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Klingsors Letzter

Archive for Dezember, 2014

Aufgeblasene Säue

Ich halte mich eigentlich für einen politisch interessierten und informierten Menschen. Nachdem ich das politische Tagesgeschäft lange tagesaktuell verfolgt habe, bin ich mittlerweile aber müde geworden, jede Sau, die durchs Dorf getrieben wird, zu kennen und eine Meinung dazu zu haben. Es reicht mir, die grundsätzlichen Antreiber, die dahinterliegenden Gründe des Treibens und die häufigsten Trieb-Wege zu kennen. Da muss ich nicht mehr jede einzelne Sau kennen.

Aber dennoch werde ich immer wieder auf Einzelsäue angesprochen. Dabei merke ich, dass das Tempo des Treibens immer größer wird. Wenn man drei Tage lang keine Nachrichten gesehen hat, hat man den größten und wichtigsten Aufreger schon verpasst. Früher haben sich Themen langsamer entwickelt, es wurde länger darüber berichtet und man konnte sich langsam eine Meinung bilden. Heute fallen das Aufkommen eines Themas und die Meinungsbildung zu ebendiesem Thema fast in die Zeitspanne eines Tages.

Um im Bild zu bleiben: Es werden immer kleinere Säue medial immer größer aufgeblasen. Und dann werden sie – angetrieben von der ausweichenden Luft – durchs Dorf geschossen. Bis sie nach drei Tagen wieder ganz klein sind und die nächste Sau zum Aufblasen bereit steht.

Solange die Menschen den Säuen staunend hinterherschauen und dem Treiben mit ihren Meinungen hinterherhecheln, werden sie nicht fragen, was das Ganze soll und schon gar nicht, wer davon eigentlich profitiert. Dazu bleibt ja keine Zeit – man muss doch informiert sein…

„Und da kommt auch schon wieder die nächste Sau! So was hat’s noch nicht gegeben!“

… oder aber man steigt aus der medialen, dörflichen Erregungsgemeinschaft aus und wird entweder zum Politik- und Medienverächter oder gleich ganz apolitisch…

„Aber schau doch, was für eine Sau! Oh, was für ein Skandal!“

…was aber eigentlich traurig ist, weil doch – so pathetisch es klingen mag – die Gestaltung unserer Gesellschaft uns alle angeht.

„Sag mal, was hältst du eigentlich von dieser unglaublichen Sau?“

Die Relativität des Warmduschens und der 100km/h

Jeder Mensch ist anders – das sagt sich leicht. Im Alltag tendiert man – wohl halb aus Selbstüberschätzung, halb aus Faulheit – eher dazu, in anderen Menschen doch einfach nur Kopien von sich selbst zu sehen. Mühsam muss man sich dann – besonders bei Konflikten – die Möglichkeit der Differenz in Erinnerung rufen.

Dabei gibt es eigentlich einen glasklaren Indikator von Differenz: Die Relativität des Warmduschens! Es ist individuell so verschieden, unter welchen Temperaturen sich Menschen unter einer Dusche wohlfühlen, ja welche Hitze einige Körper aushalten. Wer dieses simple Beispiel einmal verinnerlicht und dann verallgemeinert hat, wird nie mehr in den narzisstischen Urzustand zurückfallen. Immer wenn Menschen andere Dinge sehen, immer wenn sie Dinge sagen, die man nicht versteht, immer wenn sie scheinbar Streit suchen, immer dann kann man an die Dusche denken und sich vorstellen, wie heiß oder kalt dieser Mensch wohl duschen wird.

Notfalls kann man auch, falls dieser Differenz-Indikator zu intim sein sollte, auf die „Relativität der 100 km/h“ zurückgreifen: Wer jemals auf einer Landstraße hinter einem Rentner hergefahren ist, weiß, wie unterschiedlich das Tempolimit ausgelegt werden kann! Denn genau wie die Unterschiedlichkeit des körperlichen Wärmeempfindens unter der Dusche sichtbar wird, wird dort die Differenz des Sicherheitsempfindens beim Autofahren deutlich. Der Rentner fühlt sich eben bei 80 km/h sicher.

Wenn man beide Indikatoren allerdings gegenüberstellt, werden schnell auch die Grenzen des Verständnisses für Andersartigkeit deutlich: Im Straßenverkehr wird man durch das Sicherheitsgefühl von Menschen ausgebremst, deren Wärmeempfinden unter Duschen man glücklicherweise nie kennenlernen wird.

Unter billigen Kopien

Wenn ich junge Studenten sehe, sehe ich oft nur noch jüngere Ausgaben von damaligen Bekannten – nur dass diese jetzt nicht mehr Christian, Matthias oder Alexander heißen, sondern Lukas, Malte und Max. Obwohl also der hippe und coole Alexander mit mir gealtert ist, mittlerweile Kinder hat und langsam konservativ geworden ist, sehe ich ihn nun als hippen und coolen Max wieder auf der Straße und bei Veranstaltungen.

