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Klingsors Letzter

Archive for Juli, 2011

Erlebnis und Erzählung. Fusion revisited (II)

Ich habe schon oft darüber nachgedacht, wie sich Erinnerungen eigentlich formen und je nach Gegenwart verändern. Passenderweise habe ich auf der Fusion einen schönen Text von Max Frisch zum Verhältnis von Erlebnis, Erfahrung und Erzählung gelesen. Frisch ist der Ansicht, dass sich das Erlebnis eigentlich erst in der nachträglichen Erzählung formt und dass man eine Erfahrung im Gegensatz zu einem Erlebnis eigentlich nicht erzählen kann. So konnte ich meine Verarbeitung des Erlebnisses “Fusion” quasi live verfolgen.
Die Erzählung verführt zur Vereinfachung des Erlebten, zur Bewertung und zur Anekdotisierung. Alles war scheiße auf der Fusion! Dauerbeschallung mit anstrengender Musik, durchgehend Regen, vollgeschissene Dixiklos, hinzu kam noch meine eigene Krankheit. Das erzählt sich gut. Negatives lässt sich meist leichter erzählen. Natürlich war es nicht nur so. Die Erzählung von Positivem erfordert meines Erachtens mehr Zeit, mehr Einlassen, mehr Öffnung. Es kommt auch stark auf den Gesprächspartner an: Hat er Zeit, hat er Interesse an der ganzen Geschichte? Die meisten haben das aber nicht. Je mehr Zeit ist, desto tiefer kann die Erzählung eines Erlebnisses gehen.
Aber was ist denn überhaupt ein Erlebnis, was ist überhaupt erzählbar? Wenn ich sage: “Es gab eine schöne Feuershow! Ich habe wunderbare Künstler gesehen.” Das reicht nicht. “Ich habe einen “Feuer-Jedi” gesehen, der mit einem riesigen Feuerball an einer Kette eine ziemlich krasse Show hingelegt hat.” Schon etwas anschaulicher. Aber immer noch keine Erzählung, es fehlt die dahinterstehende Erfahrung oder eine Pointe. Vielleicht so als Erfahrung: “Sowas habe ich vorher noch nie gesehen.” Oder doch wieder mit negativer anekdotischer Abrundung: “Er hat sich zum Schluss mit seinem Feuerball am Fuß verheddert, hat sich aber nichts anmerken lassen. Das sah ganz schön gefährlich aus. Er ist danach auch ein wenig gehumpelt.” Aber was habe ich denn damit erzählt? Die Erfahrung meiner Freude an der Feuershow kann ich damit kaum spürbar machen, abgesehen davon, dass das auch gar keine so besonders einschneidende Erfahrung war – es war halt schön anzuschauen. Vielleicht destilliert sich aber aus der Erzählung letzten Endes auch eine andere neue Erfahrung. Dann gäbe es zwei Formen der Erfahrung: Die Erfahrung des Moments, die möglicherweise gar nicht so überwältigend war, und die Erfahrung aus der Erzählung, die sich aus der Zusammenführung all der Erlebnisse ergibt. Das wäre dann so etwas wie die Moral der Geschichte: “Ich bin zu alt für Festivals.”
Was sich jenseits der nur schwer übertragbaren Erfahrung erzählen lässt, sind Anekdoten. Das ist für den Zuhörer angenehm, da er dann – je nach Fähigkeit des Erzählers – einen Spannungsbogen geboten bekommt. Tragisch ist oft nur, dass viele Erzählungen sich dieser Struktur unterwerfen. Nicht jedes Erlebnis hat einen Spannungsbogen. Eigentlich schafft erst die Erzählung einen solchen Überbau – und oftmals auch Ausbau. Meine frühere Mitbewohnerin war eine Meisterin darin, auch banale Geschichten so auszubauen, dass sie wunderbare Anekdoten wurden. Wenn man bei einem Erlebnis selbst dabei war, konnte man diese Umformung live mitverfolgen. Bei ihr hätte nach der zweiten Erzählung, der Fuß des Feuer-Jedis gebrannt. Das spannendste aber war: Sie vergaß durch die wiederholte Erzählung nach und nach, dass es nicht so war. Sie glaubte ihre eigene Erzählung. Das ist vielleicht einer der wichtigsten Aspekte der Erzählung: Wir werden glauben, dass es so gewesen ist, wie wir es uns erzählen.
Dieser Entwicklung zu entkommen, ist nur schwer möglich. Es fallen viele Aspekte einfach weg, wenn man sich einmal für eine Erzählung entschieden hat. Die Erzählung besteht dann meist aus der oben genannten “Moral der Geschichte”, der destillierten Meta-Erfahrung, und ein paar Anekdoten, die sich mit jeder neuen Erzählung stärker an das Ereignis binden und meist immer pointierter vorgetragen werden. Es entsteht ein zum Ereignis gehöriger Anekdotenpool, alle schlecht erzählbaren Erfahrungen und alles Unanekdotische verblassen. Max Frisch hat dafür den treffenden Ausdruck der “anekdotischen Erstarrung der Vergangenheit” gewählt.
Die eigene Erzählung der Vergangenheit noch einmal aufzubrechen, erfordert viel: Man braucht eine neue Erzählstruktur, ein neues inneres Motiv. All die Erzählungen von Ereignissen fügen sich ja zu einer Erzählung des Selbst. Bestimmte Persönlichkeitsmotive und -linien werden anhand der neuen Erzählungen weitergeführt. Die Frage ist nur, welchem Motiv das Ereignis zugeordnet wird, für die Fusion böte sich beispielsweise das Folgende an: “Ich werde älter und meine Einstellungen ändern sich.” Zwischen all den Erzählungen bleiben aber auch unverbundene Fetzen der Erinnerung übrig. Das sind vermutlich die Erfahrungen, die zu einschneidend waren, um vergessen zu werden, aber in die Grundstruktur der Ereignis-Erzählung nicht eingefügt werden konnten. Vielleicht sind sie noch unverarbeitet oder aber auch einfach nur unerzählbar privat. Eine spannende Frage wäre hier natürlich auch, inwieweit die Erzählung des Ereignisses oder gar des Selbst einen Anderen braucht oder ob sie nicht auch im Inneren stattfinden kann. Und: Wird sie im Inneren dann überhaupt so anekdotisch strukturiert? Aber das sind Fragen, die hier nicht mehr geklärt werden können.
Die übriggebliebenen Fetzen der Erinnerung sind meines Erachtens nach auch wieder aktivierbar, nämlich dann, wenn sich Ähnlichkeiten zwischen ihnen erkennen lassen und ein dazugehöriges Motiv im Leben auftaucht. Vielleicht könnte man so, mit genügend Mut und Erinnerungsvermögen, sein Leben auch ganz anders erzählen. Oder um kleiner anzufangen, zumindest einzelne Ereignisse. Nur habe ich leider bisher noch kein Motiv gefunden, um doch noch schreiben zu können: Die Fusion war toll.

