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Klingsors Letzter

Archive for Oktober, 2016

Der Tiger und die Angst

Manche Erkenntnisse bleiben für immer mit dem Moment ihrer Entdeckung verknüpft. So auch meine Erkenntnis über die Sinnhaftigkeit der Angst:

Vor einiger Zeit hatten wir samstags immer eine Kaffeerunde, die aus ausgedehntem Rumsitzen und Philosophieren bestand. Eines Tages kam ein älterer, weißbärtiger Mann ins Café. Er hatte Hippieklamotten an, sprach nur Englisch und wirkte wie ein Guru. Er bestellte sich einen Kaffee und wir kamen über die Tische ins Gespräch. Nach einer Weile setzte er sich zu uns.
Das Gespräch kam auf Umwegen zum Thema Angst. Er sagte schroff, dass Angst etwas Sinnloses sei. Wir argumentierten dagegen, dass es doch nur natürlich sei, Angst zu haben. Dann erzählte er diese Geschichte: Wenn man im Urwald unterwegs sei, könne man die ganze Zeit Angst vor dem Tiger haben, der hinter jedem Busch lauern könnte. Jedes Knacken könnte man als sein Kommen, jede Bewegung in der Nähe als sein Auftauchen interpretieren. Man könnte sich ausmalen, was man tun würde, wenn der Tiger vor einem stünde, wie man wegrennen oder auf den Baum klettern würde. All das werde ausgelöst durch die Angst. Aber was wirklich in einem vorgeht, wenn der Tiger vor einem steht, das seien tausend andere Emotionen und Gedanken: Es wäre Adrenalin da, es wäre Reflex da, es wäre eine blitzschnelle Beurteilung der Umgebung – Angst wäre nicht da. Also: Wozu vorher all die Angst? Wozu die Vorstellung des Tigers? Wozu das ganze Ausrichten auf das mögliche Erscheinen des Tigers?

Es war ein sehr schönes Plädoyer für das Leben im Hier und Jetzt. Aber hier endet die Geschichte noch nicht, sie bekam noch eine interessante materielle und eher irdische Wendung:
Kurz danach stand der ältere Mann auf und verschwand, ohne zu bezahlen. Irgendwie sah er plötzlich auch nicht mehr nur wie ein Guru aus, sondern auch wie ein Landstreicher. Konsequenterweise lebte er also seine eigene Theorie der Überflüssigkeit der Angst auch: Hätte er sich, ohne Geld zu haben, vorher Gedanken gemacht, wie er seinen Kaffee bezahlen sollte (der Tiger), er hätte seine Theorie bestimmt nicht so entspannt ausführen können (Spaziergang durch den Dschungel). Wir bezahlten dann für ihn – und erlegten so den Tiger, der für ihn (vielleicht) gar nicht vorhanden war.

Die Songopedia. Eine Utopie

Ich hatte mal einen Freund, der konnte seine Gefühle nur durch Musik ausdrücken. Wenn er jemanden sagen wollte, wie er sich fühlte, spielte er einem ein Lied vor. Musik war für ihn der Spiegel seiner Seele. Wahrscheinlich geht es vielen Menschen ähnlich – wenn vielleicht auch nicht in dieser radikalen, nur auf Musik fokussierten Form. Aber sie können Trost in der Musik finden, wenn sie wissen, dass sie mit ihren Gefühlen nicht allein sind und jemand anderes diese Gefühle sogar auch schon einmal in pointierter Form ausgedrückt hat.

Doch leider gibt es unendlich viel Musik, die einem unbekannt ist und die viellicht aber doch gerade die Themen behandelt, die einen beschäftigen. Daher plädiere ich dafür, so etwas wie eine „Songopedia“ aufzubauen. Die Lieder wären dort thematisch nach Songinhalten sortiert.
Da sich die meisten Lieder um Beziehungen drehen, würden in der Songopedia beispielsweise die prototypischen Verläufe von Beziehungen abgebildet sein:

  1. Verliebtsein – Abgelehntwerden – Schmerz.
  2. Verliebtsein – Zusammenkommen – Auseinanderleben – Trennung – Schmerz
  3. Verliebtsein – Zusammenkommen – Zusammenbleiben – Weiter verliebt sein – Kinderkriegen – Sich auseinanderleben – Betrogenwerden – Doch wieder zueinander finden – Gemeinsam alt werden

Den einzelnen Kategorien werden dann die passenden Lieder zugeordnet. So kann sich jeder das Lied raussuchen, das seinem momentanen emotionalen Zustand entspricht. Wenn man also die Kategorie „Verliebtsein“ wählt, hätte man beispielsweise „Unforgettable“ von Nat King Cole zur Auswahl. Natürlich könnte man dann noch Unterkategorien des Verliebtseins bilden: Heimliches Anschmachten; Einseitiges Verliebtsein; Beidseitiges Verliebtsein; Verliebtsein, aber der oder die andere ist noch vergeben, usw.
Die meisten Lieder handeln wahrscheinlich vom Verliebtsein bzw. vom unglücklichen Verliebtsein. Aber man würde auch Lieder entdecken, die sich mit den oftmals entstehenden, tragischen Mustern von längeren Beziehungen auseinandersetzen (so zum Beispiel das äußerst selbstzerstörerische „He hit me, and it felt like a kiss“ oder das selbstkritische „Anger“ von Marvin Gaye).
Die Lieder würden nicht nur nach Beziehungsverläufen sortiert sein. Sie könnten auch nach Alter sortiert sein: Kindliche Ich-entdecke-die-Welt-Musik, Pubertäre Ich-scheiß-auf-die-Welt-Musik; Adoleszente Ich-will-die-Welt-verbessern-Musik; Midlife-Crisis-Sinnkrisen-Musik; Einverstanden-mit-der-Welt-Sein-Alters-Musik.
Dasselbe könnte man dann auch mit Filmen und Büchern machen. Es würde eine riesige Mediapedia entstehen. Und niemand müsste sich mit seinen skurrilen Gefühlen und Gedanken mehr allein fühlen.