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Klingsors Letzter

Archive for Dezember, 2009

Die Möchtegern-Komödie. Kleiner Kurzverriss von “Soul Kitchen”

Bei den meisten Filmen entscheidet sich bereits in den ersten zwei Szenen, ob man sich in ihren Bann ziehen lassen wird. Wenn man dann außen vorbleibt, weil man beispielsweise die Hauptfigur unsympathsich oder unglaubwürdig findet, kann der Film einen nur noch durch ganz starke spätere Szenen in Bann ziehen. Ansonsten sieht man den Film nur noch in seinen Bauplänen, in dem, was er konstruieren möchte: Man steht also nicht leibhaftig in dem gefilmten Haus, lebt in den Akteuren auf, sondern schaut an einem unbequemen Schreibtisch sitzend auf die theoretischen Baupläne für das Haus und auf das ganze Möchtegern-Leben, was nach dem Willen des Regisseurs dort stattfinden soll.

So erging es mir nun bei einem weiteren Film (nach Once, der Pianist, Indiana Jones): Soul Kitchen von Fatih Akin. Wenn ich den Film in einem Wort zusammenfassen sollte, wäre es “überflüssig”. Was für mich den Unterschied zu einem “unterhaltsamen” Film, der ja auch in einem gewissen Sinne überflüssig sein kann, ausmacht, ist die Künstlichkeit. Auf mich wirkte das alles so gewollt und überdreht. Es war zu viel. Der Film will gefallen, der Film will übertreiben und das merkt man zu seinem Nachteil zu deutlich. Das wollen wahrscheinlich viele Filme, aber da ich außen vor war, spürte ich das hier umso stärker. Außerdem ist der Film mit brutaler Offenheit auf Slapstick angelegt, leider auf ganz schlechten. Es war mir fast schon peinlich, dass der Film die Rückenschmerzen des Hauptakteurs als wesentlichen Running Gag zelebrierte.

Aber scheinbar trifft er den Humor einiger Leute. Im Kino haben viele gelacht. Ich würde sagen der Film ist für Mittdreißiger bis Mittvierziger, tendenziell Westdeutsche ausgelegt. Kurzum: Der perfekte Kinokritiker-Film. Auch wenn ihm dieses Milieu, was dort dargestellt werden soll, fremd ist, wird er sich irgendwie angesprochen fühlen und aus dem Film das enorm kritische Potential herausarbeiten: Hier heißt es Verlust der Eigenart, Beschwörung des Magischen sowie der herzlose Umbau unserer Städte. Das ist natürlich eigentlich gar nicht drin – in irgendeiner Zeit muss der Film ja spielen und eine gewisse Geschichte muss neben all den schwachen Pointen ja auch haben. Das Problem des Films ist, dass er versucht ein Milieu wiederzugeben, aber das zugleich mit so überzeichneten Charakteren versucht, dass von dem Realen nichts mehr übrigbleibt. Alle Charaktere waren in meinen Augen nur Karikaturen und nicht wie es der Film wohl gerne hätte: Liebenswürdige Freaks, die in ihrer eigenen Welt leben. Wahrscheinlich war es aber im Wesentlichen der Hauptdarsteller, der seine Rolle für mich nicht rübergebracht hat. Er wurde aber als Person auch nicht wirklich vorgestellt, in all seinen Schrullen, in all seinen Macken. Er stolpert nur von einer (gewollt) absurden Szene zur nächsten. Man spürt oft, wie ihm das Drehbuch im Nacken sitzt, auf dass er ja nicht schauspielern kann, sondern nur den tollen Einfällen des Autors nachlaufen muss und in einer elendigen Passivität zuschauen kann, wie sein Leben von diesem (bewusst) zerstört wird. Eigentlich finde ich es ja sogar schade, dass er durch den ganzen Film gehetzt wird, ohne dass ich ihn vorher als Person kennenlernen durfte.

Wahrscheinlich sind meine Ansprüche an einen deutschen Film, der eine Komödie sein will, auch zu hoch. Aber da der Film mich überhaupt nicht in seinen Bann gezogen hat, lautet mein abschließendes Fazit: Arg bemüht bis überflüssig.

