inicio mail me! sindicaci;ón

Klingsors Letzter

Archive for März, 2014

Martial Dancing. Oder die Regeln der Tanzfläche

Das Tanzen auf Parties unterliegt merkwürdigen Regeln, die sich mir mehr und mehr erschließen. Das Folgende trifft nicht unbedingt auf jede Party zu, aber je prolliger sie ist, desto eher werden diese Regeln wahrscheinlich zutreffen.
Eine einfache und offensichtliche Regel ist zum Beispiel: Je mehr Menschen sich auf der Tanzfläche befinden, desto geringer wird der Raum, um sich frei zu bewegen und angemessen zur Musik zu tanzen. Merksatz: Zusammengequetschte Sardinen tanzen nicht mehr, sie zappeln nur noch. Umgekehrt ist es jedoch auch so, dass je weniger Menschen sich auf der Tanzfläche befinden, es umso mehr Mut erfordert, sich auf die Tanzfläche zu wagen.
An dieser Stelle kommt nun ein Unterschied zwischen Männern und Frauen ins Spiel: Frauen gehen auf Parties, weil sie tanzen und sich bewegen wollen, Männer gehen dorthin, weil sie Frauen anschauen und, wenn möglich, abschleppen wollen. Das klingt etwas abgeschmackt und klischeehaft, erklärt aber doch das Verhalten vieler Männer rund um und auf der Tanzfläche.
Am Anfang der meisten Feiern stehen Männer mit ihrem Bier am Rand und warten, dass etwas passiert. Sie wippen dazu leicht mit. Dann kommen die ersten tanzwilligen Frauengrüppchen. Sie tanzen selbstbezogen erstmal im Kreis und blenden damit aus, dass sie die ersten Mutigen auf der Tanzfläche sind und von den am Rande stehenden Männern höchstwahrscheinlich nach Tanzstil und Aussehen abgecheckt werden. Bald gibt es mehrere solcher Grüppchen, in denen auch schon einzelne Männer mittanzen. Das führt zu einer Auflösung des Am-Rand-Klebe-Effekts der restlichen Männer: Zum einen wird es langsam fürs Frauenchecken zu unübersichtlich, zum anderen erfordert es nun weniger Mut und tänzerische Fähigkeiten, sich auf die Tanzfläche zu wagen. An diesem Punkt ist die kritische Masse erreicht und die Tanzfläche füllt sich immer mehr.
Wenn dieser Punkt erreicht ist, erfordert es keinen Mut mehr und immer mehr Männer strömen auf die Tanzfläche: Männer, die eigentlich nur wie Sardinen auf tanzende Frauen starren wollen, zappeln nun auch sardinenmäßig in der Mitte der Tanzfläche, womit sie tanzwilligen Frauen den Raum zum Tanzen nehmen und das skurrilerweise auch noch als sexuell aufgeladenes Antanzen wahrnehmen.
Für den weiteren Verlauf des Abends kann man folgendes Gleichgewicht für die Tanzfläche feststellen: Je mehr Männer auf die Tanzfläche zum Gucken und Zappeln strömen, desto weniger können die Frauen ausgiebig tanzen, desto eher verlassen sie die Tanzfläche, desto weniger gibt es für die Männer zu gucken, desto eher verlassen sie die Tanzfläche wieder und machen Platz für ausgiebig tanzende Frauen, die wiederum guckende und zappelnde Männer anlocken, usw.
Um mit diesem Phänomen umzugehen und trotz der zappelnden Männer tanzen zu können, will ich eine neue Technik entwickeln: Das Martial Dancing. In vielen Martial-Arts-Filmen wird inbesondere trainiert, wie man den Schlägen des Gegners am besten ausweicht, so dass diese ins Leere gehen. Dafür gibt es dann einen Parcours, den man unberührt absolvieren muss, oder mehrere Gegner, die versuchen, aus allen Richtungen auf den Helden einzuschlagen. Diese Fähigkeiten des Ausweichens will ich mit den Fähigkeiten zu Tanzen kombinieren und die neue Technik des Martial Dancings entwickeln. Man tanzt passend zum Rhythmus der Musik und weicht damit zugleich elegant all den ringsum befindlichen, in den persönlichen Tanzraum eingreifenden Zapplern aus. Den ersten Meister dieser neuen Tanztechnik würde ich dann “Dance Lee” nennen.

