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Klingsors Letzter

Archive for Februar, 2014

Die Belas. Über die Weiterentwicklung und das Ende der Kunst

Heute morgen lief ein neuer Song von Bela B. im Radio. Unglaublich eigentlich, dass Bela B. noch Musik macht! Unwillkürlich musste ich daher an einen anderen Bela denken, über den ich neulich einen Vortrag gehört hatte: Den ungarischen Regisseur Bela Tarr. Er soll nach seinem Film “Der Mann aus London” im Jahr 2008 gesagt haben: “Ich drehe keine Filme mehr. Mit diesem Film habe ich alles gesagt – jeder weitere Film wäre nur noch Wiederholung.” Das ist eine wirklich interessante Aussage: Kann man an das Ende seiner Kunst stoßen? Kann man seine künstlerische Form und seine Fähigkeiten komplett ausreizen?
Das Gegenstück zu dieser Vorstellung der “Auserzählung” der eigenen künstlerischen Idee ist wohl die Vorstellung der künstlerischen Weiterentwicklung. Der Künstler spiegelt seine persönlichen Veränderungen in seine Kunst hinein: All die Krisen und Verluste, all die Hoffnungen und Neuanfänge, all die Eingebungen und Rückfälle. Man schaut dem Künstler beim Werden zu. Für diese Erfahrungen braucht er auch neue Formen und entwickelt sich auf der Suche danach künstlerisch weiter. In diesem Sinne kann er den künstlerischen Formfundus gar nicht aufbrauchen.
Das ist allerdings eine sehr idealistische Vorstellung. So wie die meisten Menschen auch, neigen Künstler dazu, irgendwann an einen festen Kern ihres Selbst und ihrer Ausdrucksmöglichkeiten zu glauben. Es ist in der Kunst ja zudem auch fest verankert, einen bestimmten Stil, eine wiedererkennbare Marke für ein bestimmtes Publikum zu entwickeln. Insofern ist eine Veränderung oftmals nur in engen, formalen Grenzen möglich und eine Wiederholung fast unvermeidbar. Den einzigen Ausweg bildet eine „Neuerfindung“ des Künstlers. Dieser Weg birgt aber auch immer die Gefahr, vom Publikum nur als beliebig ausgetauschte Form oder als aufgezwungene Veränderung wahrgenommen zu werden.
Vielleicht wird vor diesem Hintergrund die formale Eingleisigkeit in Richtung Perfektion eines Bela Tarr umso bewundernswerter: Wenn man das perfekte Werk geschaffen hat, dann hört man einfach ohne Wiederholung und Variation auf. Man steigt aus, bevor es das Publikum tut. Der andere Bela, Bela B., wählt hingegen einen Zwischenweg und macht – jenseits der Suche nach dem perfekten Werk – einfach immer weiter. Er entwickelt sich und wiederholt sich: Er macht jetzt quasi Folk, aber seine Stimme und sein Gesang wiederholen sich nur noch.
Allerdings hat auch Bela Tarr es letzten Endes nicht geschafft, sich nicht zu wiederholen: Nachdem er bereits mit dem „Mann aus London“ alles gesagt hatte, hat er tatsächlich noch einen weiteren Film im Jahr 2012 gedreht. Vielleicht wollte er dem Publikum damit beweisen, dass er Recht hatte und sich wirklich nur noch wiederholt. Vielleicht wollte er aber auch in das bisher unerkundete Terrain einer postperfekten Kunst, einer Kunst nach dem Ende der (eigenen) Kunst vorstoßen. Das Ergebnis soll auf jeden Fall, da hatte Tarr recht, eine langweilige Wiederholung seines bisherigen Werks gewesen sein.

