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Klingsors Letzter

Archive for Juli, 2010

Mediale Stille-Post-Spiele

Ich habe lange überlegt, ob ich diesen Eintrag schreiben sollte. Wenn man sich gegen die öffentliche Meinung wendet und andere Fragen stellt, wird man leicht angefeindet und als herzlos abgestempelt. Das sieht man beispielsweise an dem Panikforscher Michael Schreckenberg, der der Süddeutschen ein Interview mit einer alternativen Sichtweise gegeben hat (”Die Toten haben Fehler gemacht”). Das ist in einer solch aufgeheizten Stimmung gerade sehr riskant. Immer und überall sind Menschen für ihr eigenes Handeln verantwortlich, allerdings nicht, wenn ein Unglück geschieht. Dann waren in Deutschland immer die Sicherheitskonzepte falsch oder Manager und Politiker korrumpiert.

Was in Duisburg passiert ist, ist noch völlig unklar. Wie die mittlerweile 20 Menschen gestorben sind ebenfalls. Das wird allerdings von den Medien auch nicht mehr thematisiert: Sind sie von dieser Treppe gefallen und durch den Sturz gestorben oder wurden sie in einer Massenpanik totgetrampelt? Im ersten Falle war das sicherlich auch eigenes Verschulden, der Veranstalter kann solches Verhalten nicht komlett vorhersehen. Wer ist Schuld, wenn in Berlin bei einer Loveparade jemand auf die Siegessäule klettert und da runter fällt? Allerdings muss man für diese Frage natürlich auch die Grundsituation klären: War es so extrem überfüllt, dass die Menschen flüchten wollten? Dazu müsste man natürlich auch erstmal wissen, wieviele Menschen überhaupt vor Ort waren. Die Polizei äußerte dazu nur, dass sie 105.000 Angereiste per Zug registriert habe. Die Medien spekulieren anhand früherer Besucherzahlen und den großspurigen Angaben der Veranstalter vor dem tödlichen Unglück, dass mehr als eine Millionen anreisen wollten (oder dort waren?).  Außerdem stellt sich die Frage: War der Tunnel zu klein für die ankommende Menge? Auf den Videos, die ich mir angesehen habe, erscheint es nicht so. Auf den Videos sieht man allerdings auch keine Menschen von der Treppe stürzen und auch keine Massenpanik, so dass auch die Version der Polizei oder der Veranstalter erfunden sein könnte. Die Polizei sagte allerdings ganz klar, dass im Tunnel niemand gestorben sei (was für ausreichenden Platz spräche), sondern 12 an der Treppe und 2 an einem Plakat gestorben seien. Das müsste man doch eigentlich relativ leicht von einem Gerichtsmediziner feststellen lassen können, wie diese Menschen umgekommen sind. Warum ein solches Gutachten jetzt nicht erscheint, verstehe ich nicht.
Ich muss zugeben, dass ich in dieser Frage durch das Gerichtsverfahren gegen die “Mörder” von Dominik Brunner ein wenig geprägt bin. Dort war lange bekannt, dass Brunner an einem Herzinfarkt, ausgelöst durch einen angeborenen Herzfehler, gestorben war. Aber erst nachdem der Medienhype über die Guten und die Bösen vorbei war, erst im Gerichtsverfahren wurde das veröffentlicht. Wahrscheinlich warten die Verantwortlichen jetzt auch den Medienhype ab. Jede entlastende Aussage würde in dem momentanen Umfeld auch als Beschwichtigung oder Vertuschungsversuch interpretiert werden. Das hat beispielsweise der Skandalforscher Kepplinger in seinen Untersuchungen herausgefunden. Alle anderen Sichtweisen würden untergehen.

Außerdem bin ich immer wieder erstaunt, wie sich die Medien selbst reproduzieren. Eine besonders tolle Taktik ist momentan, Leute zu interviewen, die nur entfernt beteiligt waren und die ihre Informationen auch nur aus den Medien haben. Man tut so als würde man über das berichten, was die Menschen bewegt, und zeigen, wie es den Menschen geht. Dabei hat man diese Stimmung zuvor selbst erzeugt und spiegelt sich dann nur selbst den eigenen Erfolg wider. Die Informationen, die in solchen Gesprächen vorkommen, sind auch nur aus dem medialen Stille-Post-Spiel entstanden.