Erste Gedanken zur Einführung eines iKnigge: Über die Meldemoral

Neue Techniken führen zu neuen sozialen Verhaltensweisen. Sie lösen dabei alte Probleme und schaffen gleichzeitig neue. Das Handy beispielsweise hat viele neue Fragen des sozialen Verhaltens aufgeworfen. Ein iKnigge wurde aber noch nicht geschrieben (eigentlich ein Wunder, dass das noch niemand geschrieben hat).
Eine wichtige Frage, die in diesem iKnigge geklärt werden müsste, wäre in meinen Augen die Frage der Meldemoral. Wie reagiere ich auf verpasste Anrufe? Momentan sehe ich zwei Extremtypen, die wahrscheinlich die Enden einer Skala darstellen: Auf der einen Seite steht der Immer-Zurückrufer. Sobald man ihn einmal anklingelt, ruft er so schnell wie möglich zurück. Auf der anderen Seite steht der Nie-Zurückrufer. Egal, wie oft man ihn anruft, er ruft nie zurück. Ihn kann man nur erreichen, wenn er gerade Zeit hat und wirklich ans Handy geht.
Beide Positionen sind in sich schlüssig – vielleicht könnte man sogar eine Menschen-Typologie daraus entwickeln (mach ich an dieser Stelle aber nicht). Aus Sicht des Nie-Zurückrufers ist es so, dass der Andere doch etwas von einem will – also soll er sich auch melden. Der Immer-Zurückrufer weiß dagegen, dass der andere den Kontakt gesucht hat, warum sollte man ihn nicht zurückrufen und den Kontaktaufnahmeversuch auf diese Weise honorieren.
Möglicherweise hängen die verschiedenen Arten der Meldemoral auch damit zusammen, dass das Handy-Telefonat eine merkwürdige Zwitterstellung in der modernen Kommunkation einnimmt: Wenn der Kontakt zustande kommt, ist es eine sehr private und intime Form der Kommunation, aber wenn man denjenigen nicht erreicht, ist es die inhaltsleereste Art der Kommunikation. Wer eine SMS oder eine E-Mail bekommt, weiß zumindest, worum es inhaltlich geht. Beim verpassten Anruf kann es alles Mögliche sein. Das führt bei vielen dazu, dass sie erst dann zurückzurufen, wenn auch wirklich Zeit für einen Umgang mit dieser inhaltlichen Offenheit ist. Und das kann dauern oder auch vergessen werden. Eine Regel, die man bei verpassten Anrufen aufstellen kann, lautet: Je mehr der Angerufene zu tun hat, desto schlechter wird die Meldemoral.
Neben diesem Zeitfaktor gibt es aber auch Statusunterschiede: Die Personen, die einem am engsten verbunden sind, werden am ehesten zurückgerufen – selbst die Nie-Zurückrufer haben sicherlich solche Personen. Aufgrund dieses Zusammenhangs versuchen viele Menschen auch ihren persönlichen Status beim Anderen anhand der Dauer bis zu einer Rückmeldung abzulesen. Dabei sollte man jedoch vorsichtig sein, wenn man die anderen bisher genannten Faktoren berücksichtigt. Es dauert oftmals lange, bis man herausgefunden hat, welcher Kommunikationstyp der Gegenüber ist und welche zeitlichen Ressourcen er gerade hat.
Aber immerhin kann aus diesen Faktoren eine allgemeine Formel zur Berechnung der Rückmeldedauer aufgestellt werden:
Dauer der Rückmeldung = Meldetyp + Zeitfaktor – Persönlicher Status.

