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Klingsors Letzter

Archive for März, 2010

Halbwaches ohne Maurice

Ein Lied des Sängers Bill Callahan widmet sich einem sehr interessanten Phänomen: Den halbwachen Großeinfällen und Grandiositätsfantasien. Er singt:

I fell back asleep some time later on
And I dreamed the perfect song
It held all the answers, like hands laid on

I woke halfway and scribbled it down
And in the morning what I wrote I read
It was hard to read at first but here’s what it said

Und dann kommt es. Eine sehr schöne Auflösung, wie ich finde:

Eid ma clack shaw
Zupoven del ba
Mertepy ven seinur
Cofally ragdah

Eine ähnliche Eingebung hatte ich auch einmal. Ich musste im Halbschlaf laut auflachen, weil ich einen wunderbaren Witz gefunden hatte. Ich stand auf und schrieb ihn mir auf. Am nächsten Tag las ich also:

“Exklusivbericht: Wie Vampire dein Zimmer gestalten würden.”

Da ich zuvor wochenlang darüber gegrübelt hatte, was denn die Zimmereinrichtung über den Menschen aussagt, kann diese Idee zumindest teilweise als Form der mentalen Reinigung verstanden werden. Aber wie Vampire mein Zimmer gestalten würden, kann ich mir jenseits einer vagen Vorstellung von größerer Dunkelheit immer noch nicht vorstellen.

Nachtrag zur Überschrift: Wenn man bei “Halbwaches” das “e” streicht, kommt man zu Halbwachs, Maurice, dem Historiker mit dem sprechenden Namen, der das Kollektive Gedächtnis erfunden hat. Vielleicht befinden sich ja auch Gesellschaften manchmal in einem solchen Halbschlaf und frönen ihren Grandiositätsfantasien. Das könnte zumindest Teile der deutschen Geschichte (weg)erklären.

Brückenbeispiele

Auch auf die Gefahr hin, den vorigen Beitrag zu den rationalen Brücken plötzlich positiv umzudeuten, will ich zwei kleine Beispiele geben.
Oft will ich über die lange gezimmerte rationale Brücke “Nicht alles, was andere tun, ist auf dich bezogen” laufen. Doch immer wieder in der Mitte stürze ich in den reißenden und bereits bekannten emotionalen Strom, der jenseits aller rationalen Erklärungen – “Das ist aus der und der Situation entstanden” oder “Er/Sie hatte ganz andere Hintergründe” – einfach nur eine simple Abwertung heraus filtert. Oder ich laufe über die Brücke “Du hast dich so entschieden, es ging nicht anders” und falle doch immer wieder ins ewig emotionale “Warum?”, der Frage nach der Einsamkeit, oder in den bei mir sehr beliebten Fluss des Gescheitertseins zurück.

abgrundlos glücklich

Die meisten Menschen bauen sich rationale Brücken über ihre emotionalen Abgründe.
Anfangs sind es nur unsichere Seile, die voll Verzweiflung und Hast aus den nächstbesten Gedanken geknüpft wurden. Lediglich der Glaube an das rettende Gefühl auf der anderen Seite spannt sie fester und lässt einen über all diese Abgründe wandeln – voller Nebel, voller Schwärze, voller unbegreiflicher Tiefe.
Aber man wird hinabstürzen, man wird fallen. Und dann wird man die Augen schließen und sich mit aller Kraft auf das Seil denken. Und wenn man Pech oder Glück hat, wird es funktionieren. Dann wird das Seil fester geknüpft sein – aus all den augenschließenden, rettenden Gedanken. Man wird seltener fallen, das Seil wird eine Straße, wird immer breiter, vielleicht ein kleines Dorf über dem Abgrund, mit Häusern voller Alltag, voller Erinnerungen. Die Tiefe wird veröden, wird sich langweilen. Ab und zu schnappt sie noch nach einem, aber man schiebt sie mit einem abwesenden Lächeln fort, wie einen bösen Traum nach dem Aufwachen.

