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Klingsors Letzter

Archive for Februar, 2011

Meine Heimatliebe

Nachdem mir zu Recht vorgehalten wurde, dass ich hier in diesem Blog doch immer nur das Negative aufschreiben würde, all das was mich aufregt, was man nicht tun sollte, und das mit einem elendig apodiktischen Stil, der ja geradezu Widerspruch hervorrufen musste, habe ich, nun ja, beschlossen auch mal was Positives zu schreiben. Ich entschuldige mich an dieser Stelle schonmal dafür. Aus irgendeinem Grund bin ich immer davon ausgegangen, dass nur das Negative generalisierbar ist, während das Positive nur aus privaten, schwer erklärbaren Versatzstücken besteht. Da ich im Positiven noch Anfänger bin, werde ich mich erstmal auf eine Film-Empfehlung stützen, vielleicht kommen irgendwann auch mal positive, selbst erlebte Geschichten. (Irgendwie reizt das Positive auch nicht, es fehlt irgendwie der Sexappeal.)
Aber hier nun die Empfehlung: Es ist die Serie “Heimat”. Sie beschreibt (in der ersten Staffel) die deutsche Geschichte von 1918 bis 1982 anhand der Geschichte der Familie Simon im fiktiven Dorf Schabbach in 11 Episoden. Die Serie ist für mich nahezu perfekt: Das Storytelling ist großartig, es werden Handlungsstränge entwickelt und es werden Schicksale erzählt. Sie ist nur fiktiv, aber diese Fiktion ist so nah an der Wirklichkeit, dass ich mich ständig mit den Personen identifiziere, mit ihnen leide. Und das ist, glaube ich, das Beste, was eine Serie leisten kann. Daneben ist die filmische Qualität aber auch unglaublich. Es gibt zwar auch einige Szenen, die eher ARD-Fernsehfilmniveau haben, aber zugleich sind die wichtigsten Szenen so gut gedreht, dass man auf die Knie sinken könnte. Die Schauspieler spielen extrem gut und authentisch, allen voran die Hauptdarstellerin Marita Breuer. Heimat enthält Szenen, die sich einprägen, die eine extreme Symbolkraft haben. Die Qualität dieser Szenen lässt sich nur schwer durch eine Beschreibung wiedergeben.
Dennoch ein Beispiel: Der minderjährige Sohn Hermann verliebt sich in die 11 Jahre ältere Hausangestellte Klärchen. Er zieht sich aus der Familie zurück und lebt, da er eher ein Dichter ist, ganz für diese erste große Liebe. Sie wird schwanger und muss weggehen. Das Kind lässt sie – noch mitten in den fünfziger Jahren – abtreiben. Sie schreibt ihm nur noch Briefe. Durch einen solchen Brief fliegt die Affäre der beiden auf. Das ganze wird anhand von drei Szenen gezeigt: Der Postbote bringt den Brief und erklärt, dass er ihn diesmal vorbeibringt und nicht postlagernd behält. Die Mutter liest den Absender. Nächste Szene. In der Küche herrscht eisiges Schweigen. Hermann kommt nach Hause, niemand erklärt ihm etwas – bis der älteste Bruder kommt. Der ist ein erfolgreicher Geschäftsmann, ein echter Macher, und erklärt Hermann umgehend, dass er sie nie wieder sehen wird, und dass die Familie sie verklagen und ins Zuchthaus stecken lassen wird. Nächste Szene: Die leere Küche. Die Kamera zeigt den Brief und, während die Geliebte ihn aus dem Off vorliest, fährt die Kamera durch die leere Küche. Es ist ein wundervoller Brief, voller Wärme und Vertrautheit. Und es ist eine wunderbare Idee, den verlassenen Ort der Zuchthaus-Forderungen und der aufgestauten Wut mit der Wärme des eigentlichen Briefes zu kontrastieren. Zugleich zeigt der Regisseur damit eine Welt, die zumindest mir heute sehr fremd erscheint, aber er zeigt sie sehr authentisch. Es gibt keine Gnade, selbst von der sonst so warmherzigen Mutter nicht. Letzten Endes verlässt auch Hermann mit 18 Jahren seinen Heimatort Schabbach und wird später Hauptdarsteller der zweiten Staffel, die im München der 60er und 70er Jahre angesiedelt ist.

Kommunikative Feigheit

Es gibt keine Reaktion, die schlimmer ist als keine Reaktion. Lange habe ich mit dieser Erkenntnis gehadert, weil ich auf irgendeiner theoretischen Ebene gemeint hatte, negative Reaktionen seien doch weitaus schlimmer. Aber dazu kommt es ja nie! Bei den meisten Menschen gibt es nur positive Reaktionen, dann vielleicht noch ein paar neutrale, aber danach nichts mehr – die Antwort-Skala endet vor dem Negativen. Lieber gar nicht antworten.
Aber was ist das denn für ein Verhalten? Menschen komplett im Unklaren zu lassen? Diese elendige Feigheit! Dieses bescheuerte Unsichersein! Verdammt, wenn man unsicher ist, wenn man Angst hat mit einer negativen Antwort, jemandem weh zu tun, warum dann nicht wenigstens schreiben: “Ich kann das momentan nicht entscheiden.” Oder: “Ich habe keine Lust.” Oder: “Ich brauche Zeit.” Alles möglich. Aber wenn man Nachrichten ins digitale Nirvana schickt, ist das wie eine Negation des Selbst. Der Andere kündigt nicht nur die Beziehung, wie auch immer sie gewesen sein mag, auf der inhaltlichen Ebene, sondern er zerstört sie auch auf der grundlegenden kommunikativen Ebene. Man redet gegen eine Wand, wo vorher noch ein Mensch stand. Dann beginnt ein Anrennen gegen diese Wand und man wird als Stalker abgestempelt, obwohl man doch nur eine Antwort, irgendeine menschliche Reaktion will. Das wird dann irgendwann lächerlich, da man sich nicht mehr sicher ist, ob da jemals ein Mensch war. Hat man sich so getäuscht? Es ist der Start aller marternden Selbstzweifel: Haben meine Worte die Mauer aufgebaut? Was habe ich falsch gemacht? Und die Antwort, die wohl immer stimmen, nur leider nie erkannt werden wird: Nichts. Der andere ist einfach nur eine feige Sau!
Nachtrag: Das gilt natürlich nicht, wenn der andere explizit gesagt hat, das er in Ruhe gelassen werden will. Das beschriebene Auslaufen-Lassen von Beziehungen durch Nicht-Kommunkation ist nur der feige kleine Zwilling dieser normalen menschlichen Ablehnungsreaktion.

Rumpfkluft II – Snow melts on the Herdplatte

Nachdem ich diese Rubrik ja sehr erfolgreich ins Leben gerufen habe, muss sie nun auch weitergeführt werden: Meine eigene kleine Rumpfkluft-Kollektion. Eine Freundin wünschte sich, in bester Rumpfkluft-Tradition, das folgende Motiv.
Da ich nur ganz schlecht zeichnen kann, selbst so etwas Einfaches wie eine Herdplatte, musste ich auf Cartoonausschnitte von Nicht-Lustig zurückgreifen und diese zweckentfremden. Ich hoffe, Joscha Sauer verzeiht mir. Falls dieses T-Shirt ein Riesenerfolg werden sollte, werde ich ihn natürlich beteiligen.

