen Leute. Nach einer Weile gingen sie weg und es blieb ein 5-Euro-Schein auf dem Boden liegen. Der Schein lag genau an der Stelle, an der ein Typ gestanden hatte, den ich flüchtig kannte. Ich hob den Schein auf und suchte den Typen – aber er war bereits gegangen. Nun ist die Frage: Soll ich diesem Typen, der mich kaum kennt, auf der Straße Tage später noch diesen 5-Euro-Schein geben? Immer wenn ich ihn sehe, muss ich darüber nachdenken und entscheide mich dagegen.
Das Wiedergeben wäre wirklich absurd ehrlich. Es überschreitet eine Grenze der Ehrlichkeit, deren Existenz mir zuvor gar nicht bewusst war. Scheinbar gibt es auch so etwas wie eine “normale”, gesellschaftlich akzeptierte Ehrlichkeit und eine “ungesunde”, übertriebene Ehrlichkeit.

Die Belas. Über die Weiterentwicklung und das Ende der Kunst

Heute morgen lief ein neuer Song von Bela B. im Radio. Unglaublich eigentlich, dass Bela B. noch Musik macht! Unwillkürlich musste ich daher an einen anderen Bela denken, über den ich neulich einen Vortrag gehört hatte: Den ungarischen Regisseur Bela Tarr. Er soll nach seinem Film “Der Mann aus London” im Jahr 2008 gesagt haben: “Ich drehe keine Filme mehr. Mit diesem Film habe ich alles gesagt – jeder weitere Film wäre nur noch Wiederholung.” Das ist eine wirklich interessante Aussage: Kann man an das Ende seiner Kunst stoßen? Kann man seine künstlerische Form und seine Fähigkeiten komplett ausreizen?
Das Gegenstück zu dieser Vorstellung der “Auserzählung” der eigenen künstlerischen Idee ist wohl die Vorstellung der künstlerischen Weiterentwicklung. Der Künstler spiegelt seine persönlichen Veränderungen in seine Kunst hinein: All die Krisen und Verluste, all die Hoffnungen und Neuanfänge, all die Eingebungen und Rückfälle. Man schaut dem Künstler beim Werden zu. Für diese Erfahrungen braucht er auch neue Formen und entwickelt sich auf der Suche danach künstlerisch weiter. In diesem Sinne kann er den künstlerischen Formfundus gar nicht aufbrauchen.
Das ist allerdings eine sehr idealistische Vorstellung. So wie die meisten Menschen auch, neigen Künstler dazu, irgendwann an einen festen Kern ihres Selbst und ihrer Ausdrucksmöglichkeiten zu glauben. Es ist in der Kunst ja zudem auch fest verankert, einen bestimmten Stil, eine wiedererkennbare Marke für ein bestimmtes Publikum zu entwickeln. Insofern ist eine Veränderung oftmals nur in engen, formalen Grenzen möglich und eine Wiederholung fast unvermeidbar. Den einzigen Ausweg bildet eine „Neuerfindung“ des Künstlers. Dieser Weg birgt aber auch immer die Gefahr, vom Publikum nur als beliebig ausgetauschte Form oder als aufgezwungene Veränderung wahrgenommen zu werden.
Vielleicht wird vor diesem Hintergrund die formale Eingleisigkeit in Richtung Perfektion eines Bela Tarr umso bewundernswerter: Wenn man das perfekte Werk geschaffen hat, dann hört man einfach ohne Wiederholung und Variation auf. Man steigt aus, bevor es das Publikum tut. Der andere Bela, Bela B., wählt hingegen einen Zwischenweg und macht – jenseits der Suche nach dem perfekten Werk – einfach immer weiter. Er entwickelt sich und wiederholt sich: Er macht jetzt quasi Folk, aber seine Stimme und sein Gesang wiederholen sich nur noch.
Allerdings hat auch Bela Tarr es letzten Endes nicht geschafft, sich nicht zu wiederholen: Nachdem er bereits mit dem „Mann aus London“ alles gesagt hatte, hat er tatsächlich noch einen weiteren Film im Jahr 2012 gedreht. Vielleicht wollte er dem Publikum damit beweisen, dass er Recht hatte und sich wirklich nur noch wiederholt. Vielleicht wollte er aber auch in das bisher unerkundete Terrain einer postperfekten Kunst, einer Kunst nach dem Ende der (eigenen) Kunst vorstoßen. Das Ergebnis soll auf jeden Fall, da hatte Tarr recht, eine langweilige Wiederholung seines bisherigen Werks gewesen sein.

