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Klingsors Letzter

Archive for Februar, 2008

Das Leidens-Abo

Es gibt Menschen, die haben ein Leidens-Abo. Ihnen wird regelmäßig Leiden durch das Leben gebracht. Manche haben es nur situativ: Wenn sich die Konstellation der Personen ändert, bestellen sie es nach und nach ab. Manche Menschen behalten das Abo ihr Leben lang, vielleicht weil ihre Eltern es sehr früh gelöst haben, vielleicht weil sie sich irgendwann insgeheim darauf sogar freuen, vielleicht weil es doch ihr zu ihrem Lebenskonzept geworden ist.
Max Frisch beschrieb dies bereits sehr schön in der Geschichte des Mannes, der sich ein Ich als Pechvogel aufgebaut hatte und dann im Lotto gewann. Glücklicherweise verlor er dann den Spielschein: “Ein anderes Ich, das ist kostspieliger als der Verlust einer vollen Brieftasche, versteht sich, er müsste die ganze Geschichte seines Lebens aufgeben, alle Vorkommnisse noch einmal erleben, und zwar anders, da sie nicht mehr zu seinem Ich passen.”
Aber ich glaube dennoch, dass man dieses Leidensabo, wenn nicht kündigen, so doch von wöchentlich auf monatlich oder gar jährlich umstellen kann. Wenn ein jahrelanger Abonnent kündigt, dann wird das in seiner eigenen Erzählung zu einer Erkenntnis-, zu einer Erweckungsgeschichte: Er kann sein neues Ich geradezu auf derDüsternis der damaligen Leiden aufbauen, es als Gegensatz dazu im neuen Licht konstruieren. Das wirkt oft nur so aufgesetzt wie ein Verkäuferlächeln, das erst erscheint, wenn der Kunde den Laden betritt. Es wird auch in stillen Momenten in sich zusammenfallen, weil ihm der andere Pol fehlt, weil man das Leiden nicht ausschließen kann. Man kann sich nicht selbst ein Freuden-Abo verschreiben. Ein Misch-Abonnement wäre das beste: Das annehmen, was gerade geliefert wird.

Twisted

Da wir ja alle Jojo folgen, wenn er irgendeinen kleinen blöden Psychotest entdeckt hat, hier also mein Ergebnis: You are twisted. Das blogge ich jetzt nur, weil ich genau das in letzter Zeit immer wieder befürchtet hatte. Ein Zitat aus dem Lied, das mir momentan zugleich am nächsten und am fernsten ist:

“When you think the night has seen your mind
that inside you’re twisted and unkind
let me stand to show you that you are blind
Please put down your hands
cause I see you”

Ach was für eine Illusion! Gesehen werden!
Man muss sich in seinen eigenen Händen spiegeln können, das Sonnenlicht durch die vorgehaltenen Hände fallen lassen, dann erst können andere Spiegel hilfreich sein. Was sollte sonst von der angeklebten Schönheit übrig bleiben, wenn der Spiegel weggezogen wird?

Die Demagogie von Morgen

Ich lese ja in steter Regelmäßigkeit und mit großem Interesse die Wirtschaftswoche, die meine BWL-Mitbewohnerin wöchentlich bekommt. In der Wirtschaftswoche kann man schon heute die Argumentationen der Wirtschaftsvertreter von morgen nachlesen – und das ungefiltert. Man kann die Ideologien und Demagogien im Anfangsstadium bewundern. In der letzten Ausgabe widmete man sich dem angeblichen Linksruck aufgrund der Hessenwahl und man kam zu dem Schluss, dass auch die Wirtschaftsvertreter daran Schuld seien, dass die Stimmen der Wähler nun den „Linksparteien“ zufliegen. Diese hätten es versäumt, zu vermitteln, welch großartige Leistungen sie für die Gesellschaft leisten (Zumwinkel kam erst nach Druckschluss). Die dummen Bürger verstehen einfach nicht, wie die Marktwirtschaft funktioniert: dass die Marktwirtschaft das ganze Sozialstaatsgedusel wie Kündigungsschutz oder Mindestlohn nicht aushält, Subventionen und Steueranreize schon, aber Sozialstaatsgedusel…
Noch spannender ist jedoch die Argumentation zum Binnenkonsum, der ja jahrelang sträflich zugunsten der Exportwirtschaft vernachlässigt wurde. Die Löhne sanken in den letzten Jahren kontinuierlich, während die Vermögenseinkommen der Unternehmer stetig stiegen (vgl. JJahnke). Die Fokussierung auf den Export, über den lediglich etwa 20 Prozent der deutschen Wirtschaftsleistung erwirtschaftet werden, kann nun bei nachlassender Weltkonjunktur die gesamte deutsche Wirtschaft lahmlegen. Daher lautet die neue Devise: Konsum ankurbeln! Der Konsumentenboom wird ja nun schon auch seit dem letzten Jahr vorhergesagt, da die Menschen auf der Straße ja nun weitaus mehr Geld in der Tasche haben sollen. Aber er blieb bisher aus.
Die Taktik, die nun die Wirtschaftsvertreter in dieser Situation entwickeln, ist sehr interessant: Der Staat ist Schuld! Bereits anfang des Jahres las ich in der Wirtschaftswoche einen langen Artikel, in dem das Auseinanderklaffen von Brutto und Nettoeinkommen beklagt wurde. Seitdem wird nun allerorts gefordert, dass der Staat die Steuern senken soll, damit den Menschen mehr Geld bleibt. Die andere Möglichkeit, den Binnenkonsum anzukurbeln, die scheinbar natürliche, dass die Unternehmen ihren Mitarbeitern die Löhne erhöhen, ist somit aus dem Spiel. Diese Argumentation ist eine Win/Win-Argumentation: Man verlagert die Schuld auf die Politik. Diese kann von den Unternehmen kaum höhere Löhne fordern, da sich die wirtschaftliche Lage vermutlich verschlechtern wird und welcher Politiker wollte da Unternehmen in den Konkurs schicken. Ein zweiter positiver Faktor ist, dass dadurch die Staatsausgaben an anderer Stelle gesenkt werden müssen, um diese Geschenke zu finanzieren. Das wird sich wunderbar in die kommende Rhetorik der notwendigen Einschnitte einfügen. Die kommende Krise liegt ja auch hauptsächlich daran, dass die Reformen nur halbherzig durchgeführt wurden, weil die SPD und sogar Teile der CDU nach „links“ gerückt seien und die Reformen verraten hätten. Das kommende Jahr wird wohl ein Jahr voll demagogischem Reformgeschrei. Und dann stehen ja auch noch Wahlen an. Die Zeitungen und die Wirtschaftsvertreter werden nicht mehr aus ihren Vorwürfen herauskommen, dass die Politiker den Leuten doch endlich die brutale Wahrheit sagen und nicht nur auf die nächste Wahl schielen sollten.
Also ich kann jedem nur empfehlen, die Wirtschaftswoche zu lesen. Da weiß man, was dann später in Zeit, Welt und FAZ von den Arbeitgebern und Kommentatoren gefordert werden wird.

Trennungserkenntnis II

Es gibt Tage, da schlägt die Einsamkeit durch wie ranzige Butter.

Trennungserkenntnis

Man kann nicht Brandstifter und Feuerwehrmann in einem sein.