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Klingsors Letzter

Archive for Januar, 2010

Ein filmisches Gegenbeispiel: Apus Welt

Nachdem ich hier ständig Filme verrreiße, will ich auch mal ein Gegenbeispiel geben. Es ist der dritte Teil der Apu-Trilogie von Satyajit Ray: Apus Welt. Ein Meisterwerk aus meiner Sicht. Die ersten beiden Teile der Trilogie waren bereits durch eine starke Bildsprache und eine nachfühlbare Handlung gekennzeichnet. Der dritte Teil geht aber weit über die ersten beiden Teile hinaus. Jeder Schnitt, jede Einstellung sitzt und besitzt eine eigene Ästhetik. Die Erzählung wird klar strukturiert weitergeführt, aber es wird auch Raum neben der Erzählung gelassen. Es muss nicht alles auserzählt werden. Es gibt Situationen, die wunderbar symbolisch verdichtet sind. Ich habe wirklich selten eine so großartige Darstellung einer Liebe gesehen (die Kutschenszene!) – und dabei sind das vielleicht nur 10 Minuten des Films. Der Darsteller des Apu ist einfach unglaublich. Es ist weder eine kulturelle Differenz (Indien) noch eine zeitliche Differenz (der Film ist 50 Jahre alt) zu spüren. Der Film vereint auf wunderbare Weise drehbuchschreiberische Finesse und dialogische Verdichtung mit dazu passenden ästhetischen Bildeinstellungen. Auch wenn er unglaublich symbolisch und fast auserlesen in seinen Bildern ist, ist er dennoch sehr lebensnah. Charaktere werden anhand von drei Sätzen quasi nebenbei beschrieben - und das ist das wesentliche: man erkennt und versteht sie.
Ich war selten so berührt von einem Film.

Wie wird man eigentlich Liberaler?

Ich bin in letzter Zeit immer wieder überrascht, aus wievielen Menschen plötzlich erzliberales und sozialstaatsfeindliches Gedankengut heraustritt. Heute konnte ich erst wieder ein solches Gespräch belauschen. Es enthielt die üblichen Floskeln über den Sozialstaat: Er böte eine soziale Hängematte für Arbeitslose und motiviere sie nicht zur Arbeit, da sie genausoviel für Nichtstun wie für eine geregelte Arbeit bekommen. Außerdem könne man denen zwar Geld geben, müsse aber auch eine Gegenleistung dafür einfordern können.
Es ist wirklich erstaunlich, wie stark die Leistungslogik unsere Gesellschaft prägt. Ich vermute in zehn Jahren kann man den Wohlfahrtsstaat der siebziger Jahre, also den fürsorgenden und nicht den leistungsfordernden Staat gar nicht mehr dagegen verteidigen. Die Logik, dass man nur dann etwas gibt, wenn man etwas angemessenes dafür erhält, wird immer tiefer verankert.
Darum soll es hier aber nicht gehen. Interessant finde ich vielmehr die Menschen, die heute sowas vertreten. Es ist eine strikte Leistungslogik, die von anderen genau die gleichen Opfer verlangt, die man selbst erbracht hat. Es steht bei diesen Menschen wohl eine enorme Leidenserfahrung im Hintergrund – sie haben eine große Leere und Einsamkeit in ihrer Kindheit gespürt. Ihr Weg damit umzugehen war wohl der des Machens, des Leistens. So werden die anderen auf mich aufmerksam, ich habe Bewunderer, die meine Energie und Tatkraft bestaunen. Ich definiere mich als Gewinner, als Aufsteiger. Wenn ich selbst etwas anpacke, klappt das, dann kann ich meine Situation auch verändern. Das Bild des Machers überbrückt die vielen seelischen Verletzungen. Der ursprüngliche Mangel wird durch ein überbordendes Selbstvertrauen aufgefangen. Das erkennt man bei den späteren Machern kaum noch, weil ihnen ihre Rolle, ihr Selbstverständnis ins Blut übergegangen ist.
Das ist glaube ich ein häufig beschrittener Weg. Er kann allerdings noch gesteigert werden, indem die eigene Entbehrungs- und Kampfgeschichte auf andere ausgeweitet wird. Die Aussage lautet dann: “Ich habe mich hochgekämpft, warum sollten andere das nicht auch tun?” Es entsteht eine Abscheu, ein Haß auf Nicht-Macher – auf alles, was die eigene (Leidens-)Geschichte eigentlich in Frage stellen könnte. Das sind dann Faulpelze, Schmarotzer, die den wahren Leistungsschaffenden, also uns, auf der Tasche liegen. Wenn man das denkt, dann beginnt man FDP zu wählen.
Das Traurige daran ist, dass es keinen Ausweg aus dieser Logik gibt: Jede Verdeutlichung, dass nicht jeder sich hochkämpfen muss, dass auch nicht jeder das gleiche leisten kann, würde am grundlegenden Selbstbild kratzen und muss damit strikt abgelehnt werden.
Es könnte auch sein, dass man in einem Milieu sozialisiert wird, in dem die Logik des Leistens selbstverständlich ist und das Schimpfen auf die Schmarotzer Usus ist. Das ist vielleicht in gutbürgerlichen Kreisen mittlerweile üblich. Tendenziell ist das Durchbeißen und Leistungszeigen aber eine Aufsteigermentalität. (In einem symbolischen Sinn ist das oben beschriebene Selbstbild auch das eines Aufsteigers – ein Aufsteiger aus dem Leiden und dem Nicht-Sein.) Aufsteiger haben Angst, ihre neu errungene Position wieder zu verlieren oder in ihrem neuen Milieu nicht anerkannt zu werden oder gar als das geoutet zu werden zu werden, was sie sind: Emporkömmlinge aus einer niederen Schicht. Deshalb pochen sie dann auf ihre Leistung und verurteilen alle, die ihnen nicht folgen konnten. Sie müssen eine möglichst große Distanz zwischen sich und die Nicht-Leister, also das asoziale Pack, bringen. Nur dann können sie sicher in ihrer neuen Situation sein.
Ich kann mit diesen Menschen nicht viel anfangen. Außer, dass sie mich regelmäßig auf die Palme bringen. Ich hoffe dann immer, sie mit kokosnussigen Argumenten an der richtigen Stelle am Kopf zu treffen. Vielleicht ist das ja doch nur ein Hirndefekt.
Vielleicht ist es aber ein emotionales Mangelsyndrom und man muss sie einfach nur mal umarmen und knuddeln. Daher an dieser Stelle der Aufruf: “Umarmt die Liberalen, wo ihr sie trefft.”

