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Klingsors Letzter

Archive for Mai, 2010

Hilf dem Truchseß auf dein Handy

Da kannte doch mein Handy mit seiner T9-Programmierung gerade den Ausdruck “Pfingsten” nicht. Ist das nicht unglaublich? Was für ein Werteverfall in unserer Gesellschaft! Da kam mir auch gleich die Idee für einen schönen bildungsbürgerlichen Wettbewerb: Gesucht wird das Handy mit dem größten Wortschatz Deutschlands. Welches Handy kennt so ausgefallene deutsche Wörter wie hanebüchen oder Tohuwabohu oder Truchseß? Das schöne daran: Anders als beim Menschen lässt sich der aktive Wortschatz einfach zählen oder sogar ausdrucken, da er ja als Mischung aus Einsen und Nullen im Handy gespeichert ist. Also los geht’s!
Vielleicht hat das ja sogar Potential das Brieftaubenzüchtertum als Haupthobby von Über-Fünfzig-Jährigigen abzulösen. Unsere Generation besitzt doch eine größere Affinität zu technischem Schnickschnack und wenn sie dann noch mit einem bildungsbürgerlichen Missionierungsauftrag sozialisiert wurden, steht dem Hobbyfröhnen nichts mehr im Weg. Sie könnten dann Handysprachlernvereine gründen, einen für Nokia, einen für Samsung, vielleicht auch für einzelne Modelle. Dann könnten sie sich, alle mit Stoppuhr um einen Tisch sitzend, auch immer SMS zum Beweis zuschicken, beispielsweise: “Dem Truchseß behagte das abstrakte Herumeiern der Hausmeier nicht: “Frappé ist frappé und kein Papageienkuchen”, räsonnierte er süffisant.” (137 Zeichen in 9,72 Sekunden)

Über die Mach-Menschen

Es gibt Menschen, die haben Angst davor, allein zu sein und nichts zu tun. Sie beschäftigen sich dann unablässig, rennen von einem Termin zum nächsten, müssen zwischendurch noch schnell das erledigen, weil sie dann schon wieder… Kurzum: Sie dröhnen sich mit Tätigkeiten zu, auf dass sie ihre innere Leere nicht mehr spüren. Für die Beschreibung dieser Menschen habe ich heute ein passendes Maß entdeckt. Es ist aus der Physik entlehnt und ein dimensionsloses Geschwindigkeitsmaß: Die Mach-Zahl. Je mehr sich Menschen mit Tätigkeiten und Terminen zudröhnen, desto höher ist ihre Mach-Geschwindigkeit. Mach 4 beispielsweise steht symbolisch für einen sehr hohen Wert und konkret physikalisch für eine Ablenkungsgeschwindigkeit (bei normaler Außentemperatur) von etwa 5000km/h. Man könnte eine solche Geschwindigkeit sozial übersetzen als das Tempo, in dem nicht eine Minute Zeit zwischen den jeweiligen Tätigkeiten bleibt.
Der Vorteil der hohen Mach-Geschwindigkeit liegt auf der Hand: Man spürt die hinter den Tätigkeiten liegende Leere und Einsamkeit nicht mehr. Allerdings verbrennt bei dieser Geschwindigkeit auch die individuell auszugestaltende Fähigkeit, auf die eigenen Bedürfnisse und Grenzen zu achten. Stattdessen entwickelt man eine extreme Abhängigkeit von seiner Umwelt. Man berauscht sich ja an der eigenen Organisationsfähigkeit, möglichst viele Stationen auf dieser Hochgeschwindigkeitsreise einzubauen. Wenn jedoch eine Station in diesem Kosmos ausfällt, fliegt man ins Nichts – da, wo vorher noch Sinn durch Treffen, Sinn durch Tun war, wartet nun die gähnende Leere des eigenen vernachlässigten Selbst. Es gibt dann auch keine Not-Tätigkeit, die in dieser hohen Mach-Geschwindigkeit ausführbar wäre. Ein Abbremsen kommt nicht in Frage, da die Reise ja gleich auch gleich weiter geht. Die erschreckende Erfahrung des einsetzenden Falls, soweit man im Weltraum überhaupt von Fall sprechen kann, führt dann jedoch nicht zur Verringerung der Mach-Geschwindigkeit, sondern im Gegenteil zu einer weiteren Erhöhung, um solche Momente nie wieder zu erleben. Es werden menschliche Nothalte eingerichtet, es werden Optionen optimiert und parallel potenziert.
In unserer Gesellschaft ist Tun ja auch etwas Wichtiges. Menschen mit hoher Mach-Geschwindigkeit sind angesehen und geschätzt – sie bringen unsere Gesellschaft voran. Nur selten werden sie als Fall für den Psychiater betrachtet – ganz im Gegensatz zu Menschen, die Müßiggang pflegen. Insofern sind die Mach-Menschen eine allumfassende Bereicherung für unsere Gesellschaft: Solange sie funktionieren, leisten sie etwas für unsere Gesellschaft, und für den unwahrscheinlichen Fall, dass sie nicht mehr funktionieren, stellen sie noch immer eine solide sprudelnde Quelle für Psychologen und Therapeuten aller Art dar.
Berlin ist übrigens das Mekka der Mach-Junkies.