Sonder-Reflektions-Bereiche

In letzter Zeit stelle ich immer wieder fest, dass es unterschiedliche Bereiche der Reflektion gibt. Die Klugheit eines Menschen sagt meist nur wenig über seine Reflektiertheit über die ihn im Alltag umgebenden Strukturen aus. Die Anwendung der intellektuellen Fähigkeiten beschränkt sich meist auf die eigene Arbeit und das politische Tagesgeschehen.
Für den gebildeten Bürger ist es klar, dass er eine Meinung zum tagespolitischen Geschehen hat – zu all den Skandalen, zu den Gesetzesinitiativen oder zu den Protestbewegungen. Weniger klar ist jedoch, ob er auch eine Meinung zu den medialen Strukturen hat, in denen ihm all das dargeboten wird. Ist ihm klar, dass die Berichterstattung über ein Ereignis extrem einseitig sein kann und dass es ebenso andere Positionen geben kann, die medial nicht genannt werden? Ist ihm klar, dass die medialen Strukturen der Aufmerksamkeitserzeugung eine Berichterstattung über viele, alltägliche Themen gar nicht erlauben? Diese medienkritischen Fragen ließen sich fortsetzen. Dabei ist es für mich immer wieder erstaunlich, wie parallel die Argumentationen wirklich kluger Menschen zu denen der Medien verlaufen – insbesondere auch von Menschen, die gesellschaftlich zum Inbegriff von Klugheit gemacht werden: Von Universitätsprofessoren.
Früher habe ich das immer damit erklärt, dass das ja auch nur Medienkonsumenten sind. Man kann nicht erwarten, dass sich jeder kritisch mit den Medien auseinandersetzt. Heute würde ich das noch erweitern: In meinen Augen gibt es Sonder-Reflektions-Bereiche, die neben oder quer zu den „normalen“ Bereichen von gedanklichen Auseinandersetzungen liegen. Es sind Bereiche, in denen sich Menschen kritisch mit den sie umgebenden Strukturen auseinandersetzen, statt sie als gottgegeben und alternativlos hinzunehmen. Ich lese zum Beispiel bei medialen Inhalten immer auch die medialen Darstellungsweisen mit und frage mich dann fast automatisch: „Ist das wirklich alles? Was steckt eigentlich dahinter?“
Aber dass sich dieser Sonder-Reflektions-Bereich bei mir etabliert hat, ist durch meine persönliche Beschäftigung mit den Medien bedingt. Angestachelt wird die Entstehung solcher Sonder-Reflektions-Bereiche also vermutlich zum einen von der Entdeckung, dass die Strukturen, wie sie uns präsentiert werden, auch anders und besser sein könnten, zum anderen oftmals auch aus der Angst vor negativen, gesellschaftlichen Entwicklungen. Diese Bereiche speisen sich somit aus den beiden Seiten des Möglichkeitssinns: Dem Denken von positiven und negativen Alternativen zum Jetzt-Sein.
Um das zu illustrieren, vielleicht noch zwei Beispiele: Ein Freund von mir ist im Sonder-Reflektions-Bereich „Kapitalismus“ sehr bewandert. Für ihn sind Reflektionen darüber, über das Wesen des Kapitalismus und wie es unsere Gesellschaft bis in die persönlichen Beziehungen prägt, völlig selbstverständlich. Er hat dort ein weites Spektrum von in sich schlüssigen Argumentationen entwickelt. Ich kann damit oft nichts anfangen und verstehe die Argumentationen zwar ansatzweise, sehe aber weder das akute Bedrohungspotential noch die Möglichkeiten zur Änderung.
Ein Bereich, in dem es mir wie ihm ergeht und ich oft auf Unverständnis stoße, ist der des „Datenschutzes“. Es gibt kluge Menschen, denen es einfach egal ist, was mir ihren persönlichen Daten passiert. Sie können sich einfach nicht vorstellen, wohin die aktuellen Entwicklungen führen könnten. Dieser von Skepsis geprägte Gedanken-Bereich ist für sie unzugänglich.
Man erkennt an diesen beiden Beispielen auch, dass es gesellschaftlich akzeptierte und weniger akzeptierte Sonder-Reflektions-Bereiche gibt: Die Reflektion über den Kapitalismus war in den 70er und 80er Jahren sehr beliebt, die Reflektion über den Datenschutz ist es heute.
Man muss in diesem Zusammenhang allerdings auch berücksichtigen, dass solche Sonder-Reflektions-Bereiche das Leben in unserer Gesellschaft nicht gerade einfacher machen. Upton Sinclair soll einmal gesagt haben: „Es ist schwer, einen Mann dazu zu bringen, etwas zu verstehen, wenn sein Einkommen davon abhängt, es nicht zu verstehen.“ Vielleicht kann man diesen Spruch auch noch abwandeln: „Es ist schwer, jemanden dazu zu bringen, etwas zu verstehen, wenn sein Lebenskomfort davon abhängt, es nicht zu verstehen.“

