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Klingsors Letzter

Archive for November, 2014

Esoterik-Mütter, Wende-Eltern und Gott. Über Selbstironie und absolute Werte

Ein Freund erklärte mir einmal, was das Schlimmste für ihn am Waldorfschul-Milieu sei. Er war dort mehr oder weniger unfreiwillig hineingeworfen worden, weil seine Frau seine Kinder dorthin geschickt hatte. Das Schlimmste seien die Esoterik-Mütter! Aber nicht weil sie so esoterisch seien, sondern weil sie in ihrem spirituell aufgeladenen Vorstellungen und Ritualen keinerlei Fähigkeit zur Selbstironie hätten.

Das fand ich eine schöne Charakterisierung. Selbstironie bedeutet eine gewisse Distanz zu sich und seinen eigenen Ansichten zu haben. Wer das nicht kann, wird versuchen andere Menschen mit anderen Wertvorstellungen entweder zum richtigen Glauben zu missionieren oder zumindest ihre Ansichten für unterentwickelt zu halten. Insofern wäre die Fähigkeit zur Selbstironie eine wichtige Voraussetzung für gegenseitiges Verständnis.

Die Fähigkeit zur Selbstironie ist aber auch eine Frage der eigenen Erfahrung: Habe ich ein relatives oder ein absolutes Wertesystem erfahren? Ein Freund meinte dazu einmal, dass gerade auch die Wende hier von entscheidender Bedeutung gewesen sein könnte.

Dazu muss ich zunächst einen kurzen Exkurs machen: In den meisten Betrachtungen der 30- bis 40-Jährigen zum Mauerfall, die ich gelesen habe, kam nur die eigene Erfahrung vor. Das Motto war stets: „Ich habe die Wende und die DDR kaum erlebt, als wurde ich davon nicht geprägt.“ Alles wird auf die eigene Erfahrung zurückbezogen. Was in meinen Augen jedoch viel stärker wiegt: Die Erfahrung, die die eigenen Eltern in dieser Situation gemacht haben – dies hat man als Kind oder Jugendlicher ja miterlebt. Und für die meisten Eltern führte die Wende zu großer Verunsicherung. Das alte Wertesystem, an das man mehr oder weniger geglaubt hatte, wurde fast über Nacht falsch und ungültig. Was waren die neuen Werte? Woran orientierte man sich?

In dieser Situation ist es wahrscheinlich, dass man als Kind ein Wertesystem als austauschbar und relativ erfährt. Es ist nichts, an dem man mit absoluter Sicherheit festhalten sollte. Wer jedoch in einem unveränderten Wertekosmos wie beispielsweise im tiefsten Schwarzwald groß geworden ist, für den ist es in meinen Augen schon wahrscheinlicher, dass er absolute Grundüberzeugungen hat und absolute Werte vertritt. Das Relative kann dann nur durch die Abgrenzung von den eigenen Eltern, beispielsweise in der jugendlichen Rebellionsphase, entstehen. Das ist allerdings eine Phase, in der man eigentlich auch eher zu absoluten Wahrheiten neigt.

Es ist aber nicht nur eine Frage der vergangenen Erfahrungen, sondern auch der gegenwärtigen Bedürfnisse: Wer sucht, will finden. Der absolute Glaube erscheint als die Oase in der Wüste der Sinnsuche – auch wenn sie nur eine Fata Morgana ist. Gerade das Wissen, das man eigentlich ein Suchender ist, ist die wichtigste Voraussetzung zur Bewahrung von Selbstdistanz.

Bertolt Brecht hat dies einmal in der Geschichte „Die Frage, ob es einen Gott gibt“ schön beschrieben: „Einer fragte Herrn K., ob es einen Gott gäbe. Herr K. sagte: ‚Ich rate dir, nachzudenken, ob dein Verhalten je nach der Antwort auf diese Frage sich ändern würde. Würde es sich nicht ändern, dann können wir die Frage fallenlassen. Würde es sich ändern, dann kann ich dir wenigstens noch so behilflich sein, daß ich dir sage, du hast dich schon entschieden: Du brauchst einen Gott.‘“

Einen Gott zu brauchen – das ist der Einstieg in den absoluten Wertekosmos. Und je mehr man sich dann in den Kosmos der absolut Gläubigen hinein begibt, desto weniger wird man das Relative noch sehen und die Fähigkeit zur Selbstironie bewahren. Man braucht Menschen außerhalb dieses absoluten Wertekosmos, mit denen man noch die gleiche Sprache spricht (das ist nicht selbstverständlich) und mit denen man über die, in verschiedenen Universen erlebten, aber dennoch ähnlichen Erfahrungen sprechen kann.

