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Klingsors Letzter

Der Mauerbau

Dies ist ein Eintrag, der aus Wut und Verzweiflung gespeist ist. Ich schreibe die wesentlichen Einflussfaktoren nun immer davor. Das macht die Einträge vielleicht verständlicher.
Es geht in diesem ganzen Scheiß System um nichts weniger als um Leistung! Es ist völlig intransparent, welche Faktoren bei irgendwelchen Auswahlprozessen eine Rolle spielen. Da gibt es dann den Spezi und den Spezi, und vielleicht gefällt dem einen dein Gesicht gerade nicht, weil er einen schlechten Tag hatte, oder der eine mochte dich, weil du das gleiche Hobby hast wie er. Und dann gibt es natürlich noch diejenigen, die einfach drauf losplappern, die sich zu verkaufen wissen, die mit ihrem aufgeplusterten Selbstbewusstsein jede Schallgrenze durchbrechen können.  Sie kommen überall hin. Dort werden sie zwar nicht glücklich, weil das auch bloß Schutz ist, aber das macht ja nichts.
Ich hatte lange Zeit nicht daran geglaubt, irgendetwas zu können. Ich war fest davon überzeugt, dass es eh alle anderen besser können. Ich hatte eine innere Mauer des Nicht-Werts aufgebaut. Sie hielt sehr lange stand, auch wenn ich zunehmend von außen anderes zu hören bekam. Das irritierte mich natürlich, weil es mit meinem Selbstbild überhaupt nicht zusammenpasste. Dann passierte etwas Merkwürdiges, ich bekam einen Preis, einen bundesweiten Preis für eine wissenschaftliche Arbeit. Das war absurd. Ich kam damit nicht zurecht. Sollte mein Selbstbild falsch sein? Die Mauer begann erstmalig zu bröckeln. Eingestürzt ist sie nicht. Allerdings führte mich dieses Erlebnis zu der irrigen Annahme, einen wissenschaftlichen Weg einzuschlagen, eine Promotion anzustreben. Ich gab meine bisherige Arbeit auf und begann nach einem Thema zu suchen. Was folgte war und ist ein Ablehnungsreigen. Die Kriterien all der Ablehnungen sind für mich völlig undurchsichtig. Zweimal reichte ich eine erneute Bewerbung ein, weil mir persönlich berechtigte Hoffnungen gemacht worden war. Zweimal bekam ich völlig standardisierte Ablehnungen. Zweimal kam ich zu einem Bewerbungsgespräch, zweimal scheiterte ich an den für mich absurden Fragen aus völlig verschiedenen Richtungen.
Die Mauer steht nun wieder. Allerdings, und das ist erstaunlich, sickerten durch die kurzzeitig entstandenen Löcher doch einige Vorstellungen dessen, was ich kann. Nur merke ich, dass das nirgendwo wirklich gebraucht oder gewollt wird und dass ich das niemandem mehr (besonders auch nach diesen Ablehnungen) glaubhaft vermitteln kann. Ich bewege mich auf ein “Verkanntes Genie-Dasein” zu, vielleicht ist das ja mein letzter Anker. Es soll sich ja gar nicht so schlecht als ein solches leben lassen. Nun muss ich mir nur noch mein eigenes inneres Königreich erschaffen, vielleicht noch eine eigenen Sprache, die kein anderer versteht, und voilà schon habe ich die nächsten drei, vier Jahre innere Ruhe. Vielleicht wird dieser Blog dann auch Verkündungsblatt meiner unglaublichen Weisheit – das war er ja schon eine ganze Zeit lang, so dass ich immer nur noch Kommentare wie “Äh” oder “Häh” bekommen habe. Und irgendwann, nach drei oder vier Jahren (oder vielleicht auch schon jetzt), klopfen der Zynismus oder die Weltverachtung an meine Tür und dann lasse ich sie herein, wie man gute alte Freunde hereinbittet, die man lange nicht gesehen hat. Ja, so wird es sein.
Oder auch nicht. Vielleicht mache ich auch einfach diesen schönen Satz von Neill Young zu meinem Lebensmotto: “Tomorrow see the things that never come today”. Dabei ist Hoffnung doch völlig absurd.

6 Kommentare »

  Robby wrote @ Mai 16th, 2010 at 21:57

Auch wenn die Aussage dich vermutlich wenig interessiert und/oder relativ wirkungslos bleibt, so muss ich sagen, dass du nach meinen bisherigen (realen) Wahrnehmungen einer der wenigen bist, die wirklich etwas drauf haben. Kein leerer Blender, sondern ein Mensch mit beeindruckendem Wissen und Verstand. Fand und finde ich wirklich sehr beeindruckend.

  Margurk wrote @ Mai 17th, 2010 at 15:56

Wenn mein Weg die Promotion wäre, würde ich dranbleiben. Und auch mir tun Ablehnungen weh. Aber es ist keine Kunst, immer an seinen eigenen Mauern zu scheitern. Alles Gute.

  Margurk wrote @ Mai 17th, 2010 at 16:06

PS: ich kann dich auch gut leiden. weil ich denke, dass du ein besonderer mensch bist.

  schascha wrote @ Mai 18th, 2010 at 20:42

Hoffnung ist auf jeden Fall völlig absurd. Schöner Satz, ich glaub, ich mach mal eine Woche Gurke mit den schönsten Klingsorblogsätzen. Dieser gehört dazu.

Ansonsten würde ich Deine Darstellung in der gewohnten gesellschaftskritischen Weise kommentieren, die Du ja schon mitsprechen kannst, nämlich u.a. daß Du keine Individualschuld trägst, daß es nur auf Glück ankommt und daß dieses Nichtaufgehoben- und Nichtwillkommensein, das Du empfindest, ein Merkmal und Krisensymptom einer rein warenorientierten kapitalistischen Gesellschaft ist, ebenso wie Deine daraus folgende Rückzugssehnsucht.

Und Neil Young wird nur mit einem L geschrieben.

  helow wrote @ Mai 24th, 2010 at 23:35

du erinnerst mich in deinem stil an einige autoren, die ich sehr mag. deine woerter sind voll von bildern die sich in meinem kopf ausbreiten. ejne gewisse unruhe ist auch enthalten. franz kafka, sag ich da nur.

  sehr nice wrote @ Mai 30th, 2010 at 12:16

da stimme ich helow voellig zu. ueber franz kafka darfst du dich auch sehr freuen.
ich lese gerne Ihren blog.

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