Flirtkurs V: Interesse erkennen

Woran erkennt man, dass eine Frau mehr Interesse hat? Es gibt nur sehr wenige Zeichen, die eine überindividuelle Interpretation erlauben.
Das stärkste Zeichen, das immer wiederkehrt, ist das folgende: Bei einem Treffen sagt sie am Anfang gleich: “Ich habe dich gesehen, aber du hast mich nicht gesehen.” Das kann natürlich auch eine einfache Aussage sein, die so stimmt. Aber meist wird sie mit einem halb vorwurfsvollen Unterton vorgetragen, der sagt: “Ich habe mich eigentlich gefreut dich zu sehen, aber du hast mich gar nicht wahrgenommen.” Im Grunde ist dieser Satz meist auch schon die treffende Beschreibung des gegenseitigen Verhältnisses: Einer will mehr, der andere nicht.
Ein weiteres Zeichen ist die übermäßige Aufmerksamkeit. Es gibt in den meisten größeren Runden ein Level auf dem sich die persönlichen Beziehungen und Gespräche einpendeln. Das ist meist nicht sehr intim. Wenn dann aber intime Fragen in einer großen Runde gestellt werden, ohne Rücksicht auf den wenig intimen Kontext, ist das ein deutliches Zeichen dafür, dass der Eine eigentlich ein tieferes Gespräch wünscht, aber den Anderen immer nur in Gruppen trifft und daher versucht, den Gruppenkontext zu nutzen, um herauszufinden, ob die eigene Neugier eigentlich berechtigt ist und vielleicht sogar Gesprächsstoff für spätere Gespräche zu finden. Zur überhöhten Aufmerksamkeit zählen aber auch Interpretationen und Deutungen des Anderen. So werden zum Beispiel kleine Situationen auf die ganze Person überinterpretiert, zum einen um zu signalisieren “Ich nehme dich wahr” und zum anderen, um den anderen zu locken, mehr von sich preis zu geben, sich mit Intimität zu wehren.
Ein weiteres Zeichen ist die körperliche Nähe. Das ist aber mit Vorsicht zu genießen, da es auf die Körperlichkeit des gegenüber ankommt und es eine enorme Bandbreite gibt: Von soziophober Berührungsvermeidung bis zu hippiesker Taktophilie. Dennoch kann man grundsätzlich festhalten: Man fasst niemanden an, den man nicht wenigstens ein bisschen mag. Soweit geht selbst das Hippiedasein doch nicht. Die Begrüßung und der Abschied sind natürlich als Situationen eigentlich sehr gut geeignet, das Verhältnis zu beschreiben (siehe hier). Allerdings sind sie auch immer sehr aufgeladen, wenn nicht gar überladen mit Bedeutung. Deutlicher wird das Interesse eher in einer leichten fast wegdrückenden Berührung am Arm, die bedeutet: “Das kannst du doch so nicht sagen!”, oder wenn allgemein Nähe gesucht wird und Situationen geschaffen werden, in denen man sich nahe ist.
Es gibt aber auch Menschen, bei denen Interesse das genaue Gegenteil bedeutet: Sie können den anderen gar nicht berühren, sie meiden den Körperkontakt geradezu. Das ist ein Schutzmechanismus. Er kann allerdings leicht missverstanden werden, wenn der andere gerade Nähe als Zeichen kennengelernt hat und sich dementsprechend weggestoßen fühlt durch das nähemeidende Verhalten des anderen. Dann kommt es auf Menschenkenntnis an, um die in diesem Fall eher ambivalenten Zeichen doch als Zuneigung zu deuten.
Bei der Frage, was der andere will, spielt zum einen Menschenkenntnis eine wesentliche Rolle, also dass man bereits verschiedene Persönlichkeitstypen und ihr Verhältnis zur Welt und anderen Menschen kennengelernt hat. Zum anderen ist aber auch die eigene Fähigkeit von Bedeutung, das Gegenüber nicht nur als Spiegel des eigenen Selbsts wahrzunehmen, sondern als eigenständige Personlichkeit mit eigenen Verhaltensweisen, die nur bedingt eine Wertung des eigenen Verhaltens oder der eigenen Person darstellen. Letzteres ist natürlich beim Kennenlernen die allerschwerste Aufgabe, weil man bei Interesse dazu neigt, jede Handlung auf sich zu beziehen.