Sonder-Reflektions-Bereiche

In letzter Zeit stelle ich immer wieder fest, dass es unterschiedliche Bereiche der Reflektion gibt. Die Klugheit eines Menschen sagt meist nur wenig über seine Reflektiertheit über die ihn im Alltag umgebenden Strukturen aus. Die Anwendung der intellektuellen Fähigkeiten beschränkt sich meist auf die eigene Arbeit und das politische Tagesgeschehen.
Für den gebildeten Bürger ist es klar, dass er eine Meinung zum tagespolitischen Geschehen hat – zu all den Skandalen, zu den Gesetzesinitiativen oder zu den Protestbewegungen. Weniger klar ist jedoch, ob er auch eine Meinung zu den medialen Strukturen hat, in denen ihm all das dargeboten wird. Ist ihm klar, dass die Berichterstattung über ein Ereignis extrem einseitig sein kann und dass es ebenso andere Positionen geben kann, die medial nicht genannt werden? Ist ihm klar, dass die medialen Strukturen der Aufmerksamkeitserzeugung eine Berichterstattung über viele, alltägliche Themen gar nicht erlauben? Diese medienkritischen Fragen ließen sich fortsetzen. Dabei ist es für mich immer wieder erstaunlich, wie parallel die Argumentationen wirklich kluger Menschen zu denen der Medien verlaufen – insbesondere auch von Menschen, die gesellschaftlich zum Inbegriff von Klugheit gemacht werden: Von Universitätsprofessoren.
Früher habe ich das immer damit erklärt, dass das ja auch nur Medienkonsumenten sind. Man kann nicht erwarten, dass sich jeder kritisch mit den Medien auseinandersetzt. Heute würde ich das noch erweitern: In meinen Augen gibt es Sonder-Reflektions-Bereiche, die neben oder quer zu den „normalen“ Bereichen von gedanklichen Auseinandersetzungen liegen. Es sind Bereiche, in denen sich Menschen kritisch mit den sie umgebenden Strukturen auseinandersetzen, statt sie als gottgegeben und alternativlos hinzunehmen. Ich lese zum Beispiel bei medialen Inhalten immer auch die medialen Darstellungsweisen mit und frage mich dann fast automatisch: „Ist das wirklich alles? Was steckt eigentlich dahinter?“
Aber dass sich dieser Sonder-Reflektions-Bereich bei mir etabliert hat, ist durch meine persönliche Beschäftigung mit den Medien bedingt. Angestachelt wird die Entstehung solcher Sonder-Reflektions-Bereiche also vermutlich zum einen von der Entdeckung, dass die Strukturen, wie sie uns präsentiert werden, auch anders und besser sein könnten, zum anderen oftmals auch aus der Angst vor negativen, gesellschaftlichen Entwicklungen. Diese Bereiche speisen sich somit aus den beiden Seiten des Möglichkeitssinns: Dem Denken von positiven und negativen Alternativen zum Jetzt-Sein.
Um das zu illustrieren, vielleicht noch zwei Beispiele: Ein Freund von mir ist im Sonder-Reflektions-Bereich „Kapitalismus“ sehr bewandert. Für ihn sind Reflektionen darüber, über das Wesen des Kapitalismus und wie es unsere Gesellschaft bis in die persönlichen Beziehungen prägt, völlig selbstverständlich. Er hat dort ein weites Spektrum von in sich schlüssigen Argumentationen entwickelt. Ich kann damit oft nichts anfangen und verstehe die Argumentationen zwar ansatzweise, sehe aber weder das akute Bedrohungspotential noch die Möglichkeiten zur Änderung.
Ein Bereich, in dem es mir wie ihm ergeht und ich oft auf Unverständnis stoße, ist der des „Datenschutzes“. Es gibt kluge Menschen, denen es einfach egal ist, was mir ihren persönlichen Daten passiert. Sie können sich einfach nicht vorstellen, wohin die aktuellen Entwicklungen führen könnten. Dieser von Skepsis geprägte Gedanken-Bereich ist für sie unzugänglich.
Man erkennt an diesen beiden Beispielen auch, dass es gesellschaftlich akzeptierte und weniger akzeptierte Sonder-Reflektions-Bereiche gibt: Die Reflektion über den Kapitalismus war in den 70er und 80er Jahren sehr beliebt, die Reflektion über den Datenschutz ist es heute.
Man muss in diesem Zusammenhang allerdings auch berücksichtigen, dass solche Sonder-Reflektions-Bereiche das Leben in unserer Gesellschaft nicht gerade einfacher machen. Upton Sinclair soll einmal gesagt haben: „Es ist schwer, einen Mann dazu zu bringen, etwas zu verstehen, wenn sein Einkommen davon abhängt, es nicht zu verstehen.“ Vielleicht kann man diesen Spruch auch noch abwandeln: „Es ist schwer, jemanden dazu zu bringen, etwas zu verstehen, wenn sein Lebenskomfort davon abhängt, es nicht zu verstehen.“

Was sich mit Kind alles ändert

Früher habe ich im Hotel immer danach gefragt, bis wann es das Frühstück denn gibt. Heute frage ich nur noch, ab wann es denn Frühstück gibt.

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