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Archive for Juli, 2016

Die Entstehung des Geschmacks – Jetzt vollständig erklärt!

Eigentlich hätte ich mir den ganzen vorigen Eintrag sparen können, da ich jetzt eine bessere Erklärung für das Phänomen „Geschmack“ gefunden habe: Geschmack ist eine verallgemeinerte Erfahrung. Man erlebt etwas, verarbeitet und speichert es dann als „Erfahrung“. Je tiefer das Erlebnis und die daraus resultierende Erfahrung, desto eher wird es „Geschmack“ werden.

Ein banales Beispiel ist wohl der Geschmack beim Essen: Wenn man als Kind immer gezwungen wurde, etwas zu essen, wird man es später gar nicht mehr „schmecken“ können. Auch die Vorliebe vieler Menschen für Sonnenuntergänge kann so erklärt werden: Jeder macht seine individuelle Erfahrung damit, sei es ein romantisches Abendessen zu zweit oder ein trauriger Liebesfilm – diese Erfahrung prägt die weitere ästhetische Naturwahrnehmung.

Auch die Rolle der Anderen kann in diesem Prozess erklärt werden. Es kann ja gerade ein Erlebnis sein, mit einem neuen Kleidungsstück durch die Straßen zu gehen und die erwünschte positive Rückmeldung („Das sieht aber schick aus!“) oder negative Rückmeldung (der wohlsituierte Bürger zum Punk: „Oh mein Gott, wie sieht der denn aus?“) zu bekommen. Dadurch festigt sich der eigene Geschmack.

Wenn man auf einem Gebiet noch keine Erfahrungen gemacht hat, kann man sich erstmal nur an den Mainstream halten – der sich in den Angeboten der Unternehmen spiegelt. Und entweder man erlebt etwas, das einen hinaus katapultiert, oder man bleibt im Mainstream und weiß gar nicht, dass es etwas jenseits davon gibt.

Mein Weg zur Erleuchtung. Über die Entwicklung eines eigenen Geschmacks

„Was ist denn eigentlich das Problem mit den Lampen?“, fragte mich ein Freund beim Mittag. „Man kauft einfach die, die einem gefällt.“ So einfach ist das also! Seit einigen Wochen richte ich meine neue Wohnung ein und quäle mich mit absurden Spezial-Entscheidungen, vor denen ich nie stehen wollte: Industrielampen, Bauhauslampen, Kronleuchter oder doch einfache Ikeapapierlampen?

Filme, Musik, Essen – dort habe ich über Jahre hinweg einen (halbwegs eigenen) Geschmack entwickelt. Aber Lampen? Oder auch Möbel? Bei Filmen und Musik merke ich ja, wenn ich emotional oder ästhetisch berührt werde, beim Essen spüre ich sogar den Geschmack. Aber was kann einem eine Lampe oder ein Möbelstück geben?

Zugegeben, jahrelang war ich ein Geschmacksanfänger. Mein ehemaliger Mitbewohner war schon damals mit seinen zwanzig Jahren Geschmacksprofi. Er hatte zu allen Dingen eine passende Einschätzung: „Das ist geil! Das ist scheiße! Das ist wie… “ Ich hab mich nur immer gefragt: Woher nimmt er diese Sicherheit? Ich sah die Dinge an, die er so klar einordnen konnte, und dachte: „Aha.“

In einigen Bereichen habe ich mich langsam – ohne es zu wissen – vorgearbeitet. Die Filme von Andrej Tarkowski haben mir die ästhetische Dimension von Filmen nahegebracht. Ich lernte meinen eigenen Filmgeschmack kennen… Aber ist das eigentlich die richtige Formulierung? Lernte ich ihn kennen oder entwickelte ich ihn? Ist Geschmack also etwas Angeborenes oder etwas Soziales? Vor einiger Zeit wollte ich in meiner wissenschaftlichen „Lieblings“disziplin, der Psychologie, nach Antworten suchen (– natürlich nur um mich dann abzugrenzen und zu sagen: „Das ist alles viel zu simpel.“). Aber ich fand (bei der eher kurzen Recherche) nicht mal eine passende Theorie. Woher kommt also der Geschmack, beispielsweise in Form eines Sinnes für Ästhetik? Wann entwickelt er sich?

Wieso finden beispielsweise so viele Menschen Sonnenuntergänge und Regenbögen schön? Ist das nur, weil sie als Kinder neben ihren Eltern standen, die diese Situationen schön fanden, weil diese ebenfalls als Kinder neben ihren Eltern standen, usw.? Oder ist es, weil diese Situationen in so vielen Filmen und Liedern als romantische und emotionale Momente eingebettet werden? Wahrscheinlich beides. Ich kann mir jedenfalls nicht vorstellen, dass es eine genetische Vorprägung für die ästhetische Wahrnehmung der Natur gibt. Vielmehr muss es wohl eher eine Offenheit, einen Möglichkeitsraum für solche Erfahrungen im Laufe der Kindheit oder Jugend geben.

