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Klingsors Letzter

Archive for März, 2017

Die Gesellschaftstherapie. Eine Einführung

Das ist ein wirklich modernes Dilemma: Eine Freundin hatte das Angebot ein Praktikum in China zu machen, wusste aber nicht, wie sie klimaschonend dorthin kommen sollte. Sie überlegte ernsthaft, mit dem Zug zu reisen. Und alles nur, um die gesellschaftlichen Ansprüche in Einklang zu bringen, so viele praktische Erfahrungen wie möglich in ihrem Lebenslauf zu stapeln und gleichzeitig einen möglichst geringen ökologischen Fußabdruck zu haben! Bei dieser absurden Verkreuzung würde sich etwas anbieten, was ich immer schon einmal einführen wollte: Eine neue Form der Therapie – die Gesellschaftstherapie.

Die meisten (mir bekannten) Therapieformen sind darauf ausgerichtet, einen Menschen, der in der Gesellschaft nicht mehr richtig funktioniert, doch wieder zu einem funktionierenden Rädchen zu machen. Dafür muss er – am besten unterstützt durch die Einnahme von Medikamenten – sein Verhalten oder die Wahrnehmung seiner Umwelt ändern. Das ist die klassische Individualtherapie. Die Gesellschaftstherapie hat dagegen das Ziel, den Menschen zu zeigen, dass nicht ihr Verhalten oder ihre Wahrnehmung problematisch sind, sondern die widersprüchlichen und inkompatiblen Ansprüche der Gesellschaft an sie. Diese Ansprüche sind Bestandteile gesamtgesellschaftlicher Diskurse, die sich in vielen Fragen widersprüchlich und inkompatibel gegenüberstehen und die nicht im Kopf eines Einzelnen aufgelöst werden können.

Deshalb würde die Gesellschaftstherapie die Menschen beruhigen und gleichzeitig stärken, indem sie ihnen die Absurdität dieser Ansprüche vor Augen führt. Durch diese Wahrnehmungsveränderung könnte der Kampf der Ansprüche innerhalb der Menschen befriedet und die Aufmerksamkeit auf die Doppelzüngigkeit der Gesellschaft gelenkt werden. Zum Beispiel:

Man soll sich anstrengen und etwas leisten, dann wird man den Aufstieg schon schaffen. Und das in einer Gesellschaft in der Manager selbst bei den Pleiten ihrer Unternehmen absurde Boni bekommen. Aber man soll auch nicht neidisch sein. Und das in einer Gesellschaft, in der alles auf den permanenten Wettbewerb ausgerichtet ist. Oder: Man soll bei der Partnerwahl auf die inneren Werte achten, das Äußere sollte keine Rolle spielen. Und das in einer Gesellschaft, in der die Gesichter von Frauen auf nahezu allen Zeitschriften absurd porenfrei gephotoshoppt werden…

Die klassischen Therapieschulen würden der Gesellschaftstherapie wohl vorwerfen, dass sie den Menschen die Verantwortung für die Gestaltung ihres eigenen Lebens abspricht und dass sie sie zu passiven Opfern der gesellschaftlichen Umstände macht. Ich glaube allerdings nicht, dass sich die Menschen nach dieser Therapie lethargisch und depressiv in ihrem Unwohlsein einrichten werden, weil sie dann wissen, dass sie gegen die gesellschaftlichen Widersprüche nichts ausrichten können. Sie würden wahrscheinlich zuerst die chronische Konservativität der anderen Therapieschulen erkennen, die all die Absurditäten der gesellschaftlichen Ansprüche so selten thematisiert und den Menschen stattdessen lieber Medikamente zum besseren gesellschaftlichen Funktionieren verabreicht. Und sie würden dann auf die Straße gehen und für eine bessere Gesellschaft kämpfen, in der es solche himmelsschreienden Widersprüche nicht mehr gibt.

Das Sternchen und ich. Wie ich zu einem hetero-normativen Arschloch wurde

Neulich bin ich in der Gunst einer Kollegin extrem tief gesunken, weil ich meinen Text nicht sternchen*ge*gendert hatte. Sie sagte, sie habe selten einen so hetero-normativen Text gelesen. Das war skurril – mein Schreibstil hat sich nämlich seit dem Ende meines Studiums gar nicht so sehr verändert. Ich würde sogar sagen, dass ich gender-sensibler geworden bin. Damals war das Sternchen*Gendern allerdings noch gar nicht erfunden und daher hat sich wohl auch niemand über meine Texte beschwert.

Mittlerweile scheint es in der neuen Generation von Soziolog*innen so tief verankert zu sein, dass Texte ohne * sogar Zorn und Wut auslösen können. Wie absurd. Ich habe scheinbar einen Sprung in der Entwicklung der Soziologie verpasst. Ohne mein Zutun bin ich von einem normalen Soziologen zu einem hetero-normativen Arschloch geworden.

Damals vor zehn Jahren, als man noch die Wahl zwischen den Sonderzeichen „_“, „/“ und „*“ hatte, war das Sternchen eigentlich immer das Extremste und damit auch das Absurdeste. Unglücklicherweise habe ich dann verpasst, warum man nun plötzlich nur noch so gendert. Ich kenne das * eigentlich nur von Suchvorgängen in Windows, wenn man nicht genau weiß, wie die zu findende Datei heißt, oder aber als sympathischen Fußnoten-Ersatz, wenn man nur eine Fußnote hat und keine rational-wirkenden Zahlen verwenden will. Sind das die Analogien? Ein Sternchen, weil man gerade noch sucht und nicht genau weiß, welches Geschlecht man eigentlich hat? Oder ist das Sternchen die Fußnote für alle möglichen anderen Geschlechter, die dann aber weder im Text noch in der Fußnote genannt werden?

Leider bin ich auch ein Freund der Lesbarkeit. Und damit wahrscheinlich auch wieder ein konservativer, alter Sack. Aber ich stolpere wirklich über Zeichen, die einfach nicht lesetext%geeignet sind, weil ihre Bedeutung ausgesprochen unklar ist. Aber vielleicht habe ich – analog zur Schreibkompetenz – einfach noch nicht die Lesekompetenz eines*r „normalen“ Gegenwartssoziolog*n entwickelt.

Außerdem wüsste ich wirklich gerne, ob sich tatsächlich jemand durch das Sternchen repräsentiert und in seiner*ihrer Geschlechtsidentität besser verstanden fühlt. Oder ob das nur ein Solidaritätsstatement ist, mit dem die Soziolog*innen zugleich ihr reines Gewissen und ihr inklusives Geschlechtsbewusstsein zeigen. Aber wahrscheinlich hat es sich auch durchgesetzt, weil man damit zugleich das größtmögliche „Fuck You!“ an Leute senden kann, die die Gender-Perspektive gerne unter den Tisch kehren wollen. Jede Generation braucht wohl ihren K*mpf!