Der 90-er Jahre Musik-Hype

Disclaimer: Ich bin nicht versiert, wenn es um die neuesten Trends geht! Also alles, was ich nun schreibe, nicht so ernst nehmen – möglicherweise gibt es schon wieder einen neueren Trend oder was ich beschreibe, ist schon uralt.
Ich erlebe auf Feiern immer häufiger, dass Hits aus den 90er Jahren gespielt werden: DJ Bobo, Culture Beat, Whigfield oder Ace of Base. Ich finde das sehr peinlich, nicht nur weil es durch die banalen Beats und die oftmals hochgepitchten Stimmen so schlechte Musik ist, sondern besonders weil es gar nicht die Musik ist, mit der ich mich in meiner Jugend identifiziert habe. Ich habe diese Musik zwar gehört, aber ich bin dazu nicht in irgendeiner Form ekstatisch abgegangen. Zugegeben: Ich hatte eine eher ruhige Jugend und ich weiß daher auch nicht, ob andere früher zu diesen Songs so wild getanzt haben. Irgendwie kann ich es mir aber nicht vorstellen.
Dazu muss ich auch noch Folgendes gestehen: Ich habe mich jahrelang nicht getraut zu tanzen. Bei dieser Musik merke ich meine damaligen Ängste wieder. Hier wird Tanzen nämlich noch komplizierter: Neben dem eigentlichen Tanzen muss man zugleich auch noch eine ironische Geste zur Musik einnehmen. Diese Musik zu spielen, ist nämlich nicht ernst gemeint. Vielleicht ist es ist auch ein ironischer Ausweg aus der schwierigen Frage, welche Musik will ich ernsthaft auf meiner Feier hören. So spielt man lieber Musik, von der man weiß, dass sie schlecht ist, an die sich aber jeder erinnert. Man erwartet mit jedem neuen Lied einen weiteren geschmacklichen Tiefschlag – und dann tanzt man trotzdem dazu und singt vielleicht sogar mit. Das ist wirklich eine hohe Kunst. Mit genügend Alkohol verliert man dann sogar irgendwann die ironische Distanz.
Bei älteren Leuten habe ich mich früher manchmal gewundert, wenn sie bei irgendwelchen Rocksongs aus den 70er Jahren wie wild durchdrehen. Entsteht dieses Phänomen jetzt vielleicht auch? Nur, dass wir das bei Liedern machen, mit denen wir eigentlich gar nichts verbinden – außer vielleicht, dass wir jung waren. Reicht das wirklich aus?

Die Monologisierer

“Und, wie geht es dir?” Das ist eigentlich eine ziemlich einfache und naheliegende Frage. Dennoch scheint es Menschen zu geben, die sie in ihrem Leben noch nie gestellt haben. Es sind Menschen, die ununterbrochen erzählen, bei denen der innere Monolog zu einem äußeren geworden ist. Für solche Monologisierer sind die Bedürfnisse ihrer Umwelt irrelevant.
Eine Freundin erzählte mir beispielsweise von den Telefonaten mit ihrer Mutter folgendes: Ihre Mutter redete ohne Unterbrechung und Nachfrage immer weiter, so dass diese Freundin oft das Telefon völlig zur Seite legte, auch ohne den Lautsprecher einzuschalten. Nach 10 Minuten nahm sie dann den Telefonhörer wieder auf und ihre Mutter hatte nicht bemerkt, das ihr niemand zugehört hatte. Sie redete immer noch.
Doch wie kommt es zu einer solchen Ignoranz, zu einer solchen radikalen Ich-Bezogenheit? Meine These ist, dass es sich hier um eine Form der Vorwärtsverteidigung handelt. Welche Optionen haben Kinder denn, wenn ihre Eltern mit sich selbst beschäftigt sind, sich nicht für sie interessieren und sie vielleicht sogar verleugnen? Da gibt es die Möglichkeit, rebellisch zu werden – als Problemkind bekommt man sehr viel Aufmerksamkeit. Dann gibt es die Möglichkeit still zu werden und in sich selbst abzutauchen – dann macht man wenigstens keine Probleme und stört das Leben der Eltern nicht weiter. Eine dritte Möglichkeit ist in meinen Augen das ungefragte Erzählen. Es ist vielleicht ein Zwischenweg: Man schadet nicht wie das Problemkind, aber man verstummt auch nicht wie das in sich abgetauchte Kind.
Der Clou an diesem Weg ist: Gerade weil niemand fragt, wird geantwortet! Wenn man warten würde, bis man gefragt wird, bis sich jemand für einen interessiert, müsste man ewig schweigen. Erwachsene, die soviel reden, wurden nie gefragt, wie es ihnen geht. Sie mussten, um überhaupt wahrgenommen zu werden, von sich aus erzählen. Deshalb erzählen sie auch heute noch in den freien Raum, ins Leere hinein. Und das Traurigste daran ist vielleicht, dass sie, gerade weil sie nie das Interesse an ihrer Person kennengelernt haben, auch nicht wissen, wie man sich für andere interessiert und wie man andere fragt.
Doch wie geht man damit um? Das jahrelang erfahrene Desinteresse, das durch ungefragtes Erzählen auch heute noch immer offensiv überbrückt werden soll, kann man nicht in einem Gespräch lindern. Schwierig ist auch, dass man, sobald man Interesse zeigt und nachfragt, diese Rede-Maschinerie erst recht in Gang setzt. Vielleicht ist sogar die Fähigkeit verloren gegangen, das Interesse der Anderen wahrzunehmen.
Während Monologisierer also normales Interesse oftmals nur als Bestätigung und Ermunterung zum weiteren Erzählen erfahren, gibt es noch andere Möglichkeiten des Umgangs mit ihnen. Interessant ist nämlich, wen sich solche Menschen als Freunde suchen: Der obigen Mini-Typologie entsprechend suchen sie nicht die Rebellen, sondern eher die stillen Schweiger. Mit Rebellen können solche Monologisierer nicht umgehen: Offensives Einfordern von Aufmerksamkeit stößt sie eher vor den Kopf, vielleicht weil sie es als Desinteresse an ihrer Person missinterpretieren. Daher sind die stillen Schweiger ihre eigentlich perfekte Ergänzung: Sie erdulden die ewigen Monologe, weil sie es ja gewohnt sind, sich nicht auszudrücken.
Ich bin mir nicht sicher, ob es jenseits dieser eigentlich ungünstigen Passung auch noch Hoffnung gibt. Vielleicht kann man mit konstantem Interesse die aus ewigem Plappern bestehende Mauer ihres Nichtwerts zum Einsturz bringen, so dass dahinter endlich auch andere Menschen für sie sichtbar werden.