Was sich mit Kind alles ändert

Früher habe ich im Hotel immer danach gefragt, bis wann es das Frühstück denn gibt. Heute frage ich nur noch, ab wann es denn Frühstück gibt.

Einblicke in den Kosmos des alternativlosen Denkens

Es gibt Sätze, die sind der absolute Ausweis eines alternativlosen Denkens, die Essenz der Unfähigkeit zum Möglichkeitssinn. Menschen, die solche Sätze äußern, sind bei mir sofort in jeder Kategorie durchgefallen. Sie sind zu banal, um sich mit ihnen zu beschäftigen. Das klingt hart, ist es auch. Aber jemand, der einen dieser Sätze äußert, besitzt in meinen Augen nicht die Fähigkeit, auch nur einen kreativen Gedanken zustande zu bringen. Zwei schöne Beispiele habe ich in letzter Zeit erlebt:

1. Heute war ich auf einem Konzert einer Band, bei der wesentliche Bestandteile der Musik nur durch einen Rechner eingespielt wurden. Scherzhaft meinte auch der Schlagzeuger, das seien die Folgen der modernen Musik, die Musiker seien „Sklaven des Rechners“. Es wurde ein Stück vom Mac eingespielt, dazu spielte ein Musiker Schlagzeug, einer Bass und einer Harmonika. Während der Vorstellung fragte ich mich, wann denn Musik eigentlich zur Aufführung geeignet sei, wieviel müsse dafür auf der Bühne geboten werden. Diese Musik war so statisch, alles war vorgegeben, die Musiker haben keinen Ton improvisiert – die Musik hätte eigentlich auch vom Band abgespielt werden können. Das fragte ich nach dem Konzert in die Gruppe. Ein Freund hatte auch ähnliche Gedanken gehabt. Dann aber antwortete eine Semi-Bekannte mit dem folgenden Satz: „Wer etwas auf die Bühne bringen will, kann das doch tun.“ Die Freude über das Philosophieren wird hier auf einen Schlag durch die Erinnerung an den sozialpädagogischen, olympischen Gedanken ausgelöscht.

2. Vor einer Weile war ich bei einer Sitzung eines politischen Gremiums. Es ging darum, wie man sich zu den bevorstehenden Kürzungen an der eigenen Hochschule verhält. Der Rektor hat einen Plan aufgestellt, demzufolge sehr viele Stellen in den nächsten fünf Jahren weggekürzt werden sollen. Es wurden viele für mich verständliche Positionen von Protest bis zur Anpassung geäußert, bis dann einer folgendes Statement zum Besten gab: „Die Kürzungen stehen doch schon fest. Dagegen zu sein, ist doch sinnlos. Man ist doch auch nicht gegen das Untergehen der Sonne oder gegen die Nacht.“ Für diesen Menschen besitzen politische Entscheidungen scheinbar die gleiche Notwendigkeit wie Naturgesetze. Dass ein vermutlich halbwegs gebildeter Mensch so denken kann, war für mich äußerst schockierend.