Aber das ist auch selten. Wer will sich schon, wenn er etwas gefunden hat, wieder in Frage stellen lassen. Vielleicht umgeben wir uns ja insgeheim nur mit Menschen, die unser Weltbild sowieso bestätigen. Auch deshalb gibt es, nicht nur im Umfeld von Waldorfschulen, einen eklatanten Mangel an Selbstironie.

Gleichzeitig gibt es in unserer Gesellschaft aber auch das andere Extrem: Ein Zuviel an Selbstironie, das jede Position so wirken lässt, als hätte sie keine Verbindung zur sprechenden Person und sei willkürlich austauschbar. Gerade diese Form von übersteuerter Ironie, hinter der sich meist nur Positionslosikgkeit und Unsicherheit verstecken, ist hier nicht gemeint: Selbstironie zeigt vielmehr an, dass man eine Position gewonnen hat, die man ironisieren kann, aber die dennoch bestehen bleiben wird. Erst wenn eine Position innerlich gefestigt ist, wird man sie irgendwann auch ironisieren können.

Das ist wohl die Kunst: Seine absoluten Positionen mit relativer Ironie sehen zu können. An den Punkten, an denen man das nicht kann, da rutscht man leicht ins Absolute und Dogmatische.

P.S.: Dummerweise stelle ich grade, während ich dies schreibe, fest, dass ich auch in einigen Bereichen zum Dogmatischen tendiere: Zum Beispiel bei Fragen der sozialen Gerechtigkeit. Aber warum sollte ich dort ironisch sein? Das sind doch ernsthafte Fehlentwicklungen unserer Gesellschaft!

Verdammtes Bloggeschreibsel, stimmt doch alles gar nicht!

Der Trend zur Ortspoesie. Oder wie Gedichte wieder akzeptierter werden können

Es gibt bei Gedichten gerade einen traurigen Trend zur Ortspoesie. Die Dichter beschreiben in diesen Gedichten ausführlich den Ort, an dem sie sich gerade befinden. Dabei kommen dann Gedichte über Apolda, unbekannte Orte in der Pfalz oder in Großbritannien raus. Es werden Supermärkte und Kassierer, Straßen und Fahrradfahrer, Häuser und ihre Bewohner beschrieben. Mich langweilt das. Es erinnert an den Maler, der einfach nur malt, was er grade sieht. In der Malerei wird das heute nicht mehr als Kunstwerk akzeptiert – es kann höchstens noch als handwerkliches Training dienen.

In der Poesie scheint sich aber diese Gattung auszubreiten. Sie ist für den Dichter ein schwieriges Unterfangen: Um den Ort zu beschreiben, muss er möglichst konkret sein, aber zugleich auch für den Leser, der diesen Ort womöglich nicht kennen wird, möglichst allgemein schreiben. Er darf sich nicht in literarisch leicht überformten, realen Beobachtungen verlieren, sondern muss ein Gesamtbild, ein Gefühl im Leser erwecken, das unabhängig vom Ort ist. Die Kunst wäre es in meinen Augen, im Ort das Überörtliche zu sehen: Durch den Ort einen Menschen zu beschreiben, eine Lebensphase vielleicht oder das Lebensgefühl einer Generation. Das gelingt aber viel zu selten.

Wenn es nur lyrisch überformte Alltagsbeobachtung ist, dann werden merkwürdigerweise die Rollen verkehrt: Die künstlerische Leistung vollbringt nicht mehr der Dichter, indem er auswählt und verdichtet, sondern der Leser, der in dem Unausgewählten und Episodenhaften das große Ganze heraussuchen soll: Ist diese Episode nun charakteristisch? Und wenn ja, für was? Nur für den Ort?

Einen Vorteil hat die zunehmende Ausbreitung dieser Gattung jedoch: Man könnte bei Google Maps eine neue Kategorie zum Anzeigen einführen – „Gedichte über diesen Ort“. Dann kann man sich auf Reisen immer anzeigen lassen, ob ein lokaler Ortspoet schon einmal über den jeweiligen Ort ein episodenhaft-beschreibendes Gedicht verfasst hat.