Neujahrsfloskelwünsche

Am Anfang des Jahres gerate ich immer in arge Bedrängnis. Es ist eine Zeit, in der einem ungefragt etliche Menschen, die man meist nur von Ferne kennt, “Gesundes neues Jahr!” wünschen. Vermutlich bin ich schlecht floskel-sozialisiert, ich kann zumindest mit dieser abgenutzten und unpersönlichen Form der Wertschätzung nicht umgehen.
Früher hatte ich immer Probleme, wenn mich Menschen fragten “Wie geht’s?” Das hat mich aus meiner Umwelt rausgerissen und in einen Modus des Selbstbefragens gestürzt, weil mir mein momentaner Zustand nicht immer sofort bewusst war. Irgendwann erkannte ich dann, dass die meisten Menschen auf diese Frage gar keine ehrliche Antwort wollen, sondern sie nur als höflichen Einstieg in ein Gespräch betrachten. Ein Freund von mir fragte das sogar zweimal, zum Anfang einmal floskelhaft und später noch einmal, nachdem wir uns schon eine Weile unterhalten hatten, dann aber mit so einem bedeutungsschwangeren Unterton, der versuchte dieser abgenutzten Frage eine gewisse Ehrlichkeit abzutrotzen.
Ich vermute, dass das Gesundejahrsgewünsche ähnlich funktioniert. Da aber Ehrlichkeit und Stimmigkeit für mich sehr wichtige Eigenschaften sind, kann ich ein echtes Gefühl, einen ehrlichen Wunsch nicht aus dem Stegreif aus mir herauszaubern. Leider trifft man Neujahrsgrüßer zumeist sehr überraschend ( – es wäre wohl aber auch komisch, wenn ich mich auf ein absehbares Treffen innerlich schon Stunden im Voraus vorbereiten würde). Ich würde immer erst am Ende eines Gespräches etwas wünschen, weil man sich dann auf die Person eingestellt hat, weil man dann vielleicht sogar personalisierte Wünsche formulieren kann. Ich glaube ein ehrlicher Wunsch aus dem Inneren ist sehr selten, weil er wie ein gutes Geschenk ist und damit eine gewisse Kenntnis der Vorlieben der Person und eine Abstraktion von sich selbst voraussetzt.
Da ich das floskelhafte Wünschen noch immer nicht kann, rufe ich dann in meiner Verzweiflung immer mit einer Stimme, die beiläufig und damit ehrlich klingen soll, “Dir auch!” Ich hoffe immer, dass niemand entdeckt, dass das ja gar nicht aus mir kommt, sondern nur eine Form der Floskel-Selbstverteidigung darstellt. Manchmal schleudere ich auch schon aus purer Verzweiflung meinem Gegenüber ein “Gesundes neues Jahr!” entgegen, nur um in die Offensive zu gelangen und nicht sofort in die Ecke gedrängt zu werden. Das ist dann fast wie bei einem Showdown im Western.
Dabei hätte ich auch so schöne personalisierte und abstruse Wünsche zu geben.
“Ich wünsche dir eine mediterranen Platte, die dir deine Freundin beim Italiener spendiert.”
“Ich wünsche dir Erdnussflips ohne Geschmacksverstärker!”
Oder vielleicht mehr auf der Gesundheitsschiene:
“Mögen dein Husten nur drei Tage lang dauern.”
“Ich wünsche dir ein schweinegrippefreies Jahr!”

Mein Lieblingswunsch:
“Ich wünsche dir ein tripperfreies Jahr!”
Dann brauche ich nur noch jemanden, der darauf passenderweise antwortet: “Puuh, ja das kann ich gebrauchen.”