Ein anderes Beispiel ist einer meiner All-Time-Favorites, obwohl ich da nicht so strikt bin und keine komplette Unfähigkeit zu kreativem Denken unterstellen würde. Der Satz fällt immer dann, wenn jemand einen Witz erzählt, der gut aber auch abstrus ist. Dann sagt der unkreative Andere: „Wer sich so etwas ausdenkt! Wie die nur immer auf so etwas kommen!“ Das tut mir im Herzen weh, wenn Menschen die Fähigkeit zu kreativem Denken so weit von sich weg schieben. Sie tun so, als sei das etwas völlig Fremdes, auf das nie jemand kommen könnte. Das ist so traurig. Dabei kann doch jeder, wenn er nur ein wenig nachdenkt, eine abstruse Parallele ziehen oder ein schönes Wortspiel finden – mit Ausnahme natürlich der beiden oben beschriebenen, völlig möglichkeitsfernen Menschen.

Die goldene Regel der Pünktlichkeit

Neulich habe ich die ultimative Regel gefunden, wie man Zuspätkommen grundsätzlich vermeiden kann. Sie klingt recht einfach, wird aber von vielen Menschen zu oft mißachtet. Daher muss ich sie mal ausformulieren:
Geh eher los, als du ankommen willst!
In den meisten Fällen muss nämlich noch eine Strecke zurückgelegt werden, bevor du ankommst. In Großstädten wie Berlin sollte diese Regel selbstverständlich sein, in Kleinstädten wird sie jedoch aufgrund der kurzen Wege oft nicht beachtet. Kurz gefasst: Losgehzeit ungleich Ankunftszeit!

Dreidimensionale Schönheit

Schönheit wird in unserer Gesellschaft viel zu eindimensional gesehen: Nämlich nur von vorne. Gesichter werden immer nur nach ihrer Schönheit in der Frontalansicht beurteilt. Dabei gibt es zwei Ansichten, die ebenso interessant sein können: Die Seitenansicht und die Rückansicht.
Ich beschränke mich der Einfachheit halber und meinem Geschlecht entsprechend auf die Betrachtung der Frau. Diese drei Schönheitsansichten können sich bei Frauen komplett widersprechen: Es gibt Frauen, die sind von der Seite sehr schön, aber wenn sie ihr Gesicht drehen, ist das Gesicht unerwartet asymmetrisch oder unproportional. Das gleiche kann bei Frauen passieren, deren Kopf von hinten unglaublich schön und stimmig wirkt, so dass man ganz gespannt auf das Umdrehen wartet – und ganz geschockt über die Seiten- oder Frontalansicht ist.
Diese Widersprüche je nach Betrachtungswinkel gibt es sehr vielen Variationen. Deshalb fände ich es nur gerechtfertigt, dass man, wenn man schon einen Schönheitswettbewerb veranstaltet, auch auf diese Unterschiede eingeht und daher ab sofort neben „Miss Frontal Deutschland“ auch „Miss Seite Deutschland“ und „Miss Rück Deutschland“ kürt.

Über das Altern des Blicks

In letzter Zeit stelle ich immer wieder mit Erstaunen fest, dass nicht nur ich altere, sondern auch mein Blick. Während ich das erste kaum verwunderlich finde und mit mehr oder weniger Zähneknirschen und Graue-Haare-Zählen akzeptiere, finde ich das zweite wirklich merkwürdig.
Wenn ich Erstsemester sehe, denke ich immer häufiger: “Das sind doch Schüler, die sind doch erst fünfzehn!” In dieser extremen Verjüngung versuche ich natürlich nur, mein eigenes Altern zu kaschieren. Allerdings geschieht diese Wahrnehmung und das daraus resultierende Urteil wirklich unbewusst. Ebenso unbewusst passiert es, dass ich plötzlich Über-Dreißig-Jährige Frauen wesentlich attraktiver finde, dass sich mein “Beuteschema” um 10 Jahre nach oben verschoben hat. Daher stellt sich die Frage: Wie kommt es, dass sich mein Blick so ändert? Altert mein Blick mit? Gerade die Wahrnehmung unserer Umwelt scheint doch etwas so stabiles und verlässliches zu sein!
Vielleicht erkennt man daran aber gerade, wie relativ die eigene Wahrnehmung ist. Was wir sehen, ist eben nicht einfach nur unsere Umwelt. Wieviel sich auch bei uns noch ändern kann, wird leicht ersichtlich, wenn man bedenkt, in welch einer Wahrnehmungswelt Kinder leben: Vor einiger Zeit habe ich eine Freundin mit ihrem Kind in Portugal besucht. Das Kind war fasziniert von Tauben und Gullideckeln. Wir sind also durch die schönsten Gegenden gelaufen und alles, was das Kind sah, waren Tauben und Gullideckel. Vermutlich sah es auch mehr, aber das war eben das Einzige, was es faszinierte und auch benennen konnte.
Als Erwachsene glauben wir, dass wir alles wahrnehmen, weil wir es auch benennen können. Vielleicht ist durch die Benennbarkeit auch unsere Faszinationsfähigkeit verloren gegangen. Wenn aber das Kind solch einen weiten Weg des Wahrnehmens bis zu seinem Erwachsenenen-Dasein geht, warum sollte dieser Weg wirklich in der Benennbarkeit der Dinge enden? Möglicherweise ändert sich unsere Wahrnehmung noch immer, es äußert sich nur anders. Beispielsweise in dem beschriebenen, unbewussten Altern des Blicks.

P.S.: Die Gegenthese: Vielleicht ändert sich unsere Wahrnehmung aber auch im Laufe des Lebens gar nicht: Es könnte sein, dass wir eigentlich nur Tauben und Gullideckel sehen, wenn wir durch die Stadt laufen - nur, dass sie bei uns mittlerweile anders heißen (im Urlaub beispielsweise “Kirchen”, “Sonnenuntergänge” und “Sandstrände”).

Die Sinne des Lebens

Es gibt Fragen, die tauchen für die meisten Menschen nur an den neuralgischen Punkten ihres Lebens auf: An den Weggabelungen, an denen ihnen der zurückgelegte Weg, das bisherige Sein, bewusst wird und sich gleichzeitig die zukünftigen Wege, die Möglichkeiten des Werdens, offenbaren. Wenn man zulange an diesen Punkten ausharrt, können die zu stellenden Fragen immer existentieller werden. Sie führen vom „Wer bin ich?“ über das „Was will ich?“ zum „Wer will ich sein?“. Mit zunehmendem Alter ändert sich auch die Perspektive dieser Fragen: Die in den ersten Fragen noch vorhandene Leerstelle wird durch das Beschreiten des Weges mit einem Sein und einem Wollen gefüllt. Die Fragen werden zu den verwundert ausgerufenen, vielleicht auch etwas skeptischen Fragen: „Das bin ich also!?“, „Das will ich also!?“. Dann taucht oft auch die Frage auf „Ist das alles?“ Sie führt zu den grundlegenden Fragen, die immer bedrohlich im Hintergrund gelauert haben: „Wozu das Ganze? Warum überhaupt etwas tun, wenn man am Ende doch nur stirbt? Was ist der Sinn des Lebens?“ Das Bedrohliche an diesen Fragen ist, dass, wenn man diese Fragen stellt, es eigentlich schon zu spät ist: Man ist aus dem Fluss des Lebens gestiegen und beginnt sich – nun am Ufer stehend – zu fragen, ob und warum der Fluss überhaupt fließt. Es kann darauf in meinen Augen keine allgemeine und abschließende Antwort geben.

Dennoch kann man, wenn man einmal aus dem Fluss gestiegen ist, sich doch auch einmal umschauen: Welche Antworten haben denn andere gefunden, welche Antworten bietet unsere Gesellschaft? Da ich ein Freund der Kategorisierungen bin, habe ich einmal eine kleine Liste mit den Sinnen des Lebens zusammengestellt, die mir bisher begegnet sind und die mir vorstellbar sind. Vielleicht besteht die folgende Liste auch eher aus Sinnbausteinen, die im Zuge des Lebens mit wechselnden Anteilen immer wieder neu zu einem Gesamtsinn zusammengefügt werden können. Allerdings sind diese Sinne nicht völlig frei wähl- und kombinierbar - man hat vielmehr für bestimmte Sinne eine lebensgeschichtliche Vorprägung.