Die filmische Heimat

Ich muss es noch einmal schreiben. Als ich das letzte Mal meine Vorliebe für die Serie “Heimat” von Edgar Reitz beschrieb, kannte ich die zweite Staffel noch nicht. Die erste Staffel war schon sehr gut gefilmt und geschauspielert. Aber die zweite Staffel übertrifft das noch um Längen. Zumal mir die in München spielende “Chronik einer Jugend” auch inhaltlich näher ist.
Ich neige selten zu (positiven) Superlativen, aber hier ist jeder angebracht. Rein filmtechnisch gesehen hat es Reitz geschafft, jeder Szene eine Bildsprache zu geben, die mit dem Inhalt der Szene korrespondiert. Die Form bekommt eine eigene Sprache, sie unterstützt die Handlung. Das klingt zunächst einmal banal, eigentlich sollte das jeder Film leisten. Aber wenn man Heimat einmal gesehen hat, weiß man, was einem bei normalen Filmen fehlt. Reitz und sein Kameramann sind Meister des Ästhetischen. Ich habe noch nie so unglaubliche Kamerafahrten gesehen, so großartige Einstellungen.
Auch inhaltlich ist das ganze eine Offenbarung. Die Charaktere sind realistisch, weil sie auch gebrochen sind. Er zeigt scheiternde Lieben, Einsamkeiten, Krankheiten, Eitelkeiten, Verzweiflungen und sogar eine Abtreibung (eine der schrecklichsten Szenen, ohne, dass man auch nur ansatzweise irgendwas sieht). Wenn ich in diesem Blog einmal gefordert habe, dass man doch endlich auch mal scheiternde Beziehungen zeigen sollte, dann habe ich dies hier nun gefunden. Reitz zeigt das ganze schreckliche Gewirr an persönlichen Beziehungen, das es in Freundeskreisen tatsächlich geben kann.
Reitz schafft es zudem, dass die Personen lebendig sind und zugleich aber auch, fast nebenbei, grundsätzliche Lebensprinzipien darstellen (so wie halt Menschen tatsächlich auch unterschiedlich in die Welt gestellt sind). In einer ganz kurzen Sequenz kontrastiert er beispielsweise das existentialistische und heimatlose Streben des Hauptakteurs Hermann durch seine heimatverbundene Freundin. Hermann sagt: “Manchmal glaube ich, man muss sich noch einmal selbst zur Welt bringen, sich noch einmal aus sich selbst heraus gebären.” Darauf antwortet sie in ihrer eher einfachen, fast bodenständigen Art: “Aber ist man dann nicht sehr allein?” Und führt dann in knappen Sätzen aus, wie schön es ist, eine Heimat zu haben, in der sich Menschen an deinem Dasein erfreuen und Anteil an deinem Leben nehmen. Hier kann ihr nur beipflichten und ergänzen, dass es schön ist, eine filmische Heimat gefunden zu haben.

