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Klingsors Letzter

Archive for Februar, 2017

Die Idee des Musicals. Oder: Wieso „La La Land“ nur ein inhaltsleerer Tanzfilm ist

Ich muss noch einen Verriss nachliefern. Dies ist besonders wichtig vor dem Hintergrund, dass dieser Film heute Abend bei der Oscar-Verleihung voraussichtlich sehr viele Oscars erhalten wird. Es geht um das „Musical“ „La La Land“.

Zunächst einmal zur Klärung: “La La Land” ist kein Musical! Der Film ist das, was man heute für ein Musical hält: Ein Film, in dem gesungen wird. Wer jemals ein altes Musical gesehen hat, wird das erkennen. In einem Musical, das ist für mich der entscheidende Punkt, drücken die Figuren ihre Emotionen, ihre Träume und ihre Wünsche in Liedern aus. Dadurch versteht man die Figuren besser, sie bekommen in diesem eher seichten Unterhaltungsgenre eine gewisse Tiefe. Das passiert bei La La Land so gut wie gar nicht. Dabei hätte es wunderbare Anlässe für Lieder gegeben.

Die Story geht so: Ein Mann und eine Frau verlieben sich. Beide sind noch erfolglos, haben aber ihre Träume: Er will einen Jazclub eröffnen, sie will Schauspielerin werden. Als der Erfolg langsam bei ihm kommt, weil er seine musikalischen Ansprüche senkt und durch die USA tourt, zerbricht die Beziehung. In dieser einfachen Story liegt ein unglaubliches Potential für Lieder mit Inhalt. Zum Beispiel: Sie sagt ihm am Anfang, dass sie Jazz hasst. Dann zeigt er ihr „wahren“ Jazz. Aber statt diesen Streit dadurch zu zeigen, dass sie ihren Standpunkt in einem Lied ausführt und Beispiele für Fahrstuhljazz oder nervigen Freejazz vorführt, und er ihr die Finessen, die Innovationen, den Flow, all das was großartig an Jazz sein kann, vorführt, statt diesen perfekten Liedinhalt auszuleben, sitzen sie nur an einem Tisch und er erzählt ihr all das, während die Kamera immer mal kurz zu einem Jazzmusiker zoomt. Wie lahm. Interessant wäre es auch gewesen, ein Lied zu hören, warum er dann den Kompromiss eingeht und in einer Soul-Jazz-Band spielt, die er vorher verachtet und für den Tod des Jazz gehalten hat. Ach, es hätte viele interessante Möglichkeiten gegeben.

Dabei startet der Film sogar mit recht guten Charakterdarstellungen. Beide Hauptdarsteller werden - wenn auch nicht im Sinne eines Musicals in Form von Liedern, so doch durch gut geschriebene Szenen - als Charaktere vorgestellt und plausibel gemacht. Ab der Hälfte des Films rächt es sich allerdings, dass Hollywood keine Vorstellung von Liebe jenseits des Verliebtseins hat. Deshalb gibt es eine deutliche Dysbalance zwischen der überausführlichen dargestellten Kennenlernen-Geschichte und der kaum gezeigten, gelebten Beziehung. Der Film schafft es nicht mehr, die kriselnde und sich langsam auflösende Beziehung zu zeigen. Dafür findet der Regisseur leider keine Sprache und - dies gelang ihm ja vorher auch schon nicht - erst recht keine Lieder.

Stattdessen flüchtet sich der Film ins Tanzen! Ab der Hälfte des Films wird kaum noch gesungen – nur noch getanzt. Daran zeigt sich die größte Schwäche des Films: Er ist ab der Hälfte ohne Inhalt, die Personen haben keine Tiefe mehr, sie haben nichts mehr zu sagen. Deshalb tanzen sie. Es gäbe zwar auch weiterhin Inhalte für die Lieder (die Enttäuschungen, die sich die Hauptfiguren zufügen, und dann das traurige Weiterleben), aber vermutlich war einfach kein Geld mehr da für gut geschriebene Szenen und pointierte Lieder (vielleicht fehlte auch die Erfahrung mit Beziehungen jenseits des Verliebtseins). Aber es war noch Geld für ausschweifige Tanz-Kamerafahrten da, die extrem leer wirken, weil sie eben nicht ausdrücken können, wie es den Figuren geht.

