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Archive for Juni, 2015

Coolness revisited

Man sollte Coolness nicht mit Individualität verwechseln. Coolness ist eigentlich eine Form der Anpassung: In der Pubertät und in der Adoleszenz merkt man, dass es wichtig wird, cool zu sein. Daher lernt man die Formen des Coolseins und wird – je nach Fäghigkeit – Obercooler oder Mitläufer eines Obercoolen.

Doch mit der Zeit ändern sich die gesellschaftlichen Ansprüche: Für die arbeitende Bevölkerung hat Coolness keine Bedeutung mehr – andere Werte werden plötzlich wichtiger, wie Verlässlichkeit, Planbarkeit, Genauigkeit, Sicherheit, in einem Wort: Bürgerlichkeit. Das Interessante ist nun, dass der Coole genau zu diesem Zeitpunkt eine bürgerliche Existenz annehmen wird, die er früher eigentlich mit jeder Faser abgelehnt hätte. Der Coole ist jedoch den Anforderungen der Gesellschaft direkt ausgeliefert, da er ja auch zuvor schon nur das gemacht hatte, was implizit von ihm verlagt wurde. Individualität oder Eigensinn hat er durch das Coolsein nicht entwickeln können – so kann er nun auch nicht gegen die schlichten und verlockenden Werte des bürgerlichen Lebens aufbegehren.

Solche Excoolen umweht dann eine Aura der Restcoolness. Diese restcoole Fassade verbirgt oftmals noch lange die in der warmen Stube dahinter gelebte gutbürgerliche Existenz. Gelernte Form und gelebter Inhalt stimmen nicht mehr überein.

Insofern lohnt es nicht, das Coole zu bewundern, da es nur Anpassung verbirgt. Lieber sollte man Individualität bewundern, wenn man ihr begegnet. In der Schulzeit gibt es leider neben der Coolness nur wenig Raum dafür, aber nach der Schulzeit könnte man beginnen, Individualität zu entwickeln und auszuleben. Vielleicht kann man es sogar so zusammenfassen: Gerade wer nie cool war, hat immer noch die Chance, individuell zu werden.

Das Wetter von übermorgen und die neue Wetterreligion

Seit drei Tagen berichtet meine (eigentlich) liebste Wetterseite darüber, dass die Hitzewelle durch schwere Gewitter beendet werden wird. Nur: Da war noch gar keine Hitzewelle bei uns, die beendet werden könnte. Das Wetter von morgen scheint nicht mehr zu reichen („Es kommt eine Hitzewelle!“), man muss schon das Wetter von Übermorgen berichten!

Das hat ja auch konkrete Auswirkungen auf die Menschen. Viele sind mehr im Wetter von morgen, als im Wetter von heute: „Am Montag soll der schönste Tag des Jahres werden!“ Diese Verlagerung in die Zukunft könnte man natürlich auch positiv sehen: Wenn schlechtes Wetter ist, entstehen so Hoffnungsschimmer auf Besserung; wenn gutes Wetter ist, entsteht so eine Carpe-Diem-Stimmung. Aber meist ist es eher so, dass das schöne Wetter nur in der Zukunft stattfindet. Die Gegenwart ist immer zu warm, zu kalt, zu windig, zu regnerisch.

Hinzu kommt ein neues Phänomen: Die Wettervorhersage-Gläubigen. Die technische Verfeinerung der Wetterstatistiken und die Entwicklung des Regenradars haben zur Suggestion einer wissenschaftlich-wahren, objektiven Wettervorhersage geführt. Dies hat besonders bei technik-und statistik-affinen Männern zu einem tiefen, fast religiösen Glauben an die Vorhersagbarkeit des Wetters und insbesondere des Regens geführt. Der Regen wird dabei als das Böse definiert, als jenes Wetter, das man in jedem Fall vermeiden muss. Salbungsvoll wird deshalb auf die Verkündung der stundengenau berechneten Regenwahrscheinlichkeiten geschaut. Nur um dann zu sagen: „Ich kann da leider nicht kommen, um 17 Uhr ist Regen angesagt.“

Das Problem ist nur: Es wird eine Berechenbarkeit der Zukunft suggeriert, die in der Statistik gar nicht vorhanden ist. Zugegeben: Die Statistiken werden immer ausgefeilter. Aber es handelt sich immer noch um Wahrscheinlichkeiten! Wie sich das Wetter in einer bestimmten Region entwickelt, ist letztendlich von sehr vielen metereologischen und geografischen Faktoren abhängig. Da können die Modelle noch so gut sein, die zufälligen Einflüsse der Gegenwart können sie nicht vorhersehen.

Aber das ist möglicherweise auch ein Problem der mangelhaften Erfahrung im Umgang mit Statistiken. Eine Regenwahrscheinlichkeit von 70 Prozent sagt nichts darüber aus, wie lange und stark es regnet. Sie besagt nur, dass es mit 70 prozentiger Wahrscheinlichkeit einmal regnen könnte. Die Wettervorhersage-Gläubigen gehen jedoch davon aus, dass der ganze Tag verteufelt sein wird. Und eine Höchsttemperatur besagt nicht, dass es wirklich am Tag so heiß wird. Die tatsächliche Temperatur hängt von vielen regionalen Faktoren ab. Die meisten Menschen ziehen sich jedoch so an, als ob diese Temperatur auf jeden Fall erreicht werden würde.

Die Unerschütterlichkeit des Glaubens an die Vorhersagbarkeit des Wetters ist es, was diese Bewegung zu einer Quasi-Religion macht. Wetterszenarien, die sich im Laufe von ein paar Tagen grundlegend verändern, oder regelmäßige Regen-Fehlprognosen, die eigentlich auf eine geringe Aussagekraft von Vorhersagen hindeuten, schaden diesem Glauben nicht, sondern scheinen ihn sogar noch zu verstärken. Denn eigentlich ist keine andere Prognose so oft so falsch wie die Wetterprognose. Dagegen sind die Wirtschaftsweisen wahre Hellseher.

Mein Plädoyer wäre daher, ganz anachronistisch: Sich auf das gegenwärtige Wetter einlassen, nicht das Wetter der Zukunft leben. Für die Zukunft reicht es meist aus, den Himmel zu beobachten – das Wetter ändert sich nur selten sehr schnell. Vielleicht sollte es in der Schule auch ein neues Fach geben: Wetterdeutungskunde. Oder zumindest: Statistik für Anfänger.