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Klingsors Letzter

Archive for Juni, 2010

Die schlimmsten Fehlinterpretationen

Neulich habe ich mit einem Freund über die folgenreichsten Fehlinterpretationen im zwischenmenschlichen Bereich gesprochen: Die Kränkung des Selbst oder die Angst vor dem Alleinsein als das Wollen einer Beziehung misszudeuten.

1. Kränkung des Selbst als Wollen des Anderen missdeuten. Die Zurückweisung einer Frau, die man zuvor nicht oder nur halb wollte, wird statt als Kränkung des Selbst als ein eigentliches Wollen der anderen Person verstanden. Daraus sind schon sehr viele, sehr schmerzhafte Beziehungen entstanden.
Ein Beispiel aus meiner näheren Umgebung: Ein Freund war sich nicht sicher, ob er eine Beziehung mit einer Frau wollte. Das Ganze zog sich bereits fast ein halbes Jahr hin. Es war immer wieder on/off, ein ewiges Herumlavieren. Dann zog sie, die sie eigentlich verliebt und überhaupt nicht unsicher war, einen Schlussstrich, auch um sich selbst zu schützen. Das allein kränkte ihn schon sehr. Zusätzlich fuhr sie aber noch zu einem seiner besten Freunde und verstand sich sehr gut mit ihm. So kam die Eifersucht noch ins Spiel. Er spürte daraufhin ein so klares JA, wie er es noch nie zuvor gespürt hatte. Aber das war eigentlich nur eine Verwechslung. Er verwechselte sein gekränktes Ich mit der Liebe zu dieser Frau. Es ist aber auch ein naheliegendes Muster, die Kränkung dadurch zu verarbeiten, indem man die Person, die einen gekränkt hat, wieder wohlwollend stimmt.
In dieser klaren Form kommt dieses Muster wohl nicht so oft vor. Aber beim Kennenlernen spielt es oft im Hintergrund eine Rolle. Es lautet dann: “Was ich nicht haben kann, will ich umso mehr.” Das führt sehr oft zu schmerzhaften Zurückweisungen, die wiederum umso mehr anstacheln, den anderen zu wollen. Ein schrecklicher Teufelskreis, der erst dann durchbrochen wird, wenn der Selbstschutz einsetzt. Ein Rückzug, der dann aber beim Anderen, wenn er ähnlich geprägt ist, wiederum ein Hinterhergehen hervorrufen kann, was auch nur durch die Kränkung des Rückzugs ausgelöst war und nicht durch ein echtes Wollen. So wird wieder ein neues Zeichen gegeben, so dass der Rückzug zurückgenommen wird und wieder gehofft werden kann, was der andere aber eigentlich gar nicht beabsichtigt hatte, so dass er nach diesem klareren Zeichen auch wieder zurückrudert und damit erneut verletzt. Ach, und so weiter…

2. Die allgemeine Sehnsucht nach Nähe mit der Sehnsucht nach der letzten nahen Person verwechseln. Nach einer Beziehung entsteht oft eine Einsamkeit, eine Sehnsucht nach Zweisamkeit, die eigentlich ungerichtet ist – man spürt nur einen Mangel, eine Leerstelle. Anstatt sich aber zuzugestehen, dass man einsam ist und Geborgenheit in einer zukünftigen anderen Beziehung sucht, schaut man in die Vergangenheit und beginnt, die letzte nahe Beziehung zu idealisieren. Man verwechselt die eigene Einsamkeit mit dem Wollen eines anderen Menschen, im Extremfall sogar mit dem Wunsch nach Rückkehr in eine kaputte Beziehung. Diese Missdeutung ist natürlich auch naheliegend, da dieser Mensch auch der letzte war, der einem das gab, was man im Moment so dringend braucht. Nur leider werden dann all die negativen Seiten ausgeblendet, die die Beziehung letztendlich zerstört haben. Dieses Muster habe ich auch lange Zeit gepflegt.
Dies ist natürlich nicht nur auf die Vergangenheit beschränkt. Im allgemeinen ist es dann das Muster: “Ich habe Angst vor dem Alleinsein, deshalb brauche ich jetzt jemanden.” Auf wen sich der Blick dann richtet, ob in die Vergangenheit oder in die Gegenwart, ist offen. Aus dieser Angst heraus sind schon viele unklare Beziehungen begonnen, aber auch endlos weitergeführt worden.

Wie man diese beiden Deutungen vermeidet, ist allerdings unklar. Das passiert ja alles nicht auf der rationalen Ebene. Sie sind eigentlich auch nur naheliegend und menschlich: Niemand will gekränkt werden oder allein sein. Das schmerzt. Vielleicht ist es ja, dass man diesen Schmerz aushalten und akzeptieren sollte. Dann kommt irgendwann irgendwas anderes – hoffentlich.

