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Klingsors Letzter

Archive for März, 2009

Ortslosigkeit als Quelle der Inspiration

Es ist merkwürdig, in einer fremden Stadt zu sein. Nicht die pure Entfernung und damit wohl auch eine Art von Heimweh ist es, die mich dabei irritiert, sondern meine scheinbare Unabhängigkeit vom Raum. Eine Zeit lang habe ich hier ohne moderne Kommunikationsmittel gelebt: ohne Internet und Fernsehen, nur mit Radio. Das war für mich nur schwer erträglich. Es war nicht so sehr das Fernsehen, das mir fehlte, sondern eher das Internet. Es war die Möglichkeit ins Weite zu fliehen, die Suggestion von Gemocht-Werden, die jeden Emailabruf so unglaublich erwartungsfroh geschehen ließ - das war es, was ich vermisste. Nach einer Woche hatte ich mir all diese Bequemlichkeiten wieder erkämpft. Und nun kommt das Merkwürdige: Als ich so in meiner eigenen kleinen Kommunikationsblase saß (das Internet vor mir, der Fernseher tonlos im Hintergrund) und dann mit einer Freundin telefonierte, merkte ich wie der Ort verschwand, an dem ich mich befand. Es wurde für mich irrelevant, in welcher Stadt sich dieser spezielle Raum befand, er hätte überall sein können. All die kommunikativen Errungenschaften kapselten mich ab von der Welt da draußen. Das einzige Ortsgefühl, was mir blieb, war eine Negation: Ich befinde mich nicht in der Heimat. Aber all die Kommunikationsinstrumente um mich herum, gaben mir ein Gefühl von Heimat, ein Gefühl von Vertrautheit und von Erwartbarkeit. Man kann sich scheinbar heutzutage mit den einfachsten Mitteln eine Heimatillusion schaffen. Allerdings nur dann, wenn der Ort sich nicht wehrt, zum Beispiel mit einer fremden Sprache oder mit anderen Unwägbarkeiten.
All das veranlasste mich, ein wenig über das Verhältnis des modernen Menschen zur Technik nachzudenken. Im folgenden Beitrag präsentiere ich meine unfertigen Überlegungen.
(Ein Dank geht besonders auch an Nils, der viele Ideen dazu beigesteuert hat.)

An der kommunikativen Leine im allgegenwärtigen Wohnzimmer

Der Philosoph Günter Anders hat in den fünfziger Jahren einmal eine besondere Entwicklung des modernen Menschen beschrieben: Er sprach davon, dass dieser sich an einer „akustischen Leine“ befinde. Erkannt hatte er dieses, als er mit Freunden in den Alpen wanderte. Diese Freunde hatten Angst vor der absoluten Stille der Natur und waren immer froh, wenn sie das Radio einer Berghütte hörten, das das ganze Tal beschallte. Sie brauchten die akustische Verbindung zur Zivilisation.
Heute könnte man – in Anlehnung daran – von einer „kommunikativen Leine“ sprechen, an der sich der moderne Mensch befindet. Es macht ihm Angst, sein Haus ohne diese kommunikative Leine zu verlassen. Das Handy dient ihm als Rückkoppelung zur Zivilisation, als Anker im Sturm des Unplanbaren.

Es gab einmal eine klare Trennung zwischen dem privaten und dem öffentlichen Raum. Nur langsam wurden die Grenzen verwischt. Die Menschen achteten darauf, dass niemand sie übertrat und wenn doch, dass sie darüber Kontrolle hatten. So wurde in der Mitte des letzten Jahrhunderts das Radio in das Wohnzimmer der Menschen gelassen und brachte „die Welt“ in den privaten Raum.
Umgekehrt brachte das Auto das Private in den öffentlichen Raum. Das Auto bewegte sich zwar im öffentlichen Raum, die Menschen verstanden es aber doch als privaten Raum. Es war wie ein Wohnzimmer auf Rädern.