Vielleicht würde das auch die allgemeine Akzeptanz von Lyrik in der Gesellschaft wieder erhöhen: Wenn der Normalbürger an dem Ort auch den Arbeitslosen sieht, den der Dichter an genau demselben Ort auch sah, dann wird er Lyrik endlich nicht mehr als abgehoben und elitär wahrnehmen.

Abschalten durch Anschalten. Vom Fernsehabend zum Binge-Watching

Es ist erstaunlich, wie sehr Serien in den letzten Jahren zu Identifikationsstiftern, ja zu Identitätsmarkern geworden sind. So wie man sich früher nur über Musik, die man hörte, ausgetauscht hat, spricht man heute über die Serien, die man schaut: „Ich habe die neue Staffel von Game of Thrones schon komplett gesehen.“ oder „Hast du schon die neuen Folgen von Sherlock gesehen?“

Dadurch dass das Fernsehen lange Zeit nur synchron konsumierbar war, war die Aktualität der Fernsehinhalte in Gesprächen von großer Bedeutung: „Ich hab gestern die neue Folge von Akte X gesehen!“ oder „Hast du gestern den Tatort gesehen?“ Man zeigte, dass man Up-to-Date war, indem man zu einem fest bestimmten Zeitpunkt an einem fest bestimmten Ort ein fest bestimmtes Ritual ausführte: Den Fernseher anzuschalten. Das Leben vieler Jugendlicher war durch die Synchronität des Fernsehens insgeheim gleichgeschaltet. Die Möglichkeiten, die Fernsehinhalte auf Videokassetten aufzuzeichnen, waren im Vergleich zu heute nur rudimentär ausgebildet und angesichts des Aktualitäts-Wertes, den das Gestern-Gesehene hatte, auch weitgehend nutzlos.

Die Auflösung des Synchronitätszwangs des Fernsehens durch das Internet und die ständige Verfügbarkeit der Serien durch den DVD- bzw. Bluray-Verkauf haben dieses Identifikationsmuster fast vollkommen beendet und ein neues Muster erzeugt: Die Individualisierung durch die Serien, die man schaut. Das Fernsehen versucht zwar zurückzuschlagen, indem es verstärkt Events schafft, die Einmaligkeit suggerieren und damit nur durch das Live-Dabei-Sein einen Wert erhalten: Die Liveübertragung von sportlichen Großereignissen oder von Festakten wie Hochzeiten oder Gedenkfeiern. Wenn man am nächsten Tag sportlich, politisch oder promitechnisch mitreden will, so das neue Muster des Fernsehens, muss man weiterhin synchron dabei sein.

Gleichzeitig wurde aber auch eingesehen, dass die frühere Deutungshoheit über die Identifikation mit Serien und Filmen verloren gegangen ist, da diese nun auch weitgehend in Mediatheken frei verfügbar sind. Das letzte Alleinstellungs- und damit auch Aktualitätsmerkmal, das das Fernsehen in Bezug auf Serien und Filme noch hat, ist die Erstausstrahlung einer Serie in Deutsch. Damit kann das Fernsehen zumindest die Zielgruppe halten, für die das Ansehen der Originalversion kein Wert an sich ist. An dieser Stelle muss ich allerdings anmerken, dass diese Ausführungen stark auf die jüngere Generation bezogen sind. Für meine Eltern ist es immer noch eine Unterhaltung wert, sich über das Fernsehprogramm von gestern auszutauschen – alles natürlich versehen mit dem Hinweis, dass da ja sowieso nichts Gescheites komme.

Wie aber kommt es in der jüngeren Generation zu dieser Identifikation mit den gesehenen Serien? Wie kommt es zu einem Phänomen wie Binge-Watching, bei dem alle Folgen einer Serie auf einmal geschaut werden? Warum schauen so viele Leute eigentlich Serien?

Die Antworten auf diese Fragen sind in meinen Augen eng verknüpft mit der Frage, warum Menschen überhaupt Fernsehen schauen. Die einfachste Erklärung ist die folgende: Nach einem achtstündigen Arbeitstag wollen sie vor dem Fernseher nur noch entspannen – sie wollen abschalten durch anschalten. Die Bedürfnisse der Menschen, um innerlich abschalten zu können, sind allerdings sehr verschieden: Einige wollen mitfiebern, einige mitlachen und einige mitleiden. Das Fernsehen bietet für diese Formen des individuellen Abschaltens die verschiedenen Sender. Man individuiert sich beim Fernsehen durch die Auswahl eines Senders aus einem festgefügten, synchronen Programm: Es gibt nur diese eine Auswahl an diesem einen Abend.