Trotz seiner Länge von über zwei Stunden endet der Film dann ziemlich abrupt. Die entscheidenden Phasen (das Erfolgreich-Werden, das Loslassen) werden einfach nicht gezeigt. Stattdessen wird ein „5 Jahre später“-Text eingeblendet. Beide sind natürlich (wie sollte es in einem Hollywood-Film anders sein) super erfolgreich geworden und treffen sich wieder. Dann passiert aber etwas Interessantes: Es wird gezeigt, wie weit sich Hollywood im Moment traut, auf ein Happy End zu verzichten. Das Happy End wird als Fiktion (wieder in Form eines Tanzes statt eines Liedes) komplett in allen Farben und Facetten ausbuchstabiert, um den Film danach doch noch in den letzten Sekunden „unhappy“ enden zu lassen. Das gezeigte Happy End schafft somit die Fallhöhe für die traurige Realität. Das ist vielleicht die größte Leistung dieses inhaltsleeren Tanz-Films: Die kitschigen Standards zu bewahren und sie dennoch ein wenig zu verschieben.

Die Verliebtheit. Über ihre Erscheinungsformen und ihre Zusammensetzung

Manche Dinge sollte man ja eigentlich nicht rational analysieren. Das war auch der Grund meiner ursprünglichen Angst vor dem Germanistikstudium: Dort sollte man Rilkegedichte nach Reimstruktur und Rhythmus zerlegen und damit alle Freude daran verlieren. Das erwies sich jedoch nur als Aberglaube: Das rationale Wissen um die Form hat die emotionale Freude am Inhalt noch verstärkt, weil man dann erst erkennen kann, wie beides kunstvoll miteinander verschränkt ist.

Und so braucht das Analysieren in meinen Augen auch nicht vor dem heiligsten und reinsten aller Gefühle, vor dem Inbegriff der puren Emotion zu stoppen: Der Verliebtheit. Wer dennoch Angst davor haben sollte, die emotionale Tiefe der Verliebtheit durch eine rationale Auseinandersetzung mit ihr zu verlieren, sollte an dieser Stelle aufhören zu lesen.

Verliebtheit ist nicht gleich Verliebtheit – es gibt verschiedene Varianten der Verliebtheit. Grundsätzlich kann man vielleicht zwischen Top-Down- und Bottom-Up-Verliebtheit unterscheiden. Top-Down bedeutet, dass man sich Hals über Kopf verliebt – eben die klassische Liebe auf den ersten Blick (Top). Man verliebt sich dabei allerdings oft mehr in ein Bild des Anderen als in dessen reale Person. Später beim wirklichen Kennenlernen der Persönlichkeit wird das idealisierte Bild dann mit einem realistischen Bild konfrontiert – oft folgt hier ein schroffer Aufprall (Down). Im Gegensatz dazu steht die Bottom-Up-Verliebtheit. Sie ist durch ein langsames Annähern gekennzeichnet. An ihrem Anfang stehen keine Idealisierungen und keine großen, filmreifen Liebesgefühle (bottom). Erst durch das gegenseitige Kennenlernen im Alltag wird die Verliebtheit langsam immer größer (up).

Medial präsenter ist natürlich die Top-Down-Variante (ohne allerdings jemals das Down näher zu beleuchten). Diese Form der Verliebtheit setzt sich wiederum aus verschiedenen Anteilen zusammen, die man separat beschreiben kann. Alleine würde vermutlich keiner dieser Anteile zu einer Verliebtheit führen, aber in ihrer Mischung bilden sie die Voraussetzung für Verliebtheit:

Der seelenverwandte Anteil
Man entdeckt in dem Anderen einen Seelenverwandten. Man fühlt sich erstmalig voll und ganz verstanden, weil der Andere ähnliche Erfahrungen wie man selbst gemacht hat. Man versteht sich einfach ohne Worte. Das Schwierige daran: Eigentlich kann nur die Differenz auch die nötige Spannung in einer Beziehung schaffen und zur persönlichen Weiterentwicklung führen. Und: Im banalen Alltag hilft Seelenverwandtschaft oft nicht weiter.

Der Schönheits-Anteil
Man verliebt sich in das Äußere, in die Schönheit und Ausstrahlung des Anderen. Allein beim Anblick des Anderen bekommt man ein Kribbeln im Bauch. Dieser Anteil ist wahrscheinlich ein notwendiger Teil jeder Verliebtheit, wenn allerdings keine weiteren Aspekte hinzukommen, wird diese Verliebtheit nur selten zu einer langen Beziehung führen.

