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Klingsors Letzter

Der Zuschauertext. Wenn jeder Gedanke ein Gedanke zu viel ist

Man kann die Qualität von Filmen daran erkennen, wie sie ihre Hauptfiguren vorstellen und einführen. Das kann ganz kunstvoll und über Umwege geschehen, oder aber über einen Weg, den ich den Zuschauertext nenne und der sich immer weiter ausbreitet. Dann sprechen die Figuren Sätze nur, um dem Zuschauer etwas klarzumachen – damit auch der dümmste versteht, worum es gerade geht. Beispielsweise wird erklärt, welche Verbindung die beiden gezeigten Personen zueinander haben oder welche Vorgeschichte sie haben. Ein fiktives Beispiel: „Hallo Schwesterherz, schön dich zu sehen. Nach dem Tod unseres Vaters haben wir uns ja drei Jahre nicht mehr gesehen. Schön, dass du da bist.“

Niemand würde so miteinander sprechen. Menschen haben in ihrer Welt geteiltes Wissen, weil sie einen geteilten Alltag oder eine geteilte Vergangenheit haben. Sie müssen zwangsläufig unverständlich für einen Fremden sprechen, wie das der Zuschauer ist. Die Kunst des Films, so er sich denn an Realität messen lassen soll, ist es, den Zuschauer in die Realität der handelnden Personen zu bringen, ohne diese aus der Realität mit solchem Text aussteigen zu lassen.

Das setzt beim Zuschauer die Fähigkeit voraus, logische Schlüsse ziehen zu können, oder besser: Situationen, die er sieht, entweder vor dem Hintergrund des bisher Gesehenen oder mit Hilfe seines Weltwissens einordnen zu können. Zuschauertext geht davon aus, dass der Zuschauer genau dies nicht kann und blind an der Hand des Regisseurs durch den Film geführt werden muss.

Warum trauen sich die Drehbuchschreiber und Regisseure nicht mehr, ihrem Publikum einen einfachen logischen Schluss zuzumuten? Wie kommt es, dass diese Entmündigung des Zuschauers zunimmt? Geht den vereinzelten Menschen die empathie-erfordernde Fähigkeit verloren, Situationen mit anderen Menschen zu sehen und sie einzuordnen?

Oder haben sich die Wahrnehmungsweisen des Mediums Film so verändert, dass die Zuschauer nur noch einfach konsumierbare Kost erwarten: Jeder selbst zu denkende Gedanke ist ein Gedanke zu viel. Sie sollen in den Bann des Films und seiner vorangetriebenen Handlung gezogen werden und nicht durch Nachdenken über die letzten Sätze oder die Figurenkonstellation abgelenkt werden. Scheinbar dürfen die Zuschauer nicht mehr im Filmkonsum irritiert werden. Oder nur noch da, wo es unmissverständlich und explizit drauf geschrieben wurde: Bei Lars-von-Trier-Filmen beispielsweise.

Neben dieser Zunahme von Zuschauertext, gibt es aber auch einen filmerischen Gegenentwurf: Die Andeutung, dass die Figuren im Film eine Welt jenseits des Films haben. Die wichtigsten Handlungsstränge und Motive sollten schon auserzählt werden, aber daneben finde ich es unglaublich spannend, wenn Filme damit spielen, dass sie nicht ihre ganze Realität abbilden. Woody Allen hatte das beispielsweise in „Vicky Christina Barcelona“ par excellence durch einen Erzähler vorführen lassen.

Die Figuren werden nicht durch einen unnatürlichen Text für den Zuschauer aus ihrer eigentlichen Realität geworfen, sondern dürfen in ihrer eigenen Realität bleiben und sogar noch Geheimnisse vor dem Zuschauer haben.

2 Kommentare »

  klingshor wrote @ Oktober 17th, 2017 at 16:06

Wie ich nun festgestellt habe, droht auch beim Romanschreiben diese Gefahr! Hier gibt es scheinbar den schönen Namen “Infodump” für den von mir so bezeichneten “Zuschauertext” (vgl. hier).

[...] Durch diese Figur kann auch vermieden werden, dass es künstliche Dialoge mit unnötigem Zuschauertext gibt. Nur wenige Filme schaffen es, die utopische Welt ohne Fremdfigur und ohne Zuschauertext [...]

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