Durch die Verfügbarkeit von Serien im Internet oder auf DVDs oder Blurays wird diese Auswahl nun enorm erweitert: Im Vergleich zu den 30 Fernsehsendern mit ihrem synchron begrenzten Angebot steht nun ein schier endloses Angebot an Filmen und Serien zur Verfügung. Man könnte einen Fassbinder-Film schauen, eine BBC-Dokumentation über den Kapitalismus oder eine Folge von „How I met your mother“. Man kann sich durch die Auswahl aus diesem riesigen Spektrum individuieren. Dennoch gibt es hier einen aktuellen Kanon, was die meisten Menschen schauen. Und das sind meist Serien.

Auf Filme muss man sich immer wieder neu einlassen, sie können unterschiedlich gut sein. Im Gegensatz dazu schaffen Serien eine eigene Welt, die garantiert, dass man innerlich abschalten kann. Sie bieten einen geborgenen Kosmos, in dem man sich auskennt, der gleichzeitig aber nicht statisch ist, sondern mit jeder neuen Episode (den Gesetzen dieses festen Kosmos‘ folgend) erweitert werden kann.

Die meisten Serien bieten natürlich eine extreme Übersteigerung des Alltags: Die Figuren erleben in ihrer fiktiven Welt wesentlich dramatischere und spannendere und lustigere Geschichten als sie in der realen Welt der meisten Menschen möglich sind. Insofern sind die Figuren Projektionsfläche für die Sehnsüchte nach einem aufregenderen Leben. Gleichzeitig vermitteln die Serienfiguren durch ihren Umgang mit ihrem dramatischeren und spannenderen und lustigeren Leben den Zuschauern aber auch eine Handlungssicherheit, die es in deren realen Leben gar nicht geben kann. Die Figuren erleben zwar Katastrophen und Unglücke und Absurditäten, aber da die Serie weitergeht, ja weitergehen muss, gibt es immer zugleich auch für die Zuschauer die Sicherheit, dass die Figuren mit allen Hindernissen irgendwie fertig werden. In diesem Sinne bieten Serien die Möglichkeit, innerlich abzuschalten und sich in einen wohlbekannten Kosmos fallen zu lassen, in dem die Figuren ihre viel spannenderen und dramatischeren und lustigeren Leben allen Widerständen zum Trotz meistern.

Während frühere Generationen also Ihre allabendliche Sicherheit, innerlich abschalten zu können, durch das Anschalten des Fernsehers gewannen und aus dieser Quelle auch ihr gesprächliches Individuierungspotential der kommenden Tage schöpften, findet die neue Generation die Möglichkeit ihrer Individuierung in der Auswahl ihrer Serien aus dem schier unbegrenzten Kosmos des Anschaubaren und gewinnt ihre Sicherheit durch den geborgenen Kosmos der ausgewählten Serie.

Wieder keine Welterklärung

Dieses elende Verstummen immer wieder. Mit jedem Tag wird die Entfernung zum letzten Blogeintrag für mich spürbarer. Ich will ja wieder was schreiben. So wie das hier zum Beispiel.

Aber mit der Distanz, wächst auch der Anspruch: Der nächste Blogeintrag muss perfekt werden, wenn er dieses Schweigen durchbrechen will. Da darf nichts Belangloses stehen – unter einer Welterklärung mache ich es nicht. Auf keinen Fall darf es ein grüblerischer Meta-Text über das Schreiben werden. Oh nein, Meta ist es ja jetzt schon!

Und da kommen auch noch die Zweifel: Wie oft hast du schon über das Schweigen philosophiert? Wie oft hast du schon in diesem Blog neu angefangen und wolltest wieder mehr schreiben? Vielleicht ist der Blog einfach nicht mehr dein Medium? Jede Zeit braucht ihren Ausdruck. Und vielleicht ist Schweigen ja auch das passende Medium in Zeiten des Alltags und des Funktionierens. Wer hat noch Zeit zur Verdichtung der letzten Gedankenfetzen?

Ja, gute Frage. So sieht es aus.

Damn it, wieder keine Welterklärung! Aber vielleicht ein Anfang.