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Archive for Oktober, 2013

Mediale Menschenjagd. Wie die Kirche durchs Dorf getrieben wird

Wahrscheinlich werde ich einfach altersmilde oder ich habe schon zu viele durchs Dorf getriebene Säue gesehen – ich kann die mediale Aufregung um den Limburger Bischof Franz-Peter Tebartz-van Elst nicht verstehen. Auf mich wirkt das eher wie eine mediale Menschenjagd. Wie damals bei Christian Wulff. Die Medien entdecken einen schönen Widerspruch (Saubermann vs. Lügengeschichte) – und in diesem Fall sogar noch eine exzentrische Persönlichkeit dazu – und beginnen immer tiefer im Privatleben zu graben. Persönlichkeitsrechte zählen nicht mehr, die Geschichte zählt. Es gibt die Medien, die die Geschichte vorantreiben – das ist hauptsächlich der Boulevard. Und es gibt die Medien, die dann scheinbar objektiv über den Skandal berichten – das sind die seriösen Medien. Das Vorgehen des Boulevards ist schrecklich, aber immerhin stringent. Das Verhalten der seriösen Presse hingegen ist sehr scheinheilig: Man berichtet darüber, was andere herausgefunden haben, was dem Bischof nun auch noch vorgeworfen wird. Sie tun so, als gebe es den Skandal objektiv, und übersehen geflissentlich, dass sie ihn eigentlich gerade durch ihre Berichterstattung erzeugen und wesentlich anheizen. Da wird dann, wie es sich für eine seriöse Zeitung wie die Süddeutsche gehört, über die Finanzierung der katholischen Kirche berichtet oder es werden bei Spiegel Online (gut – gehört eigentlich nicht zur seriösen Presse) die anderen Bischöfe befragt, was sie von dem medial erzeugten Skandalon in ihrer Mitte halten.
Das ganze Kaputtmachen dieses Mannes, dieses ganze investigativen Journalismus vorgaukelnde mediale Spiel, in dem alles aus dem Privaten Hervorgezerrte zum Skandal erhoben und dann anhand der medial konstruierten überheblichen Persönlichkeit dieses Mannes erklärt wird, das alles wird mit dem Argument gerechtfertigt, dass die Medien Missstände und Widersprüche aufdecken müssen. Und natürlich auch Geldverschwendung anprangern müssen!
Wenn es denn schon ein Missstand ist, kann man dann den darin verwickelten Menschen nicht wenigstens ihre Menschenwürde und ihre Privatsphäre zugestehen? Vielleicht kann man den Skandal aufzeigen und ihn dann den internen Korrektur-Mechanismen der katholischen Kirche überlassen. Da wäre die mediale Antwort: Das geht nicht, weil es dann wohl keine Konsequenzen daraus gebe. An diesem Gedankenspiel erkennt man, wie weit die mediale Macht in diesem Fall geht: Die Medien sind hier schon die Richter und haben das moralische Urteil bereits gefällt. Jetzt muss die Wirklichkeit ihr Urteil nur noch bestätigen! Alles andere als eine Bestätigung wäre ein weiterer Skandal und natürlich ein weiterer Beweis der Verruchtheit und Verkommenheit der katholischen Kirche. Letzten Endes wird die Problematik aber in den Gremien der katholischen Kirche verhandelt werden. Die Medien können jetzt nur so starken Druck aufbauen, dass Tebartz-van Elst zusammenbricht und zurücktritt.
Man müsste sich nur einmal vorstellen, wie groß der mediale Aufschrei gewesen wäre, wenn die Bischofskonferenz begonnen hätte, die Personalentscheidung des Spiegels für Nikolaus Blome zu kritisieren und zu skandalisieren. Blome widerspreche allen Werten der Kirche! Jeden Tag würden die Kirchenvertreter neue Details aus dem Privatleben von Blome ans Tageslicht zerren. Eigentlich eine ganz lustige Vorstellung! Aber das ist eben nicht die Aufgabe der Kirche.
Die Medien haben sich irgendwann selbst zur vierten Gewalt im Staate erhoben. Wenn sie dieses Amt schon ausfüllen wollen, so ungewählt und unkontrolliert wie sie sind (und das in einer Demokratie!), dann sollten sie es mit mehr Respekt vor den anderen Systemen ausfüllen. Es ist schrecklich, in welche Richtung sich der Journalismus in Deutschland entwickelt. Ich hätte nie gedacht, dass ich jemals einen erzkonservativen Bischof verteidigen würde! Oh, mein Gott!