Fragen zu Günter Netzer

Sicherlich lesen diesen Blog nicht so viele Fußball-Fans, aber ich muss trotzdem mal ein paar Fragen loswerden. Gerade habe ich gehört, dass Günter Netzer nach dieser WM aufhört. Ich konnte einen Jubelschrei nicht unterdrücken. Endlich ist der eklige Labersack weg!
Dann aber las ich die Kommentare anderer Medien und war sehr überrascht: Es soll von irgendjemandem gut gefunden worden sein, was die beiden dort ablieferten, sie sollen sogar Preise dafür erhalten haben. Kann das sein? Gibt es da draußen wirklich Menschen, die dieses banale, peinliche Angekeife gut fanden? Sicherlich Günter Netzer ist eine wunderbare Figur zum hassen – diese eitle Selbstgefälligkeit gepaart mit einem aufgeblasenen unästhetischen Äußeren. Da kann man einiges drauf projezieren. Aber ihn deshalb auf die Menschen da draußen loslassen? Sein Expertentum hält sich auch sehr in Grenzen, meist geht es auch in seiner eitlen Selbstüberschätzung unter. Und dann diese Pseudodebatten, diese Pseudostreits. Das findet irgendjemand gut? Mich erinnert das eher an einen Kindergarten und ich schäme mich, diesen beiden Personen bei so unterirdischer Kommunikation zuzuschauen. Als ich bei der WM 2006 das erste mal dieses Duo sah, konnte ich mir die Präsenz Netzers in der ARD nur damit erklären, dass er sich über seine Firma, die ja die Rechte für die Bundesliga verkauft, reingeschlichen hatte. Die ARD hatte sich mit den Übertragungsrechten scheinbar auch diese Figur eingehandelt.
Nun also meine Frage: Kann mir jemand dieses Phänomen erklären? Wieso darf Günter Netzer moderieren? Wieso muss man sich so eine Kindergarten-Kommunikation anhören? Wird dieses Duo nur medial gehypt, oder ist es in der Bevölkerung wirklich auch beliebt?