Ich habe nun auch endlich eine Kritik gefunden, die den Film so zerreißt, wie ich es angemessen finde: Beim Perlentaucher. Hier nur das Finale des Verisses:

Der Leitsatz der “Soul Kitchen”-Dramaturgie lautet offenkundig: “Wann immer die Geschichte ins Stocken gerät, werfe ich eben alles wieder über den Haufen.” Nichts folgt aus etwas, alles, die Schauplätze, die Stereotypen und was sie tun: reine Willkür. Was in Komödien ja ein Ding der Möglichkeit ist, wenn sie diese Willkür zugleich reflektieren beziehungsweise um die Künstlichkeit ihres Erzählens sichtlich wissen. Bei Akin aber wird nie und nimmer etwas reflektiert und/oder sichtlich gewusst. [...] So schubst er und schiebt er seine Figuren ohne Hintersinn, ohne doppelten Boden, ohne eine Spur von Finesse über den kaum bespielbaren Acker, den dieses Drehbuch darstellt. [...] Der Zwischenton ist Fatih Akins Sache nicht. Was nicht so schlimm wäre, träfe er überhaupt je einen Ton. Er spielt seine Geschichte aber wie ein Tauber auf total verstimmtem Klavier, wenn auch, was es nicht besser macht, mit viel Enthusiasmus, heftig und laut. Er hat sichtlich großen Spaß dabei, was nichts daran ändert, dass man es als Zuschauer schnell nur noch schwer erträgt. [....] In “Soul Kitchen” jedoch marodiert er mit dem Feingefühl eines Nilpferds durch eine Geschichte, deren behauptete Bauchgefühle reine Kopfgeburt bleiben.

Ach schön! So ein ordentlicher Verriss eines beschissenen Films.

Wider den Möglichkeitssinn

Ach, der Möglichkeitssinn! Robert Musil beschreibt ihn in einem Teil seines “Mannes ohne Eigenschaften”. Für ihn ist dieser Sinn im Gegensatz zum Realitätssinn (der Menschen hilft, sich in ihrer Wirklichkeit zurechtzufinden) ein Sinn, der Menschen befähigt, sich zu fragen, ob es nicht auch anders sein könnte, ob das gegebene alles so sein muss. Er bezeichnet Menschen, die mit diesem zusätzlichen Sinn ausgestattet sind als Träumer und Kreative. Ich habe mich oft gefragt, wieso er diesen Sinn so verherrlicht und all das Negtive ausspart:

Ist der Möglichkeitssinn nicht genau der Sinn, der das Paradies schafft, das immer nur nebenan sein kann? Ist er nicht das Einfallstor für einen heillosen Perfektionismus. Was anderes kann Möglichkeitssinn in unserer heutigen übermedialisierten Welt sein als Anleitung zum Zwang und zur Angst. Ich weiß nicht, ob er es damals auch war, ob er nicht bereits damals die Kreativen in Massen in die Knie gezwungen hat, sie gezwungen hat, an ihren Vorstellungen, an ihren Erwartungen zu leiden und zu Grunde zu gehen. Vielleicht hat der Möglichkeitssinn sie erst in die Kunst getrieben, nicht, weil sie nur dort ihrer überbordenden Fantasie freien Lauf lassen können, sondern, weil sie einen Kanal brauchen, um mit all diesen Möglichkeitsanrufungen umzugehen, um die Vorstellungen in einem anderen Medium als ihnen selbst zu fokussieren und zu ver”wirklich”en. Die Möglichkeitvorstellung an sich enthebt einen in einer konkreten Situation immer doch nur der Wirklichkeit, man stellt sich über sie und belächelt sie. Sie ist Schutz und Flucht, aber nicht nur. Sie ist auch voller Schönheit – eine heimliche Liebeserklärung an die Vielfalt der Welt. Das Schreckliche an diesen Vorstellungen ist nur, dass diese “Es könnte auch anders sein”-Idee auch nicht vor schönen, freien Momenten halt macht. In negativen Alltagsmomenten spiegelt sie all das, was schöner und besser sein könnte, sie hilft einem. In erhabenen, positiven Momenten zeigt sie einem all das, was man in diesem Moment ausblenden möchte, all das Schlechte und Negative. Das ewige Denken der anderen Möglichkeit macht Menschen kaputt, es zerpflückt die Wirklichkeit in Konjunktive. Kurzum: Es verhindert das Jetzt-Sein.

Wieso nur stellt Musil das als so positiv dar? Vielleicht war die Zeit damals so wissenschaftsversessen, so wirklichkeitsgläubig, dass er einen Kontrapunkt setzen wollte. Vielleicht ist in unserer Zeit aber auch nur die Gegenvorstellung eines esoterisch aufgeladenen Jetzt-Seins hinzugekommen, das ein ewiges Anderssein des Jetzt verhindern und die moderne Erkenntnis der Konstruiertheit des Selbst überwinden will. Eine Gegenbewegung die nur noch auf die Gegenwartssinne fokussiert ist und damit den Gegensatz von Möglichkeit und Wirklichkeit aufhebt.

