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Klingsors Letzter

Archive for Februar, 2009

Rationale Trauer

Wenn auf jedem einzelnen Puzzleteil das richtige, passende Bild ist, kann es dann sein, dass das Gesamtbild dennoch nicht stimmt? Muss man wirklich zuerst die Schönheit des Gesamtbildes bewundern, bevor man dann die einzelnen Puzzleteile betrachtet und vielleicht sogar feststellt, dass sie gar nicht zusammenpassen – geschweige denn in ihrer Summe das Gesamtbild ergeben können?
Verlieben ist eine komische Sache.

Zeit und Wunden

Ich glaube nicht mehr, dass Zeit Wunden heilt. Dieses Sprichwort entspringt einer unzutreffenden Gleichsetzung von Körper und Seele oder zumindest eine verfälschenden Verkürzung des Zusammenhangs. Eigentlich müsste es lauten: Erfahrung heilt Wunden. Die Zeit bringt uns lediglich neue Erfahrungen.
Man kann seelische Wunden nur heilen, wenn man sich wieder in eine ähnliche Situation begibt, in der sie geschlagen wurden. Man kann also schwer verwundet jahrelang seinen Alltag bestreiten – ohne auch nur irgendeinen Schmerz zu spüren oder einen Tropfen Blut zu sehen. Erst wenn man wieder in die Situation kommt, in der man verletzt wurde, wird man die Wunde wieder spüren, kann sie verbinden und vielleicht sogar heilen lassen.
Das unterstellt natürlich, dass Trauer- oder Schmerzarbeit gar nicht helfen kann, dass die Auseinandersetzung mit der Wunde, der klare Blick darauf nur sehr wenig zum Heilen beitragen kann. Als sehr naheliegendes Beispiel mögen hier Beziehungen dienen. Die Fehler, die man dort gemacht hat, und die Wunden, die man sich (meist gegenseitig) zugefügt hat, lassen sich in der folgenden Phase des Alleinseins überhaupt nicht verarbeiten. Das wäre so als würde man eine gerade erlebte Höhenangst – auf dem Boden stehend – allein durch die Vorstellung von Höhe oder die Erinnerung an diese kurieren wollen. Egal wie viele Jahre man nicht mehr auf einen Turm gestiegen sein wird, das Gefühl wird beim nächsten Turm dennoch wieder da sein. Zeit ist bei der persönlichen Entwicklung kein Maßstab – nur Erfahrung. Und diese bekommt man nur durch Auseinandersetzung.
Deshalb ist wohl auch die Vorstellung falsch, die zum Beispiel Rilke sehr exponiert vertreten hat: Man sollte erst einmal innerlich reifen und dann (quasi fertig) in die Welt nach draußen gehen. Es hilft meines Erachtens nicht sich selbst in Einsamkeit in allen seinen Facetten und Bedürfnissen kennenzulernen, all das Wissen wird im Angesicht der ersten Person mit anderen Bedürfnissen obsolet – es wird an der Situation schlicht vorbeigehen. Das soll nicht heißen, dass die Suche nach dem ureigenen Selbst überflüssig ist, sondern, dass es Selbstkenntnis immer nur situationsbedingt geben kann.
Darin liegt vielleicht auch die große Kraft der Zeit: Sie schafft es immerhin, dass die Situation der Verwundung verblasst. Sie entzieht den Täter der inneren Verfolgung, lässt die Anklage vor dem inneren Tribunal verjähren. Vielleicht gibt es so etwas wie Zeitmilde, vielleicht ist es aber auch nur schwindende Erinnerung. Darin läge dann wohl auch die letzte Hoffnung, die dieser Spruch spenden kann: Die Zeit vergisst alle Wunden.

Vorwärts ist überall

Ist es nicht ein beruhigender Gedanke, vielleicht der beruhigendste Gedanke überhaupt: “Alles was du tust, wird dich voran bringen!” Möglicherweise führt es dich in einen Sumpf, an eine Klippe, vielleicht aber auch an einen Fluss oder ein gemütliches kleines Häuschen. Egal. Selbst der Sumpf wird dich irgendwie voranbringen: Vielleicht wirst du dann wissen, dass manchmal Sumpf nötig ist, um wieder auf festen Grund zu gelangen, vielleicht wirst du untergehen und feststellen, dass du selbst dort atmen können wirst, auch dann, wenn dich niemand heroisch am Schopfe hinauszieht, wenn du völlig allein sein wirst. Selbst wenn du dich jahrelang nur im Kreis drehst, irgendwann einmal wirst du Schwindel spüren, wirst du dich übergeben. Und wenn nicht, dann ist es vielleicht eine neue Lebensform, die genau zu dir passt.