Hier die Liste der Lebenssinne in einer vorstellbaren Chronologie, aber ohne Anspruch auf Vollständigkeit:

1. Genuss als Sinn des Lebens
„Carpe diem“ beschreibt diese Vorstellung wohl am besten: Das Leben genießen, den Moment maximal auskosten und nicht an Morgen denken. Und solange man jeden Tag genießt, kann am Ende doch nichts Falsches rauskommen! Dieses Verständnis des Lebens klammert die Frage nach einer langfristigen, einordnenden Perspektive komplett aus: Das Ende (der Tod) ist nicht relevant oder zumindest nur als Negativfolie präsent, vor deren Hintergrund das Auskosten jedes Moments umso wichtiger wird. Wenn jedoch Sand in dieses hedonistische Getriebe geworfen wird, sei es durch einen plötzlichen Mangel an Erlebbarem oder durch die Erschöpfung des Selbst in Anbetracht der ständigen Suche nach genau der passenden Befriedigung für das gerade aktuelle Bedürfnis, wird es in existentielles Stottern geraten. Dann wird es sehr schwer, diesen Sinn wieder komplett aufleben zu lassen und es besteht die Gefahr, dass man immer wieder versucht, das reine und unschuldige erste Mal krampfhaft wiederzubeleben.

2. Helfen als Sinn des Lebens
Der Grundgedanke ist hier: Solange ich anderen Menschen helfe, ist mein Leben ja ganz offensichtlich sinnvoll. Ohne mich wäre die Welt schlechter und viele Menschen unglücklicher. Wer könnte das in Frage stellen! Diese Vorstellung steht deutlich im Gegensatz zum hedonistischen Sinn des Lebens, der auf das radikale Ausleben des Selbst ausgerichtet ist, während der altruistische Sinn das Selbst oftmals bis zur Selbstaufopferung in den Hintergrund drängt. In die Krise gerät diese Vorstellung oft durch die Erkenntnis der Unendlichkeit des Leids auf der Welt und das damit verbundene Gefühl der Unbedeutsamkeit des eigenen Handelns, ja der eigenen Ohnmacht. Aber auch dann, wenn das Selbst aufhört zu schweigen und sich der eigenen Bedürfnisse bewusst wird, die in Anbetracht der Bedürfnisse all der anderen, viel stärker Leidenden jahrelang unterdrückt wurden.

3. Die Welt verstehen als Sinn des Lebens
Diese Vorstellung ist von der Neugier geprägt, die Welt, die einen umgibt, besser und tiefer zu verstehen. Die Neugier führt zum Sammeln von Wissen: Man bildet sich weiter, man will immer mehr wissen. Da die heutigen Wissensbestände nahezu unendlich sind, kann man sich an diesem Sinn ein Leben lang abarbeiten. Hier geht es meist unbewusst auch um eine Frage der Distinktion – man will sich von anderen abheben: Man genießt es, mehr zu wissen als andere und hinter die Dinge zu schauen, die andere als selbstverständlich wahrnehmen. In die Krise gerät dieser Sinn, wenn sich die Neugier erschöpft: Sei es aufgrund der im Laufe des Lebens zunehmenden alltäglichen Routinen und Ablenkungen oder aufgrund der mit dem Wissensgewinn oftmals verbundenen anmaßenden Vorstellung „jetzt“ zu wissen, wie die Welt wirklich funktioniert.

