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Klingsors Letzter

Archive for März, 2011

Sprachlosigkeit

Ich hatte mir vorgenommen mehr Positives zu schreiben. Aber dann stürzte so vieles ein, dass ich kaum noch die Ruinen auseinanderhalten kann, geschweige denn die zarten positiven Pflänzchen sehen kann, die es ja auch gibt. Vielleicht schreibt man über das Folgende normalerweise auch nicht. Ich will es dennoch tun, gerade weil niemand darüber redet und daher auch niemand weiß, wie man damit umgehen kann. Vielleicht hilft es mir ja auch.
Ein Freund von mir hat sich umgebracht, er hat sich vor zwei Wochen vor den Zug geworfen. Zwei Wochen zuvor hatte er mir noch seine fertige Doktorarbeit zum Korrekturlesen übergeben. Ich hatte ihn gefragt, ob er nicht stolz sei, aber er spürte nichts. Dann erzählte er mir beiläufig, dass seine Freundin, mit der er ja schon seit mehr als acht Jahren zusammen ist, nun schwanger sei. Voller Freude strahlte ich ihn an, musste sogar eine Träne verstecken, aber er sagte es so, als sei er gar nicht daran beteiligt. Er konnte sich nicht freuen. Er hatte Angst vor dem Kind, Angst vor der Zukunft. Ich sagte ihm noch, dass sich das bestimmt im Urlaub, den beide nun planten, legen würde. Er solle sich Zeit lassen. Seine Zukunft war “objektiv” sicher, ihm wurde sogar eine Post-Doc-Stelle an der Uni angeboten. Was in ihm vorging, konnte ich nur ahnen. Es wunderte mich zumindest, dass er sich nicht freuen konnte, weder über die gelungene Doktorarbeit noch über das Kind. Dass sich das allerdings so steigern würde…
Es war wohl der Widerspruch zwischen dem, was objektiv sein müsste, Freude und Stolz, und dem was er fühlte, nämlich nur Angst. Das zermürbte ihn und traf auf ein tief verankertes Gefühl des Nicht-Genügen-Könnens. Er konnte nicht mehr schlafen, 10 Tage lang. An diesem 10. Tag hatte er dann ein Gespräch mit einem Professor aus Jena, der einen Artikel von ihm teilweise kritisierte. Das war nach diesen zermürbenden Tagen zuviel für ihn, in einer Kurzschluss-Reaktion fuhr er zurück nach Leipzig, schrieb einen Abschiedsbrief und warf sich vor einen Zug.
Was kann man damit machen? Wie kann man damit umgehen? Tagelang befand ich mich in einer Leugnungsphase, ich hielt es immer wieder für einen Witz. Ich hatte sein Bild vor Augen und konnte mir nicht vorstellen, dass er weg sein sollte. Selbst auf der Beerdigung war das noch so. Es war so abstrakt: Ein Sarg – da drin soll er liegen? Wie geht das mit meinem inneren Bild, meiner Erinnerung an ihn einher? Wo ist da der Zusammenhang? Wenn ich es zeitweise realisierte, schwankte ich immer wieder zwischen den beiden Polen der Wut und des Mitleids. Wut auf diese bescheuerte Flucht, auf dieses Sich-davon-Stehlen. Selbst am Sarg wollte ich ihm “Idiot” oder “Dummkopf” hinterherrufen. Aber es kam auch immer wieder Mitleid auf, ein Verstehen dieser Unsicherheit, dieser Ängste, die ihn wahrscheinlich getrieben haben. Die Vorstellung, unter welcher Anspannung er gestanden haben musste, wie verzweifelt er war, um das zu tun. Eine Freundin, die ebenfalls jemanden durch Selbstmord verloren hatte, drückte das sehr treffend aus: Wenn man diesen Tod wirklich an sich heranlässt, dann öffnet sich unter einem auch ein gefährliches Loch, ein Abgrund. Man muss dann sehr vorsichtig mit sich selbst sein. Aber irgendwie kommt der Alltag langsam wieder, hält vorsichtig Einzug – noch unsicher, ob er bleiben darf.
Am schwersten sind dann die Gespräche mit seiner Freundin. Was kann man da schon groß sagen? Der Mensch, den sie liebte, hat sein und damit ihr Leben zerstört. Und immer wieder die Frage: “Wozu soll ich ohne ihn weiterleben? Was ist der Sinn?” Das bisschen Sinn, das ich bisher im Leben entdeckt habe, reicht da kaum aus. Vielleicht könnte man noch sagen: “Dass du für dich lebst!”, aber das ist im Moment der Trauer nichts wert – sie will ihn einfach nur zurück. Sie wohnen, bzw. wohnten – es ist so merkwürdig, wie man dann im Reden über ihn vom Präsens ins Präteritum wechselt – ja auch gemeinsam, alles ist von ihm durchdrungen. Soll sie denn nun diese Hälfte ihres Lebens wegwerfen, einfach entsorgen?
Das ist alles so absurd, so unglaublich absurd. Irgendwie merke ich mittlerweile auch, dass ich am Thema vorbei schreibe – man kann das gar nicht ausdrücken. Es ist alles nur oberflächlich.