Der Todeskuss am Mittagstisch

Eine kleine illustrierende Anekdote noch zu dem oben stehenden Eintrag. Neulich war ich mit Kollegen beim Mittagessen. Es war auch eine Kollegin dabei, mit der ich bisher kaum Kontakt hatte. Sie wirkt sehr akkurat, sehr rational und damit auch sehr pragmatisch. Eine selbstbestimmte, klar fokussierte und anpackende Frau in meinem Alter. Wir saßen in größerer Runde und unterhielten uns. Mein Blick schweift, wenn es ein wenig wuselig ringsum ist, eigentlich immer ab. So auch diesmal. Ich suche, das muss ich zugeben, auch immer noch nach schönen Frauen in dieser Mensa. Es gibt dort so wenige. Es stand also plötzlich eine Frau hinter der Kollegin, die ich nicht auf Anhieb einschätzen konnte. Sie strahlte irgendetwas aus, ich wusste nur nicht was, sie erinnerte mich an jemanden. Plötzlich stellt die Kollegin schnippisch fest: “Du suchst wohl eine attraktivere Gesprächspartnerin?”
Das war wirklich übel. Ich sagte, ohne lügen zu müssen: “Nein!” Allerdings war mir das extrem peinlich. Es war nicht, dass ich mich ertappt fühlte, das stimmte für den Moment auch nicht, sondern die Art und Weise der Thematisierung: Wie kann sie sich denn so offenbaren? Am Mittagstisch? Was laufen denn da für Vorstellungen von ihr selbst oder von mir ab? Die Aussage war: “Wir sind dir wohl nicht gut genug?” oder auch: “Du bist doch einer, der immer nach anderen Frauen Ausschau hält.” Da war soviel eigene Enttäuschung und Selbstabwertung dabei, dass ich erschrocken war. Aber sie selbst schien das nicht mitbekommen zu haben oder gut verstecken zu können. Sie fragte mich im Anschluss daran, ebenfalls vor allen anderen: “Wie geht es denn deiner Tochter und deiner Frau?” Ich war völlig baff. Ich hatte nie etwas von einer Tochter oder einer Frau erzählt. Das war mir peinlich. Besonders wieder ihr fehlplatziertes, zu großes persönliches Interesse, das mich automatisch in den Mittelpunkt der Aufmerksamkeit stellte. Ich begebe mich gerne mit kleinen Witzen oder Geschichten kurzzeitig in den Mittelpunkt einer Runde, werde aber ungerne mit intimen Fragen dorthin gezogen.
Ich deutete dieses merkwürdig unpassende Verhalten als krude versteckte Form des gesteigerten Interesses und ließ mich dadurch, getreu dem Motto “Was peinlich war, muss Text werden”, zu dem oben stehenden Flirtkurs-Beitrag inspirieren.

Urlaubsmannschaft

Neulich waren alle meine Freunde im Urlaub. Nur ich musste hier bleiben. Das war traurig.
Immerhin fand ich so den Titel, den mein erstes Männerbuch tragen wird: “Ich brauche keinen Urlaub. Ich funktioniere auch so!”

