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Klingsors Letzter

Archive for Januar, 2009

Tabusicherheit

Manchmal stelle ich fest, dass ich weltanschaulich scheinbar noch nicht gefestigt bin – jedenfalls nicht im Bezug auf manche gesellschaftlichen Tabus.

Das Wesentliche am Tabu ist ja, dass es nicht begründet werden muss.  Wenn man als Kind auf ein tabuisiertes Thema trifft, sagen die Eltern mit Empörung in der Stimme: “Das macht/sagt man nicht.” Und dann wird mit einer noch empörteren Stimmlage auch die Nachfrage, warum das denn so sei, tabuisiert. Das Kind kriegt mit, das darf man nicht einmal denken.

Bei mir hat das leider niemand für den Umgang mit dem Nationalsozialismus gemacht – vielleicht ein Ostphänomen. Gestern traf ich in diesem Zustand jedoch auf Menschen, die dieses Tabu aufgesogen haben. Das Problem für sie ist, dass sie sobald sie das Tabu begründen müssen, das Tabu schwächen und es zu einem einfachen Verbot degradieren. Daher müssen sie sich eine ähnliche Empörung, einen ähnlichen apodiktischen Tonfall wie die Eltern im Kindesalter zulegen. Sie müssen schon den Nachfragenden zum Halbnazi machen. Auf dass die Übertreter es dann durch diese öffentliche Sanktion einsehen.

Vielleicht bin ich für solche Aburteilungen auch sehr empfänglich, bzw. nehme sie innerlich bereits vorweg, jedenfalls spürte ich extrem viele Grenzen in diesem Diskurs. Das ganze Diskursgelände war von vornherein vermint. Ich bin dadurch so irritiert, dass ich nicht einmal all die Fragen, die sich stellen würden, hier aufschreiben kann, weil sie mich ja immer in eine Nazi-Ecke rücken würden. Selbst diese Feststellung des Mechanismus spielt den Nazis in ihrer Argumentation der extremen Ausgrenzung aus dem öffentlichen Diskurs bereits zu. Wahnsinn, so viele Minen!

Wider die Obamanie

Bei Medienhypes werde ich immer sehr skeptisch: Es gibt immer, und das ist wichtig: IMMER, eine andere Seite. Vor Obamas Amtsantritt gab es noch einige kritische Stimmen, diese sind nun scheinbar verstummt oder sie werden nicht mehr in die (Mainstream-)Medien gelassen. Der Code, in dem über Obama berichtet wird lautet etwa so: “Alle Hoffnungen liegen auf ihm, er macht alles anders und besser.” Dann kommt noch die nötige wenn auch leise Skepsis ins Spiel: “Aber wird er das schaffen?” Vielleicht sogar die Frage: “Ist das alles nur Symbolik?” Aber das wäre schon wieder zu skeptisch.
Heute gibt es nun einen Artikel, der das alles unabsichtlich und anschaulich erklärt. Marc Pitzke schreibt auf SpiegelOnline über “Obamas neue Medienpolitik”: Der YouTube-Präsident düpiert die Starreporter. Der Tenor: Obama setzt sich gegen die elitären Starreporter zur Wehr und wendet sich direkt ans Volk. Es werden zudem einige vergrätzte Starreporter zitiert, zum Beispiel mit dem eher lächerlichen Argument: “Wir haben eine Tradition, wie wir über den Präsidenten berichten.”
Der ganze Text ist extrem spannend. Man sieht hier, wie eine PR-Kampagne gewirkt und auf die Perspektive eines Artikels abgefärbt hat. Das Thema “Kampf gegen die Eliten und Klüngeleien in Washington” wurde wohl eins zu eins aus Obamas Wahlkampf übernommen. Dabei könnte man das Ganze auch anders betrachten: Was bedeutet es denn, wenn sich Obama via Youtube direkt ans Volk wendet? Was ist denn die Kehrseite dieses Volksbezugs und was wäre denn das wesentlich bessere Argument gegen den Ausschluss der Starreporter? Die einfache Antwort: Sie könnten kritische Fragen stellen! Youtube ist nur ein PR-Verlautbarungsorgan, nur dort kann Obama seine PR-Botschaften ungefiltert ans Volk weitergeben. Ein kritischer Reporter könnte unangenehme Machbarkeitsfragen jenseits aller symbolischen Politik stellen. Aber dieser Verlautbarungsstil wird im Obamahype sogar noch als elitenkritisch gewendet.
Was Pitzke in dem Artikel zudem darstellt, ist die perfekte Inszenierung von Obamas PR-Maschine: Die ganze Welt erfährt, was Obama zum Frühstück isst, wer seinen Stift beim Unterschreiben hält. Die Reporter werden mit Menschel- und Panorama-Geschichten zugemüllt, bzw. eingelullt. Was jenseits dieser Informationsflut liegt, kommt dann gar nicht mehr in den Sinn. Es werden grelle Schlaglichter auf einzelne symbolische Aspekte gerichtet, die daneben liegenden kritischen Punkte bleiben damit komplett im Dunkeln.
Die spannenden Fragen lauten: Wann wird der ganze Medienhype abflauen, wann werden die ersten kritischen Berichte von seiner PR-Kampagne das Licht der Massenmedien erblicken? Wie lange kann Obama seine PR-Maschinerie am Laufen halten?