Wider die Vorgauckelei

Dieser ganze Hype um Gauck ist echt erstaunlich! Ich mag Gauck nicht. Ich habe mir eine Rede von ihm angehört, die er auf dem Freiheitskongress der Stiftung für die Freiheit gehalten hat (Link). Falls ihr eine Stunde Zeit haben solltet, könnt ihr euch die Rede ja mal anhören.
Aber nur zur Zusammenfassung: Gauck ist der perfekte Kandidat der FDP, und das mit vollem Herzen. Deshalb ist er auch ein Mediendarling. Er steht für die Reformpolitik im Stile der Agenda 2010, er will unsere Gesellschaft in eine Gesellschaft der Freiheit formen und dabei ist ihm Freiheit das wichtigste, nach dem die anderen Werte alle zurückstehen müssen (also Gerechtigkeit und Gleichheit, weil bei einer Bevorzugung der anderen immer auch die Freiheit leiden würde). Er ist ein Apologet des Status quo. Man merkt das deutlich an seiner Rede. Inhalt ist die Frage, warum die Ostdeutschen denn nach all diesen wunderbaren Dingen, die ihnen gegeben wurden, noch immer unzufrieden sind mit der Demokratie. Gaucks Antwort: Weil sie 56 Jahre in einer Diktatur gelebt haben (1933-1989) und die Demokratie daher einfach noch nicht gelernt haben können. Er meint das „nicht wertend“, wir sind einfach noch nicht reif. Reif sein, bedeutet für ihn, nicht mehr spinnerten Visionen nachzuhängen (Idealismus ist ihm erstaunlicherweise absolut fremd), sondern zu erkennen, das wir in der besten aller Gesellschaften leben. Das schreckliche daran ist, dass er das alles extrem psychologisierend vorträgt, also immer wieder auf psychologische Faktoren zurückgreift, um soziale Probleme zu erklären. Unsere gesellschaftlichen Probleme, das Auseinanderdriften liegt somit in den Psychen der Menschen begründet und hat keinen größeren Rahmen. Es gibt den aufgeklärten Menschen, der sich am “seriösen Diskurs” beteiligen kann, aber dafür muss er bestimmte Positionen räumen, erst dann darf er Teil der Gesellschaft sein.
Gauck ist, meines Erachtens, ein Mensch, der unglaublich durch die Wende geprägt wurde. Das damalige Streben nach Freiheit hat sich so tief in ihn eingebrannt, dass er nun kein anderes Wahrnehmungsmuster mehr hat. Eigentlich müsste er dann auch gegen die ganzen Bestrebungen zur gesellschaftlichen Überwachung kämpfen und müsste für die liberalen Bürgerrechte einstehen (weiß ich nicht, ob er das macht). Er lehnt aus dieser Wahrnehmung alles ab, was nach Gleichmacherei klingt. Dass Gerechtigkeit ein Problem unserer Gesellschaft ist, scheint er von dieser Position aus nicht zu sehen. Sein politischer Weg führte vom Bürgerrechtler zur FDP, auch wenn er sich als keiner Partei zugehörig ansieht. Das ist ja sehr gut verständlich, da das ostdeutsche Streben nach Demokratie ein genuines FDP-Thema ist. Eigentlich erstaunlich, dass die Grünen soviele Bürgerrechtler zu sich ziehen konnten. Allerdings und das erscheint mir wesentlich: Er kam aus dieser freiheitskämpferischen Position in diese Partei und hatte, so könnte man maliziös ergänzen, 56 Jahre Diktatur hinter sich, den westdeutschen Sozialstaat kannte er nicht, den ostdeutschen lehnte er konsequent ab. Er hatte also keinerlei Erfahrung und war noch nicht reif für den Umgang mit dem Sozialstaat. Mit dieser Vorprägung kam er dann mental in die FDP, die die Reform und damit den Abbau des Sozialstaats predigte. Er übernahm all die Interpretationen, da ihm ja keine anderen zur Verfügung standen. Seine politische Sozialisation fällt in die Zeit des “Sanierungsfalls Deutschland”. Er ist daher eigentlich monothematisch auf das Thema Freiheit und ihre Bedrohung beschränkt.
Dass die SPD und die Grünen nun diesen FDP-Politiker vorschlagen, spricht Bände. Einerseits ist es natürlich ein Coup, weil dann die Linke nicht mit ihnen abstimmen kann und sie nicht wieder in die Bredouille einer Medienkampagne gegen Rot-Rot-Grün geraten. Andererseits ist es bezeichnend, da dieser Politiker für die ganze Reformpolitik der Agenda 2010 steht und kein erkennbares soziales Gerechtigkeitsgefühl hat oder dies zumindest immer der Freiheit unterordnen würde. (Welche Freiheit meint er denn eigentlich: Die Freiheit des Marktes, die ungerechtfertigterweise durch den Sozialstaat beschränkt wird, die Freiheit vor Eingriffen in die Privatsphäre? Die Freiheit des Diskurses meint er, nach allem was ich gehört habe, mit Sicherheit nicht, da man ja eine Reife und Einsichten braucht, um daran teilzunehmen.)
Ein Präsident des Volkes ist er also beileibe nicht. Vielleicht ein Präsident der sechs Prozent FDP-Wähler. Und natürlich ein Präsident der Journalisten. Wenn man sich anschaut, wer alles Gauck lobt, dann weiß man ungefährt, wofür er steht. Das viele Lob aus dem extrem konservativen Lager (Welt, FAZ), bedeutet nicht, dass er ein Präsident aller Deutschen sei, sondern, dass er genau deren Kandidat ist. Auch der Boulevard hat sich auf Gauck eingeschossen (BAMS, BILD). Diese Medien projezieren all das in Gauck, was Wulff angeblich nicht hat: Charisma, Lebenslauf, Eloquenz, etc. In dieser Projektion gehen aber seine Inhalte verloren. Die Leute beginnen zu glauben, er sei ein Volkspräsident. Wie das ja nach medialer Darstellung auch Horst Köhler gewesen sein soll. Gauck wäre nun die um intellektuelle Fähigkeiten bereicherte Variante dieses Volkspräsidenten.
Aber das ist er nicht. Er steht für die Reformen, für den Abbau des Sozialstaats, für die Stärkung der Eigeninitiative, für „Leistung muss sich wieder lohnen“. Und dieses ganze Programm wird aber noch zusätzlich verpackt in psychologisierende Redeweisen, die die gesellschaftlichen Probleme auf Erkenntnisprobleme des Individuums reduzieren. Er ist ein ziemlich guter Demagoge. Nachdem ich seine Rede vor der FDP-Stiftung gesehen hatte, habe ich mir gewünscht, dass Christian Wulff Bundespräsident wird. Wenn man den jetzigen medialen Hype zugrunde legt, macht mir Gaucks Präsidentschaft Angst. Er würde Reden gegen den Sozialstaat, die soziale Hängematte halten und von den Medien bejubelt werden. Das höhlt den Sozialstaat aus und spaltet die Gesellschaft weiter. Wenn ich in der Bundesversammlung säße, ich würde Wulff wählen.
Hier auch noch ein Link zu einem ganz guten Überblicksartikel, in dem auch einige Quellen zu Gaucks Anti-Sozialstaats-Position genannt sind: Spiegelfechter.