Manuela Schwesig. Das zum Mensch gewordene Rhetorikseminar

Manchmal muss der Ekel direkt raus. Ich habe gerade wieder einmal Anne Will geschaut. Sicherlich war das schon der Grundfehler. Es waren die beiden aufstrebenden Frauen der SPD und der CDU anwesend: Manuela Schwesig (siehe Bild) und Ursula von der Leyen. Ich habe noch nie soviel Künstlichkeit auf einmal gesehen. Dabei dachte ich schon, dass Ursula von der Leyen, neben dem Inbegriff des Muttchen-Grusels (Annette Schavan), die Inkarnation von weglächelnder Affektiertheit sei, aber Manuela Schwesig war eine unglaubliche Steigerung.
Ihr soll ja als junge, hübsche und begabte Frau in der SPD die Zukunft gehören. Aber sowas habe ich noch nie gesehen: Diese Frau ist nur Taktik, ihr fehlt jede menschliche Regung – sie ist das zum Mensch gewordene Rhetorikseminar. Es war so schrecklich offensichtlich, wie sie ihre rhetorischen Volten vollführte. Aber das Publikum fiel drauf herein. Es ging Schwesig natürlich nur um den Menschen, um das Beste für uns! Das Gesicht ein zur Fratze erstarrtes Lächeln dabei, keine, wirklich keine andere Regung! Alles Kommunikationsseminar: Immer lächeln, nichts anmerken lassen, Argumente aufnehmen und in die Darstellung eigener Positionen ummünzen. Dagegen wirkte sogar von der Leyen menschlich, weil sie auch noch in die Ecke drängbar war und sich sogar verteidigte. Schwesig war absolut ungreifbar, eine nur mit Propaganda abgefüllte Parteipuppe. Sie könnte genausogut in der CDU sein. Sie würde das ähnlich vertreten. Wo sind die Menschen, die noch Meinungen, noch Ideale haben? Menschen, denen Argumente und Positionen nicht von Kommunikationstrainern beigebracht werden müssen? Menschen, die mehr als nur Taktik sind? Wenn das die Zukunft von Politik ist, will ich sie nicht mehr sehen.
Nachtrag: Auf Spiegel Online findet sich ein interessanter Artikel, der genau die gegenteilige Position einnimmt. Er stammt von dem eher unangenehmen Rechtsaußen Jan Fleischhauer. Er nimmt all das, was Manuela Schwesig an emotionaler Aufgewühltheit vorträgt, für bare Münze. Mein Eindruck stammt nur aus einer einzigen Sendung mit Anne Will und muss daher nicht stimmen. In dieser Talkshow jedenfalls hat sie sich aufgeregt und emotional aufgewühlt gegeben, allerdings war das für mich nur eine Politikshow, weil es leicht durchschaubare rhetorische Manöver waren.

Unwirklicher Alltag

Neulich hatte ich eines der skurrilsten Erlebnisse meines bisherigen Lebens.
Ich war auf einer Ausstellungseröffnung und kannte niemanden. Als einziger betrachtete ich daher die Bilder. Da ich mich zudem als jüngster Gast auch nicht sonderlich wohl fühlte, beschloss ich so schnell wie möglich zu gehen. Am Eingang wurde ich jedoch von einem mittelalten Mann mit schütterem, durchschupptem Haar angehalten. Er fragte mich, wie ich die Bilder fände, und da ich ein höflicher Mensch bin, der eine solche Frage nicht abschlagen kann, ließ ich mich in ein Gespräch verwickeln. Nachdem die diskutierbare Malerei durchgesprochen war und ich auf den vor mir liegenden Ausgang schielte, wollte er sich allerdings noch vorstellen. Er kramte in seinen Taschen nach einer Visitenkarte und entpuppte sich als Künstler. Dann fragte er, wie ich denn hieße. “Robert Krause” entgegnete ich. “Das ist ja ein Zufall”, sagte er, “das ist genau das Pseudonym, das ich seit Jahren benutze! Schön Sie kennenzulernen!”
Irgendwie wusste ich nicht genau, was ich sagen sollte. Verständlicherweise. Wollte er mich veralbern? Der Name ist nicht sonderlich häufig. Er versicherte mir, dass er mich nicht veralbere und begann Geschichten zu diesem Pseudonym zu erzählen. Sehr skurril.
Heute schaue ich manchmal auf die Visitenkarte, die er mir mitgegeben hat, und versichere mir, dass es diese Begebenheit wirklich gab. Denn ich bin mir immer noch nicht sicher, ob das eine merkwürdige Masche oder die Wahrheit war. Wenn ich ihn das nächste Mal treffe, werde ich mich wohl eher so vorstellen: “Ich bin Ihr ehemaliges Pseudonym, wie heiße ich?” Oder ich nehme einen anderen Namen und warte ab, ob das ebenfalls eines seiner Pseudonyme war.