Der Mauerbau

Dies ist ein Eintrag, der aus Wut und Verzweiflung gespeist ist. Ich schreibe die wesentlichen Einflussfaktoren nun immer davor. Das macht die Einträge vielleicht verständlicher.
Es geht in diesem ganzen Scheiß System um nichts weniger als um Leistung! Es ist völlig intransparent, welche Faktoren bei irgendwelchen Auswahlprozessen eine Rolle spielen. Da gibt es dann den Spezi und den Spezi, und vielleicht gefällt dem einen dein Gesicht gerade nicht, weil er einen schlechten Tag hatte, oder der eine mochte dich, weil du das gleiche Hobby hast wie er. Und dann gibt es natürlich noch diejenigen, die einfach drauf losplappern, die sich zu verkaufen wissen, die mit ihrem aufgeplusterten Selbstbewusstsein jede Schallgrenze durchbrechen können.  Sie kommen überall hin. Dort werden sie zwar nicht glücklich, weil das auch bloß Schutz ist, aber das macht ja nichts.
Ich hatte lange Zeit nicht daran geglaubt, irgendetwas zu können. Ich war fest davon überzeugt, dass es eh alle anderen besser können. Ich hatte eine innere Mauer des Nicht-Werts aufgebaut. Sie hielt sehr lange stand, auch wenn ich zunehmend von außen anderes zu hören bekam. Das irritierte mich natürlich, weil es mit meinem Selbstbild überhaupt nicht zusammenpasste. Dann passierte etwas Merkwürdiges, ich bekam einen Preis, einen bundesweiten Preis für eine wissenschaftliche Arbeit. Das war absurd. Ich kam damit nicht zurecht. Sollte mein Selbstbild falsch sein? Die Mauer begann erstmalig zu bröckeln. Eingestürzt ist sie nicht. Allerdings führte mich dieses Erlebnis zu der irrigen Annahme, einen wissenschaftlichen Weg einzuschlagen, eine Promotion anzustreben. Ich gab meine bisherige Arbeit auf und begann nach einem Thema zu suchen. Was folgte war und ist ein Ablehnungsreigen. Die Kriterien all der Ablehnungen sind für mich völlig undurchsichtig. Zweimal reichte ich eine erneute Bewerbung ein, weil mir persönlich berechtigte Hoffnungen gemacht worden war. Zweimal bekam ich völlig standardisierte Ablehnungen. Zweimal kam ich zu einem Bewerbungsgespräch, zweimal scheiterte ich an den für mich absurden Fragen aus völlig verschiedenen Richtungen.
Die Mauer steht nun wieder. Allerdings, und das ist erstaunlich, sickerten durch die kurzzeitig entstandenen Löcher doch einige Vorstellungen dessen, was ich kann. Nur merke ich, dass das nirgendwo wirklich gebraucht oder gewollt wird und dass ich das niemandem mehr (besonders auch nach diesen Ablehnungen) glaubhaft vermitteln kann. Ich bewege mich auf ein “Verkanntes Genie-Dasein” zu, vielleicht ist das ja mein letzter Anker. Es soll sich ja gar nicht so schlecht als ein solches leben lassen. Nun muss ich mir nur noch mein eigenes inneres Königreich erschaffen, vielleicht noch eine eigenen Sprache, die kein anderer versteht, und voilà schon habe ich die nächsten drei, vier Jahre innere Ruhe. Vielleicht wird dieser Blog dann auch Verkündungsblatt meiner unglaublichen Weisheit – das war er ja schon eine ganze Zeit lang, so dass ich immer nur noch Kommentare wie “Äh” oder “Häh” bekommen habe. Und irgendwann, nach drei oder vier Jahren (oder vielleicht auch schon jetzt), klopfen der Zynismus oder die Weltverachtung an meine Tür und dann lasse ich sie herein, wie man gute alte Freunde hereinbittet, die man lange nicht gesehen hat. Ja, so wird es sein.
Oder auch nicht. Vielleicht mache ich auch einfach diesen schönen Satz von Neill Young zu meinem Lebensmotto: “Tomorrow see the things that never come today”. Dabei ist Hoffnung doch völlig absurd.