Ist das nicht beruhigend? Wenn ich den Gedanken nur länger halten könnte, wenn ich ihn nur in einer Flasche konservieren könnte und immer dann einen Schluck davon nehmen könnte, wenn wieder einmal die Angst vor Fehlentscheidungen an meine Tür klopft.

Sichtbare Medienmanipulation

Ich lese sehr gerne die Kommentare unter den Artikeln der Süddeutschen Zeitung. Dort kann man immer wieder erkennen, dass sich die Leser bei einigen Kampagnen nicht für dumm verkaufen lassen. Das Publikum der Süddeutschen ist weit linker als die Süddeutsche selbst.
Interessant ist besonders der Umgang mit der Linkspartei. Die Süddeutsche hat es sich zur Aufgabe gemacht, deren Vertreter zu denunzieren und lächerlich zu machen. Normalerweise ist dafür Torsten Denkler verantwortlich (er leidet vermutlich schwer unter dem Diminutiv in seinem Namen!). Vor einer Woche durfte jedoch eine andere Redakteurin ran. Ihr nun ist etwas passiert, was man selten in den Medien findet: Ein Kommentator entpuppt sich als Befragter und verdeutlicht wie gefälscht dieser Bericht eigentlich ist. Sie schrieb, niemand wollte mit Namen genannt werden oder sich negativ zum Linken-Kandidaten Peter Sodann äußern. Daraufhin schrieb ein Kommentator folgendes:

“Ich selber war an diesem Montag zum Neujahrsempfang der Linken geladen und bin der Eine, der Sodann einen “loyalen Typen” nannte. Und tatsächlich habe ich ihn als einen solchen kennengelernt und das ist ihm nicht abzustreiten. In Bezug auf seine Kandidatur äußerte ich mich jedoch komplett negativ. Wie seltsam, dass dieser Teil nicht berichtet wird. Wie seltsam, dass niemand seinen Namen in diesem Artikel lesen wollte - ich habe meinen sogar zweimal wiederholen müssen…und ich finde, Christian Haase ist kein komplizierter Name.
Liebe Leser dieser Kommentare…nicht alles, was geschrieben steht, muss die Wahrheit sein. Und wenngleich der Neujahrsempfang der Linken kein staatstragender Akt und meine Meinung zur Kandidatur Sodanns so wichtig wie ein Blatt im Wind ist, so musste ich diesen Kommentar schreiben, um zu erzählen, dass Frau Franziska von Kempis ihrem Artikel bewusst eine Richtung gab und Ihnen das Bild eines Abends vermittelte, der so nicht stattfand.”

Bei diesem Artikel war die Richtung für mich bereits zu erkennen. Aber dass die Autorin es so dreist machen würde, hätte ich ehrlicherweise nicht vermutet. Und solche Verdrehungen muss man sich bei 90% der Zeitungsartikel vorstellen: In den allermeisten Fällen gibt es eine Artikel-Dramaturgie (zum Beispiel in Form einer zusätzlichen Polarisierung), die durch die komplexere Realität nicht gestört werden darf. Hier stand das Ergebnis ja sogar schon vorher fest.
Wer den ganzen Artikel gelesen hat, dem kann ich nur noch diesen wunderbar lakonischen Kommentar von awdotja empfehlen:

awdotja:
“Kalter Zigarettenhauch hängt noch im grau karierten Jackett, als er die Reporterin an beiden Armen packt und sie ganz nah an sich heran zieht.”
Ein kluger, kritischer Bericht:
Wie meist, wenn die Top-Korrespondenten Denkler oder von Kempis aus der Hauptstadt berichten, geht es um Sachfragen und Inhalte statt um irgendwelche dumpfen persönlichen Abneigungen.
Doch wer war überhaupt die arme Reporterin, die er “packte”, nachdem und obwohl er eben noch geraucht hatte? Hat er noch schlimmeres mit der Reporterin angestellt?
Und darf denn einer im grau karierten Jackett, der raucht und nicht für’s Lügen bezahlt wird, überhaupt Bundespräsident werden?
Der stilistisch ausgefeilte Bericht endet folgerichtig mit einer Klo-Geschichte.
[...]“