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Klingsors Letzter

Archive for Januar, 2011

Geht’s Gutti gut?

Im Anschluss an den heutigen Quasi-Tatort mit Schimanski hätte Anne Will mal eine Sendung zum Thema “Lassen wir unsere Polizisten im Stich?” machen sollen. Das hätte nach dem Rührstück letzte Woche (”Lassen wir unsere Soldaten im Stich?”) wunderbar gepasst. Stattdessen eine ganze Sendung über zu Guttenberg! Wie schlecht kann eine politische Talkshow sein? Finden die keine relevanten Themen? Sechs Personen deuteln, ob es Karl-Theodor gut geht. Was wollten die alle da? Ein Sportreporter? Ein Schauspieler? Mussten die irgendwie versorgt werden, brauchten die Geld? Unglaublich.
Und wenn man schon fragt “Ist Guttenberg nur ein Getriebener der Medien und der Bildzeitung?”, sollte man dann nicht auch fragen: “Ist Anne Will (mit ihrer Talkshow) nicht auch nur eine Getriebene der Medien und der Bildzeitung?” Das wäre doch mal eine Diskussion wert: Eine eigenständige Talkshow, die nicht nur die in allen Medien bereits totdiskutierten Fragen wiederkäut, sondern eigene Themen recherchiert und sie dem medialen Mainstream entgegensetzt. Welch eine Utopie!

Neue Geschäftsideen: Das Taroto

Neulich habe ich Fotos aus meinem riesigen Fundus aussortiert. Mittlerweile muss man ja dazuschreiben, dass es sich dabei um entwickelte Fotos handelte, Ergebnisse der sogenannten analogen Fotografie. Eigentlich wollte ich die aussortierten Bilder entsorgen, da sie entweder verschwommen waren oder ich sie doppelt und dreifach hatte. Das wäre aber schade gewesen, es waren ja immerhin 1500 Fotos.
Daher entwickelte ich eine neue Form der Weissagung, die ich hier nun exklusiv präsentiere: Das Taroto. An Silvester oder zu anderen feierlichen Gelegenheiten zieht man aus einer großen Kiste ein Tarot-Foto, kurz Taroto. Dieses gibt dann Auskunft über das nächste Jahr oder den Zeitraum, den man zuvor festgelegt hat. Natürlich könnte man, wie beim klassischen Tarot auch, Fragen stellen und dann eine Antwort ziehen. Aber bisher kam das Taroto nur zu Silvester zum Einsatz. Die Gäste waren auch recht begeistert dabei. Lediglich einer war ein wenig verstört, da er zwei kopulierende Fliegen gezogen hatte, die ich, nachdem sie wochenlang auf unserem Fensterbrett in einer Tour ihren Akt vollzogen, irgendwann einfach mal mit dem Makroobjektiv fotografiert hatte, um dann doch das Naheliegende festzustellen, nämlich, dass sie tot waren. Hieran offenbaren sich auch die ersten Schwierigkeiten: Als ich ihm mein Wissen um die Entstehung des Tarotos erzählte (besonders, dass beide tot waren), war er doch ein wenig schockiert. Daher mein Tipp für alle, die ein eigenes Taroto-Set entwickeln wollen: Schweigt über die Herkunft des Bildes!
Da dies ja ein persönlicher Blog ist, zeige ich natürlich auch mein Taroto für dieses Jahr.

Jeder hat natürlich seine eigene Interpretation! Einer sagte mir doch tatsächlich, dass er auf diesem Bild nur Zigaretten und eine Wasserleiche sehe!

Anmerkung: Falls jemand will, dass ich für ihn auch ein Taroto ziehe, mag er es in die Kommentare schreiben oder per Mail bestellen (mail@klingsorsletzter.de). Dann denke ich stark an denjenigen und ziehe aus der Kiste ein passendes Taroto und sende es als Mail oder per Post zu.