Neue Wörter für den Duden: Der Small Stalk

Ich würde gerne einen neuen Begriff beim Kennenlernen einführen: Der Small Stalk. Ein Small Stalker ist ein Mensch, der die ureigenen Abwehrmechanismen für Menschen, die man maximal aus der Ferne grüßen will, nicht als solche wahrnimmt, sondern versucht sie in einem oberflächlichen Gespräch (Small Talk) zu überwinden – und das nicht nur einmal, sondern immer und immer wieder (Stalk). Eine vielsagende, wenn auch etwas hölzern klingende Redewendung wäre dann: “Hör auf mich zu Small Stalken!”

Die neue Krankheit: Livetickeritis

Was ist denn mit den Onlinemedien los? Überall sprießen Liveticker aus dem Boden. Spiegel, Süddeutsche, Tagesspiegel – Ägypten ist voller livetickernder Journalisten. Ich kann das nicht genau erklären: Irgendwie habe ich dabei ein merkwürdiges Gefühl, wenn über eine Revolution oder einen Aufstand ein Live-Ticker gesendet wird. Was ist das denn für ein Format? Passt das zum Anlass? Fehlt da irgendwie die Pietät? Bin ich altmodisch? Erst das Spiel Dortmund gegen Schalke im Liveticker, dann die Revolution in Ägypten?
Wie wär’s mit folgenden Meldungen: 23:04 – Es wird wieder geschossen! 23:05 – 17 Menschen wurden von den Polizisten bisher erschossen. 23:06 – 27 Menschen! 23:07 – Unser ägyptischer Kameramann ist auch tot. 23:08 – Ich werde inhaftiert. 23:17 – Im Polizeibus werden wir Journalisten gefoltert.
Ist das der Wunsch nach einem Alleinstellungsmerkmal der Online-Journalisten? Ist es die Suggestion von Hyperaktualität? (Auch zum Preis von sehr vielen Fehlmeldungen, da sie nicht nachrecherchiert werden können?) Ist es die Freude endlich mal über einen Systemwechsel eventmäßig und melodramatisch berichten zu können? Wahrscheinlich hätten die deutschen Journalisten auch gern im Irakkrieg gelivetickert, wenn man sie denn gelassen hätte. Was kommt als nächstes: Mubaraks Hinrichtung im Live-Ticker? 10:56 – Der Priester spricht die letzten Worte…

Enthüllung: Der sogenannte Schrei

Als weitere Geschäftsidee und als Antwort auf dieses Rumpfkluft-T-Shirt habe ich das folgende Shirt entworfen, das endlich mal den wahren und wissenschaftlich anerkannten Sinn von Träumen verdeutlicht:


Zum Vergrößern auf das Bild klicken!

Anmerkung: Genau wie beim Bild der Madonna, die lange Zeit als heilig (und sexy) missinterpretiert wurde, bis Munch dann in späteren Bildern die Spermien um sie herum endlich ausführlich malte, genauso enthüllt dieses T-Shirt den wahren Charakter des sogenannten Schreis: Es handelt sich um eine Geste, die wir alle tagtäglich völlig selbstverständlich beim Zähneputzen vollführen! Munch hatte nur keine Lust mehr dies weiter auszuführen, hätte es doch Fragen aufgeworfen wie: Warum putzt der sich auf dem Pier die Zähne? Wie will er zum Spülen ans Wasser kommen? Und warum hält er sich beim Putzen ein Ohr zu? Hat er eine Mittelohrentzündung?