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Archive for Dezember, 2016

Das Non-Arrival der Charaktere. Wider die filmische Handlungsüberflutung

Er rennt weg. Er wird verfolgt. Er wird angeschossen. Er entkommt ganz knapp. Er findet einen Ort zum Ausruhen und kann sich selbst wieder zusammenflicken. Er wird weiter verfolgt und rennt wieder weg… Und am Ende tötet er den Oberbösewicht.

So könnte man vielleicht das klassische Handlungsprinzip von Action-Filmen zusammenfassen. An dieser Art des Films wird in meinen Augen ein zunehmendes Problem vieler moderner Filme deutlich: Sie vergessen die Charakterentwicklung und widmen sich nur noch der Handlung. Die Frage bleibt offen: WER rennt da eigentlich weg? Wenn man Glück hat, bekommt der Held noch eine kurze Vorgeschichte (meist irgendein Verlust: eine Frau, ein Kind oder die eigenen Eltern), aber immer häufiger wird auf die Entwicklung eines Charakters komplett verzichtet. Der Held wird gemeinsam mit dem Zuschauer in die Geschichte hineingeworfen und kämpft nur noch gegen die immer neu aufpoppenden Probleme.

Ich will den Mangel, der dadurch entsteht, mal an einem viel gelobten Film verdeutlichen, der weniger dem oben beschriebenen Muster entspricht und dennoch die gleichen Fehler begeht: Am Film „Arrival“. Die Story ist wie folgt: Aliens tauchen plötzlich auf. Eine Sprachenexpertin soll mit ihnen Kontakt aufnehmen und mit ihnen kommunzieren lernen. Die Aliens bieten der Menschheit eine Sprache an, die jenseits der Zeit gesprochen werden kann. Die Sprachexpertin kann durch das Lernen dieser Sprache in die Zukunft schauen und sieht so ihre eigene Zukunft: Wie sie ein Kind bekommt und es liebt – und wie es dann an einer seltenen Krankheit stirbt.

Soweit die Handlung, die nicht durch irgendeine Form der Entwicklung ihres Charakters unterbrochen wird. Es geht ja darum, so schnell wie möglich herauszufinden, was die Aliens wollen – die Chinesen und Russen (natürlich: die Bösen) wollen die Aliens nämlich zeitgleich kriegerisch vertreiben, während die Amerikaner (so ist es halt ihre Art) mit den Aliens reden und sie verstehen wollen. Aber dann kommt die finale Frage des Films: Die Sprachexpertin kann entscheiden, ob sie diese Zukunft will – mit einem Kind, welches sie liebt und das dann stirbt. Nachdem eine schier endlose Fülle an zukünftigen tollen Momenten vor ihrem inneren Auge vorbeigezogen ist, entscheidet sie sich natürlich für die Zukunft mit Kind. Das soll dramatisch sein, funktioniert aber in meinen Augen nicht – eben weil die Hauptdarstellerin im Laufe des Films keinerlei Charakter entwickeln konnte. WER entscheidet denn da? Man kennt diese Person überhaupt nicht. Wenn man den Charakter entwickelt hätte, hätte man auch gewusst, ob sie überhaupt eine Wahl hat: Jegliche Entscheidung muss ja in irgendeiner Form auch durch die Person des Entscheidenden motiviert sein. So ist die Hauptdarstellerin nur eine leere Hülle für unsere eigenen Projektionen. (Möglicherweise ist das auch gewollt: Es soll der Effekt entstehen, dass der gebildete Zuschauer ein wenig nachdenklich nach Hause geht und an der semi-philophischen Frage „Was hätte ich an ihrer Stelle getan?“ rumgrübelt.)

Die mögliche Dramatik des Films wird hier durch eine Flut an Handlung hinweggespült. Der ganze Film lebt nur von den Reaktionen der Darsteller auf die von außen gestellten Aufgaben und Probleme: Sie sind Getriebene der Handlung, die Charaktere werden dabei (etwas pathetisch gesprochen) auf dem Altar eines allgegenwärtigen Spannungsbogens geopfert.

Doch schließt sich das vielleicht auch aus: Handlung und Charakter? Kann man nur eines von beidem zeigen? Gibt es eben auf der einen Seite handlungsorientierte und auf der anderen Seite charakterorientierte Filme? Dann wären schauspielerische Fähigkeiten nur für die einen nötig, in den anderen müsste man nur grimmig schauen und gut rennen können – die Schaupieler wären bessere Stuntdoubles.

Ich glaube nicht, dass sich das ausschließt. Es braucht nicht viel Zeit, um einem Darsteller einen Charakter zu geben. Die einfachste und zeitsparendste Methode ist wohl, wenn der Darsteller mit Humor oder Sarkasmus auf die Probleme reagiert, die unaufhörlich vor ihm aufpoppen. Man braucht also nicht einmal Extra-Szenen in die, die Zuschauer überströmende Handlungswelle einzufügen. Und am Ende ist es sogar schon so etwas wie eine Charakterentwicklung, wenn der immer gewitzte Hauptcharakter mal etwas Ernstes erlebt und keinen zynischen Spruch dazu macht.

Die zweite Möglichkeit, um einen Charakter zu entwickeln, scheint mir die Entwicklung einer Beziehung zu sein. Diese kann durch Emotionen gekennzeichnet sein: Die Anziehung oder die Rivalität zu einer anderen Figur oder ganz klassisch: die Wut auf den Bösewicht. Der Hauptdarsteller kann auch einen Sidekick bekommen, mit dem er sich unterhalten (!) kann. Kommunikation ist (naheliegenderweise) einer der wichtigsten Wege, Charakteren etwas Tiefe zu verleihen und ihre Motive deutlicher zu machen. Das fordert mehr Zeit und auch einige ruhige Szenen – aber je tiefer die Beziehung zu den anderen Figuren enwickelt wird, desto deutlicher und konturierter werden auch die Darsteller.

Die dritte und wohl aufwändigste Möglichkeit ist es, den Darsteller bereits am Anfang des Films vor eine kontroverse Entscheidung zu stellen. Dabei wählt er die schlechtere Option und wird dadurch, dass er im weiteren Verlauf des Films die Konsequenzen dieser Entscheidung tragen muss, zu einem echten Charakter. Am Ende kann es dann eine Katharsis geben: Es wird alles gut, indem er eine weitere – und diesmal richtige – Entscheidung trifft.

Es gäbe also einige Möglichkeiten, auch in Actionfilmen Charakter und Handlung zusammenzubringen. Sollte es wirklich daran liegen, dass das Geld statt in gute Drehbücher in die Umsetzung der Visual Effects fließt? Dabei sind die Drehbücher doch vorher da, und die Studios entscheiden, welche später mit teuren Visual Effects umgesetzt werden. Warum beschweren sich die Zuschauer nicht? Erwarten sie gar keine Charaktere mehr auf der Leinwand, wenn sie einen Actionfilm sehen? Wollen sie angesichts all der Visual Effects nur dumpf abschalten und nur noch Figuren sehen, die durch die effektvoll inszenierte Handlung hetzen und durch nichts weiter als die primitivsten Motive (Wut und Rache) angetrieben werden?