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Klingsors Letzter

Kritische Geisterstunde

Es ist immer wieder erstaunlich, wie stark Arbeit und Mensch auseinanderfallen können, wie unglaublich deutlich manche Menschen das trennen können.
Heute war ich bei meinem Dozenten. Ein kluger Mann, der mit an der Spitze der kritischen Forschung steht und sich dem Kampf gegen den neoliberalen Zeitgeist verschrieben hat. Er sagte mir, dass er enttäuscht sei, weil ich einfach nur mit meiner Dissertation auf ein Stipendium gewartet habe, anstatt diese eigenständig voranzutreiben. Ich sagte ihm, dass ich das nicht konnte, da ich ohne eine klare Perspektive auf Finanzierung nicht arbeiten könnte, dass ich nicht loslaufen könnte, ohne zu wissen, ob jemals irgendwann ein Startschuss fallen würde.
Und nun kommt das, was mich wirklich schockierte: Er sagte, dass Menschen, die das nicht können, keine wissenschaftliche Karriere anstreben sollten. Übersetzt bedeutet das: Wer in völlig unklaren und prekären beruflichen Verhältnissen nicht an seiner ureigenen Idee mit vollstem Elan festhalten kann, der wird nichts an der Universität. Eine solche Aussage bei all der kritischen Forschung zu Prekarität, zu neoliberalen Leistungsanrufungen und zu Foucaultschen Selbstdisziplinierungs-techniken. Jetzt plötzlich ein Lob der akademischen Selbstausbeutung! Man muss intrinsisch motiviert sein, egal, was die Umwelt zurückmeldet. Dass man dann vielleicht doch durch die eine oder andere Absage enttäuscht wird, ist nicht menschlich, sondern vielmehr ein Zeichen der Schwäche, des mangelnden Glauben und der fehlenden Überzeugung vom eigenen Projekt. Wer Selbstzweifel habe, werde in diesem Betrieb nicht weiter kommen.
Ich war so baff, dass ich meine eher passive Position in dem Gespräch verließ und zu einem langen Monolog ansetzte, der leider nicht mit den Worten endete: “Schämst du dich nicht für diese Worte? Für diese absolute Bejahung der Gegenwart, für diese Betonung des Rechts des Stärkeren? Hast du überhaupt jemals deine eigenen Texte gelesen? Wie kann man denn so abstumpfen?” Stattdessen sagte ich empört, dass das doch den Ausschluss von vielen klugen Köpfen bedeute (und meinte natürlich auch mich) und dass doch damit ein riesiges Potential verschenkt werde. Das sei doch tragisch. Er entgegnete, dass die ganze Uni voll sei von Neurotikern, die irgendetwas kompensieren müssten, aber Menschen mit (offenen) Selbstzweifeln würde man dort nicht finden. Lakonisch meinte er noch, dass es ja ein Übernachfrage nach Doktorandenstellen gibt, da könne ja nicht jeder was bekommen, aber alle könnten dann darüber klagen, dass die Welt ja ach so gemein und tragisch sei. Seine Position war also insgesamt etwa die Folgende: Wer es nicht kann, der kann es nicht. Das sollte man irgendwann erkennen.
Vielleicht war dieser Subtext auch an mich gerichtet. Vielleicht war das nicht seine Abgeklärtheit im Umgang mit dem universitären Betrieb und auch nicht Ausdruck seiner mangelnden Fähigkeit, die in theoretischen Disputen oft in Stellung gebrachte Kritik auch im persönlichen Bereich auf kritikwürdige Zustände zu richten. Ich hatte ihn enttäuscht, er hatte mich enttäuscht. Ich hatte es ihm vorgeworfen, er mir ebenso. Das einzige Problem war, dass er aus seiner Position nicht mehr herauskam. Ich hatte erkannt, dass meine Enttäuschung nur aus einem bestimmten Eindruck entstanden war und nicht unbedingt berechtigt war. Nur konnte er seine Enttäuschung nicht überwinden. Vielleicht beflügelte mein Rückzug ja sogar auch seine Position. Er fühlte sich in der Position des Rechthabenden. Zu Tage trat dabei keine zynische Verbitterung, sondern eher ein So-ist-es und ein So-muss-es-sein. Alles Idealistische oder auch nur Humane wirkte dagegen lächerlich.
Diese Position macht mir Angst. Das Schreckliche dabei ist, dass der Weg dorthin so wenig sichtbar ist. Solange man nur das Schreckensbild der absoluten Abstumpfung, des puren Zynismus vor Augen hat, wird man die kleinen, wirklich gefährlichen Schritte auf dem Weg in die sogenannte “wirkliche Welt” nicht erkennen können. Davor schützt auch ein Beruf nicht, der sich professionell mit dem Kritisieren der gegenwärtigen Zustände beschäftigt. Vielleicht ist sogar gerade die Universität in ihren heutigen Strukturen ein Hort, der abgestumpfte Nihilisten ebenso anzieht wie erzeugt. Das finde ich, ganz der Idealist, der ich noch bin, sehr traurig.

3 Kommentare »

  Sancho Pansa wrote @ Juni 3rd, 2010 at 23:17

Saperlott! Da hast Du aber diesem neo-liberalen Wolf den kritischen Schafspelz über die Ohren gezogen und auf famose Weise zugleich den Spiegel vorgehalten!

Darf man auf mehr solch tollkühner Heldentaten hoffen?

  Klingsor wrote @ Juni 4th, 2010 at 01:13

Nein, leider nicht. Ich ziehe mich aus dem Enttarnungsgeschäft zurück. Stattdessen mache ich ein kleines Entwarnungsgeschäft auf und verteile Schilder, auf denen die Gefahren der gutbürgerlichen Existenz als abgewendet dargestellt werden. Entwarnung: Inflation abgewendet. Steuererhöhung abgewendet. Verregneter Sommer abgewendet. Oder: Entwarnung: Intellektueller Bundespräsident abgewendet. Jedes Schild ein Euro. Wenn man es reibt, erscheint ein Dschinn und sagt artig “Danke! - Und darauf jetzt einen Gin”.
Ich glaube übrigens es heiß Sapperlott.

  Anders Wolf wrote @ Juni 16th, 2010 at 16:06

Ich glaube, ich kann Deinen Dozenten verstehen oder zumindest, was er meint, nachvollziehen. Nicht unbedingt gutheißen, aber, da selbst erlebt, immerhin nachvollziehen. Das universitäre System ist nicht unbedingt ein freundliches, da kann es durchaus schadhaft sein, wenn man Selbstzweifel hat oder sich in der Forschungsrichtung, die man eingeschlagen hat, durch extrinsische Zweifel an der Richtigkeit der Theorie verunsichern lässt.
Ein Forscher muss - unabhängig von der erforschten Disziplin - den Mut und das Selbstvertrauen haben, die Grenzen seines Fachgebiets zu überschreiten, manchmal auch auf eigene Faust und mit eigenen Mitteln, auch auf die Gefahr hin, dass er nicht nur einen fachlichen, sondern auch einen materiellen Fehlschlag erleidet.
Gutheißen - wie gesagt - kann ich das nur bedingt. Das universitäre System begünstigt natürlich wie jedes etablierte System die abgesicherten Teilhaber. Es lässt damit aber auch diejenigen an sich vorübergehen, die nicht willens sind, das universitäre Spiel mitzuspielen, obwohl ihre potentiellen Theorien und Forschungen sicherlich nicht schlechter, sondern im Zweifelsfall sogar drastisch besser sein können als diejenigen der Etablierten.
Mit landwirtschaftlichem Begriff: Monokultur. Und wie nützlich das ist, wissen mittlerweile wohl fast alle.

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