The Hurt Locker. Ein selbstmitleidiges Cowboy-Drama

Neulich habe ich zufällig den Viel-Oscargewinner “The Hurt Locker” gesehen. Er bekam unter anderem den Oscar als bester Film, für die beste Regie und das beste Drehbuch. Er wurde auch von den meisten Kritikern hierzulande als bester Film des Jahres gefeiert, ja gar als “Konsensfilm” bezeichnet. Ich habe allerdings wieder einmal ein Sondervotum zu bieten.
Es geht diesmal weniger um eine Stilkritik, als um eine inhaltliche Kritik. Wer den Film noch sehen möchte, sollte an dieser Stelle zu lesen aufhören.
Ich fand den Film spannend, weil er eine Realität zeigen will, die ich so aus den Medien noch nicht kannte (die allerdings stark an die Optik vieler Videospiele erinnert hat). Nämlich die der Amerikaner im Irak. Klar strukturierte Story: Der Chef einer Bombenentschärfertruppe wird am Anfang bei einem Einsatz getötet. Er war ordentlich, hat auf Regeln und Sicherheit geachtet. Im Gegensatz dazu ist der neue Chef ein unkonventioneller cowboy-mäßiger Draufgänger. Das führt verständlicherweise zu Problemen. Aber es ist auch ein Lehrstück für den Cowboy. Er beginnt zu spüren, dass das ganze kein Spiel ist. Denkt man. Doch dann kommt das Ende. Es hat aus meiner Sicht den ganzen Film auf den Kopf gestellt, alles vorherige der Absurdität preisgegeben. Es geht so: Nachdem der Einsatz vorbei ist, kommt der Cowboy wieder nach Hause zu seiner Familie. Aber er kann sich dort nicht einfinden. Sehr schön symbolisiert in einer Szene, in der er vor einem riesigen Regal mit Cornflakes steht und eine Packung aussuchen soll. Dann eine Szene mit seinem etwa einjährigen Kind. Er sagt sinngemäß:”Du liebst noch soviel. Aber je älter du wirst, desto weniger wirst du lieben. Ich habe nur noch eine Sache, die ich liebe.” Schnitt. Man sieht ihn mit einem Flugzeug im Irak ankommen. Schnitt. Er läuft im Bombenentschärfer-Anzug die Straße hinab in den Sonnenuntergang. Ende.
Das ist das Ende! Was ist das für ein glorifizierender, den ganzen Film verleugnender Abgang? Hätte der Film sich nicht ein echtes Ende leisten können: Tod bei einer Explosion? Stattdessen darf der Held in den Sonnenuntergang marschieren. Also: Ja, es gibt sie noch, die amerikanischen Helden, die einfach ihren Dienst tun. Krieg ist nur ein Spiel, bei dem man sich selbst etwas beweisen kann, was man früher vielleicht im Wilden Westen getan hätte. In der wohl emotionalsten Szene des (Männer-)Films fragt sein Kollege den Cowboy, nachdem einem Anderen gerade aufgrund einer überstürzten Macher-Aktion des Cowboys das Knie zertrümmert wurde, wie er das alles aushalten könne mit der ständigen Gefahr beim Bombenentschärfen. Er antwortet in bester Cowboy-Manier: Ich denke nicht drüber nach.
Was kann es bedeuten, wenn ein Film eine solche Gestalt als Helden feiert? Einen Helden, der nichts mehr anderes hat und nichts mehr anderes machen kann? Ist es vielleicht ein nihilistischer Film, der zeigen will: So werden Menschen durch Krieg, das sind die Helden, die wir im Irak erzeugen. Gedankenlose Draufgänger-Typen, die den Kontakt zu ihrer Heimat (und zu sich selbst) verloren haben – die modernen Söldner. Das wäre möglich gewesen, aber der Film schafft keine Distanz zu seinem Helden, sondern nur pure Identifikation. Der Film ist nicht ironisch gemeint. Es ist der Regisseurin ernst mit dem Cowboy-Ende, das merkt man auch an der terminatorähnlichen Musik.
Schwierig ist auch das Verhältnis des Films zum Irak. Es ist natürlich ein amerikanischer Film. Dementsprechend werden die Amerikaner hier als angefeindete und ständig bedrohte Opfer dargestellt. Sie müssen in einer feindlichen Umgebung überleben, jeder könnte sie umbringen, überall lauert Gefahr. Man könnte fast Mitleid haben. Dass man sich selbst in diesen völkerrechtswidrigen Angriffskrieg gestürzt hat und dem irakischen Volk statt der vielgepriesenen Demokratie viel Leid und die innere Zerrissenheit eines Vielvölkerstaats gebracht hat, wird nicht thematisiert. Iraker sind nur Statisten oder bösartige Bombenleger. Der Film schert sich nicht um die irakische Wirklichkeit. Er ist nur eine Selbstbeweihräucherung des amerikanischen Soldatenelends im Irak. Er ist eine Aussage im inneramerikanischen Kampf um die Deutungshoheit über den Krieg. Er sagt, zumindest bis kurz vor Ende: Es geht unseren Jungs nicht gut dort. Sie erleben Dinge, die sie gar nicht verkraften können. Dann kommt das Ende und das sagt: So wie Cowboys und echte Männer stehen wir das durch. Es macht uns doch Spaß und wir haben keinen anderen Lebensinhalt mehr.
Eigentlich sehr bezeichnend, dass dieser Film so viele Oscars gewonnen hat.

