inicio mail me! sindicaci;ón

Klingsors Letzter

Archive for April, 2007

Das Studium, ja.

Ich habe nun 75 Prozent meiner Abschluss-Note erwirtschaftet. Noch zweimal mündlich und ich bin raus.
Langsam verstehe ich, was ein Dozent einmal eher beiläufig meinte: “Das Studium ist nur ein psychosoziales Moratorium.” Nicht nur, weil ich den Aufschub des wahren Lebens am eigenen Leib spüre, sondern auch, weil es einen Eintrag dazu in der
Wikipedia gibt.

30 Jahre Deutscher Herbst – Schützenhilfe für die neue Innenpolitik?

Manchmal muss man sich fragen, warum bestimmte Themen zu einem bestimmten Zeitpunkt in den Medien behandelt werden. Der Mord an Generalbundesanwalt Buback zum Beispiel. Vor zwei Wochen hätte der große mediale Rückblick erfolgen müssen, denn am 07.04.2007 jährte sich das Attentat zum 30. Mal. Der Spiegel hat das leider verpasst. Daher macht er nun zwei Wochen später eine ganz neue Dimension des Falles auf und will das der Mord wieder aufgerollt wird. Die mediale Diskussion entwickelte sich hauptsächlich durch diese Spiegelstory weg von der Schuldfrage des inhaftierten Christian Klar und einer Rechtfertigung für dessen Begnadigungsgesuch, hin zu dem Wunsch der Aufklärung des Mordes. Heribert Prantl hat in der Süddeutschen sehr ausführlich dargelegt, wieso zum einen die Quelle für die neuen Aussagen, Peter-Jürgen Boock, nicht glaubwürdig ist (von der Staatsanwaltschaft als der “Karl May der RAF” bezeichnet), dass bisher keine Indizien auf den neuen Beschuldigten verweisen und dass es kein Justizskandal ist, das die Morde damals nicht komplett aufgeklärt wurden.
Warum also bringt der Spiegel diese unglaubwürdigen Anschuldigungen? Ich habe in der vorigen Woche die Onlineausgaben der großen deutschen Zeitungen nach Kommentaren zu Wolfgang Schäubles Plänen für eine neue Sicherheitsarchitektur durchsucht. Süddeutsche und Zeit sind deutlich dagegen, FAZ ist nicht deutlich dagegen. Beim Spiegel wurde ich erstaunlicherweise nicht fündig. Kein Kommentar (online) zu diesem hochbrisanten Thema. Früher wäre der Standpunkt des Spiegels klar gewesen.Heute leider nicht mehr. Wäre es sinnvoll gewesen sich gegen Schäubles Pläne auszusprechen, wenn man in der nächsten Woche mit einer großen RAF-Geschichte aufwartet? Das klingt zunächst ein wenig verschwörungstheoretisch, wird aber auf den zweiten Blick verständlich.
Wir befinden uns im 30. Jahr nach dem “Deutschen Herbst”, dem schrecklichen Jahr des RAF-Terrors, und das Innenministerium unter Schäuble (und mit ihm die CDU) will einen Rechtsstaatsumbau durchsetzen, der Bürgerrechte im Angesicht der terroristischen Bedrohung nicht mehr vorsieht. Warum sollte man in dieser Situation den alten Terror nicht noch einmal heraufbeschwören? Dann wird es der Bevölkerung auch deutlicher, dass so etwas in deutschen Landen möglich ist. Und damals hatten wir nicht die technologischen Möglichkeiten, die wir heute haben. Warum sollten wir sie also nicht nutzen? Heute hätte wahrscheinlich die Überwachungskamera einer Tankstelle, eines Hotels den Mord aufgezeichnet. Ungeklärt wäre er heute nicht geblieben. Das sind mögliche Schlussfolgerungen. Ob allerdings solche direkten Bezüge genutzt werden, ist sehr fraglich, da dies, wenn die Debatte noch nicht warm gelaufen ist, auf den Sprecher selbst zurückfallen kann.
Die Titelstory des Spiegels hat die Debatte eröffnet. Sie kann später nach Belieben weiter geführt werden, wenn sie einmal im Bewusstsein der Bevölkerung neu verankert wurde. Die Botschaft wird lauten: Die Bedrohung war und ist real.

Ungetanes

Eigentlich hatte ich mir für die erste Thüringer Bloglesung Großartiges ausgedacht. Ich wollte, da ich Bloglesungen vor einiger Zeit schwer kritisiert hatte, mehr Internet und mehr Blog bieten, statt einfach nur alte Texte vorzulesen. Um die Pointe bereits vorwegzunehmen: Der Mut verließ mich aus diversen Gründen äußerst frühzeitig, so dass ich es nicht einmal wagte, “einfach” nur Texte zu lesen.
Aber ungeachtet dessen, hier nun meine Ideen, just so, als ob ich sie gleich ausführen würde. Am Anfang wollte ich völlig vermummt auf die Bühne kommen. Dann würde ich mit jedem Satz meines Textes eine Schicht ablegen. Da mir hierfür allerdings die Pointe fehlte (sollte ich mich komplett ausziehen, das wäre drastisch genug gewesen, eine Pointe zu ersetzen, oder sollte ich mir auch noch eine Maske abstreifen, um auch die letzte Haut zu entfernen), verwarf ich den Plan bald. Dummerweise fällt mir jetzt eine gute Pointe ein: Schön wäre es gewesen, unter all diesen Kleidungsschichten, unter all dieser Vermummung einfach nur ein überdimensioniertes VW-Logo auf meiner Brust zu haben, einfach nur einen zugeworbenen Körper zu haben. Aber diese Pointe kam nun sowieso zu spät.
Als nächstes plante ich keinen Text zu lesen, sondern eine Rezension meiner Lesung zum besten zu geben und just in den Momenten, das zu zeigen, was in der Lesung kritisiert wurde (kein Kontakt zum Publikum, schaut immer nur nach unten, nuschelt, etc.). Im Anschluss daran hätte ich noch einen Kontrasttext gelesen, in dem jemand über den arroganten Schnösel und dessen ichverliebte Nightclubbing-Geschichten schreibt und natürlich hätte ich mich auch dementsprechend verhalten. Aber da ich keine Zeit und keine Fantasie hatte diese Texte noch zu schreiben, verlor sich dieser Gedanke schnell.
Als einfachere Variante zu diesem Eigene-Texte-Schreiben hatte ich geplant, die Struktur der Blogs in Leseform zu verdeutlichen. Das Konzept nenne ich “Linkhopping” oder in der Lesung hätte ich es, um mich darüber lustig zu machen, “Linkfollowing” genannt. Man steigt bei irgendeinem Blogeintrag eines Schreibers ein und liest ihn bis der erste Link kommt. Diesem Link folgt man sogleich und liest diesen Text wiederum bis zum ersten Link. Und so weiter und so fort. Allerdings fand ich in den zehn Minuten, die ich mir für die Recherche Zeit nahm, keine ordentlich langen Linkketten, immer wieder verrannte ich mich in PDFs oder auf Firmenseiten. Heute modifizierte ich es ein wenig und fand immerhin einmal eine etwas längere Kette. Nachdem ich anfangs in diesem Spiel Wikipedia als Selbstreferentialitäts-Sackgasse noch verteufelt hatte, erkannte ich, dass gerade Wikipedia hier die besten Chancen bietet, problemlos voran zu kommen. Allerdings muss man sich die Regeln des Spiels vorher gut überlegen: Wichtig ist, dass man bei Wikipedia nicht den Spracherläuterungen (griechisch, latein) folgt (dies passiert sehr leicht, wenn man immer das erste Wort nimmt). Eine variable Regel ist hier angemessener. Ich habe es einmal mit dem dritten Wort durchprobiert und einmal mit bis zehn ansteigenden und dann wieder zurückgehenden Zahlen. Als Ergebnis präsentiere ich nun nur die Wortfolge, die sich durch konsequentes Wikipedia-Linkhopping vom Ausgangswort Sex ergeben hat.

Regel: Dem ersten Wort folgen (auch Sprachangaben):
Sex – Latein – Sprache – Mensch – Säugetiere – Klasse (Biologie) – Systematik (Biologie) – Griechische Sprache – Neugriechische Sprache – Griechen – Indogermanen – Muttersprache – Unterricht – Lehrveranstaltung – Arbeitsgemeinschaft – Arbeitsweise – Methodik – Adjektiv - Deutsche Sprache – Germanische Sprachen – Indogermanische Sprachen – Sprachfamilie - Genetische Verwandtschaft (Linguistik) – Sprachwissenschaft – Semiotik
(Man kommt mit dieser Regel, wie man erkennen kann, aus der sprachwissenschaftlichen Schiene nicht mehr heraus.)

Regel: Dem dritten Wort folgen (auch Sprachangaben):
Sex – Geschlechtsverkehr – Penis – Skrotum – Hoden – Indogermanische Ursprache – Lautwandel – Phonologie – Sprachwissenschaft – Strukturwissenschaft – Methode – Methodik – Wissenschaft – Erkenntnis – Einsicht – Wolfgang Köhler (Psychologe) – Tallinn – Finnischer Meerbusen – Brackwasser – Süßwasser – Wasser – Sauerstoff – Periodensystem – Periode des Periodensystems – Gruppe des Periodensystems – Chemisches Element
(Diese Regel ist, wie man sieht, weitaus ergiebiger. Besonders stolz bin ich auf den Sprung von “Erkenntnis” über nur fünf Links zu “Brackwasser”. Aber man erkennt auch hier, wenn man sich einmal in einer Sackgasse verrannt hat (hier Chemie), kommt man nur schwer wieder heraus.)