4. Sich selbst verstehen und erfahren als Sinn des Lebens
Das Leben hat in diesem Verständnis den Sinn, das eigene So-Sein zu erkennen und einen Umgang damit zu lernen. Man versucht mit sich selbst klarzukommen, mit sich selbst ins Reine zu kommen, das eigene Verhalten zu verstehen und die eigenen Bedürfnisse kennenzulernen. Wenn dieser Sinn nicht nur auf das eigene Geworden-Sein und So-Sein gerichtet ist, kann es auch darum gehen, das eigene Potential voll auszuschöpfen, sich selbst optimal weiterzuentwickeln. Man will sich selbst (über seinen Körper) „erfahren“ und die eigene Wahrnehmung schulen. In die Krise gerät dieser Sinn, wenn eine Erschöpfung des eigenen Erkenntnis- und Erfahrungswillens, eine Ermattung des Wunsches nach persönlicher Weiterentwicklung einsetzt oder unhintergehbare, feste Bestandteile des eigenen Selbsts entdeckt werden, um die man seit Jahren mit dem Wunsche der Durchdringung und „Erfahrung“ gekreist hat.

5. Kunst als Sinn des Lebens
Wenn man sich selbst das erste Mal wahrnimmt, sich das erste Mal spürt, dann gibt es oft den Wunsch all diese Gefühle auszudrücken, seinen neu gewonnenen Blick auf die Welt anderen mitzuteilen. Dafür bieten sich die vielen Formen der Kunst an: Das Literarische, das Musikalische, das Photographische etc. In diesem öffentlichen Ausdrücken lebt man auf, man erfährt Resonanz von anderen. Im gewissen Sinne ist dieser Sinn das aktive Gegenstück zum eher passiven, ästhetischen Sinn. Es schaffen allerdings nur wenige Menschen, diese Art des Selbstausdrucks aufrecht zu erhalten und Künstler zu werden und wirklich Kunst zu schaffen. Für sie besteht der Sinn des Lebens darin, ihre Selbstwerdung in der Öffentlichkeit künstlerisch zu zelebrieren. Bei den meisten werden jedoch die Musikinstrumente irgendwann auf dem Dachboden verstaut, das eigene Buchprojekt beerdigt oder die Zeichen-Ambitionen vergessen. Manchmal werden diese frühen künstlerischen Ambitionen später - in Phasen der Sinnkrise - als Hobby wiederbelebt.

6. Erziehung als Sinn des Lebens
Dieser Sinn wird entweder als Ausweg aus dem Angekommensein in der Beziehung und im Berufsleben bewusst gewählt oder man erfährt ihn als einen unerwarteten und fast übergestülpten Sinn. Im ersten Fall wird das Kinderkriegen als gesellschaftliches Sinn- und Weiterentwicklungsangebot angenommen, die Frage nach dem Sinn muss nicht mehr gestellt werden. Man erklimmt eine weitere Stufe auf der Leiter der gesellschaftlichen Normalbiografie. Im zweiten Fall befinden sich die Partner noch verstrickt in ihrer eigenen Sinnsuche und erfahren die Kindererziehung als zeit- und lebenszehrende Aufgabe, die eine Beschäftigung mit Fragen, die über die Bewältigung des Alltags hinausgehen, unmöglich macht. Im ersten Fall wird man diesen Lebenssinn sehnsüchtig annehmen, im zweiten Fall meist nur widerwillig als Einsicht in die Notwendigkeit. Inhaltlich verengt er sich in Richtung des altruistischen Sinns: Der Lebenssinn besteht darin, die eigenen Kinder zu guten Menschen zu machen. Doch dieser Sinn ist nur ein Intermezzo in der Sinnsuche. Die Sinnkrise und -leere nach dem Auszug der Kinder führt vor Augen, dass die Auseinandersetzung mit dem Sinn des eigenen Lebens genauso weitergeht wie vor der Geburt der Kinder. Schwierig wird es dann, wenn Eltern von ihren Kindern nicht loslassen wollen und ihren Sinn durch das Mit-Leben des Lebens ihrer Kinder finden wollen.

