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Klingsors Letzter

Die Songopedia. Eine Utopie

Ich hatte mal einen Freund, der konnte seine Gefühle nur durch Musik ausdrücken. Wenn er jemanden sagen wollte, wie er sich fühlte, spielte er einem ein Lied vor. Musik war für ihn der Spiegel seiner Seele. Wahrscheinlich geht es vielen Menschen ähnlich – wenn vielleicht auch nicht in dieser radikalen, nur auf Musik fokussierten Form. Aber sie können Trost in der Musik finden, wenn sie wissen, dass sie mit ihren Gefühlen nicht allein sind und jemand anderes diese Gefühle sogar auch schon einmal in pointierter Form ausgedrückt hat.

Doch leider gibt es unendlich viel Musik, die einem unbekannt ist und die viellicht aber doch gerade die Themen behandelt, die einen beschäftigen. Daher plädiere ich dafür, so etwas wie eine „Songopedia“ aufzubauen. Die Lieder wären dort thematisch nach Songinhalten sortiert.
Da sich die meisten Lieder um Beziehungen drehen, würden in der Songopedia beispielsweise die prototypischen Verläufe von Beziehungen abgebildet sein:

  1. Verliebtsein – Abgelehntwerden – Schmerz.
  2. Verliebtsein – Zusammenkommen – Auseinanderleben – Trennung – Schmerz
  3. Verliebtsein – Zusammenkommen – Zusammenbleiben – Weiter verliebt sein – Kinderkriegen – Sich auseinanderleben – Betrogenwerden – Doch wieder zueinander finden – Gemeinsam alt werden

Den einzelnen Kategorien werden dann die passenden Lieder zugeordnet. So kann sich jeder das Lied raussuchen, das seinem momentanen emotionalen Zustand entspricht. Wenn man also die Kategorie „Verliebtsein“ wählt, hätte man beispielsweise „Unforgettable“ von Nat King Cole zur Auswahl. Natürlich könnte man dann noch Unterkategorien des Verliebtseins bilden: Heimliches Anschmachten; Einseitiges Verliebtsein; Beidseitiges Verliebtsein; Verliebtsein, aber der oder die andere ist noch vergeben, usw.
Die meisten Lieder handeln wahrscheinlich vom Verliebtsein bzw. vom unglücklichen Verliebtsein. Aber man würde auch Lieder entdecken, die sich mit den oftmals entstehenden, tragischen Mustern von längeren Beziehungen auseinandersetzen (so zum Beispiel das äußerst selbstzerstörerische „He hit me, and it felt like a kiss“ oder das selbstkritische „Anger“ von Marvin Gaye).
Die Lieder würden nicht nur nach Beziehungsverläufen sortiert sein. Sie könnten auch nach Alter sortiert sein: Kindliche Ich-entdecke-die-Welt-Musik, Pubertäre Ich-scheiß-auf-die-Welt-Musik; Adoleszente Ich-will-die-Welt-verbessern-Musik; Midlife-Crisis-Sinnkrisen-Musik; Einverstanden-mit-der-Welt-Sein-Alters-Musik.
Dasselbe könnte man dann auch mit Filmen und Büchern machen. Es würde eine riesige Mediapedia entstehen. Und niemand müsste sich mit seinen skurrilen Gefühlen und Gedanken mehr allein fühlen.

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