Der Spiegel-Anteil
Der Andere spiegelt einen Selbst: All das Schwanken, all die Unsicherheit, all die unklaren Gefühle – all das kann der Andere ganz klar erkennen und einordnen. Durch diese Normalisierung fühlt man sich geborgen, verstanden und hingezogen. Dass damit eine mächtige, definierende Position und eine abhängige, interpretierte Position etabliert werden, wird meist erst zu spät verstanden.

Der inspirierende Anteil
Der Andere reizt in einem das kreative und musische Potential: Man entwickelt neue Ideen, bastelt Geschenke, schreibt Gedichte und singt Lieder. Diese Fähigkeiten schlummern ja in vielen Menschen. Auf irgendeine Weise wird dies durch den Anderen ausgelöst – es passiert ja nur bei diesem einen Menschen – und zugleich hat es doch wenig mit dem Anderen zu tun. Diese innere Welle aus Phantasie und Kreativität besteht aus einer unentwirrbaren Mischung aus Berauschtheit an den eigenen Ideen und einer idealisierten Vorstellung vom Anderen, die einer Konfrontation mit der Alltagsrealität nur selten stand hält.

Der Contra-Anteil
Man ist begeistert, jemanden gefunden zu haben, der auf der gleichen Augenhöhe ist: Man erfährt endlich echten und fundierten Widerspruch. Die Streits sind hier Teil des Flirtens, sie sind wie eine Kraftprobe. Der positive Kern des Ganzen, das Sich-Eigentlich-Mögen, muss unter all dem Dagegensein allerdings immer noch spürbar sein. Wenn keine weiteren Anteile hinzukommen, kann allerdings dieses dauernde Kämpfen-Müssen auch ermüdend werden.

Der situative Anteil
Dieser Anteil der Verliebtheit entsteht erst aus der Situation heraus: Man schaukelt sich gegenseitig hoch und findet einen gemeinsamen Flow. Es ist viel schöner miteinander, als man es sich je erträumt hätte. Das Gefährliche daran ist, dass man sich nach einem solchen Moment, in dem sich alles perfekt fügte und es einzigartig war, doch wieder im Alltäglichen gegenüberstehen wird und dann (fast) wieder bei Null anfangen muss. Man versucht dann krampfhaft das, was es damals einzigartig gemacht hat, wiederzufinden und den Flow wiederzubeleben.

Der Sehnsuchts-Anteil
Die persönlichen Voraussetzungen der einzelnen Personen spielen natürlich auch eine Rolle. In welcher Situation befinden sie sich? Wie geht es ihnen gerade in ihrem Leben? Was suchen sie? Wenn man durch eine Wüste der Einsamkeit geirrt ist, kann die Erscheinung eines Anderen sehr viel leichter wie eine Oase wirken. Man ist eher bereit und offener dafür, sich zu verlieben. Dies ist natürlich ein Einfallstor für alle möglichen Formen der Projektion.

Dies scheinen mir die wesentlichen Anteile einer Verliebtheit zu sein. Wenn man um diese Anteile weiß, kann man besser erkennen, wenn etwas fehlt: Es kann in den Begegnungen beispielsweise kein Flow entstehen, obwohl man den Anderen sehr attraktiv findet. Man kann extrem kreativ werden, obwohl man seelisch viel zu verschieden ist. Man kann sich seelenverwandt fühlen, obwohl man den Anderen gar nicht attraktiv findet…

Auf diese Weise lassen sich vielleicht einige Ambivalenzen im gegenseitigen Kennenlernen besser verstehen. Und letztendlich kann man es so zusammenfassen: Je mehr dieser Anteile in eine Verliebtheit hineinspielen, desto größer wird die Verliebheit! Umso größer ist natürlich auch die Gefahr, die in dieser Form der Verliebtheit lauert: Die Entidealisierung und Entzauberung im wirklichen Kennenlernen.

Die andere Form der Verliebtheit, die Bottom-Up-Verliebtheit, scheint davor besser gefeit. Nur wird man wohl mit dieser, sich langsam im Alltag steigernden Liebe nur selten die Höhen erreichen, die man mit der idealisierenden Verliebtheit mühelos schon in den ersten Stunden und Tagen erobert…