Das Verstummen und Ich

Oft hoffe ich ja, dass ich in Phasen der Stummheit eigentlich nur Verse, eigentlich nur Inneres ansammle. So als wäre ich ein Staudamm, in den unaufhörlich ein kleines Rinnsal der Erkenntnis, der Kreativität hineinfließt. Man darf diesen Bach bei seiner Sammlung nicht durch eine vorzeitige Entnahme des Wassers stören. Man könnte ihn zum Versiegen bringen, wenn man zu viele Bilder, zu viele Ideen vorzeitig entnimmt. Irgendwann ist der Stausee dann voll und kann sich endlich in verdichteten, kongenialen Zeilen ergießen. Eine merkwürdige Vorstellung. Es ist wohl bloß eine geschönte Geschichte, um das Verstummen zu erklären. Eine Entschuldigung, um nicht vor dem Perfekten anzufangen. Als würde man nicht gerade mit der regelmäßigen Entnahme und Entäußerung den Fluss weiter bestärken, ihn verbreitern und vertiefen. Das ist es wohl: Je mehr man entnimmt, desto breiter und vielströmiger wird er. Desto eher kann man die einzelnen Strömungen erkennen, sich selbst hineinstellen, sich von ihnen treiben lassen, und dann wieder gegen sie ankämpfen – sie in diesem Kampf um Halt in Worte bannen. Es ist nicht so, dass der Strom der Kreativität versiegt. Und wenn doch einmal, dann sicher nicht, weil man ihn entleert hätte, alle Bilder benutzt und alle Ideen in Worten festgezurrt hätte. Nein, ein Versiegen hat andere Gründe, das Aufschreiben ist nur nachrangig, es ist nicht Ursache, sondern Folge anderer innerer Entwicklungen.

Jede Zeit hat ihr jeweiliges “Ich”, genauer die ihr zugehörige Art des “Ich”-Sagens. Dabei ist das Verstummen wohl auch eine Form dieses Sprechens, eine traurige zwar, aber eine umso deutungsreichere. Dieser Blog war lange Zeit meine Art des Ich-Sagens. Ich hatte hier eine Sprache gefunden, ein Medium, das mich anspornte, mich dem eigenen Fluss zu stellen, ihn zu erkennen und zu vertiefen. In letzter Zeit ist mein Ich hier verstummt. Das lag auch am Medium: An der unerkennbaren Öffentlichkeit hinter meinem Bildschirm, aber auch an klar erkennbaren Menschen, die nicht von diesem Ich lesen sollten. Zudem wandelte es sich ja auch noch. Je mehr ich mich von hier verabschiedete, desto mehr kam ich zu einem realen öffentlichen Ich. Nicht dass diese neue Form durch eine ähnlich große innere Offenheit bestimmt war, es war eher eine Phase der Äußerlichkeiten, der Präsenz. Aber ich habe das auch nicht entschieden. Viele innere Entwicklungen entdeckt man ja erst, wenn sie bereits vollzogen sind - die leichten Schattierungen einer Entwicklung werden doch durch die starken und bekannten Farben viel zu lange übertüncht, man erkennt sie erst, wenn sie in vollem Kontrast aus dem Dunkel treten und allen bis dahin unbekannten Farblinien des Ichs eine erschreckend sinnhafte Zugehörigkeit verleihen. Es war ein Ich, in dem ich mich wohl fühlte, aber mich auch nicht bewegen konnte. Wie das wohl immer der Fall ist, wenn man sich von einem anonymen Außen abhängig macht: Einem Lächeln oder einem Gruß im Vorbeigehen. Einem Bekanntsein. Natürlich war es nicht nur diese Entwicklung, die mich verstummen ließ. Aber sie führte doch zu einem öffentlichen Bild, das nicht mehr zu dem hier früher ausgesprochenen Ich passte. Übrig blieben bloß das Politische und einige Filmkritiken - als Ich-freie Zonen.

Langsam finde ich aber in diese alte Form des Sprechens zurück. Es ist wohl nicht dasselbe Ich, was sich hier äußert, aber doch eines, das die Bedeutung des Flusses und all seiner Strömungen erkannt hat. Wir werden sehen, Ich werde sehen.