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Klingsors Letzter

Archive for Juli, 2007

Die arme Jean und der frivole Frederic

Ich hatte heute gleich zwei beunruhigende Spam-Nachrichten in meinem E-Mail-Postfach: “Social Suicide.” und “Partner faking her orgasm?”.
Die erste Nachricht stammte von Jean Lawson, der bei Kramer Elektroanlagen arbeitet, allerdings nicht auf deren Hompage aufgelistet ist. Vermutlich ein Praktikant. Er schreibt mir folgendes:

you get to take
Good evening. How is the day going? Email me at vhfgtp@linkmailmessage.info only. By the way, I am a girl. Mind me sending some of my pictures to you?
play is a simple recommended by who are free to come that you have

Jean ist also eine Frau, nur nebenbei bemerkt. Scheinbar war er/sie sich bewusst, dass ihr/sein Name missverständlich sei. Möglicherweise wurde Jean Lawson auch in der Grundschule regelmäßig gehänselt und konnte aufgrund dieses Namens kein klares Verhältnis zu seinem eigenen Geschlecht aufbauen. Man sieht, wie sehr sie nun darum ringt, das damals verpasste heute auszubügeln, indem sie mich fragt, ob ich nicht eine Brieffreundschaft mit ihr schließen will. Was für ein liebes Mädchen. Und das ganze sendet sie an mich als verzweifelten Hilferuf, da sie sonst einen Social Suicide begehen würde. Schmerzhaft deutlich wird ihre Verzweiflung auch an dem Punkt hinter der Überschrift “Social Suicide.” Bei Menschen, die Angst davor haben, steht dort ein Fragezeichen, bei Menschen, die noch Hoffnung haben, steht dort ein Ausrufezeichen, nur bei Menschen, die bereits damit abgeschlossen haben ein soziales Leben zu haben, steht dort ein Punkt. Ebenso deutlich wird ihre Verzweiflung in der Sprachlosigkeit des Textes. Scheinbar gelang es ihr gerade noch, sich für den Mittelteil zu sammeln und das (vermutlich unter Tränen) herauszupressen, was sie schon seit ihrer frühesten Kindheit hinausgeschrien hatte: Ich bin ein Mädchen! Um die schockierende Verzweiflung abzumildern, versieht sie es mit dem Schein der Beiläufigkeit.
Aber Jean, oh, ich erkenne, welche Sorgen du hast! Ein paar Floskeln hast du gelernt, um nicht so aufzufallen, um die Menschen nicht mit deiner Anwesenheit, deinen Problemen zu überschütten. Und dann dein letzter verständlicher Satz: Mind me sending some of my pictures to you? Wie solltest du auch in dieser kalten und digitalen Welt deinen Ausruf, deine Sorgen, deine so oft hinterfragte Weiblichkeit anders beweisen können, als auf dem Weg, dass du mir ein paar Fotos zusendest. Oh ja, ich freue mich auf deine Bilder, Jean. Ich werde dir bestätigen, dass du eine Frau bist!
Wenn du willst, leite ich die Fotos dann auch an deinen Arbeitgeber weiter und schreibe ihnen, dass sie sich besser um dich kümmern sollen. Kramer Anlagenbau weiß bestimmt nichts von der Not ihrer Praktikantin Jean. Jean! Wie leicht hätte dein Leid verhindert werden können: Jeanne! Zwei Buchstaben, wie du dich nach ihnen sehntest. Ach, wären manche Eltern doch nur vorausschauender, sie könnten ihren Kindern solche Probleme ersparen.

Die zweite Nachricht stammt von Frederic Mejia. Er berichtet ebenfalls von seinem Schicksal. Als Mann hat er natürlich eher Probleme mit seiner Männlichkeit. Er schreibt:
New product for July
Ladies always giggled at me and even guys did in the public toilets!
Keep all the girls really happy
Get a massive self-confidence boost
No more being shy of your manhood
http://postosie.com
Expand, lengthen and enlarge easily
Man erkennt deutlich seine Probleme: Er wurde gehänselt wegen seines kleinen Schwanzes. Es scheint allerdings kein Problem seiner frühen Jugend gewesen zu sein, sondern eher ein Problem seiner Adoleszenz-Phase. Aber dieses Problem ist für ihn nun seit Juli gelöst. Er bekam einen Self-Confidence-Boost, wie er schreibt, und macht in diesem Monat alle Frauen glücklich. Wenn ich nun an die arme Jean zurück denke und ihre lebenslangen Sorgen, so erscheint es mir doch fast frivol, mit welcher Leichtigkeit hier Frederic seine sogenannten Sorgen beseitigen kann. Einfach den Penis verlängern und gut ist? Wo soll denn das hinführen? So lassen sich doch keine Probleme mit Männlichkeit lösen und zudem schafft es doch nur neue Probleme: beispielsweise passen doch dann die ganzen alten Unterhosen nicht mehr.
Daher löschte ich die Mail sofort – direkt nachdem ich sie gelesen hatte, die genannte Seite besucht hatte und die Kräuterpillen bestellt hatte.
P.S. By the way: Das rechte Bild auf der genannten Homepage ist wirklich goldig. Ergänzung: Das Bild links ist echt rosig.