Du bist, was du nicht sein willst

Manche Erkenntnisse brauchen eine lange Zeit, besonders dann, wenn sie das genaue Gegenteil des Sichtbaren bedeuten:
Ich bin bisher immer davon ausgegangen, dass Menschen genau das machen, was sie gut können. Dass die Yogalehrerin eine große innere Ruhe hat und deshalb Yoga-Kurse anbietet. Dass der Trainer für gewaltfreie Kommunikation vielleicht Opfer von Gewalt geworden war und deshalb die Gewaltfreiheit predigt. Dass der Buddhist die Ruhe in sich spürt und sie deshalb auch immer wieder sucht.
Aber das ist nur die Ebene des momentan Sichtbaren. Mittlerweile habe ich erkannt, dass Menschen gerade das sind, was sie nicht sein wollen. Oder, um es ein wenig abgeschwächter zu formulieren, dass das, was sie nicht sein wollen, für sie ein großes Thema ist: Die Yogalehrerin gibt Yoga-Kurse, damit sie nicht mehr hilflos ihren spontanen Gefühlsausbrüchen ausgeliefert ist. Der Trainer für gewaltfreie Kommunikation macht dies, um einen Weg zu finden, sein inneres Gewaltpotential zu befrieden. Der Buddhist, der beständig das eigene Selbst leugnet, hat ein extrem starkes Selbst, das er mit seinen Meditiationen immer wieder zu zähmen versucht.
Man erkennt diese Grundmotivation, den dahinter liegenden Kampf gegen sich selbst irgendwann nicht mehr – es wird umso schwerer, je mehr derjenige mit seiner inneren Befriedungsvariante verschmilzt. Aber ich würde behaupten: Je extremer jemand ein Thema vorantreibt, ja vielleicht sogar Kurse gibt oder die Wahrheit seiner Erkenntnisse predigt, umso größer arbeitet genau das Gegenteil in ihm, umso stärker spürt er das, was er ablehnt.
Ein interessanter Aspekt ist natürlich auch, warum er diesen Teil von sich ablehnt. Das ist wahrscheinlich stark durch die Art der Erziehung und durch die (darin vermittelte) gesellschaftliche Erwünschtheit bestimmt. In einer Gesellschaft, die Gewaltanwendung strikt ablehnt, bzw. diese auf bestimmte Gruppen beschänkt hat (Polizei, Militär), gibt es keinen Kanal für die Wut und das Zerstörungspotential, das in manchen Mitgliedern schlummert. Der einzig akzeptierte, weil durch Regeln eingehegte Weg ist hier wohl der Sport. In einer Gesellschaft, in der der Egoismus und das Durchsetzen der eigenen Ziele im beruflichen Bereich so weit oben stehen, aber dennoch im privaten, zwischenmenschlichen Bereich nur selten auf dieselbe Weise akzeptiert werden, gibt es keinen adäquaten Kanal für das übersteigerte, narzistische Ego. Vielleicht gerade noch im künstlerischen Schaffen, auf all den Bühnen und in all den Galerien.
Welchen Weg man für sich persönlich wählt, hängt vermutlich von der Stärke des wahrgenommenen Drucks ab. Allerdings kann man die strikten Gegenbewegungen, beispielsweise in Form der Leugnung des Selbsts, vielleicht auch als ein Indiz dafür sehen, dass die gesellschaflichen Anforderungen immer schwerer auf ihren Mitgliedern lasten und die Angebote des Ausgleichs nicht mehr ausreichen.

Der Blog, mein Apodiktiergerät

Ich habe einen Hang zum Apodiktischen. Bevor ich das erläutern kann, muss ich wahrscheinlich erstmal dieses schöne Wort einführen: “apodiktisch” heißt “keinen Widerspruch duldend”.
Eigentlich mag ich das bei Anderen überhaupt nicht, wenn sie beispielsweise sagen: “Es ist doch so, dass …” . Dabei ist es nur für sie so, dass… Diese Relatitvität der eigenen Position, dieses “glaube ich” oder “habe ich für mich erkannt”, wird immer wieder verschwiegen. Stattdessen sagen die Leute: “Das ist hässlich” oder “Der Film ist Scheisse”.
Umso schlimmer ist es für mich, wenn ich in alten Einträgen feststelle, dass ich genauso argumentiere. Daher an dieser Stelle eine Entschuldigung für all die bisherigen “Es ist so, dass”-Statements in diesem Blog. Aber auch eine vorausgeschickte Erklärung, warum das weiter so sein wird, bzw. es sich manchmal nicht vermeiden lässt: Wenn man eine schöne Brandrede gegen einen Film, gegen eine Haltung schreibt, dann stört es wirklich sehr, wenn man irgendwelche relativierenden Momente einbauen soll. Oder wenn man gerade einmal die Welt erklären will, dann ist es ärgerlich bzw. geradezu unklug, im gleichen Kommentar anzudeuten, dass es auch andere Positionen geben kann. Zudem sind Relativierungen wenig knackig, sie sperren Sätze auf und verhindern schöne Zuspitzungen und Pointen. Und letztendlich gibt es ja auch die Kommentar-Funktion, da kann das Apodiktische ebenso beklagt wie andere Standpunkte und Sichtweisen verdeutlicht werden.
Daher an dieser Stelle der Appell: Bitte bei allen Einträgen, die zu einseitig erscheinen, immer das verschwiegene “Glaubt der Autor” hinzufügen! So kann ich denn diesen Blog auch weiterhin als mein persönliches, kleines Apodiktiergerät nutzen.

Ebenso berechtigt wie müßig

Ich hasse die Kommentare auf der ersten Seite der ZEIT. Es sind die windelweichsten, alles einschließendsten Kommentare, die es im deutschen Zeitungsgeschäft gibt. Sie sind wie der Aufsatz eines Zwölftklässlers: “Es ist so, aber man muss auch berücksichtigen das…” Da kommen die merkwürdigsten Argumentationen zustande: Wörter werden in Aber- oder in Sowohl-als-Auch-Zusammenhänge gebracht, die überhaupt nicht zusammenpassen. Am Schönsten hat übrigens die Titanic den bräsigen Stil des Chefredakteurs in ihren Josef-Joffe-Kolumnen parodiert.
Allerdings scheint das ein Phänomen zu sein, das mittlerweile auch auf andere Zeitungen überschwappt. Neulich habe ich in der Süddeutschen Zeitung einen Artikel über Libyen gelesen, der dieses Prinzip der ZEIT und des gegenwärtigen Journalismus sehr gut auf den Punkt bringt. Der Autor Tomas Avenarius ist ein Insider, der schon lange aus dem nahen Osten berichtet. Er wehrt sich gegen das kleinkarierte Fragen, warum denn der Westen Gaddafi solange unterstützt hat, mit dem folgenden Satz: “Die Frage, ob die internationale Staatengemeinschaft wieder einmal zu lange gewartet hat, bis sie sich von einem der einschlägigen arabischen Autokraten abwendet, ist ebenso berechtigt wie müßig.” Das ist wirklich traumhaft formuliert: “ebenso berechtigt wie müßig.”
Der Satz drückt für mich in reinster Form das heutige Verständnis des Journalismus aus. Er sagt: “Ich als Journalist bin Teil des Systems, ich habe nicht gefragt und auch nicht kritisch kommentiert, irgendwann habe ich das nämlich aufgegeben, weil es nicht lohnt, moralische Ansprüche an die Realpolitik heranzutragen, weil das ja viel zu idealistisch ist und wir alle wissen, wohin man mit Idealismus kommt – nämlich nicht weit und schon gar nicht in die große Politikshow, in die ich will. Ich würde eigentlich gerne nur schreiben, dass die Frage “müßig” ist, aber das widerspricht auch meinem Berufsverständnis, weil ich immer auch zeigen will, dass ich einen kritischen, selbstreflexiven Geist habe – und da ist es wichtig, auch mal so eine selbstkritische Formulierung einzubauen. Aber damit die Leser nicht denken, wir als der Westen und als mutige und kritische Journalisten hätten etwas falsch gemacht, nehme ich sie gleich wieder zurück und konzentriere mich viel lieber auf die Zukunft.”
So sehen die meisten Journalisten heutzutage wahrscheinlich auch so randständige gesellschaftliche Themen wie die Frage nach der sozialen Gerechtigkeit, nach der Korruption in der Politik, nach dem Zusammenhalt unserer Gesellschaft – all diese Fragen sind ebenso berechtigt wie müßig.

Gibt’s schon! Der Fluch des Internets

Manchmal ist das Internet schrecklich. Beispielsweise dann, wenn man ein kleines Wortspiel findet und sich daran erfreut – die Freude währt nur solange, bis man es doch irgendwann in Google testet. Natürlich gibt es das dann schon! Wer könnte erwarten, etwas zu erschaffen, zu erdenken, was noch keiner der 90 Millionen deutschsprachigen Menschen erdacht hat? Das ist utopisch. Sollte man sich dann vielleicht daran erfreuen, dass es nur 384 Menschen waren, die das auch schon thematisiert haben? Wo ist die Grenze?
Neulich hatte ich mir so schöne Ideen zu Neon-nazis ausgedacht, bis ich feststellte, dass es in der Kamelopedia bereits einen ganzen Eintrag dazu gibt. Immerhin ist das Bild nicht so schön, so dass ich mal schnell ein besseres gebastelt habe.

So leicht erkennt man den Neonnazi im Dunkeln:

Eine andere schöne Idee, die mir heute kam, ist die des Typochonders. Sie wurde aber auch schon von der Schwarmintelligenz des Internets entwickelt. Seufz. Da bleibt mir nur, das Ganze in einem Bild zu verdichten.

Eine moderne Krankheit: Die Typochondrie.

Werbung für Männer

Mit einer Freundin kam mir neulich eine schöne Idee, wie die Angst der Männer vor ihren Kindern überwunden werden könnte. Man muss sie da abholen, wo sie stehen. Wo sie stehen, das sieht man bei der Sportschau am Samstag: Im Baumarkt. Daher könnte das Familienministerium in Anlehnung an die bekannte Kampagne eines solchen Baumarktes ein paar schöne Plakate entwickeln. Hier habe ich schon mal eines gebastelt:

Eine andere Idee: Viele Männer leiden ja auch daran, dass sie sich nicht öffnen und ihre Gefühle nicht äußern können. Daher plädiere ich dafür, klare Öffnungszeiten – wie beim Baumarkt – einzuführen. Man könnte dafür ein Umhängeschild- oder ein Buttonsystem einrichten, auf dem bei jedem die genauen Öffnungszeiten samt Zusatzbedingungen stehen. Beispielsweise bei einem älteren Mann: “Geöffnet vom 21.12.1943 21:17 bis 21.12.1943 21:25″ Oder: “Geöffnet jeden Tag ab 22:00 (nach drei Bieren und zwei Kurzen).” Das würde endlich mal Klarheit schaffen und viele auch etwas menschlicher werden lassen. Vielleicht würde es sogar einige zur Verlängerung ihrer Öffnungszeiten animieren.