Die Pause im Wollensmarathon

In letzter Zeit führe ich im Rahmen einer Studie Interviews mit älteren Menschen durch. Da die Interviews in den meisten Fällen auch bei den Interviewten zu Hause stattfinden, könnte ich einiges über die Lebenswirklichkeit alter Menschen erzählen. Was mich bisher am meisten erstaunt hat, ist ihr Umgang mit der Langeweile.
Ich bin also in einem Dorf irgendwo hinter Gotha, sitze in einem größeren hellen Raum, in dem nichts weiter steht als eine graue Couchgarnitur und eine Schrankwand mit Fernseher drauf, die Tapete hat ein Blümchenmuster. Es ist wohl das Wohnzimmer. Jedes einzelne Detail dieser wunderbaren Installation strahlt nur eines aus: Langeweile. Es ist ein Gesamtkunstwerk der Tristesse und der Einsamkeit. Ein Manifest, das das Verlorensein des Menschen zeigt – im Angesicht der ihm vom Leben zur Erfüllung gegebenen Zeit. Ich habe Angst vor dem Alltag dieser Menschen, habe Angst davor, hier bleiben zu müssen, auch davor, irgendwann so zu werden. Und dann passiert es: Beide Ehepartner antworten mir unabhängig voneinander, dass ihnen nicht langweilig sei und sie ein ausgefülltes Leben hätten. Es sind leider keine qualitativen Interviews, so dass ich hätte nachfragen können, und auch ein lautes “Was?!” schien mir unangemessen und  unprofessionell. Außerdem wusste ich das auch schon aus anderen Interviews: Alten Menschen ist nicht langweilig. Es könnte natürlich sein, dass sie es aufgrund von sozialer Erwünschtheit vor mir nicht zugeben wollen. Bei den meisten aber spüre ich da eine gewisse Stimmigkeit und Selbstverständlichkeit der Antwort. Also wie ist das zu erklären?
Nach diesem Interview ist mir klargeworden, dass das Erkennen von Langeweile Intelligenz und ein Bewusstsein für das eigene Selbst voraussetzt. Um Langeweile zu empfinden, darf man nicht eins mit seinen Tätigkeiten sein, man braucht eine gewisse Distanz zu ihnen. Kurzum man braucht einen Möglichkeitssinn, der einem andeutet, was alles mit der Zeit getan werden könnte. Das ist eigentlich paradox, weil genau dieser bereits den Ausweg aus der Langeweile aufzeigt. Allerdings kann dieser Weg in dem Moment – aus welchen Gründen auch immer – nicht beschritten werden. Häufig ist es auch so, dass dieses Es-könnte-auch-anders-Sein gar nicht konkret wird, sondern dass es nur die aktuelle Situation als langweilig abstempelt. Langeweile deutet auf eine Unzufriedenheit mit dem aktuellen Zustand hin, sie schafft Problembewusstsein und damit letzten Endes auch den Raum für Veränderung. Doch die meisten Menschen fürchten sich davor und wollen sie um jeden Preis vermeiden. Sie schaufeln sich ihre Tage mit Aufgaben zu, als gelte es Momente der Ruhe, des Besinnens unwiderruflich zu begraben. Sie türmen ihr tägliches Tun, als könnten sie nur von der Turmspitze aus ihre eigentlichen Ziele erkennen. Dabei kann gerade Langeweile – im besten Fall – ein klareres Bewusstsein für die eigenen Bedürfnisse schaffen, weil sie eine kleine Pause im Wollensmarathon schafft, weil sie ein schwarzes Loch im Lustbefriedigungskosmos darstellt.
Zudem ist Langeweile eigentlich ein Luxusproblem. Wer beispielsweise Kinder oder Arbeit hat, wird sich über jede freie Minute freuen, die ihm bleibt und diese zu nutzen wissen, sei es auch nur durch Vorsichhinstarren. Im Gegensatz dazu haben Rentner natürlich extrem viel Zeit – auch für Langeweile. Aber nach einem wesentlich durch die Erwerbsarbeit strukturierten Leben können sie sich frei von dieser Vorstrukturierung doch nur einen ähnlich geregelten Tagesablauf schaffen. Und das schützt sie vor Langeweile. Möglicherweise gab es auch Phasen, in denen all die Routinen in Frage standen und die zeitlichen Regeln des Tages noch ausgehandelt wurden. Aber das ist bei den meisten sehr lange her und das kann man auch nicht mehr abfragen. So hat sich eine in den eigenen Augen nicht langweilige Tagesstruktur eingepegelt. Eine wesentliche Rolle spielt dabei übrigens meist der effektivste aller Langeweile-Verhinderer des modernen Lebens: Der Fernseher.
Offen ist nun nur noch, ob diese Variante des Zeitvertreibs, also das Delegieren der eigenen Kreativität an ein (teilweise) kreatives Äußeres, als Inbegriff von Langeweile verstanden werden sollte oder ob diese Interpretation nur ein verquerer, von außen herangetragener Maßstab ist, mit dem man ebenso das Lesen eines Buches oder das Spielen von Gesellschaftsspielen verteufeln könnte. Ich werde mich, statt dieser Frage nachzugehen, nun gepflegt langweilen. Zumindest bis ich etwas Anderes tue.