Heute sind diese Grenzen stark verwischt. Das Zuhause ist kein Rückzugsort mehr. Die Welt hat immer stärker Einzug gehalten. Das Radio war der Fuß der Welt in der Tür zur Privatheit, es diente quasi als Türöffner. Es folgten Fernsehen und Internet: Der passiven Berieselung durch die Welt, in der die Menschen lediglich die Wahl zwischen verschiedenen Weltkanälen hatten, folgte erst die völlige Wahlfreiheit der einzelnen Welten in Form des klassischen Internets und dann die Illusion der Gestaltbarkeit der Welt in Form der sozialen Netzwerke.

Gewiss braucht man noch einen Rest an Privatsphäre in seinem Zuhause. Diese ist aber letzlich nur noch eine Privatsphäre für den Körper: Man regeneriert ihn dort und braucht dafür noch einen Rest an Rückzugsraum. Als sozialer Raum kann das Zuhause nur noch begrenzt gelten. Das Soziale kommt erst durch die Welt ins Wohnzimmer: Man sieht gemeinsam fern, man surft und chattet mit Freunden. Die virtuellen Möglichkeiten der Welt obsiegen über die sozialen des Zuhauses.

Der private Raum wird also von Öffentlichkeit durchzogen und schwindet langsam. Die private Wohnung wird zu einem physischen Aufenthaltsort degradiert, während man sich psychisch noch immer in der Welt befindet. Gleichzeitig wird der öffentliche Raum mit Privatheit durchsetzt. Die Menschen tragen ihre Individualität in Form des Handys bei sich und tragen sich damit in die Öffentlichkeit.

Das Handy hat mittlerweile eine vierfache Funktion inne: Eine persönlich-private (Telefon), eine abschottende (Mp3-Player), eine welteröffnende (Internet) und Umwelt-speichernde (Foto).
Die allgegenwärtige Möglichkeit zur Kommunikation mit dem eigenen vertrauten Freundeskreis schafft die Illusion der allgegenwärtigen Herstellbarkeit von Intimität und Geborgenheit. Das Handy suggeriert Privatsphäre per Tastendruck. Nur handelt es sich um eine Privatsphäre in der Öffentlichkeit. Das Bewusstsein dafür scheint jedoch zu schwinden. Vermutlich ist es ein Effekt, der der verstärkten Preisgabe der persönlichen Daten im Internet sehr ähnlich ist: Dadurch, dass man die Welt, in die man seine Gespräche und seine Daten stellt, nur noch begrenzt wahrnimmt, sie zum Teil komplett ausblendet, beginnt man zu glauben, dies sei eine Art Ersatzwohnzimmer, in dem nur eingeladene Gäste Platz nehmen können. Man glaubt, die Daten im Internet schaue sich niemand außer den eigenen Freunden an, das Gespräch mit dem Bekannten höre auch nur dieser eine Auserwählte. Es beginnt mit der Idee, dass die eigene Person im öffentlichen Raum anderen Menschen egal sei, eine Vorstellung, in der die Umwelt noch teilweise vorhanden ist; und geht über zur Idee, dass die Umwelt uninteressant und irrelevant sei, eine Vorstellung, in der man sich aus der umgebenden Welt herausnimmt.

Daher ist nur sinnvoll, dass das Handy mittlerweile auch die Möglichkeit bietet, sich mittels Musik von der Umwelt abzuschotten: Dass man sich eigentlich im öffentlichen Raum befindet, kann mit Hilfe dieser Funktion fast perfekt ausgeblendet werden. Stattdessen kann man die eigene Umgebung aktiv gestalten: Man ist der Herr seines eigenen inneren Films und bestimmt selbst den Soundtrack dazu. Zu jeder individuellen Stimmung gibt es, so die Vorstellung, die passende Musik. Die Welt außerhalb, also der äußere Film, wird nur noch als störend wahrgenommen. Sie wirkt chaotisch und unplanbar im Vergleich zur klaren Bestimmbarkeit des inneren Soundtracks. Was eigentlich nur noch fehlt, ist das selbst gewählte Bild.