P.S. Aber warum sich beschweren: Obama ist ja der Hoffnungsträger! Brauchen wir nicht Hoffnung in einer Zeit der Krisen und schlechten Nachrichten? Das schöne ist doch an Obama, dass hier endlich mal die PR-Arbeit der Spindoktoren von vornherein mit unseren Wünschen zusammengeht!

Der Morgen. Die Grenzregion des Tages

Ich habe schon häufiger gemerkt, dass ich am Morgen sehr kreativ sein kann. Es ist meist eine erste Wachphase, bei der ich noch nicht ans Aufstehen denken muss. Das kann passieren, wenn ich mal kurz wach werde und von irgendeinem herumschwirrenden Gedanken gepackt werde. Weiterschlafen ist dann in der nächsten Stunde unmöglich, meist ist es auch erst um 6 Uhr früh. Je nachdem, was mich gerade beschäftigt, sind das dann entweder kreative Spielereien oder Gedanken über irgendwelche zukünftigen Situationen (Eintrag folgt noch). Bei ersterem spielt meine Kreativität fast verrückt: Ich kann wunderbar treffende Bilder entwickeln, ganze Exposes durchspielen, abstruse Ideen bis ins Absurditätsnirwana steigern. Und wenn ich mich einmal entschließe, mich doch an den Rechner zu setzen, komme ich mit dem Schreiben meist gar nicht hinterher.
Warum aber ist das so? Meine Vermutung: Weil all die Erwartungen, all die Planungen, all der Alltag noch nicht wach ist – das steht erst mit dem Gedanken ans wirkliche Aufstehen auf, mit dem Entschluss dazu. In der Phase davor steht der Kreativität noch kein Müssen, kein Dürfen, kein Sollen gegenüber. Sie muss sich den Gedankenraum nicht mit Alltagsgedanken teilen. Man befindet sich in einem Grenzzustand: Die Assoziationskraft der Träume ist noch nah, die gedankenbindende Kraft der Wirklichkeit ist noch fern.
Oft ist es mir auch passiert, dass ich dann Assoziationen hatte, die ich im Licht des Tages nicht mehr verstanden habe. Ich freue mich dennoch darüber, weil man nur selten diesen Prozess so schön verfolgen kann: Ganz fest von der Genialität oder Witzigkeit eines Gedanken überzeugt zu sein und diesen dann zwei Stunden später nicht einmal mehr zu verstehen. So etwas dauert sonst Jahre.
Aber etwas Negatives kann diese Phase am Morgen auch haben: Wenn man sie nicht als solche bestehen lässt, sondern beginnt mit anderen Menschen zu kommunizieren oder gar aufzustehen. Man zieht dann aus einer alltagsfreien Phase Schlüsse und Formulierungen, die sich auf den Alltag – besonders auch der Anderen – auswirken. Das Problem ist dabei: Der innere Prozessor zur Wirkungsevaluation ist noch nicht angeschaltet. All die Höflichkeit, all der innere Zurücknahme, all die Rücksicht auf die Gefühle der Anderen ist noch fern. Zum einen benennt man so die Dinge und Beziehungen in ihrem nackten Zustand, reduziert sie auf ihren Kern, entblößt sie all ihrer Gesellschaftsverkleidung. Zum anderen aber – und das geht ebenso mit diesem Zustand einher – nennt man Dinge bei einem Namen, der ihnen jenseits dieses einen Momentes vielleicht gar nicht entspricht. Man legt sie und sich fest. Und das obwohl es in dieser Grenzregion zwischen Nacht und Tag gar nichts Bleibendes, absolut Sicheres geben kann. Das Schwierige ist dann bloß zwischen entblößter Wahrheit und unangemessener Festschreibung zu unterscheiden. Am besten man steht dann gar nicht erst auf.