Über das Ende des Studiums

Es ist ein merkwürdiges Gefühl mit dem Studium fertig zu sein. Es ist eigentlich nicht anders als das Gefühl an einem runden Geburtstag: Man ändert sich nicht, man fühlt sich nicht anders. Und doch ist so vieles anders: All das, was man vor wenigen Tagen noch für überlebensnotwendig hielt, das Lernen, das Lesen, das den Ganzen-Tag-in-der-Bibliothek-Sitzen, all das ist weg, all der Druck ist raus, den man sich selbst auflastete und den andere einem durch ihr beständiges Fragen nur vermehrten. All das, was einem noch vor einer Woche Sinn gab, ist nun verschwunden, und nun rächt sich, dass das Lernen und die Prüfungen keinen Sinn neben sich duldeten, dass sie den Möglichkeitsraum des Lebens so sehr überfluteten, dass nun nach ihrem Abfliessen nur noch schwammige, poröse Wände übrig sind und dass man, wenn man übertreiben wollte, sagen könnte, dass man vor den Trümmern seiner eigenen Existenz steht.
Und natürlich soll man sich freuen. Das Wasser ist ja endlich abgeflossen, die mentale Überschwemmung beendet. Man soll und darf jetzt legitimerweise das machen, was man immer schonmal machen wollte. Das einzige Problem ist lediglich, dass all das Sehnen, all das Träumen, kurzum: all das Andere, in den Fluten längst untergegangen war. Vieles hatte sich noch heroenhaft aufgebäumt, einiges hatte man sich selbst trotzig aufrecht erhalten. Aber nun angesichts des abgezogenen Wassers schwirren diese Dinge leblos durch den Möglichkeitsraum. Man müsste sie einzeln herauspicken und mühsam wiederbeleben. Aber dazu hat man schlichtweg keine Lust, weil all die Optionen degradiert, all die Sinnmöglichkeiten zu einem Nebensinn kastriert wurden – zu einem Feierabendsinn, zu einem Nischensinn, und sie in dieser (kaum noch vorhandenen) inneren Verankerung vehement der Möglichkeit widersprechen, sich nun auf den alleinigen Thron der Sinnhaftigkeit heben zu lassen. Man wird zerrieben zwischen den Möglichkeiten (vielleicht auch Illusionen) eines früheren Lebens.
Es gibt zwei anerkannte Auswege aus dieser sinnentschwemmten Welt. Zum einen kann man vor dem inneren Chaos und der möglichen Leere flüchten. Man macht Urlaub. Allerdings ändert sich damit nichts am Hiersein, man erfährt nur, dass man auch in einem Dort leben kann. Aber vielleicht, so wäre eine Hoffnung, vielleicht strömt ja all der Prüfungssinn, all der Lernsinn aus den Ohren hinaus in die dortige Wüste oder ins dortige Meer. Das letztere ist wohl dafür prädestiniert, weil man das Entschwemmen dann kaum merkt. Beim ersteren könnte man allerdings noch gutes Tun und eine Oase gründen. Aber das wird nun zu abgedreht.
Als zweites kann man sich in die Arbeit stürzen, in der Hoffnung, das man im Sturz irgendwo ein wenig Alltag zu fassen bekommt. Letzten Endes ist dies aber nur die Fortsetzung der Überschwemmung mit scheinbar neuem, weil bezahltem Wasser. Man richtet sich freundschaftlich damit ein, schläft auf der Luftmatratze und hat genug Zeit die alten Optionen wiederzubeleben oder sich neue zu erschließen. Auf lange Sicht ist das der “natürliche” Weg, an dem man kaum vorbei kommt.
Als dritter kaum gangbarer Weg bietet sich an, indem man die Frage nach einem Sinn endlich aufgibt. Man verbringt seine Tage dann, so wie ich, damit, endlich mal was neues zu tun. Beispielsweise Weichspüler für die Handtücher zu kaufen, die nun schon seit drei Tagen in meinem Zimmer auf das unbeschreibliche Waschgefühl warten, das ihnen nur ein echter Weichspüler geben kann. Und man kann sich dann jeden Abend von neuem darüber ärgern, dass man das so schwere, aber auch so fluffig-weiche Neue doch wieder vergessen hat.

Spam II: Nordic Cleaning

Spam I: Die neuen Party-Kaugummis

Entlastung

Es liegen zu viele Reste im Weg, um diesen Blog unbefangen weiter führen zu können. Es ist nicht mehr möglich die Schienen hinter dem Zug zu entfernen, um voraus fahren zu können. Denn so schrieb ich bisher diesen Blog: Ohne Rücksicht auf meine Verluste schrieb ich mich geradewegs voran. Jeden Zweifel an meiner Offenheit begrub ich unter neuen Einträgen. Doch dies wurde zu einer Gratwanderung, je stärker ich das Gefühl bekam, ein Publikum zu haben: Je öffentlicher ich mich fühlte, desto öffentlicher, also weniger privat, schrieb ich. Die Fähigkeit, das Allgemeingültige, das Beispielhafte in meinen Geschichten zu betonen, ging in diesem Prozess verloren. Die fragile Balance zwischen dem übertriebenen Seelenstriptease und der magischen Überzauberung meiner Welt, zwischen der privaten Freundesanalyse und der soziologischen Generalisierungswut. Ich verlor das Gefühl für Distanz, für die Mitte, für ein Leben zwischen den Polen. Es gab nur noch sehr politisch oder sehr privat. Ich entschied mich für das erste. (Besonders auch, da die Fähigkeit zur Fiktionalisierung meines Selbst nur gering ausgeprägt ist.)
Ich bedauerte das oft und hielt es für eine Fehlentwicklung. Manchmal beruhigte ich mich damit, dass es nur eine Phase der Prüfungsanstrengung sei und meine oftmals besondere Wahrnehmung nur darunter gelitten habe. Manchmal erklärte ich es ironisch, dass all das Blogschreiben doch nur eine Masche gewesen sei, eine Freundin zu finden. Oder psychologisch damit, dass das Schreiben nur durch fehlende soziale Kontakte begründet gewesen sei. Aber all das hilft nun nicht weiter. Mein Blog steht vor einer Neuausrichtung.
Doch wohin? Das Politische und das Soziologische reizen mich. Das Persönliche hält sich zurück. Die Fantasie kommt in Wellen – die Zweifel am eigenen Können auch. Ich werde mich wohl treiben lassen und abwechselnd auf beiden Welle surfen. Etwas anderes ist (vorerst) nicht möglich. Solange zumindest, wie ich noch regelmäßig in dem Anspruchsfehlschluss verharre, dass die ganze Welt auf mich blicke, anstatt zu erkennen, dass das doch nur ich selbst bin.

So

Nun ist es soweit. Je suis prêt.
Ich habe meinen Abschluss. Ich werde nun, wenn ich die Urkunde demnächst in den Händen halte, ein Magister Atrium sein, also ein Hofschullehrer, eine bessere Übersetzung für diesen schönen Titel (samt Tippfehler) finde ich leider gerade nicht.

Untergang und Neuanfang

Nachdem ich vor einiger Zeit von meinem ebenso angestammten wie anonymen Blogspot-Account auf die privat auszugestaltenden Unterseiten des weitaus bekannteren Urbandesire umgezogen war und dieser mit einigen unschönen Problemen bei seinem Hoster zu kämpfen hatte, was letzten Endes dazu führte, dass er und mit ihm ich (was der Hoster natürlich nicht ahnen konnte – für ihn war ich vermutlich nur eine IP-Zahlenkombination und eine unsortierte Datenmenge) gekündigt wurde, wir also quasi vor die Tür gesetzt worden waren und diese heimatlose Situation – wie in den meisten Fällen – zu einer Neubesinnung (allerdings ohne Schuldzuweisungen) unter den einstmals innig auf einer Seite, in einem Heim vereinten, führte, da Marcus nun wollte, dass wir getrennter Wege gehen sollten, jeder von nun an für sich selbst verantwortlich sein sollte, dass er die Rolle meines Interneterziehungsbeauftragten (Eltern haften für ihre Kinder, Marcus haftet für Klingsor) nicht mehr spielen wollte, nachdem er dies beschlossen hatte und für sich selbst ein neues Heim eingerichtet hatte und meine angestammte Adresse einen Tag einsam vor sich hin dümpelte, kam erst der Imperialist Sedoparking und dann ein Ire oder Schotte, der sich meine aus der Not geborene Adresse einverleibte und sie für mehr als 60 Euro zurückkaufen lassen wollte, nachdem also all dies neben meinem bestehenden Prüfungsstress kulminierte, beschloss ich endlich eine neue Adresse einzurichten. Auf dieser befindest du dich jetzt.
Was in der nächsten Zeit hier zu finden sein wird, kann ich nicht vorhersagen. Ich vermute ja noch immer, dass es bei mir demnächst eine Blog-Renaissance geben wird und mein Blog nach der klassisch-antiken Phase, nach dem dunklen beitrags- und ideenarmen Mittelalter endlich wieder in eine Phase der Erneuerung eintreten wird und dass ich demnächst das Tor zur Moderne öffnen werde. Der vorläufige Starttermin der Renaissance wird Mittwoch der 18.07.2007 sein.