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Klingsors Letzter

Wider die exotische Zirkuswelt. Über die Würde der Figuren in skurrilen Filmen

Es ist eine hohe Kunst, einen skurrilen Film zu drehen. Vielen Regisseuren gelingt dabei nur der erste Schritt: Sie erschaffen eine Welt, die der Zuschauer als skurril wahrnimmt. Ihr Werk schäumt über vor schrulligen Figuren, merkwürdigen Dialogen und versponnenen Geschichten. Der Zuschauer erhält Einblick in diesen wahnwitzigen Kosmos und ist überwältigt von dessen Fremdheit – besonders im Vergleich zu seinem eigenen, in festen Bahnen verlaufenden Leben.

Und dennoch reicht dieser übersprudelnde Ideenreichtum nicht aus, der Skurrilität echtes Leben einzuhauchen, sie für den Zuschauer wirklich spürbar werden zu lassen. Es muss etwas Zweites hinzukommen, das viele ideenreiche Filme leider vernachlässigen: Die Würde der Figuren und der Filmwelt muss gewahrt bleiben. Der Film muss die Figuren in ihren Schrulligkeiten und Skurrilitäten ernst nehmen und das bedeutet, dass sich die Figuren selbst ernst nehmen müssen. Ihre Welt ist eben so! Es darf keine exotische Zirkuswelt sein, die nur erschaffen wurde, damit ein Kino-Zuschauer sich daran belustigt.

Ein Film, dem es gut gelingt beides zu vereinen, ist beispielsweise „The Big Lebowski“. Der Film zeigt eine Welt, die in sich gefügt ist und in der es klare Regeln gibt. Es gibt einen absurden Vorfall, der absurde Konsequenzen nach sich zieht. Und selbst wenn der Film einen Überschuss an Skurrilität aufweist, wie beispielsweise in der Szene der nackten Malerin auf der Schaukel, dann gibt es immer noch die Hauptfigur, die dies ebenso skurril findet und mit der sich der Zuschauer – egal wie merkwürdig er sie sonst auch finden mag – identifizieren kann.

Im Gegensatz dazu steht ein Film, der momentan als Kritikerliebling und Geheimfavorit für die Oscars gehandelt wird: „Three billboards outside Ebbing, Missouri“. Es geht um die Geschichte einer Frau, deren Tochter vergewaltigt und getötet wurde. Aus Wut über die Untätigkeit der Polizei mietet sie drei Werbeflächen (Billboards) und klagt darauf den lokalen Polizeichef an.

Diese spannende und dramatische Grundidee hätte ein guter Film über die Sinnhaftigkeit eines privaten Rachefeldzugs und die damit einhergehende Spaltung einer amerikanischen Kleinstadt werden können. Das war dem Regisseur aber scheinbar nicht genug. Stattdessen musste es dramatisch überspitzt werden: Der angeklagte Polizeichef hat Krebs im Endstadium! Selten wurde ein moralischer Konflikt so offensichtlich herbeigeschrieben: Zuschauer, sag, mit wem hältst du‘s: Dem untätigen, sterbenskranken Polizisten oder der zornigen Mutter, die ihr Kind verloren hat?

Dieses plumpe Drehbuch-Manöver hätte theoretisch zu einem ernsthaften Film führen müssen. Eine absurde Geschichte wie in „The Big Lebowksi“ kann man daraus jedoch nur schlecht machen. Dennoch versucht der Film dies. Neben der Moral-Geschichte soll die Südstaaten-Welt als ein skurriles Kuriosum vorgeführt werden. Dabei wird auf keine merkwürdige Idee verzichtet: Bezeichnend ist beispielsweise der Zwerg, der sich heimlich in die Hauptdarstellerin verliebt. Oder die neue 19-jährige Freundin ihres Ex-Manns, die in einem Zoo gearbeitet hat und daher stinken soll. Es ist wie in einer schlechten Sitcom, in der die Lacher fehlen: Jeder versucht, einen Witz auf Kosten des anderen zu reißen. Oder besser: Jeder versucht, den anderen noch radikaler zu beschimpfen. Dabei erreicht der Film das Klimax des Beschimpfens eigentlich schon in einer der ersten Szenen: Die Hautpdarstellerin beleidigt einen Priester, der ihr ins Gewissen reden wollte, und schmeißt ihn aus ihrem Haus. Eine Szene, die ganz offensichtlich zeigen soll, dass dieser Film bereit ist, (ehemalige) Grenzen zu überschreiten. Zumindest mir war es jedenfalls neu, dass Priester im 21. Jahrhundert noch Hausbesuche machen.

Das endlose Fluchen und Beschimpfen soll die Wut der Hauptdarstellerin zeigen und gleichzeitig für den Zuschauer lustig sein. Darin wird die ganze Gratwanderung deutlich, die der Film versucht: Drama und Komödie gleichzeitig zu sein. Aber der Film übertreibt selbst diese Wut, die ja schon zu Anfang so endlos groß war, und verliert die Balance: In einer Szene tritt die Hauptdarstellerin Schulkindern in die Eier (!), weil sie eine Dose auf ihr Auto geworfen haben. Dort opfert der Film die Hauptdarstellerin auf dem Altar des Skurril-sein-Wollens.

Alle anderen Figuren um sie herum werden ebenfalls der Skurrilität geopfert: Allen voran ihr eigener Sohn, den sie – vermutlich zur Auflockerung in einer angespannten Situation – mit Müsli bewirft und der dann eine ganze Szene lang Müsli im Haar hat – sehr zur Belustigung seines Vaters. Dabei hatte diese Figur es eigentlich geschafft, die Ambivalenz des Zuschauers perfekt zu verkörpern: Betroffen vom Verlust der Schwester, aber dennoch skeptisch ob der Plakataktion.

Eine weitere Figur, die der Lächerlichkeit preisgegeben wird, ist der jähzornige und dümmliche Polizist Dixon. In der gesamten ersten Hälfte des Films soll der Zuschauer über ihn lachen: Wie er cool eine Nuss in den Mund werfen will, aber natürlich scheitert. Oder wie er sich darüber aufregt, dass die Hauptdarstellerin „Folter von Niggern“ und nicht – wie es seiner Ansicht nach korrekt heißen müsste – „Folter von Farbigen“ sagt. Er ist eine Lachnummer und das Klischee eines Angry White Dude – ganz genau so wie es sich der linke Intellektuelle vorstellt: Ein wirklich dummer, gewalttätiger Typ, der immer noch mit seiner Mutter zusammenwohnt! Es gibt keinen Versuch, ihn in seiner Welt ernst zu nehmen. Und dann wird diese lächerliche Figur plötzlich zu einer Hauptfigur und erfährt eine Wandlung zum Guten?

Dies sind dramaturgische Wendungen, die nicht funktionieren können. Der Film ist überladen an Skurrilität und scheitert an dem schwierigen Balanceakt, gleichzeitig ein Drama über den Umgang mit Verlust und (!) eine skurrile Komödie über die Südstaaten-Welt sein zu wollen.

Erstaunlich ist nur, wieso dieser durchwachsene Film so sehr gelobt wird. Wenn dies der Höhepunkt des „alternativen“ Hollywoods sein soll, wie müssen dann die „normalen“ Filme sein. Aber vermutlich wird der Film gerade für sein penetrant vor sich hergetragenes „Ich-bin-so-Anders“-Sein viele Oscars bekommen.

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