Über die Liebe in den Medien

Ich habe in letzter Zeit eine neue Sphäre des Aufregens für mich entdeckt: Wie Beziehungen und Liebe in den Medien dargestellt wird. Meinen letzten akuten Anfall bekam ich, als mir zufälligerweise die Monatszeitschrift “Das Magazin” aus dem letzten Mai in die Hände fiel. Darin sollte es unter dem Titel “Liebespiele” direkt um Liebe und Partnerschaft gehen. Was der Redaktion dazu jedoch einfiel war – entgegen dem denkwürdigen Magazinsmotto “Hinterher ist man immer schlauer” – nur eine Aneinanderreihung von Klischees und Stereotypen, die sich an unsere gesellschaftliche Vorstellung von Liebe knüpfen.
Im Hauptartikel “Paradoxien des Glücks” ging es um die Beziehung von Amelie Fried und Peter Probst, die beide im schreiberischen Geschäft tätig sind und deren Ehe eine der wunderbarsten und tollsten auf der ganzen Welt sein soll. Nichts gegen das Glück, das die beiden gefunden haben, aber die Aufbereitung im Artikel bestätigte all die Vorstellungen, mit denen moderne Beziehungen überfrachtet sind. Zunächst einmal waren die beiden natürlich füreinander bestimmt: Die Glocken läuteten als sie sich trafen und die Sonne warf einen Lichtstrahl durch die undurchdringlich dichte Wolkendecke – nur auf sie. Sicherlich gibt es Anziehung auf den ersten Blick, aber dann gibt es meist auch darauf folgende Momente.
Einmal zum Beispiel sah ich an einer Ampel einer wunderschönen Frau in die Augen und es war wohl das erste Mal, dass ich so deutlich gegenseitige Anziehung, Liebe auf den ersten Blick spürte. Ich war völlig durcheinander, diese Tiefe, dieses Verstehen. Dann aber sagte sie: “Komm Marcel!” und ein vielleicht sechsjähriger Junge rollte mit seinem Dreirad an die Straße heran – zwischen uns.
Das ist es, was meiner Ansicht nach in vielen modernen Darstellungen der Liebe oft verlorengeht: Das Nicht-Ideale, das Alltägliche und oft auch Schwere.
Da wird in dem Artikel von einer Gewissheit gesprochen, die man im Anblick des anderen gespürt hätte. Was aber passiert mit der Gewissheit, die nicht auf fruchtbaren Boden fällt? Oft ist es vielleicht auch so, dass diese eindimensionale Fixierung auf die eine Person, die dazu bestimmt ist, alles Glück zu geben, dass just diese urromantische Vorstellung die andere Person verschreckt. Verständlicherweise: Wie geht man damit um, aus dem Nichts von einer/einem völlig Fremden “angeliebt” zu werden? Und dann auch noch mit einer Sicherheit konfrontiert zu werden, die die eigenen Gefühle im Überschwang vorwegnimmt? Der/Die Andere muss sich dann erst einmal den Raum für eine eigene Position erkämpfen. Und ob er jemals ein ähnlich sicheres Stadium der Liebe, eine Liebe auf Augenhöhe erreichen kann, ist mehr als fraglich. Zumal, und das nur am Rande, dieses Angeliebtwerden oft auch das Selbstverhältnis ankratzt: Bin ich wirklich (so) liebenswert? Wohin in einem solchen Fall mit der Sicherheit, dass dies die richtige Person sei? Verletzter Rückzug ins eigene Selbst, direkter Angriff zur Überzeugung der/des Uneinsichtigen oder doch eher Neuausschreibung der Leerstelle des/der Richtigen?
Ich glaube mittlerweile eher daran, dass der ganze Prozess des Verliebens purer Zufall ist. Dass es der Kreuzung zweier zueinander passender Lebenssituationen und einer damit verbundenen besonderen Portion Offenheit bedarf. Und dass man sehr viele Menschen lieben könnte, wenn es denn der Moment erlauben würde. Ein solches wesentlich von Unsicherheit und Zufall geprägtes Bild des Kennenlernens würde ich gerne einmal in irgendeiner Zeitschrift wiederfinden.
Das Verschweigen des Normalen und Herausheben des Besonderen ist leider eine mediale Normalität hierzulande. Welchen Nachrichtenwert besäße es denn über den Alltag der Menschen zu berichten? Der einzige Effekt wäre wohl, dass sich die Menschen in ihren unterdrückten Unsicherheiten nicht so einsam, nicht mehr als Alleinkämpfer fühlen würden. Und das könnte entlasten. Stattdessen wird in der Liebe ein Paar herangezogen, das zum Superpaar stilisiert wird und das in einem krassen Kontrast zu ihrem zerrütteten alltäglichen Umfeld gestellt wird. Was das Paar anders macht, wird nur oberflächlich erklärt: Sie reden sehr viel miteinander, sie tarieren Freiheiten und Nähe aus. Die Schwierigkeiten, die selbst dieses Traumpaar hat, werden besonders konkret als “Schwierigkeiten” benannt. Was sind denn die Schwierigkeiten, die in einer normalen Ehe entstehen und damit auch (unerwähnterweise) in dieser Ehe vorhanden sein werden?
Zum Beispiel, dass man sich in einer Ehe mit zwei Kindern den Alltag wie mit einem Geschäftspartner organisieren muss. Wie es mein Chef einmal formulierte: “Man befindet sich in bilateralen Verhandlungen: ‘Wenn ich Kind A nehme, dann holst du dafür Kind B dort ab.’” Es besteht die große Gefahr, dass in diesem Alltagsorganisieren und im zusätzlichen Berufsleben nicht nur die Beziehung zum Partner, sondern auch – damit einher- oder dem vielleicht sogar vorausgehend – die Beziehung zu sich selbst verkümmert.
Solche Probleme werden medial kaum thematisiert und damit kaum normalisiert. Immerhin existiert dafür ein Markt der Ratgeberliteratur, auf dem versucht wird die medialen Effekte auszugleichen. Wenn für diese filigranen Prozesse ein Bewusstsein entstehen würde, würde das wohl viele Beziehungen von dem enormen Druck entlasten, alle unerwünschten und falschen (weil nicht die Beziehung bestätigenden) Gefühle zu verbergen. Es würde klar werden, dass jeder, wirklich jeder an sich und an seinen Beziehungen immer wieder arbeiten muss und dass es weder einen idealen Partner noch einen idealen Beziehungszustand gibt, den man irgendwie festschreiben könnte.

