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Klingsors Letzter

Der Tiger und die Angst

Manche Erkenntnisse bleiben für immer mit dem Moment ihrer Entdeckung verknüpft. So auch meine Erkenntnis über die Sinnhaftigkeit der Angst:

Vor einiger Zeit hatten wir samstags immer eine Kaffeerunde, die aus ausgedehntem Rumsitzen und Philosophieren bestand. Eines Tages kam ein älterer, weißbärtiger Mann ins Café. Er hatte Hippieklamotten an, sprach nur Englisch und wirkte wie ein Guru. Er bestellte sich einen Kaffee und wir kamen über die Tische ins Gespräch. Nach einer Weile setzte er sich zu uns.
Das Gespräch kam auf Umwegen zum Thema Angst. Er sagte schroff, dass Angst etwas Sinnloses sei. Wir argumentierten dagegen, dass es doch nur natürlich sei, Angst zu haben. Dann erzählte er diese Geschichte: Wenn man im Urwald unterwegs sei, könne man die ganze Zeit Angst vor dem Tiger haben, der hinter jedem Busch lauern könnte. Jedes Knacken könnte man als sein Kommen, jede Bewegung in der Nähe als sein Auftauchen interpretieren. Man könnte sich ausmalen, was man tun würde, wenn der Tiger vor einem stünde, wie man wegrennen oder auf den Baum klettern würde. All das werde ausgelöst durch die Angst. Aber was wirklich in einem vorgeht, wenn der Tiger vor einem steht, das seien tausend andere Emotionen und Gedanken: Es wäre Adrenalin da, es wäre Reflex da, es wäre eine blitzschnelle Beurteilung der Umgebung – Angst wäre nicht da. Also: Wozu vorher all die Angst? Wozu die Vorstellung des Tigers? Wozu das ganze Ausrichten auf das mögliche Erscheinen des Tigers?

Es war ein sehr schönes Plädoyer für das Leben im Hier und Jetzt. Aber hier endet die Geschichte noch nicht, sie bekam noch eine interessante materielle und eher irdische Wendung:
Kurz danach stand der ältere Mann auf und verschwand, ohne zu bezahlen. Irgendwie sah er plötzlich auch nicht mehr nur wie ein Guru aus, sondern auch wie ein Landstreicher. Konsequenterweise lebte er also seine eigene Theorie der Überflüssigkeit der Angst auch: Hätte er sich, ohne Geld zu haben, vorher Gedanken gemacht, wie er seinen Kaffee bezahlen sollte (der Tiger), er hätte seine Theorie bestimmt nicht so entspannt ausführen können (Spaziergang durch den Dschungel). Wir bezahlten dann für ihn – und erlegten so den Tiger, der für ihn (vielleicht) gar nicht vorhanden war.

1 Kommentar »

  Felix wrote @ Oktober 25th, 2016 at 15:23

Das ist aber eine schön erzählte Geschichte. Vor allem Dank der “irdischen Wendung”! :)

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