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Archive for November, 2016

Die Suche nach der Männlichkeit. Oder: Die Angst vor der Schwäche

Um mich herum poppen die Männergruppen aus dem Boden, um mich herum stürzen sich Männer inbrünstig auf Männerbücher! Ich kann das, ehrlich gesagt, kaum verstehen.

Es wurden ja schon endlose Regalmeter zu diesen Themen geschrieben: Der Mann ist das wahre schwache Geschlecht, weil viel größerer Druck auf ihm lastet und weil er zugleich einfach nicht an seine Gefühle ran kommt. Der Mann hat seine Rolle verloren, weil die Frau sich emanzipiert hat und einfach nicht mehr auf den Macho steht: Jetzt steht er irgendwo zwischen Macho und Softie rum – und weiß nicht in welche Richtung er gehen soll.

Diese Diagnosen laufen dann auf zwei einander widersprechende Kuren hinaus: Da gibt es die verschlossenen Typen, die keinen Zugang zu ihren Gefühlen haben, und die sich nun treffen, um ihre Gefühle im frauenfreien Raum endlich mal rauszulassen. Und da gibt es auf der anderen Seite die gefühlvollen Versteher-Typen, die endlich mal in einem Seminar die Macho-Luft schnuppern und ihrer Höhlenmenschen-Herkunft huldigen wollen. Beide Seiten wollen sich also einander annähern.

Es geht ja grundsätzlich um die Frage, wie man mit Schwäche umgeht: Die einen trauen sich nicht, sie zuzulassen, weil sie Angst haben, dass sie dafür ausgelacht oder verachtet werden und ihnen prompt das Mann-Sein entzogen wird. Die anderen spüren, dass ihr Mann-Sein aufgrund ihrer offenkundigen Schwäche und Weichheit von außen in Frage gestellt werden könnte und versuchen sich durch besonders zur Schau gestellte Männlichkeit und Aggressivität abzusichern.

Was ist denn aber am Schwach-Sein so schlimm? Meine These wäre, dass die Schwäche für all das steht, was in der Öffentlichkeit ausgeschlossen ist: Es geht um das Fehler-Eingestehen, um das Angst-Haben, um das Unentschlossen-Sein, … kurzum, es geht um das Nicht-Funktionieren. Die gegenwärtige Gesellschaft vermittelt damit ein skurriles und völlig realitätsfernes Bild davon, wie sich Menschen in der Öffentlichkeit verhalten: Jeder ist erfolgreich, jeder ist beherrscht, jeder weiß, wie er sich entscheiden soll, jeder funktioniert. Diese Vorstellung des öffentlich-erlaubten Verhaltens strahlt auch auf das Private ab. Sie wirkt nicht nur bei Männern – auch Frauen spüren dies zunehmend. Insbesondere die emanzipierte Frau darf sich ja keine Schwäche erlauben – was wiederum den Männern noch mehr Angst macht, weil sie dies dann auch von ihrem Mann erwartet.

Aber mit einer solchen sehr rationalen Argumentation kann man wahrscheinlich keinem Mann helfen, der sich von der einen oder anderen Seite vor der Schwäche schützen will.

Den einen könnte helfen, die Schwäche nicht hinter einem Staudamm aus Stärke anzustauen – denn dann muss sie wirklich irgendwann hervorbrechen und wird alles unkontrolliert überfluten. Besser ist es, sich die Schwäche auch zwischendurch zuzugestehen und sie herauszulassen (nicht nur in einer Männergruppe). Anfangs eher in überschaubaren und sicheren Settings, später vielleicht auch in der Öffentlichkeit. Erst wenn man das macht, wird man erfahren, dass die wenigsten Menschen das beschriebene öffentliche Bild erfüllen, sondern dass jeder Mensch auch mal zweifelt oder Angst spürt und dafür vielleicht sogar Verständnis aufbringen kann.

Den anderen würde ich raten, dass sie wertschätzen lernen sollten, was sie im Gegensatz zu den eben genannten Männern schon können. Außerdem sollten sie mal R.W. Connell lesen. Der australische Soziologe hatte in den 90er Jahren die Idee der „hegemonialen Männlichkeit“ entwickelt.* Darunter versteht er eine Vorstellung, wie Männer zu sein haben, z. B. beschrieben in den vier goldenen Regeln der Männlichkeit: No Sissy Stuff, Be a Big Wheel, Be a Sturdy Oak und Give ‘em Hell. Dies ist aber nur eine Form der Männlichkeit, die andere Arten werden – wie es eben ein Hegemon so tut – marginalisiert und unterdrückt, z. B. die homosexuelle Männlichkeit – das sind dann eben keine Männer.

Wenn man diese Logik und ihre recht willkürliche Einteilung einmal durchschaut hat und zudem auch erkennt wieviele Männer darunter eigentlich leiden (siehe oben), kann man für sich selbst vielleicht so etwas wie eine flexible Männlichkeit entwickeln. Diese folgt dann dem Prinzip: Ein echter Mann ist jemand, der über den Regeln der Männlichkeit stehen kann und es schafft, gegen diese auch zu verstoßen.