Auf der Suche nach der Nulllinie

Warum kann die Vergangenheit nicht einfach nur sein, einfach nur feststehen? Warum muss sie sich immer wieder aufschwingen und sich mit vollem Herzen an den Interpretationen der Gegenwart beteiligen?
Sollte letzten Endes der wehleidige Spruch, für den ich “Magnolia” immer gehasst habe, doch stimmen? “We may be through with the past, but the past ain’t through with us.” Wahrscheinlich gilt er zumindest für ältere Menschen, bei denen die vergangene Erlebnisse unbewusst in den Kopf schießen. Vielleicht sind sie aber gerade deshalb der Vergangenheit so ausgeliefert, weil es, allen neurophysiologischen Notwendigkeitspostulaten zum Trotz, keine gelebte und soziale Gegenwart mehr gibt, die ihnen als Ausgleich dienen könnte und anhand derer sie sich bewusster in die Gegenwart hinein projezieren könnten.
Die Vergangenheit dient, solange man lebt, als Konstruktionsmasse des gegenwärtigen Selbst. Sie ist der Weg, der zum jetzigen Standpunkt geführt hat. Aber je nachdem, wie sich im Moment die Wetterlagen ändern, wie sich die Haltepunkte verschieben, wie sich Abgründe oder Felswände auftun, so wandelt sich auch der Blick auf den zurückgelegten Weg. Das einzige, was helfen kann, diese Unstetigkeit der Vergangenheit, diese Abhängigkeit von der Gegenwart zu mildern, sind Brücken des Fatalismus oder der Notwendigkeit. Im ersten Fall sagt man sich “Es war halt so”. Man erschafft damit eine Neutralität der Wahnehmung, man erzwingt eine Nulllinie der eigenen inneren Beteiligung. Im zweiten Fall sagt man sich “Es musste alles so sein”. Alle Stränge der Vergangenheit laufen dann auf das jetzige Selbst hinaus, sie führen zwangsläufig dahin. Eine schöne, saubere Konstruktion, die allerdings alle Unwägbarkeiten, alle Dissonanzen des Weges bewusst ausblendet.
Beide Brücken haben natürlich ihre Berechtigung. Es erscheint ja kaum möglich, die Vergangenheit stetig emotional präsent zu haben – alle innere Aufgewühltheit über vergangene Ereignisse wird sich mit der Zeit legen. Und man wird sich auch den Weg konstruieren, den man beschritten hat, indem man die Erlebnisse zu passenden Stationen des Weges macht. Wenn man sein Leben als Leidensgeschichte oder als Abstieg erzählen will, wird man die dazugehörigen Episoden finden.
Und dennoch, auch wenn ich mir das alles zusammenreimen kann, wenn ich all das weiß, will ich doch, dass meine Vergangenheit kein Spiegel meiner Gegenwart ist. Sie soll einfach feststehen, als sei sie in Stein gemeißelt, einfach stillstehen, so wie eine Gemäldegalerie, durch die ich bei passender Gelegenheit wandeln kann. Stattdessen wandelt meine Vergangenheit durch die Stadt und geht auf Konzerte. Aber das ist noch eine andere Geschichte.

