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Klingsors Letzter

Relativität und Beruhigung

Es ist für mich immer wieder erstaunlich, andere Arten des In-die-Welt-Gestelltseins kennenzulernen. Eine Art fasziniert mich immer wieder: Es ist diese wenig zweiflerische, nur-in-sich-selbst-ruhende Lebensform.
Ein kurzes Beispiel mag das illustrieren: Neulich bei einem Kaffee zu dritt beginnt ein Freund gegen eine Sache zu sticheln, die ich sehr mag. Anfangs wehre ich es noch ab, aber in der gleichbleibenden Intensität zwingt es mich doch dazu, diese absurde und unnötige Stichelei zu thematisieren. Nachdem es danach ruhig am Tisch geworden war, setzt bei mir ein Gedankenstrom ein: War diese Kritik überhaupt berechtigt? Es ist ja bloß eine Sache, die mir etwas bedeutet, die muss ihm ja nichts bedeuten. Liegt der Fehler nicht vielmehr bei mir, da ich ja eigentlich auch drüber stehen könnte? Als dann der stichelnde Freund gegangen war, frage ich den anderen, wie er das wahrgenommen hatte. Es war nicht so sehr der Inhalt seiner Antwort, der mich fasziniert hat, sondern die Selbstverständlichkeit mit der er dies sagte. Es bestand für ihn überhaupt kein Zweifel, dass man für die Dinge, die man mag, nicht ständig aufgezogen werden will. In seiner Stimme lag ein Eins-Sein mit den eigenen Gefühlen, eine absolute Berechtigung zum eigenen Gefühl – egal, was es auch sei.
Diese Absolutheit ist mir fremd. In mir geht bei jedem Streit sofort auch ein Fenster für die Relativität meiner eigenen Position auf. Von dort strömt dann eine Flut an Selbstzweifeln und Beschwichtigungen auf mich ein. Ein vorauseilendes Verstehen des anderen, ohne mich selbst in diesem Moment überhaupt ernsthaft in meinen Gefühlen verstanden zu haben. Deshalb bewundere ich die andere Position, dieses Eins-Sein.
Allerdings habe ich mittlerweile auch erkannt, dass es gerade für solche Menschen, die unzweifelhaft hinter sich stehen, sehr schwer ist, Empathie zu spüren, von der eigenen Position zu abstrahieren. Das ist die Kehrseite dieses In-die-welt-gestellt-Seins. Sie müssten eigentlich lernen, dass es jenseits ihrer Gefühle und von ihrer Position noch andere Menschen gibt. Das fällt ihnen aber zumeist sehr schwer, da diese Form des Solipsismus, dieser Ego-Klarheit, in unserer Gesellschaft auch ein Teil des Sollens-Programms ist. Sich durchsetzen, nicht an der eigenen Position zweifeln, ist erwünscht. Die wenigsten können daher ein Gefühl für die Relativität des eigenen Standpunkts entwickeln.
Da beruhigt es mich manchmal, dass ich mich ja aus der anderen Richtung nähere. Ich muss nicht die enorme Hürde eines aufkeimenden Zweifels am bisherigen absoluten Selbst nehmen, die alle Selbstverständlichkeiten zerstören kann. Ich muss “nur” die Hürde des absoluten Zweifels am Selbst nehmen. Das ist doch mal eine beruhigende Vorstellung!

4 Kommentare »

  Theodor Thornthrop wrote @ Mai 8th, 2010 at 17:50

Ein konstantes Sticheln ohne Rücksicht scheint mir eher ein Anzeichen für Unausglichenheit als für Selbstzufriedenheit sein. Hat man es nötig, andere mit Füßen zu treten, wenn man ohne Zweifel in sich ruht? Oder ist die zweifelfreie Agression eher eine Flucht nach vorne? Sucht man den Gegenwind, um sich zu versichern in der Welt zu stehen?

  schascha wrote @ Mai 11th, 2010 at 19:18

äh?

  schascha wrote @ Mai 11th, 2010 at 19:26

Dann gebe ich gleich mal Theodore recht, muß aber auch sagen, wer da als in sich Ruhender beschrieben wurde, ist ja eher der andere, der dann noch da war und da Urteil sprechen sollte.

So. Und dann finde ich folgendes: der urteilssprechende Nochdasitzer, der Dich beeindruckt hat als so in sich selbst ruhend, hat doch im Prinzip nichts anderes gemacht, als seine Ansicht vorzubringen, die Deine Zweifel als nicht nötig erklärt hat.
Ich finde, er wird hier gelobt als der große Solipsist, was er nicht ist. Er hat einfach zu einer Sache, die für ihn abstrakt ist, eine allgemeinen Standpunkt vertreten. Wir wissen nicht, wie er sich an Deiner Stelle verhalten hätte.
Aber was ich eigentlich sagen will: Leute, die eine klare Meinung zu sich und der Welt haben, müssen deswegen nicht auf Empathie und Mitgefühl verzichten. Sie können auch einfach mit sich im Reinen sein, ihre Grenzen kennen und die zu verteidigen wissen, wenn es nötig ist. Gegebenenfalls mit genau dem Verhalten, das Du gezeigt hast, als Du das Dir wichtige (was war das überhaupt? Huckelkuchen?) verteidigt hast.

  Robby wrote @ Mai 16th, 2010 at 21:53

Nur weil man eine klare Position vertritt, heißt es nicht, dass man den anderen nicht verstehen/mit ihm mitfühlen kann. (Umgekehrt gilt wohl dasselbe.) Der entscheidende Punkt ist - und das muss ich auch lernen, systemische Neutralität -, dass man schaut, wo man flexibel, offen und professionell sein sollte und wann man auch einfach mal blind und in Rage die Tür knallt. Zumindest ist das der Weg zur “Balance”, auf dem ich mich gerade befinde.

Aufräumen kann man danach immer noch.

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