Kritische Geisterstunde

Es ist immer wieder erstaunlich, wie stark Arbeit und Mensch auseinanderfallen können, wie unglaublich deutlich manche Menschen das trennen können.
Heute war ich bei meinem Dozenten. Ein kluger Mann, der mit an der Spitze der kritischen Forschung steht und sich dem Kampf gegen den neoliberalen Zeitgeist verschrieben hat. Er sagte mir, dass er enttäuscht sei, weil ich einfach nur mit meiner Dissertation auf ein Stipendium gewartet habe, anstatt diese eigenständig voranzutreiben. Ich sagte ihm, dass ich das nicht konnte, da ich ohne eine klare Perspektive auf Finanzierung nicht arbeiten könnte, dass ich nicht loslaufen könnte, ohne zu wissen, ob jemals irgendwann ein Startschuss fallen würde.
Und nun kommt das, was mich wirklich schockierte: Er sagte, dass Menschen, die das nicht können, keine wissenschaftliche Karriere anstreben sollten. Übersetzt bedeutet das: Wer in völlig unklaren und prekären beruflichen Verhältnissen nicht an seiner ureigenen Idee mit vollstem Elan festhalten kann, der wird nichts an der Universität. Eine solche Aussage bei all der kritischen Forschung zu Prekarität, zu neoliberalen Leistungsanrufungen und zu Foucaultschen Selbstdisziplinierungs-techniken. Jetzt plötzlich ein Lob der akademischen Selbstausbeutung! Man muss intrinsisch motiviert sein, egal, was die Umwelt zurückmeldet. Dass man dann vielleicht doch durch die eine oder andere Absage enttäuscht wird, ist nicht menschlich, sondern vielmehr ein Zeichen der Schwäche, des mangelnden Glauben und der fehlenden Überzeugung vom eigenen Projekt. Wer Selbstzweifel habe, werde in diesem Betrieb nicht weiter kommen.
Ich war so baff, dass ich meine eher passive Position in dem Gespräch verließ und zu einem langen Monolog ansetzte, der leider nicht mit den Worten endete: “Schämst du dich nicht für diese Worte? Für diese absolute Bejahung der Gegenwart, für diese Betonung des Rechts des Stärkeren? Hast du überhaupt jemals deine eigenen Texte gelesen? Wie kann man denn so abstumpfen?” Stattdessen sagte ich empört, dass das doch den Ausschluss von vielen klugen Köpfen bedeute (und meinte natürlich auch mich) und dass doch damit ein riesiges Potential verschenkt werde. Das sei doch tragisch. Er entgegnete, dass die ganze Uni voll sei von Neurotikern, die irgendetwas kompensieren müssten, aber Menschen mit (offenen) Selbstzweifeln würde man dort nicht finden. Lakonisch meinte er noch, dass es ja ein Übernachfrage nach Doktorandenstellen gibt, da könne ja nicht jeder was bekommen, aber alle könnten dann darüber klagen, dass die Welt ja ach so gemein und tragisch sei. Seine Position war also insgesamt etwa die Folgende: Wer es nicht kann, der kann es nicht. Das sollte man irgendwann erkennen.
Vielleicht war dieser Subtext auch an mich gerichtet. Vielleicht war das nicht seine Abgeklärtheit im Umgang mit dem universitären Betrieb und auch nicht Ausdruck seiner mangelnden Fähigkeit, die in theoretischen Disputen oft in Stellung gebrachte Kritik auch im persönlichen Bereich auf kritikwürdige Zustände zu richten. Ich hatte ihn enttäuscht, er hatte mich enttäuscht. Ich hatte es ihm vorgeworfen, er mir ebenso. Das einzige Problem war, dass er aus seiner Position nicht mehr herauskam. Ich hatte erkannt, dass meine Enttäuschung nur aus einem bestimmten Eindruck entstanden war und nicht unbedingt berechtigt war. Nur konnte er seine Enttäuschung nicht überwinden. Vielleicht beflügelte mein Rückzug ja sogar auch seine Position. Er fühlte sich in der Position des Rechthabenden. Zu Tage trat dabei keine zynische Verbitterung, sondern eher ein So-ist-es und ein So-muss-es-sein. Alles Idealistische oder auch nur Humane wirkte dagegen lächerlich.
Diese Position macht mir Angst. Das Schreckliche dabei ist, dass der Weg dorthin so wenig sichtbar ist. Solange man nur das Schreckensbild der absoluten Abstumpfung, des puren Zynismus vor Augen hat, wird man die kleinen, wirklich gefährlichen Schritte auf dem Weg in die sogenannte “wirkliche Welt” nicht erkennen können. Davor schützt auch ein Beruf nicht, der sich professionell mit dem Kritisieren der gegenwärtigen Zustände beschäftigt. Vielleicht ist sogar gerade die Universität in ihren heutigen Strukturen ein Hort, der abgestumpfte Nihilisten ebenso anzieht wie erzeugt. Das finde ich, ganz der Idealist, der ich noch bin, sehr traurig.