Ist Trennung ansteckend?

Es gibt scheinbar Zeiten des Zusammenkommens und Zeiten der Trennung. In meinem Umfeld ist gerade Zeit der Trennung. Wie in einem Live-Ticker bei Spiegel Online kommen täglich neue überraschende Nachrichten über Paare heraus, die sich trennen wollen oder auch schon getrennt haben. Das wirft doch die Frage auf: Wie kommt es zu dieser erstaunlichen Häufung? Ist Trennung vielleicht ansteckend? Gibt es eine unerkannte Trennungsepidemie?
Der einzige mir bekannte Fall, in dem es eine solche offensichtliche Ansteckung gab, war der von zwei Freundinnen, die beide jeweils zwei Kinder und einen Mann hatten. Eine der beiden war latent unzufrieden und sprach mit ihrer Freundin häufig darüber. Die Freundin stellte dann immer öfter fest, dass ihre Beziehung ähnlich “schlecht” war und dass ihr ähnliche Dinge fehlten. Die Freundin geriet auch in eine Beziehungskrise. Der Unterschied war nur, dass ihr Mann so nicht leben wollte und sich von ihr trennte. Die ursprünglich Unzufriedene blieb danach sogar noch wesentlich länger mit ihrem Mann zusammen. Heute leben beide von ihren Partnern getrennt.
Das war ein wirklicher Fall von Ansteckung. Vielleicht ist die ungewöhnliche Häufung mit einem Verweis auf eine Grippe-Epidemie zu erklären: Wer schon angeschlagen ist, wird dort auch viel leichter krank werden. Die Freundinnen hatten sich gefunden, gerade weil sie ähnlich unzufrieden waren. Sie hatten eine ähnliche psychische Konstitution und konnten sich deshalb anstecken.
Viele Konflikte schwelen aber auch lange jenseits der Öffentlichkeit. Umso erstaunlicher ist es dann, wenn das Kränkeln einer Beziehung öffentlich wird. Das passiert vielleicht sogar gehäuft und es kommt zu dieser merkwürdigen Epidemie.
Gegen die Trennungsepidemie hilft dann auch (im übertragenen Sinne) Kaltduschen: Man härtet sich ab, indem man sich nicht nur der Harmonie (des warmen Wassers) hingibt, sondern auch das Gefährliche und Abschreckende (des kalten Wassers) sucht. Und natürlich auch, indem man viel Vitamin C zu sich nimmt: Das Exotische und Besondere (des Obstes) sollte neben dem Alltäglichen und Langweiligen (des Graubrots) seinen Platz finden!
Soweit meine Tipps gegen die Ansteckung! Ich muss jetzt auch erstmal wieder kalt duschen gehen.

Mein Leben als Ideenkünstler

Neben meinen unausgeführten Geschäftsideen habe ich auch noch unausgeführte Kunstideen. Und wenn ich schon kein Gesamtkünstler (Idee+Umsetzung) sein kann, so doch zumindest Ideenkünstler (Idee-Umsetzung). Vielleicht findet sich ja ein begabter Bastler, der meine Ideen umsetzt und mich später in seiner Vernissage als Inspiration erwähnt.
Aber hier nun meine letzten Kunstprojekt-Ideen. Die müssen jetzt auch langsam raus, sonst ist kein Platz für neue Ideen:

Die Genomobile
Inspiriert durch schlecht gemachte Mobile in einer Ausstellung neulich würde ich die Idee des Mobiles weiter ausbauen. Man kombiniert das Mobile, also ein Windspiel, mit einem Genogramm, also einem Stammbaum. So schafft man das Genomobile. Erste Versuche startet man mit dem eigenen Familienstammbaum. Um künstlerischen Erfolg zu haben, baut man riesige Genomobile von bekannten Familiendynastien, z.B. der britischen Königsfamilie. Um ein wenig zu provozieren, baut man natürlich auch die unehelichen gezeugten und die heimlich abgetriebenen Kinder ein. Das wollen die Medien doch, das man auch ein bisschen kritisch als Künstler ist. Daher könnte man dann auch eine Serie mit Firmenbeteiligungen anfangen: Riesige Windspiele, die das Firmengeflecht heutiger Aktien-Unternehmen zeigen. Davon macht man ein paar kritische und ein paar im Unternehmensauftrag, die dann in den Foyers und Lobbies rumhängen und dem Kunden die Weltläufigkeit des Unternehmens beruhigend einflüstern.

Die Artoffel-Serie
Ich schnitze kleine vergängliche Skulpturen aus Kartoffeln: Die Artoffeln. Diese Idee lässt sich sehr weit ausbauen: Man könnte beispielsweise andere Früchte schnitzen, zum Beispiel eine Banane oder einen Apfel. So würde man selbstreflexiv mit der Form der Kartoffel und ihrer Austauschbarkeit als Nahrungsmittel spielen. Man könnte auch Figuren schnitzen, beispielsweise eine Armee aus immer verschiedenen Soldaten, die sogenannte Terrkartoffa-Armee. Die ersten wären längst verfallen, wenn die letzten fertig werden. Man könnte mit Artoffeln ganze Szenarien darbieten, beispielsweise die Schlacht von Verdun oder vielleicht auch aktuellere Szenen, wie den Prozess um Uli Hoeneß. Da man diese Artoffel-Skulpturen nicht sammeln kann, zeigt man auch die Vergänglichkeit des Kunstbetriebs und entlarvt alle Künstler, die längerfristige Werke schaffen (z. B. ein Bild oder einen Roman) als Kommerzschweine. (Auch wenn man natürlich von dem Schnitzen von Artoffeln letzten Endes nicht leben können wird. Aber immerhin hat man sie dann entlarvt!)

2000 Kilometer Verwirrung
Angelehnt an den schönen Diavortrag “2000 Kilometer Freiheit: Zu Fuß über die Alpen von Wien nach Nizza” plane ich einen eigenen Diavortrag. Ich würde in einem kleinen Dorf in Thüringen anfangen. Ich würde den Leuten immer die gleiche Frage stellen: “Wo geht es hier nach Moskau?” Dann würde ich direkt ein Foto von ihrem Gesicht machen. Falls sie mir dann die grobe Richtung weisen, würde ich noch ein Foto von der zeigenden Geste machen. Dieses zweite Foto kann später als dramaturgischer Kniff eingesetzt werden (Spannung beim Zuschauer: “Zeigt er’s oder hält er ihn für verrückt?”). Ich denke, alle Geschichten werden sich allein aus diesem überschaubaren Anfangsimpuls für eine Kommunikation ergeben. Falls nicht, könnte man auch noch nachschieben: “Wollen Sie vielleicht mitkommen?” Besonders die Reise durch Polen und Weißrussland dürfte dann überraschend werden. Der Diavortrag, in dem ich nur die verwirrten Gesichter und die zeigenden Gesten vorführe, hieße dann: “2000 Kilometer Verwirrung: Fragend auf dem Weg nach Moskau”.

Meine besten Geschäftsideen

Mein manchmal abstruses Denken verschafft mir manchmal ebenso abstruse Geschäftsideen. Nur leider verlässt mich bei der Umsetzung meist die Lust. Daher will ich drei Ideen der letzten Wochen zumindest hier mal präsentieren. Vielleicht findet sich ja jemand, der das kongenial umsetzt, und der mich dann an all den Gewinnen beteiligt, so dass ich nie wieder arbeiten muss:

1. Das Fahrrad-Kino
Viele Menschen fahren einfach nur mit ihrem Fahrradlicht nach Hause. Sie wollen sehen, wo sie langfahren. Wie langweilig! Seit es jedoch ultra-mega-helle LED-Lichter gibt, muss diese Langeweile nicht mehr sein. Einfach ein Dia vor’s Fahrradlicht und schon macht Radfahren Spaß. Man kann seine Familiengeschichte betrachten, wenn man ein uraltes Dia einlegt, das man auf dem Dachboden seiner Oma gefunden hat oder man kann sich die Bilder des letzten Urlaubs noch einmal anschauen, der so schrecklich im Kontrast zum alltäglichen Nachhauseweg steht. In der Deluxe-Variante kann man natürlich auch einen kleinen Film im eigenen Fahrradlicht laufen lassen, der über eine Filmspule gezeigt wird, die über die entstehende Fahrenergie angetrieben wird. HD-Qualität lässt sich auf diese Weise allerdings im Fahrradkino bisher noch nicht erreichen.

2. Tastopax:
Für alle Menschen, die Kinder haben, die manchmal im großen Bett bei den Eltern mitschlafen wollen: Da genügt es oftmals nicht, einfach nur Ohropax ins Ohr zu stecken. Kinder schlagen im Schlaf manchmal unwillkürlich aus und drehen sich oft in die ungünstigsten Richtungen. Für diese Situationen gibt es nun Tastopax! Tastopax macht in der Nacht unempfindlich gegen Berührungen wie beispielsweise plötzliche Füße im Gesicht. Man kann endlich wieder durchschlafen! Tastopax gibt es in der Classic-Variante als Pille, die alle Körperempfindungen der Haut abschaltet, und für Esoteriker in der Bio-Variante in Form eines Ganzkörperanzugs aus ökologisch einwandfrei gezapftem Kautschuk!

3. Der Jakobsweg auf der Playstation:
Die ultimative Idee für alle, die nicht mehr laufen können (Rentner) oder wollen (Computerspieler) und trotzdem spirituelle Erleuchtung suchen: Man absolviert den Jakobsweg einfach bequem zu Hause auf der Couch auf seiner Playstation! Am Anfang kann man wählen, welchen Charakter man haben will: Rentner mit Rückenproblemen, junger Mann auf Sinnsuche, mittelalter Mann nach Scheidung oder in der Midlife-Crisis, oder man nutzt die einmalige Chance, in einem Spiel zwei spirituell veranlagte junge Mädchen zu spielen, die sich nicht getraut haben allein zu laufen und sich nun gemeinsam selbst erfahren wollen. Auf dem Weg passiert dann einiges: Man trifft alle anderen Figuren und kann dann im Monkey-Island-Stil Gespräche mit ihnen führen. Nebenbei kann man sein spirituelles Karma aufladen oder durch die falschen Begegnungen (Touri-Shop, All-you-can-eat-Buffet) völlig verlieren. Als Rentner kann man zusätzlich sein Rücken- und Körperkarma aufladen, weil man ja auch immer gegen die eigene, innere Uhr anläuft – auf dem Jakobsweg hieße der Tod dann: plötzlicher Tod durch Erleuchtung.

Absurde Ehrlichkeit

Eigentlich hatte ich mir geschworen, immer ehrlich zu sein. Eigentlich sollte es nur ein paar Ausnahmen geben, wann ich nicht die Wahrheit sagen würde. Eine solche Ausnahme hatten wir damals im Ethikunterricht in meiner Schule durchgespielt. Dafür standen dann Gestapo-Leute bei dem Mann, der Juden versteckte, vor der Tür und fragten: “Haben Sie Juden im Haus?” In diesem Fall war es eine moralische Notwendigkeit zu lügen. Nun habe ich aber eine weitere Form der berechtigten Lüge entdeckt: Die absurde Ehrlichkeit.
Ein Beispiel: Auf einer Party saß ich auf einer Couch, vor uns standen Leute. Nach einer Weile gingen sie weg und es blieb ein 5-Euro-Schein auf dem Boden liegen. Der Schein lag genau an der Stelle, an der ein Typ gestanden hatte, den ich flüchtig kannte. Ich hob den Schein auf und suchte den Typen – aber er war bereits gegangen. Nun ist die Frage: Soll ich diesem Typen, der mich kaum kennt, auf der Straße Tage später noch diesen 5-Euro-Schein geben? Immer wenn ich ihn sehe, muss ich darüber nachdenken und entscheide mich dagegen.
Das Wiedergeben wäre wirklich absurd ehrlich. Es überschreitet eine Grenze der Ehrlichkeit, deren Existenz mir zuvor gar nicht bewusst war. Scheinbar gibt es auch so etwas wie eine “normale”, gesellschaftlich akzeptierte Ehrlichkeit und eine “ungesunde”, übertriebene Ehrlichkeit.