Wahrscheinlich ist die Entwicklung eines eigenen Geschmacks ein wesentlicher Aspekt der pubertären Identitätsentwicklung. Das macht sich natürlich weniger an den beschriebenen ästhetischen Naturerfahrungen fest, sondern an wesentlich leichter greifbaren Geschmacksfragen: an Musik und Mode. In diesen Bereichen können Teenager erstmals ihren eigenen Stil und Geschmack entwickeln. Allerdings auch nur in den Grenzen des gesellschaftlich Vorgegebenen: Sie schöpfen (meist) aus dem bestehenden kulturellen Rollenfundus und den dazugehörigen kommerziellen Angeboten des Musik- und Mode-Marktes (z. B. Metal, Alternative, HipHop).

Für viele ist diese Phase geschmacklich prägend für die nächsten Jahre. Der entwickelte Geschmack kann dann entweder durch zunehmendes Insiderwissen verfeinert und individualisiert werden oder er wird unbemerkt – wahrscheinlich aufgrund der mangelnden Alterskompatibilität vieler Musikstile – sanft abgelöst und beispielsweise durch den musikalischen Radio-Mainstream ersetzt.

Ich hatte eine stilistisch nicht prägende Pubertät voller Normalität und Angepasstheit. Daher war ich wohl auch ebenjener Geschmacksanfänger. Mein ehemaliger Mitbewohner hatte eine „krass“ (so sagte man das damals) identitätsbildende Alternativ-Pubertät. Während ich also im Laufe des Studiums alles nachholen musste, hatte er seinen Geschmack schon längst entwickelt – den er nun zu Teilen tatsächlich noch verfeinert und zu Teilen aber auch verbürgerlicht hat.

Nur: Wann entwickelt sich denn dann bitteschön der Möbel- und – noch wichtiger – der Lampengeschmack? Bei der Einrichtung der ersten Wohnung? Wo sind da die Rollenvorbilder? Wo ist da die ästhetische Vorprägung? Eine gewisse Rolle spielt wahrscheinlich der Farbgeschmack, den man sukzessive im Laufe seines Lebens entwickelt. Dieser wird wohl zum einen durch die pubertäre Phase und zum anderen durch gesellschaftliche Konventionen geprägt. Es gibt einen unbewussten, gesellschaftlichen Farbkanon für nahezu alle Gegenstände: Für Mode, für Autos, für Häuser und auch für Möbel. Daraus kann man sich dann seine individuelle Farbgeschmackswelt zusammensetzen.

Der Kanon wandelt sich aber auch. In der Marktwirtschaft ist es naheliegenderweise die Aufgabe der Unternehmen mithilfe der „aktuellen Mode“ zu versuchen, diesen Kanon nicht nur farblich, sondern auch formtechnisch zu erweitern. Wenn sich der Geschmack nicht ändern würde, würden die Menschen ja nichts mehr kaufen. Es hängt dabei vom jeweiligen Gegenstand ab, wie lange ein Geschmackszyklus gültig ist. Möbel haben aufgrund des Preises und des Anschaffungsaufwands einen recht langen Geschmackszyklus – sie werden ja nicht wie Kleidung jährlich ersetzt.

Auf dem Möbelmarkt hat ein Anbieter in Deutschland (zumindest bei jüngeren Menschen) das Geschmacksmonopol: Ikea. Für mein erstes Zimmer war denn auch Ikea der sichere Geschmacksgarant. Ich dachte: „Ikea wirkt immer so designermäßig und das was alle haben, kann ja auch nicht schlecht sein.“ Und so lebte ich in meiner konfektionierten Ikeawelt dahin – bis es eines Tages durch Zufall doch passierte: Ich entwickelte einen Möbelgeschmack! In einer Hauruck-Aktion hatte ich mir einen alten Gründerzeitschrank gekauft. Und je länger ich ihn ansah, desto schöner fand ich all die kleinen Verzierungen, die Farbe des Holzes und auch seine praktische modulare Aufbauweise (ganz im Vergleich zum Klein-Klein von Ikea). Von außen wurde das nur bestärkt, alle sagten: „Was für ein schöner Schrank!“ Das hat mich natürlich auch bei der Einrichtung der neuen Wohnung geprägt. Geschmack kann scheinbar auch durch zufällige Entscheidungen und durch Gewöhnung entstehen. Plötzlich hatte ich also einen Möbelgeschmack: Alte Holzmöbel!

Aber ich hatte noch immer keinen Lampengeschmack. Vielleicht hilft hier ja eine Erinnerung: An die schönste Lampe meines bisherigen Lebens! Sie hing in unserer alten WG. Meine Mitbewohnerin und ich hatten einen runden Vogelkäfig aus Holz auf dem Sperrmüll gefunden und sie hatte da einfach eine Glühbirne reingehängt. Dann hatten wir die Käfigtür für das Licht geöffnet – damit es auch raus konnte (was es auch tat). Es war diese herrlich skurrile Idee, die diese Lampe so schön gemacht hat.

Und damit bin ich vielleicht bei der letzten Möglichkeit, wie ein individueller Geschmack entstehen kann: Indem man Charaktereigenschaften einfach konsequent in alle Bereiche überträgt und wild auslebt. Vielleicht werde ich mir daher bald Autoscheinwerfer an die Decke montieren, mir Leuchtquallen in einem Aquarium an der Decke halten oder dort einen mit Helium und einer LED gefüllten Luftballon schweben lassen – nur weil es so schön skurril ist.