Der Abstieg vom Satiregipfel

Konservatives Kabarett ist eigentlich unmöglich. Das stelle ich immer wieder fest. Kabarett braucht einen aufklärerischen Charakter und keinen affirmativen. Es muss sich hinter die Dinge bewegen und hinter die politischen Kulissen schauen. Dafür muss es nicht notwendigerweise links sein. Da wir uns aber in einer Zeit bewegen, durch die ein Rechtsruck, eine Entsolidarisierung der Gesellschaft geht, in der immer mehr politische Schauspiele, immer mehr Kampagnen aufgeführt werden, ist ein aufklärerischer Standpunkt eher links als rechts zu finden.
Man könnte als Konservativer ja immer noch linke Dogmen nehmen und sie demontieren, aber da das für die meisten Politiker und in den meisten Medien bereits Standardprogramm ist, betet man nur politisch-konservative Standpunkte nach (Kritik an Multikulti oder an Integration). Bestimmte Positionen sind im Kabarett auch nur noch schwer zu besetzen, da von den Linken dort starke Tabus aufgebaut wurden. Beispielsweise die Kritik am Gleichberechtigungsdogma der Linken oder der Wunsch nach einem klassischen familiären Rollenmodell. Wie sollte man das im Kabarett ausdrücken, ohne sich selbst als altbacken zu outen? Die Konservativen sind hier seit den siebziger Jahren in eine Duckmäuser-Position geraten, in der sie ihre Politik nur noch leise und auf argumentativen Umwegen vortragen können, eine kabarettistische Zuspitzung ist hier kaum noch möglich. Das konservative Kabarett ist also eingesperrt zwischen dem, was in den Medien an konservativer Demagogie sowieso schon aufgefahren wird und den schweren Tabus, die durch Überspitzung nicht mehr in Frage gestellt werden können.
Ohne Inhalte bleibt dann nur noch der leere Aufklärungsgestus übrig. Wer sich solches Kabarett anschauen will, der sollte sich den Satiregipfel in der ARD anschauen. Der Comedian Dieter Nuhr hatte diese Sendung zum Jahreswechsel von Matthias Richling übernommen. Ein schwerer Fehler, wie ich finde. Das merkt man bereits an Nuhrs peinlichem Selbstbild: Als Kabarettist sei man ja nur ein professioneller Jammerer. Egal was passiert, man jammert. Diese Aussage ist eine Selbstdemontage ohnegleichen, eine Vorankündigung von Schizophrenie. Wir müssen hier beim Satiregipfel jammern und klagen, weil wir Deutsche sind, auch wenn es uns eigentlich gut geht und uns andere beneiden. Der Subtext lautete: Eigentlich will ich das nicht, mir geht es gut. Absurd. Konservatives Kabarett halt. Eine Metaaufklärung über den Sinn des Kabaretts aus einer Position von öffentlich zur Schau gestellter Selbstzufriedenheit und dem Glauben an den gerade stattfindenden Super-Aufschwung.
Die Kabarettnummern, die dann von anderen gezeigt wurden, waren bis auf ein mittelmäßiges Rollenspiel von Alfred Dorfer durchgehend schlecht: Sich über Reformhäuser lustig machen, nachdem die Biobewegung diese schon längst abgelöst hat. Das war Kabarett aus den 80er Jahren! Wie wäre es mit einem Update? Sich über Afrika lustig machen, mit den ewig gleichen Stereotypen, es fehlte nur noch das Schnackseln der Neger. An den letzten Kabarettisten erinnere ich mich nicht mal mehr, war wohl eher ein Comedian. Es gab keinen durchgehenden Faden in den Erzählungen, sie hangelten sich von einem “Übrigens, wozu mir auch noch ein Witz eingefallen ist” zum nächsten. Schrecklich.
Wenn es eigentlich nichts zu Jammern und Beklagen gibt, wie Moderator Dieter Nuhr ja festgestellt hat, wenn es nur noch ein leerer Satiregestus ist, der sich über sich selbst und die Sendung lustig macht, dann sollte man diesen neu entwickelten Satiregipfel am besten gleich wieder einstampfen.

Kennenlernspiele: Entzug oder Belagerung?