Solche Begegnungen lösen merkwürdige Gefühle in mir aus: Ich schaue die Leute dann lange an, meist viel zu lange, weil ich ebenso fasziniert wie irritiert bin von der Ähnlichkeit – und frage mich, ob ihr Leben wohl auch so laufen wird, wie das der Leute, die ich kenne. Vielleicht erklärt das die merkwürdigen Blicke von manchen älteren Menschen. Vielleicht erklärt das auch, warum es auf den meisten Veranstaltungen kaum Altersdurchmischungen gibt. Wer will schon mit seinem gealterten Ich eine Reise in die Zeit des Studiums machen und von Kopien seiner damaligen jungen Freunde umgeben sein?

Es ist auch irritierend, dass sich Typen scheinbar immer wiederholen! Manchmal, wenn ich doch wieder in einer Veranstaltung mit den jugendlichen Kopien meiner damaligen Freunde sitze, stelle ich mir vor, wie ich plötzlich aufspringe und schreie: „Stoppt das Ganze! Ihr seid doch alles bloß billige Kopien! Ihr denkt, das ist euer Leben – aber das wurde doch alles schon vor 10 Jahren einmal genau so gelebt! Du! Ja, genau du mit dem Bart, den wuscheligen Haaren und dem traurigen Blick! Wie wär’s mal mit einer eigenen Frisur – das hatte vor 10 Jahren schon Christian W. Denk dir doch mal was Eigenes aus! Und du, …“

Ja, das werde ich machen. Und dann werden sie mich auslachen. Oder jemand noch Älteres wird aufspringen und rufen: „Wie originell! Du bist doch auch nur eine billige Kopie! Ich hatte einen Freund, der sah genauso aus wie du und hat das Gleiche schon vor 20 Jahren gerufen!“

Der Zuschauertext. Wenn jeder Gedanke ein Gedanke zu viel ist

Man kann die Qualität von Filmen daran erkennen, wie sie ihre Hauptfiguren vorstellen und einführen. Das kann ganz kunstvoll und über Umwege geschehen, oder aber über einen Weg, den ich den Zuschauertext nenne und der sich immer weiter ausbreitet. Dann sprechen die Figuren Sätze nur, um dem Zuschauer etwas klarzumachen – damit auch der dümmste versteht, worum es gerade geht. Beispielsweise wird erklärt, welche Verbindung die beiden gezeigten Personen zueinander haben oder welche Vorgeschichte sie haben. Ein fiktives Beispiel: „Hallo Schwesterherz, schön dich zu sehen. Nach dem Tod unseres Vaters haben wir uns ja drei Jahre nicht mehr gesehen. Schön, dass du da bist.“

Niemand würde so miteinander sprechen. Menschen haben in ihrer Welt geteiltes Wissen, weil sie einen geteilten Alltag oder eine geteilte Vergangenheit haben. Sie müssen zwangsläufig unverständlich für einen Fremden sprechen, wie das der Zuschauer ist. Die Kunst des Films, so er sich denn an Realität messen lassen soll, ist es, den Zuschauer in die Realität der handelnden Personen zu bringen, ohne diese aus der Realität mit solchem Text aussteigen zu lassen.

Das setzt beim Zuschauer die Fähigkeit voraus, logische Schlüsse ziehen zu können, oder besser: Situationen, die er sieht, entweder vor dem Hintergrund des bisher Gesehenen oder mit Hilfe seines Weltwissens einordnen zu können. Zuschauertext geht davon aus, dass der Zuschauer genau dies nicht kann und blind an der Hand des Regisseurs durch den Film geführt werden muss.

Warum trauen sich die Drehbuchschreiber und Regisseure nicht mehr, ihrem Publikum einen einfachen logischen Schluss zuzumuten? Wie kommt es, dass diese Entmündigung des Zuschauers zunimmt? Geht den vereinzelten Menschen die empathie-erfordernde Fähigkeit verloren, Situationen mit anderen Menschen zu sehen und sie einzuordnen?

Oder haben sich die Wahrnehmungsweisen des Mediums Film so verändert, dass die Zuschauer nur noch einfach konsumierbare Kost erwarten: Jeder selbst zu denkende Gedanke ist ein Gedanke zu viel. Sie sollen in den Bann des Films und seiner vorangetriebenen Handlung gezogen werden und nicht durch Nachdenken über die letzten Sätze oder die Figurenkonstellation abgelenkt werden. Scheinbar dürfen die Zuschauer nicht mehr im Filmkonsum irritiert werden. Oder nur noch da, wo es unmissverständlich und explizit drauf geschrieben wurde: Bei Lars-von-Trier-Filmen beispielsweise.

Neben dieser Zunahme von Zuschauertext, gibt es aber auch einen filmerischen Gegenentwurf: Die Andeutung, dass die Figuren im Film eine Welt jenseits des Films haben. Die wichtigsten Handlungsstränge und Motive sollten schon auserzählt werden, aber daneben finde ich es unglaublich spannend, wenn Filme damit spielen, dass sie nicht ihre ganze Realität abbilden. Woody Allen hatte das beispielsweise in „Vicky Christina Barcelona“ par excellence durch einen Erzähler vorführen lassen.

Die Figuren werden nicht durch einen unnatürlichen Text für den Zuschauer aus ihrer eigentlichen Realität geworfen, sondern dürfen in ihrer eigenen Realität bleiben und sogar noch Geheimnisse vor dem Zuschauer haben.