Die konzeptionelle Wahrheit und der tragische Einzelfall

In der letzten Sendung von “Neues aus der Anstalt” wurde eine Frage diskutiert, die ich mir auch schon häufig gestellt habe: Glauben Politiker eigentlich das, was sie sagen, selbst?
In einem schönen Dialog zwischen Erwin Pelzig und Georg Schramm unterschied Pelzig nach Hannah Arendt zwischen dem Lügner und dem Verlogenen. Der Lügner weiß, dass er lügt - er kennt also noch die Wahrheit. Der Verlogene hingegen kennt die Wahrheit nicht mehr, er hat die Lüge verinnerlicht. Die Frage war nun: Was ist Angela Merkel? Verlogene kann sie nicht sein, da sie dann verinnerlichte Ansichten haben müsste. Lügnerin kann sie auch nicht sein, da sie, wie Pelzig anmerkt, das alles doch gar nicht wissen will, denn “die Wahrheit legt einen Menschen fest”.
Ich glaube, der Ausweg aus diesem Dilemma ist, dass es für Politiker verschiedene Ebenen der Wahrheit gibt. Es scheint für sie so etwas wie konzeptionelle Wahrheiten zu geben, die sich aus ihren politischen Denkgebäuden zwangsläufig ergeben. Ein Beispiel: Wenn Angela Merkel sagt, die Griechen müssen ihre “Hausaufgaben” machen, meint sie damit nicht gleichzeitig, dass millionenfaches Leid durch eben diese “Hausaufgaben” entsteht. Solange der Blick auf der konzeptionellen Wahrheitsebene des argumentativ in sich geschlossenen Austeritäts-Denkgebäudes liegt, kann sie das Leiden ausblenden. Sie muss sich damit einfach nicht befassen, da sie auf einer anderen, einer abstrakteren Ebene argumentiert. Sie steht nicht auf der konkreten Straße in Griechenland, sie sitzt im gefestigten Denkgebäude in Brüssel und Berlin. Leiden? Das sind alles Einzelfälle. Selbst die Statistik, als Form der aggregierten Einzelfälle, hat es schwer die in sich geschlossene Wahrheitsebene dieser Denkgebäude zu erreichen und infrage zu stellen.
Das ist der Wahrheits-Ausweg von Angela Merkel: Die Vermeidung der konkreten Wahrheitsebene! Im Gegensatz dazu lebt die Opposition davon, ihr genau diese Ebene vorzuhalten – sei es anhand von Einzelfällen oder von Statistiken. Erreicht wird das Denkgebäude der Regierung dadurch aber, wie gesagt, nicht oder nur sehr selten. Es existiert in den meisten Fällen unabhängig davon weiter und wird argumentativ nur von sich selbst getragen.
Allerdings darf man hier nicht den Fehler begehen, dass das Denkgebäude nicht weiter ausgebaut wird. Das geschieht jedoch heutzutage hauptsächlich durch PR-Agenturen, wie Erwin Pelzig das gestern ebenfalls schön darstellte. Dann wird aus der “Bankenkrise” eine “Staatsschuldenkrise”, aus einem “Mindestlohn” eine “Lohnuntergrenze” oder ein Betreuungsgeld zur größeren Wahlfreiheit der Familien eingeführt, etc. Das alles geschieht aber doch nach Vorgaben, die Argumentationen werden nicht aus der Luft gegriffen.
Eine Frage an die PR-Agentur ist dann beispielsweise: Wie kann ich in einer Gesellschaft, die sich immer offener und toleranter sehen will, darstellen, dass ich gegen die Möglichkeit der Kindesadoption von homosexuellen Paaren bin? Da kommt dann raus: Das Kindeswohl ist gefährdet. Gegen Kindeswohl kann man auf der abstrakten Wahrheitsebene nur schwer argumentieren. Problematisch wird es jedoch, wenn man mit der Frage auf der konkreten Wahrheitsebene konfrontiert wird. So wie es in der Wahlarena Angela Merkel passiert ist. Sie musste einem homosexuellen Mann sagen, dass er mit seinem Wunsch das Kindeswohl gefährde. Da prallten die beiden, nicht füreinander bestimmten Wahrheitsebenen offen aufeinander.
Das konservative Denkgebäude gibt es immer noch – es wird nur durch neue PR-Argumentationslinien verteidigt und durch die flexibel wirkenden Anpassungen Angela Merkels häufig vernebelt. Die Idee von Volker Pispers bei “Neues aus der Anstalt”, stimmt nur teilweise: Angela Merkel habe erkannt, dass die Deutschen die Demokratie gar nicht wollen, sondern lieber eine aufgeklärte Monarchin hätten. Daher lasse sich Angela Merkel Queen-Mum-mäßig in ihrer Sänfte durchs Land tragen und interessiere sich eigentlich nicht dafür, wohin die Reise gehe, ja vielmehr noch, sie habe eigentlich auch gar kein Interesse an Politik, sondern nur an ihrem eigenen Machterhalt. Das impliziert, dass Angela Merkels Politik beliebig sei. Das ist sie aber nicht. Sie entstammt dem konservativen Denkgebäude und ist immer eine Politik im Interesse des reichsten Zehntels der Gesellschaft.
Aber vielleicht ist das Bild der Königin in ihrer Sänfte an dieser Stelle ja doch stimmig: Auch der König vertrat nur seine eigenen machtpolitischen Interessen und die der obersten Schicht. Und vielleicht ist es heute auch noch so: Die Wahrheit am Hofe ist eine andere Wahrheit als die des Fußvolkes.