Das wird durch die welteröffnende Funktion des Internets ermöglicht. Die relativ starr festgelegte, den Menschen umgebende visuelle Nahwelt kann durch eine frei wählbare, persönliche Fernwelt ersetzt werden. Nach der auditiven Flucht ermöglicht dies auch die visuelle Flucht aus der Umwelt. Die Wahlwelt kann privat wie auch geschäftlich genutzt werden. Das Handy wird somit im öffentlichen Raum zu Wohnzimmer und Büro in einem - es suggeriert dem Menschen die restlose Nutzbarkeit der Zeit, die absolute Ausschöpfung der Gegenwart.

Da es jedoch immer einen visuellen Orientierungsbedarf des Menschen im Alltag geben wird - zumindest wenn er sich fortbewegt -, ist die komplette Flucht aus der Umwelt utopisch. Aber auch bei dieser Restform der Umweltwahrnehmung gibt es eine soziale Zusatzfunktion, die das Handy offeriert. Die Umwelt kann in Form der Handykamera selektiv festgehalten und verschickt werden. Diese Funktion ermöglicht es, die Freunde permament am eigenen Leben teilhaben zu lassen. Die durch das Handy in der Öffentlichkeit erzeugte Privatsphäre ist somit nicht nur auditiv, sondern auch visuell. Man kann die hier wahrgenommenen Umwelten aber auch noch klarer unterscheiden: Es gibt die gewöhnliche Fortbewegungs-Umwelt, die man ungestört durchqueren will und aus der man Schnappschüsse sendet - Bilder von visuellen Hindernissen, an denen man nicht vorbeikam. Und es gibt die außergewöhnliche Umwelt, die man früher für die eigene Erinnerung und das private Fotoalbum aufgenommen hätte - Bilder von Urlauben und Feiern. Die zweite Form der Bilder wird bewusst im Handy gespeichert, so dass man sein eigenes Fotoalbum immer bei sich trägt. Das Handy wird zu einem Speicher des Lebens und der Privatsphäre. Fotoalben, die man früher nur in der Privatsphäre des Wohnzimmers gezeigt hätte, kann man nun überall zeigen. Man hat seine Individualität und seine persönliche Geschichte immer dabei. Das Handy wird zum vorzeigbaren Beweis der eigenen sozialen Existenz.

Das Handy bietet einen allgegenwärtigen Ersatz für das eigene verlorengegangene Wohnzimmer. Das Wohnzimmer ist kein realer Ort mehr - man trägt es immer bei sich.

Die Kehrseite dieser Entwicklung ist, dass durch die permamente Erreichbarkeit der eigene Rückzugsraum geringer wird und sogar die neue Privatsphäre in der Öffentlichkeit schwindet. Das Besondere ist, dass man sich die Privatsphäre heutzutage in Räumen erst schaffen muss, die früher völlig selbstverständlich von dem Einfluss der Welt verschont waren. Man muss sich im öffentlichen Raum bewusst aus der Welt ausklinken, indem man sein Handy beispielsweise ausschaltet. Ein solcher Rückzug steht allerdings auch unter Verdacht und unterliegt einem Rechtfertigungszwang. Möglicherweise könnte durch eine solche Verhaltensweise die permanente private Verankerung in der Öffentlichkeit nicht mehr ausreichend gewährleistet werden.

Die Auswirkungen des Lebens an der kommunikativen Leine im allgegenwärtigen Wohnzimmer sind noch nicht absehbar. Viele Menschen verlernen, alleine zu sein. Sie müssen ständig eine Gruppe Freunde in kommunikativer Reichweite verfügbar haben. Sie verlernen zudem, sich zu langweilen, die Zeit nicht in der Wahlwelt zu verbringen. Aber das ist wohl ein Effekt, den wohl auch schon das Fernsehen ausgelöst hat.