Hier noch zwei kleine Ausschnitte.
Unglaublich, wie in dieser Winterszene die Vögel das ganze ummalen:

Eine kleine Eifersuchtsszene auf einem Fest, untermalt von einem Gedicht:

Das Alter und die Coolness. Fusion revisited

Ich habe ja seit Ewigkeiten nichts geschrieben. Manchmal bin ich sogar selbst auf meinen Blog gegangen, und habe in meiner zunehmenden Entfremdung gehofft, dass da irgendjemand einen neuen Eintrag verfasst hätte. Deshalb muss ich wohl nun mal wieder ran. Das bietet sich heute auch an, da ich vor genau fünf Jahren in diesem Blog über genau dieselbe Sache geschrieben habe.
Es geht um das Fusion-Festival. Vor fünf Jahren schrieb ich sogar drei Einträge darüber: Über die Anfahrt mit abfallendem Auspuff, über den damals neuen eher linken Begriff Schland und über allgemeine Erfahrungen (Dixies, Druffies und Essgewohnheiten). Nach fünf Jahren Pause zeigt sich nun, dass ich älter geworden bin. Alles, was ich damals als Lernbares ausgewiesen habe, hat mich nun extrem genervt.
Es ist mir beispielsweise nicht klar, warum eine Bühne den ganzen Zeltplatz und die Parkplätze rund um die Uhr mit Elektro beschallen muss. Ich dachte dabei einfach nur an Demokratie und Mehrheiten: Es gibt um 7 Uhr früh vielleicht noch etwa 150 bis 200 Hanseln, die da tanzen wollen, und etwa 15.000 bis 20.000 Leute, die schlafen wollen. Da widerspricht wohl die Coolness dem gesunden Menschenverstand. Allerdings kam es scheinbar im letzten Jahr sehr gut an, dass eine vierstündige Feierpause von 10-14 Uhr eingelegt wurde (die in diesem Jahr aber kaum eingehalten wurde). Es besteht vielleicht doch Hoffnung. Und nun das alleruncoolste Argument: Man könnte ja auch leiser machen. Das ist eh irgendwie eine ziemliche Unkultur: Die meisten Konzerte sind viel zu laut! Ohne Ohrstöpsel hält man es auf der Fusion auf kaum einem Konzert aus. Mir ist auch nicht wirklich klar, warum das so sein muss. Die Leute wollen den Bass spüren, aber das geht auch ohne extreme Lautstärke. Ich hoffe dann immer, dass die Hörgeräte-Industrie in den kommenden dreißig Jahren enorme Fortschritte gemacht haben wird.
Aber vielleicht ist es das, was solch eine Festival-Kultur ausmacht: Nicht drüber nachzudenken, sondern mitzumachen – die Grundidee der einfachen Coolness. Aber es gibt ja nun auch die Menschen, die das organisieren und die die Coolness-Standards setzen. Sie könnten einfach sagen: Bei unserem Festival ist es cool, dass die Mehrheit der Leute schlafen kann, und dass nur die Leute, die direkt an der Box stehen, einen Gehörschaden bekommen. Immerhin haben sie es durchgesetzt, dass man 10 Euro mehr bezahlt und dieses Geld wiederbekommt, wenn man einen Müllsack abgibt. Bestimmt war das vor 10 Jahren auch eine uncoole Idee. Aber das mit der extremen Beschallung wird sich wohl nicht ändern, da die Fusion-Crew davon nicht betroffen ist, weil sie einen sehr ruhigen Schlafplatz hinter den Hangaren hat.
Die Bedingungen waren diesmal aber auch sehr schlecht: Das Wetter war an den letzten beiden Tagen extrem schlecht, unglaublich viele Zelte sind komplett abgesoffen. Und nach der ersten unterkühlten Nacht war ich zudem gleich krank, was meine Laune an den verregneten Tagen nicht unbedingt besserte. Nach einer schier endlosen Rückfahrt durch Weltuntergangsregen merkte ich spät abends, als ich endlich nicht mehr auf ein vollgeschissenes Dixie-Klo in einer Schlange warten musste und ein Bett ohne dauernde Elektro-Beschallung hatte, wie sehr mich das alles sehr genervt hatte. Besonders aber merkte ich es daran, dass ich das Fusion-Bändchen sofort loswerden wollte, als ich mich hingelegt hatte – mein Körpergedächtnis schrie auf: Nicht noch so eine Nacht! Es war wirklich eine Befreiung, es abzuschneiden.