Ich will mit diesem Eintrag auch nicht die Veranstalter von Schuld reinwaschen. Sie tragen sicher auch eine Mitschuld. Aber in der momentanen aufgeheizten Stimmung lässt sich so etwas kaum ausreichend klären. Man sollte erst einmal das Gutachten abwarten. Solange wird es aber wohl nicht dauern, bis die Medien ihre Opfer bekommen werden. Überspitzt könnte man sagen: Nach der realen Panik, folgt die massenmediale Panik und die fordert auch ihre Opfer. Leute müssen zurücktreten und Schuld übernehmen. Bald werden der Oberbürgermeister von Duisburg und vermutlich auch der Polizeichef zurücktreten müssen. Ich tippe auf Mittwoch.

UPDATE: Die Theorie, dass die Opfer eine Treppe hinabgestürzt sind, ist erfunden. Das war scheinbar nur eine Rettungstheorie für die Veranstalter oder die Polizei. Alle Opfer sind durch die Enge erstickt. Wer nun die Verantwortung dafür trägt, ist allerdings weiterhin unklar. Die Theorie ist allerdings auch falsch, dass das ein vorhersehbares Unglück war, da sich 1,4 Millionen Menschen nicht auf einem Areal für 200.000 aufhalten können. Da der Platz nicht vollständig gefüllt war, gehen die Veranstalter von etwa diesen 200.000 Menschen aus. Eine Massenpanik war also nicht notwendig vorherprogrammiert, da genau die Teilnehmerzahl erreicht wurde, mit der auch in den Auslastungsmodellen gerechnet wurde. Eine höher reichende politische Verantwortung gibt es damit meiner Ansicht nach nicht, höchstens eine symbolische. Es war wie es scheint, ein durch diverse Fehlentscheidungen und eine mangelhafte Informationspolitik (beispielsweise Lautsprecherdurchsagen) ausgelöstes Unglück.
Menschen wollten raus, Menschen wollten rein. Einige fanden einen neuen Zugang zum Gelände über die Treppe und drängten in der angespannten Situation auch noch dorthin. Die ersten nicht aus Not, sondern nur um eine Abkürzung zu nehmen und Helden zu sein. Tragen sie dann auch Verantwortung für das Unglück? Oder auch der Malteser Hilfsdienst, der, wie Spiegel Online schreibt, sich mit einem Krankenwagen einen Weg durch die Absperrung im Tunnel bahnte und so ein Loch in der Polizeikette riss, das nicht mehr geschlossen werden konnte. Dadurch gelangten dann immer mehr Menschen in die bereits angespannte Situation auf der Rampe. Also auch eine Mitschuld? Alles, was sich nach den ersten Rekonstruktionen feststellen lässt, ist, dass viele Menschen mit ganz unterschiedlichen Handlungen und Motiven zu diesem Unglück beigetragen haben. Die oft behauptete Zwangsläufigkeit gab es somit keineswegs.

Deutschland, eine Toilette

Ich habe ja gestern auch ein Weilchen der Bundesversammlung und all den aufgeregten ARD-Journalisten zugeschaut. Eine sehr erstaunliche Inszenierung. Es ist sehr verwunderlich, dass die Medien sich immer wieder ihre eigene Fallhöhe schaffen: Es war abzusehen, nach all den Äußerungen im Vorfeld, dass ein oder zwei Wahlgänge nicht genügen. Aber die ARD schaffte es, dieses Faktum immer wieder als unglaubliche Neuigkeit und als Politikum zu verpacken. Eine Zitterpartie, von der nun immer gesprochen wird, war es ja nun auch nicht. Dass die Linkspartei Gauck nicht wählt, war vorher bereits klar. Die ARD bekam wahrscheinlich einfach nur Schaum vorm Mund, weil sie die Exklusivrechte an dem Zehn-Stunden-Marathon hatte.

Am spannendsten aber war die kleine Antrittsrede von Christian Wulff. Ich zitiere:

“Wir alle tragen gemeinsam Verantwortung für unser Land, für unser Gemeinwesen, für unsere Demokratie. Es ist unser Land, es ist uns anvertraut, wir wollen es in einem Zustand an kommende Generationen weitergeben, zumindest in so gutem Zustand erhalten, wie wir unser Land vorgefunden haben.“ (ab Minute 4:41, Link)

Für ihn ist also Deutschland mit einer Toilette zu vergleichen! Denn wo sonst steht noch der Spruch: “Bitte hinterlassen Sie X in dem Zustand, in dem Sie sie vorfinden möchten.” Er hat nur das fast schon visionäre “möchten” weggelassen und sich auf den Jetzt-Zustand beschränkt. Wenn das mal nicht eine Vision für Deutschland ist! Wir wollen Deutschland zumindest so erhalten, wie wir es vorgefunden haben! Besser wird’s eh nicht, wir können nur unseren Abstieg verhindern.

Die deutsche Bahn hat auch schon reagiert und extra für den ICE, mit dem Christian Wulff reist, einen kleinen Erinnerungsort geschaffen: