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Klingsors Letzter

Archive for November, 2007

Werbung und so

Ich schaue ja selten fern. So bewahre ich mir auch den nötigen Abstand, um immer noch Entwicklungen erkennen zu können. Es ist wie bei einem größer werdenden Kind: Je näher man dran ist, desto weniger sieht man die Veränderung. So ist es bei allen Entwicklungen, will man sie beobachten, muss man Abstand haben. Das klang zwar jetzt schön und auch intellektuell, hat aber leider nur sehr wenig mit dem Thema dieses Posts zu tun.
Es geht um einen Werbung, die mich begeistert hat. Mit großer Vorliebe sehe ich mir immer Werbung an. Sie spiegelt so wunderbar unsere Gesellschaft – was denken die Macher der Werbung, was die Menschen sehen wollen, was die Macher ihnen präsentieren. Nun ist da also eine so wunderbare Autowerbung, die vermutlich keineswegs zum Verkaufserfolg des Autos beiträgt, weil sie absolut nichts über das Auto aussagt. Was aber wirkt, und das sieht man an diesem Eintrag, ist das der hässliche Name des Gefährts verbreitet und bekannt gemacht wird. Wie kann man ein Auto nur Quashqai nennen? Gibt es keine sinnvollen Namen mehr? Wie wäre es mit einem Nissan Mogli? Aber was solls. Die Werbung ist genial, weil sie das Auto so wenig wertschätzt und so schön abstrus ist.

Wir im dunklen Osten

Durch Zufall recherchierte ich vor einiger Zeit ein wenig zu regionalen Entwicklungspotenzialen und bin dabei auf die erstaunlichen Leistungen der ostdeutschen Agrarwirtschaft gestoßen. Die Landwirtschaft ist die einzige ostdeutsche Branche, die bessere Ergebnisse als das westdeutsche Pendant erzielt. Die Gründe dafür sind sehr schön in einem Vortrag von Rainer Land vom Thünen-Institut für Regionalentwicklung nachzulesen.
“Diese Produktivität kann man nur verstehen, wenn man sich klar macht, dass die ostdeutsche großbetriebliche Landwirtschaft in ihrem Funktionskern hervorragend zu der westeuropäischen, global agierenden Agrar-und -Lebensmittelwirtschaft mit ihren riesigen Lebensmittelkonzernen passte. Alle Ideologeme von Bauernhöfen und Familienbetrieben können da getrost beiseite bleiben. Die globale Lebensmittelindustrie ist eine der modernsten Branchen der industriellen Massenproduktion, die für globale Agrar- und Lebensmittelmärkte und nicht für den Bauernmarkt in Pritzwalk produziert.”
Umso erstaunlicher war für mich gestern ein Beitrag über eben diese ostdeutsche Landwirtschaft in der Tagesschau. Für diese sollten die EU-Subventionen verringert werden. Die ostdeutsche Landwirtschaft wäre demnach besonders betroffen, weil sie über die größten deutschen Produktionsflächen verfügt.
Aber interessanter ist, wie hier über Ostdeutschland gesprochen wurde. Zunächst einmal wurde durch den Kommentator der Eindruck vermittelt, die ostdeutsche Landwirtschaft sei vorsintflutlich: Die Bauern haben sich hier noch einzeln zusammengeschlossen. Man kann sie sich richtig vorstellen, wie sie gemeinsam auf dem Feld stehen und Rüben ziehen.
Noch besser wird es allerdings, wenn der Bundesminister für Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz Horst Seehofer begründet, warum er die Kürzung ablehnt: „Jeder kennt die wirtschaftliche und strukturelle Situation in den neuen Ländern und deshalb können wir das nicht hinnehmen.“ Aha. Er sagt natürlich nichts Falsches. Die wirtschaftliche und strukturelle Situation in den neuen Ländern sieht gesamt (!) betrachtet nicht gut aus. NUR: Die ostdeutsche Landwirtschaft ist weitaus produktiver als die westdeutsche. Sie ist sogar so produktiv, dass der oben zitierte Rainer Land in seinem Vortrag sagt: „Die meisten Betriebe schreiben schwarze Zahlen, viele würden – entsprechende Anpassung der Märkte vorausgesetzt – auch ohne Agrarsubventionen ganz gut klar kommen.“ Die hohe Produktivität in den neuen Ländern findet sich auch in dem j?hrlichen Agrarbericht, den Seehofers eigenes Ministerium erstellt hat (S.19 & 20): „Trotz der Einbußen erzielten die Betriebe in den neuen Ländern aufgrund ihrer größeren Produktionskapazitäten weiterhin höhere Gewinne als im früheren Bundesgebiet.“ Das erkennt man auch sehr schön in der Tabelle auf der folgenden Seite.
An dieser Stelle wird der an der alten Teilung orientierte Mythos der strukturschwachen Länder einmal rein statistisch durchbrochen – und was passiert? Nichts. Es ist ja auch zum Vorteil der Bauern, dass nun auf die ostdeutsche Strukturschwäche verwiesen wird. Wozu sollten sie auf ihre internationale Wettbewerbsfähigkeit hinweisen?
Die Ost-West-Trennung und die Vorstellung von den strukturschwachen Ländern wird so immer wieder aufs Neue reproduziert.

Risslos wie das Morgengrauen

Es ist ruhig geworden hier – und ich kann nicht prophezeien, ob es jemals wieder lauter werden wird. Es ist eine Angst vor dem geschriebenen Wort in mir, sie herrscht seit Monaten und lässt sich grundlos feiern.
Dennoch will ich an dieser Stelle auf eine Metapher aufmerksam machen, die ein bestimmtes Grundgefühl wunderbar spiegelt. Sie steht in Max Frischs “Mein Name sei Gantenbein”, so eingestreut, als gäbe es solche treffenden Bilder zuhauf. Aber das ist bei Frisch oft so. Die Hauptfigur liegt im Krankenhaus, der Morgen graut. Ein Alptraum: “Ein Pferdekopf, mit Schaum vorm Gebiss, aufwiehernd, aber lautlos, versucht aus der Wand zu springen.” Es gelingt ihm nicht. “Nur der Kopf mit fliegender Mähne ist aus dem Granit heraus, wild, ein Kopf voll Todesangst, der Leib bleibt drin, hoffnungslos, die weißen Augen, irr, blicken mich an, Gnade suchend -
Ich machte Licht.”
Und nun, nach diesem Alptraum, kommt das Bild, das den Morgen so wunderbar beschreibt: “Lautlos zieht sich der Pferdekopf langsam in den Fels zurück, der sich lautlos schließt, risslos wie das Morgengrauen vor dem Fenster…”
Risslos wie das Morgengrauen vor dem Fenster.