Wer einen wirklich entlastenden Text zu diesem Thema lesen möchte, dem empfehle ich den Artikel des Paartherapeuten Wolfgang Hantel-Quitmann über den “Zeitgeist in der Paartherapie” in der Zeitschrift “Familiendynamik” (2&3/2007). Leider gibt diesen Text nicht online. Aber vielleicht stelle ich demnächst noch ein paar wesentliche Aspekte vor. Er nennt vier wesentliche Probleme, die Paare plagen: Der Umgang mit Alltag, die emotionale Nähe, die Sexualität und den Umgang mit Liebesaffären.

Projektionen

Häufig fühlt man sich ja von dem angezogen, was man gerne wäre. Schade nur, dass das, was man gerne sein möchte, so selten, das sein will, was man bereits ist.

Flirtkurs IV: Die vergebene Frau

“Ich bin aber schon vergeben.” Was bedeutet dieser Satz beim ersten Ansprechen?
Man könnte es löblich nennen, dass Frauen diesen Fakt gleich erwähnen. Es soll alle aufkeimenden Hoffnungen von Vornherein eliminieren. Natürlich wird damit dem Ganzen zugleich ein Kontext gegeben, den man als Ansprechender eigentlich vermeiden will: Es liefe alles sowieso auf den Wunsch nach einer Beziehung hinaus. Nach diesem Satz hat man nur noch die wunderbaren Optionen sich selbst zu verleugnen (”Nein, darum ging es doch nicht!”) oder die Kommunikation auf die (abstruse) menschliche Schiene umzulenken (”Ich will dich als Mensch kennenlernen!”). Für Frauen schafft das die aus Männersicht kaum auseinanderzuhaltenden Alternativen: Entweder bekommen sie Kennenlernsicherheit (”Er weiß, dass ich ihm nicht mehr geben will. Da kann ich ihn auch mal treffen.”) oder es dient ihnen als perfider Ablehnemechanismus (”Jetzt spätestens solltest du eingesehen haben, dass du hier nichts zu suchen hast.”). Wenn man für die erste Variante plädiert, schließen sich weitere Fragen an. (Alles folgende steht natürlich unter der Vorausetzung, dass man für die Frauen hinreichend interessant erscheint.)
Lohnt es sich Frauen in Beziehungen kennenlernen zu wollen? Ist das purer Masochismus oder (selbstverleugnendes) Gutmenschentum? Gibt es wirklich so etwas wie “Ich will einfach nur den Menschen kennenlernen”?
Es ist natürlich ein Schlag ins Gesicht für jeden rational kalkulierenden Menschen, seine Lebenszeit an eine Frau zu verschwenden, bei der es kein klar definiertes Endziel gibt, bei der all die Energie und all die Zeit, die man zum Kennenlernen investiert, umsonst sein könnte, weil sie sich letzten Endes doch für ihren sicheren Jetztpartner entscheidet. Noch fraglicher ist natürlich, ob es jemals zu einem entscheidenden Showdown zwischen dem Herausforderer und dem bisherigen Titelträger kommen wird – viele Frauen lassen diesen inneren Kampf gar nicht erst zu. Das kann zum einen ein Zeichen für die absolute Sicherheit der Beziehung sein (sie will niemanden anderen kennenlernen), zum anderen aber auch das genaue Gegenteil bedeuten (wenn es eine innerlich erzwungene Entscheidung für den Partner ist, bei der eine enorme Angst vor jeder vergleichenden In-Frage-Stellung des Status Quo entstanden ist). Wesentlich für die Einordnung ist, was das für ein Signal für ihren Partner ist. Daran lässt sich sehr gut unterscheiden, warum man sich mit demjenigen trifft: Will man es verschweigen oder kann man es direkt erzählen? Daran erkennt man auch die innere Dynamik einer Beziehung.
Aus meiner Erfahrung sind es zwei Typen von Beziehungsfrauen, die sich auf Dates mit fremden Männern einlassen: Die Hippie- oder die Krisenfrauen. Beide Typen sind äußerst gefährlich.
Die ersten wollen scheinbar einfach nur schauen, was das für ein Mensch ist, der sie da kennenlernen will. Aber in ihrer einfachen Freundlichkeit und in ihrer liebevollen Natürlichkeit zerfurchen sie all die inneren Schutzgrenzen, die vor dem Verliebtsein und der kompletten Hingabe gezogen worden sind. Für sie ist man (aus welchen psychologischen Motiven auch immer) hauptsächlich Sympathie- und Begehrenslieferant. Nur um dann spielerisch – nach langem inneren (oft auch körperlichen) Hin- und Hergerissensein – irgendwann doch einmal “Nein” zu sagen.
Die andere, die Krisenfrau, schwankt in ihrer Beziehung bereits. Bei ihr gab es große Streits und Enttäuschungen in der letzten Zeit. Innerlich weiß sie nicht mehr, auch wenn sie sich das noch nicht rational eingestehen will, ob sie die gegenwärtige Beziehung noch will. Die Position des Verstärkers dieser Gefühle ist vakant. Bei ihr läuft es auf einen inneren Kampf hinaus, in dem letztendlich beide Kämpfer zu Boden gehen werden. Zusätzliche Spannung bietet diese Konstellation zudem, wenn der Herausforderer zugleich die Position des Kommentators einnimmt und mit ihr gemeinsam entscheidende Fehler seines Gegners analysiert. Letzten Endes wird sie sich dann (langfristig gesehen) für den Schiedsrichter oder irgendeinen unbeteiligten Dritten entscheiden.
Beides keine sonderlich verlockenden Varianten, in beiden gibt es – vorausgesetzt man verliebt sich – ein Leidensabo.
Das Schöne aber ist: Es muss gar nicht so weit kommen.
Es ist eine moderne Seuche, immer vorher bestimmen zu wollen, was und wie etwas sein wird (dazu folgt demnächst noch ein Eintrag). Die Reduktion des Möglichkeitsraumes zugunsten einer eindeutig zuordnbaren Wirklichkeit, man begibt sich in die so sicheren Hände des eindeutig Definierten und bestimmt vorher, was das alles bedeuten wird, was man alles in diesen Situationen fühlen könnte. Ich könnte mich dann verlieben: Schutzschilde hoch! Ich könnte meinen Freund damit hintergehen: Absage!
Mein Plädoyer, so wenig ich das auch momentan kann, ist daher: Sich dem Moment anvertrauen und sich selbst in dem Moment vertrauen. Das erste steht für eine Absage an alle Erwartungen und alle Vorwegnahmen der Zukunft. Das zweite ist für den Moment entscheidend: die eigenen Gefühle nicht nur wahr, sondern sie auch ernst zu nehmen. Dann wird man erkennen, dass es da auch andere Gefühlsnuancen jenseits von Verliebtheit und Fremdgehen geben kann.