Das aber lernt man nicht in den Männerbüchern und in den Männergruppen. Da geht es für die einen darum, die genannten Regeln der hegemonialen Männlichkeit in einem geschützten Raum mal aussetzen zu können, und für die anderen, diese archaischen Regeln als wertvolle Identitätsstütze auswendig zu lernen und dann im Alltag anzuwenden. Ein Ausbruch aus der Logik der hegemonialen Männlichkeit ist so leider nicht möglich. Schade. Wenn man sich schon so ausgiebig mit der Männlichkeit beschäftigt, könnte man ja statt sich im Kreis zu drehen, auch den Ausbruch wagen.

*Später hat Connell übrigens das Geschlecht gewechselt und ist nun die Soziologin Raewyn Connell.

Die Entschuldigungsvermeider

Es gibt Menschen, die können sich nicht entschuldigen. Ich finde das ziemlich merkwürdig, da ich mich mein Leben lang immer entschuldigt habe. Das ging soweit, dass Freunde früher manchmal zu mir sagten, ich würde mich ja sogar für die Entschuldigung entschuldigen. Daher habe ich das Phänomen, sich gar nicht entschuldigen zu können, im Laufe der Zeit mit den unterschiedlichsten Gefühlen beobachtet: Erst mit Unverständnis, dann mit Abscheu und mit Wut, dann mit Faszination für das Andere und zuguterletzt vielleicht sogar mit so etwas wie Empathie.

Nehmen wir eine einfache, etwas altertümliche Szene: Ein Streit eskaliert zwischen zwei Partnern und er beschimpft sie wüst. Sie verlässt den Raum. Nachdem alles etwas abgekühlt ist, geht es um die Aufarbeitung. Wenn es eine halbwegs funktionierende Streitkultur gibt, wird dann jeder erstmal erzählen, wie er oder sie die Situation überhaupt wahrgenommen hat: „Was du gesagt hast, hat mich so wütend gemacht!“ Und hier an dieser Stelle trennen sich die Wege der Entschuldigungs-Unfähigen und der -Fähigen. Der Entschuldigungsvermeider wird die ganze Zeit auf seinem Standpunkt beharren: Alle Umstände der letzten Zeit werden herangezogen (z.B. Stress, Müdigkeit, Krankheit). Und alles, was der andere getan hat, wird letztlich zu der gerechtfertigten Handlung am Ende führen. Der Vermeider wird - ums Verrecken nicht - die einfachen Worte „Es tut mir leid!“ oder „Entschuldige!“ über die Lippen bringen. Dann würde er nämlich einen Fehler eingestehen. Dann würde er einsehen müssen, dass er selbst etwas getan hat, was den anderen verletzt hat. Dann würde er Mitgefühl für die Position des anderen aufbringen müssen.

Die Theoretiker dieser Position sagen dann so etwas wie: „Es gibt nur deine Position und meine Position. Wir können uns darüber austauschen, warum wir das so sehen, aber so etwas wie Schuld oder Verletzung gibt es dazwischen nicht. Daher muss sich auch niemand entschuldigen. Es ist alles bloß meine oder deine Wahrnehmung.“ Es wird ausgeblendet, dass man durch seine Handlungen etwas in dem Anderen auslösen kann, dass es eben jenes Dazwischen gibt und das dies ein wesentlicher Teil des menschlichen Zusammenlebens ist. Es ist ein selbstbezogenes, monadisches Universum, in dem diese Menschen leben. Das Maximum, das der Vermeider sagen kann ist: „Meine Handlung war so und so gemeint und nicht so, wie du sie wahrgenommen hast.“ Das ist ihre Form der Entschuldigung.

Wahrscheinlich spiegelt sich hier auch die schöne Unterscheidung wider, die Fritz Riemann in seinem Werk „Grundformen der Angst“ entwickelt hat: Es gibt die Angepassten, die immer auf ihr Umfeld und deren Wünsche achten. Sie haben Angst davor, sie selbst zu werden, sich von der Masse zu individuieren. Und es gibt die Ich-Bezogenen, die nur auf ihre eigenen Wünsche und Bedürfnisse achten. Sie haben Angst davor, sich selbst zu verlieren, wenn sie auf die Bedürfnisse der Anderen achten.

Und dies äußert sich eben auch in der Entschuldigungsfähigkeit: Während ich als Angepasster eher die Wünsche meines Umfelds wahrnehme und mich daher immer für mein So-Sein entschuldige, ist es für einen Ich-Bezogenen extrem schwer, sein So-Sein loszulassen und zu akzeptieren, dass es auch Ansprüche der Umwelt an ihn gibt und er sich nicht auflösen wird, wenn er diesen nachgibt.

Wichtig ist aber, dass es sich bei dieser Unterscheidung auch nur um eine graduelle und nicht um eine Entweder-Oder-Unterscheidung handelt. Man befindet sich auf einer Skala: Der eine Pol ist die totale Ich-Bezogenheit, der andere ist die totale Selbstauflösung. Je näher man sich an den Extrempolen befindet, desto eher wird man zur ständigen Entschuldigung oder zur Vermeidung jeder Entschuldigung neigen.