Relativität und Beruhigung

Es ist für mich immer wieder erstaunlich, andere Arten des In-die-Welt-Gestelltseins kennenzulernen. Eine Art fasziniert mich immer wieder: Es ist diese wenig zweiflerische, nur-in-sich-selbst-ruhende Lebensform.
Ein kurzes Beispiel mag das illustrieren: Neulich bei einem Kaffee zu dritt beginnt ein Freund gegen eine Sache zu sticheln, die ich sehr mag. Anfangs wehre ich es noch ab, aber in der gleichbleibenden Intensität zwingt es mich doch dazu, diese absurde und unnötige Stichelei zu thematisieren. Nachdem es danach ruhig am Tisch geworden war, setzt bei mir ein Gedankenstrom ein: War diese Kritik überhaupt berechtigt? Es ist ja bloß eine Sache, die mir etwas bedeutet, die muss ihm ja nichts bedeuten. Liegt der Fehler nicht vielmehr bei mir, da ich ja eigentlich auch drüber stehen könnte? Als dann der stichelnde Freund gegangen war, frage ich den anderen, wie er das wahrgenommen hatte. Es war nicht so sehr der Inhalt seiner Antwort, der mich fasziniert hat, sondern die Selbstverständlichkeit mit der er dies sagte. Es bestand für ihn überhaupt kein Zweifel, dass man für die Dinge, die man mag, nicht ständig aufgezogen werden will. In seiner Stimme lag ein Eins-Sein mit den eigenen Gefühlen, eine absolute Berechtigung zum eigenen Gefühl – egal, was es auch sei.
Diese Absolutheit ist mir fremd. In mir geht bei jedem Streit sofort auch ein Fenster für die Relativität meiner eigenen Position auf. Von dort strömt dann eine Flut an Selbstzweifeln und Beschwichtigungen auf mich ein. Ein vorauseilendes Verstehen des anderen, ohne mich selbst in diesem Moment überhaupt ernsthaft in meinen Gefühlen verstanden zu haben. Deshalb bewundere ich die andere Position, dieses Eins-Sein.
Allerdings habe ich mittlerweile auch erkannt, dass es gerade für solche Menschen, die unzweifelhaft hinter sich stehen, sehr schwer ist, Empathie zu spüren, von der eigenen Position zu abstrahieren. Das ist die Kehrseite dieses In-die-welt-gestellt-Seins. Sie müssten eigentlich lernen, dass es jenseits ihrer Gefühle und von ihrer Position noch andere Menschen gibt. Das fällt ihnen aber zumeist sehr schwer, da diese Form des Solipsismus, dieser Ego-Klarheit, in unserer Gesellschaft auch ein Teil des Sollens-Programms ist. Sich durchsetzen, nicht an der eigenen Position zweifeln, ist erwünscht. Die wenigsten können daher ein Gefühl für die Relativität des eigenen Standpunkts entwickeln.
Da beruhigt es mich manchmal, dass ich mich ja aus der anderen Richtung nähere. Ich muss nicht die enorme Hürde eines aufkeimenden Zweifels am bisherigen absoluten Selbst nehmen, die alle Selbstverständlichkeiten zerstören kann. Ich muss “nur” die Hürde des absoluten Zweifels am Selbst nehmen. Das ist doch mal eine beruhigende Vorstellung!