P.S. Entgegen aller Ankündigungen und Plädoyers weiß ich heute schon, dass ich diesen Text ob seiner besserwisserischen Loslassementalität bald innerlich verfluchen werde. Es geht schon los…

Zeichen und Wunden

Manchmal prägt man Bilder, ohne zu ahnen, wie sehr sie bald auch auf einen selbst zutreffen werden.

Eine gute Freundin wurde vor Jahren von einem Bekannten sehr geliebt. Seine Verliebheit war voller Kreativität und Inbrunst – und damit viel zu groß, um sie nicht zu verschrecken. Sie lehnte das alles, all die kleinen Briefchen mit Gedichten und all die Geschenke resolut ab – und weckte damit in ihm die andere Seite der Verliebtheit, den Hass des Abgelehnten, des Verstoßenen. Nach Jahren der Funkstille begannen sie irgendwann doch wieder miteinander zu reden und sie konnte, da er jegliche Hoffnung und Erwartung verloren hatte, ihn als Person klarer wahrnehmen. Nach einer Weile betrachtete sie ihn mit anderen Augen und verliebte sich in ihn.

Die beiden zeichnen nun an dem Gemälde ihrer Beziehung. Nur ist die Leinwand teilweise schon von Vergangenheit, von Verletzungen und Ängsten vollgesogen. Jede neu aufgetragene Farbe mischt sich mit den alten Farben, die wenn schon nicht verschwunden, so doch eigentlich zumindest getrocknet sein sollten. Das neue, strahlende Rot, das sie gemeinsam auftragen, wird ungewollt zu einem Braun, das Gelb wird zu einem Violett… Wie soll man so etwas Klares, Beständiges zeichnen, wenn man nicht weiß, welche Farbe auf welchen Grund trifft, welcher Satz auf welchen Boden fällt? Das geht nur um den Preis der Anerkennung des Alten, nur in dem Wissen, dass die gemalten Farben nicht immer die sein werden, die man sich beim Auftragen wünscht. Glücklicherweise wird man im neuen Zeichnen bald auch Stellen entdecken, die noch weiß sind und die man früher nie hätte sehen können. Es sind die Teile der Persönlichkeit, die im früheren Werben oder Ablehnen ausgeblendet waren. Dort kann das neue Rot strahlen und wirken.

Dieses Bild hatte ich der Freundin mitgegeben, um möglichen Problemen besser begegnen zu können. Nun fällt es auf mich zurück und ich stehe vor meinem eigenen kleinen Gemälde. Ich darf wundervolle magische Momente erleben und zugleich spüren, wie mein Inneres panisch Stopp schreit. Wie all die Behelfsbrücken, die ich mir mühsam über die schweren Verletzungen gebaut hatte, unter den alten, neuen Möglichkeiten, ihr nahe zu sein, erzittern und die Hoffnung wieder aufkeimt, dass der Weg zu ihr doch nicht endgültig zerstört ist. Ich spüre, wie schwer es ist, den Blick auf mein altes Bild zu richten, auf dieses innere Guernica – und darüber nun einen malerischen Sonnenuntergang zu zeichnen.