Es gibt beim Kennenlernen und Flirten mindestens zwei verschiedene Ansätze, die sich gegenseitig komplett ausschließen: Das Entziehen und die Belagerung.
Das Erste kenne ich gut. Das ist es, was in Flirtbüchern sehr gerne beschrieben wird unter dem Motto “Sich interessant machen”. Man darf sich in dieser Sichtweise dem anderen nicht gleich in all seinen Gefühlen offenbaren, sondern bleibt ambivalent und entzieht sich regelmäßig. Das beweist dann, dass man ein eigenes Leben hat und nicht von der Zuneigung des Anderen abhängig ist. Und es signalisiert auch: Ich lasse dir deine Freiheit! In der positivsten Variante lautet der Spruch hierzu: Wenn du mich sehen willst, freue ich mich, aber ich sterbe auch nicht, wenn nicht. In der negativsten Variante werden nur Selbstzweifel beim anderen gesät, da man sich beständig fragen muss: Warum meldet sie sich nicht, dabei war das doch ein schöner Abend neulich?
An diese Idee des Kennenlernens schließen leider ganz viele Taktiken und Techniken des Sich-Entziehens an: Beispielsweise dass man sich drei Tage nicht meldet oder nur kryptische Nachrichten schreibt. Der Film “Hitch - Der Date-Doktor” liefert sehr viele Beispiele für diese Taktik. Aber auch in der Literatur gibt es einige Ideen dazu: Max Frisch meinte einmal, dass die Interpretation der beste Weg sei, für eine Frau interessant zu werden. Man deutet und interpretiert sie in ihrer Persönlichkeit – das arbeite dann in ihr weiter: Entweder fühlt sie sich positiv erkannt und verstanden oder sie wehrt sich innerlich dagegen und will ihn vom Gegenteil überzeugen. Auf jeden Fall gelangt man so ins Bewusstsein.
Das Entziehen ist wie ein Pokerspiel, bei dem man seine Karten nicht von Anfang an auf den Tisch legen darf und sich der Einsatz pro Runde immer weiter erhöht. Das Ganze basiert allerdings auf einer Vorstellung von Selbstvertrauen, das eigentlich nur dann gegeben ist, wenn man nichts will oder noch andere Eisen im Feuer hat. Sobald man sich verliebt, kann man dieses Spiel nur unter großen Schmerzen mitspielen. Es geht merkwürdigerweise von einem in sich ruhenden, quasi emotionslosen Menschen aus: Die Sehnsucht oder das Begehren, der Wunsch nach Nähe oder miteinander Zeit zu verbringen, all das muss erstmal dem Kennenlernspiel untergeordnet und zurückgestellt werden. Erst am Ziel kann man diese Emotionen dann offenbaren, seine Karten offen auf den Tisch legen.
Sich zu Entziehen setzt natürlich bereits eine höhere Stufe des Wahrgenommen-Werdens voraus: Blöd wäre es, wenn man sich entzieht und der andere merkt es gar nicht.
Diesem Problem geht die zweite Taktik eher unelegant aus dem Weg: Man lässt dem anderen einfach keinen Freiraum, man ist immer für sie da und belagert die Festung der Geliebten. Dass man mit einer solchen Belagerung Erfolg haben kann, hätte ich nie geglaubt. Aber immer mehr Geschichten aus meinem Umfeld deuten in diese Richtung.
Die Belagerung funktioniert so: Man steht immer vor den Toren für Hilfe bereit, man bombardiert die Festung mit Einladungen und Ideen, man legt Geschenke vor den Toren ab. Man signalisiert schlicht, dass man die Frau will, dass man sich für sie entschieden hat. Meist werden die Belagerer zunächst abgelehnt, besonders auch weil die Frauen um ihre Freiheit ringen. Aber wenn die Belagerer dann mit selbstwertverleugnender Sturheit, unbeeindruckt von diesem ersten Nein weiter an ihrem Ziel festhalten, werden viele Frauen irgendwann schwach.
Der Vorteil der Belagerer ist, dass sie andere Typen, insbesondere Traumtypen, einfach überleben. Die meisten Frauen haben ja irgendjemanden, dem sie insgeheim nachtrauern, jemanden, von dem sie sich nicht trennen können oder jemanden, den sie voller Hoffnung anhimmeln. Es gibt also immer einen Dritten, sei er nun der Ex-Freund aus der Vergangenheit, die schwierige Beziehung in der Gegenwart oder der Wunschtraum in der Zukunft. Wenn das nicht klappt, und das tut es in den meisten Fällen nicht, dann ist der Belagerer zur Stelle: Da ist jemand, der sieht vielleicht nicht aus wie dein Traumtyp, aber der will dich ganz. Und es ist ja auch schön geliebt und umworben zu werden. Warum sollte man das nicht einmal testen? Aus einer Geliebten wird dadurch zwar noch keine Liebende, aber für eine stabile Beziehung und ein paar Kinder reicht es meist dennoch.
Irgendwann später bricht dann die Nicht-Liebe, dieser Makel eines Entschlusses zur Liebe, aus der Geliebten heraus. Besonders auch, weil der Belagerer sich meist deutlich verändert: Er hat alle Zweifel, alle Unsicherheit während seiner Belagerung ausgeblendet und seine eigenen Fähigkeiten sogar oft überstiegen, beispielsweise an Geschenken oder Gedichten. Er hat der Burg eine Aufmerksamkeit gewidmet, die er sobald er sie erobert hat, nicht mehr aufbringen kann. All sein Wollen war auf die Eroberung ausgerichtet, nicht auf die Frau…

Beide Wege sind natürlich nur dann Taktiken, wenn sie bewusst eingesetzt werden. Sie basieren auf einer Asymmetrie in der Beziehung: Einer will mehr als der andere. In dieser Asymmetrie sind beide Techniken vielleicht sogar verschränkt und bedingen einander. Der Verliebte erlebt dann, dass die Geliebte sich ihm entzieht, gerade weil sie sich belagert und unfrei fühlt. Da er ihr aber auch schon zuvor entgegen gegangen ist, wird er ihr im Entziehen noch stärker folgen und noch näher kommen wollen. Möglicherweise entsteht so tatsächlich, je nach Persönlichkeitstyp, die beschriebene Belagerungssituation.
Vielleicht sollte man ja auch das, was man Beziehungen nachsagt, dass immer einer mehr liebt als der andere und das auch wechseln kann, auf den Anfang von Beziehungen übertragen: Es liebt immer einer eher als der andere. Die hollywoodsche Vorstellung der Liebe auf den ersten Blick, der gleichzeitigen Liebe, ist äußerst selten. Meist muss der Blick erst gewonnen werden. In den allermeisten Fällen wird das allerdings nicht klappen – die meisten Asymmetrien bleiben asymmetrisch. Deshalb ist Entziehen, solange es nicht als ambivalente Technik eingesetzt wird, auch sinnvoll: Um aus dem Blick zu geraten.