7. Erfolg als Sinn des Lebens
Beruflicher Aufstieg und Streben nach Erfolg gehören (neben dem Kinderkriegen) zu den sichtbarsten Angeboten im Sinnrepertoire dieser Gesellschaft. Der Sinn des Lebens besteht hier im Streben nach Erfolg, Berühmtheit und Geld. Obwohl seine Eignung als Antwort auf die Sinnfrage oft gesellschaftlich in Frage gestellt wird (z.B. „Geld macht nicht glücklich!“), ist dieser Sinn einer der beliebtesten. In der gegenwärtigen, auseinanderdriftenden und atomisierten Gesellschaft wurde dieser Sinn wohl verständlicherweise aus dem Wunsch nach materieller Sicherheit und dem Wunsch nach persönlicher Anerkennung gespeist, hat sich jedoch bei vielen Menschen so verselbständigt, dass sie, selbst wenn sie dieses ursprüngliche Ziel erreicht haben, immer weiter auf diesem Weg gehen müssen. Dieser Sinn ist ein Fass ohne Boden – genug Erfolg und Geld gibt es nicht! Ein Ausstieg aus dieser Sinnmaschinerie geschieht meist nur durch einen kompletten Zusammenbruch (im Volksmund „Burnout“).

8. Schaffen als Sinn des Lebens
Dieser Sinn ist dem karrieristischen Sinn recht ähnlich – nur dass er sich nicht an eine Öffentlichkeit richtet, sondern vielmehr einen Rückzug ins Private darstellt. Man will mit den eigenen Händen etwas schaffen, etwas aufbauen. Wenn dieser Sinn eher im Leben auftaucht, kann er sich auch in künstlerischen Werken äußern, je später er jedoch auftaucht, desto eher führt er zu dem Wunsch, sich ein harmonisches, heimisches Umfeld zu schaffen. Das zeigt sich dann an den Einfamilienhäusern und den Schrebergärten. Dort wird die Bebauung, Bepflanzung und Renovierung zu einer immer wiederkehrenden, lebenslangen Aufgabe. Dies ist ein Sinn, der Menschen bis zum Ende ihres Lebens begleiten kann.

9. Ästhetik als Sinn des Lebens
Hier fallen Sinn als Wahrnehmung und Sinn als Bedeutung in eins: Die Schönheit der Welt mit seinen Sinnen wahrzunehmen, sei es in der Kunst, in der Natur, aber auch in anderen Menschen, das gibt dem Leben Bedeutung. Dafür muss man einen offenen Blick für das Besondere haben, sich davon überraschen lassen und sich dafür begeistern können. In zunehmendem Alter äußert sich dieser Sinn in dem Wunsch, die Wahrnehmungsfähigkeit für den ästhetischen Genuss zu steigern und den eigenen ästhetischen Geschmack zu verfeinern. Insofern kann man diesen Sinn vielleicht auch als eine (erwachsene?) Variante des erstgenannten Genuss-Sinns verstehen. Die schwierigste Aufgabe dabei ist es wohl, sich trotz des Alltags und der sich im Alter ausbreitenden Routinen diesen Blick für das Besondere und Schöne zu bewahren.

10. Religion als Sinn des Lebens
Der Glauben, dass alles seine Richtigkeit in dieser Welt durch Gottes Fügung hat, ist wohl einer der sichersten Sinne des Lebens. Obwohl er durch die Säkularisierung geschwächt wurde, gibt es noch viele Menschen, die ihr Leben auf diese Weise in einen größeren Zusammenhang einordnen. Lediglich durch Schicksalsschläge kann dieser Sinn nachhaltig gestört werden.

Zwischen diesen verschiedenen Sinnen gibt natürlich diverse Interaktionen und Überschneidungen. Daher werde ich demnächst zur besseren Verständlichkeit große Schautafeln erarbeiten und die Beziehungen zwischen diesen Lebenssinnen mit Pfeilen oder mit Schnittmengen grafisch darstellen. Dann begründe ich eine neue Sinn-Philosophie und schreibe meine Dissertation darüber. Das begründet dann vielleicht auch noch einen elften Sinn: Philosophie über den Sinn des Lebens als Sinn des Lebens.