Regel: Ansteigend bis 10, dann wieder absteigend (ohne Sprachangaben):
Sex – Sexualität – Geschlecht – Genetisches Geschlecht – Diploidie – Gonosom – X-Chromosom – Frau – Weib – Deutschenspiegel – Schwabenspiegel – Sachsenspiegel – Gesicht – Mimische Muskulatur – Augenmuskeln – Glatte Muskulatur – Blutgefäß – Herz – Durchblutung – Organ (Biologie) - Zelle (Biologie)
(Diese Regel wirkt hier erstaunlich sinnkonstant.)

Hoffentlich werden im Linkhopping bald Weltmeisterschaften ausgetragen, hoffentlich gibt es bald Menschen, die versuchen, den perfekten Algorithmus zu finden und Philosophen, die versuchen, diese Wortketten zu entschlüsseln. Vielleicht hätte ich ja durch einen geschickten Auftritt und durch eine geschickt platzierte Wortkette auf meinem Körper diese wunderbare Spiel schon gestern bewerben können. “Doch dazu fehlte ihm leider der Mumm.”

Nachtrag zur inneren Sicherheit

Hiermit empfehle ich jedem, der den Stand der Planungen zur Einschränkung der Bürgerrechte, zur flächendeckenden Überwachung und Erfassung des Einzelbürgers nachvollziehen will, den Schwerpunkt zur Überwachung in der ZEIT. Auf diesem Felde kommt die Zeit ihren liberalen Wurzeln nach, auch wenn kritische Kommentare nur spärlich im gesamten Schwerpunkt gesät sind.
Die Überwachung durch die LKW-Maut-Stationen deutet an, wie relativ und zeitlich begrenzt Aussagen über die Querverwendung von gespeicherten Daten sind. Der Bundesinnenminister erklärte gestern im ZDF-Interview, es habe einen Mordfall in Baden-Württemberg gegeben bei dem zur Fassung des Mörders die Daten der Autobahnkameras angefragt wurden. Dies sei aber laut bestehender Gesetzeslage nicht möglich gewesen, und da hätte man sich in diesem Fall natürlich gefragt, warum es zur Fassung eines Mörders nicht möglich sein solle, diese immerhin erhobenen Daten auszuwerten. Hinfällig alle Versicherungen, dass die Daten für keine anderen Zwecke eingesetzt werden. es war ja ein Notfall. Das ist die übliche Vorgehensweise der Aushöhlung der bürgerlichen Rechte. Man setzt etwas als unbedenklich und harmlos durch, als etwas, das mit nichts anderem verknüpft ist, dann später aber, wenn man eine emotionale Debatte über einen besonderen Fall (Mord, Kinderschändung, Terroranschlag) hat, kann man mithilfe dieser Emotionen die künstlich gezogenen Grenzen zwischen den Überwachungsapparaten überwinden. Nicht auszudenken, was ein Terroranschlag momentan für eine Wirkung hätte.
So funktioniert das auch mit den Überwachungskameras. Sie sind nur vereinzelt installiert, aber in einem Ausnahmefall können sie auch konzertiert verwendet werden.
Oder aber die Vorratsdatenspeicherung: Mit wem ich wann, wo (Ort und Bewegung) telefoniere wird erhoben. Von wem ich wann auf welchem Rechner, welche E-Mails erhalte. Welche Seiten ich im Internet ansteuere, wie lange ich dort verweile. Man muss sich, um die Möglichkeiten dessen zu erkennen, vorstellen, ein kritischer Kommentar beispielsweise über die Verfahrensweise des Staates dem Kommentator gegenüber sei auf einer Internetseite veröffentlicht worden. Die Person wurde sowieso schon per Trojaner überwacht, daher fällt es leicht, den Provider zu kontaktieren, den Beitrag und die Seite schließen zu lassen. Der Betroffene sendet nun seinen Beitrag an Freunde, die allein durch die Überwachung des E-Mailverkehrs nun auch betroffen und im Raster gelandet sind. Sie können den Beitrag auch nicht mehr veröffentlichen. Soweit sind wir sicherlich noch nicht. Aber die Möglichkeiten werden durch die Vorratsdatenspeicherung gegeben sein.
Die Gesundheitschipkarte, die derzeit angestrengt geplant und getestet wird, auf der sich entweder all unsere Krankheiten, Arztbesuche und Medikamente direkt gespeichert befinden oder die via “sicherer” Datenleitung mit einem großen Datenspeicher verbunden sein wird. Sie ist notwendig, weil es jährlich millionenfachen Mißbrauch der bisherigen unsicheren Karte geben soll und weil es millionenfach zu Unverträglichkeiten zwischen zwei verschriebenen Medikamenten kommt. Auf dieser Karte kann dann vermutlich jeder Arzt die eigene Krankheitsgeschichte (bei noch so verschiedenen Ärzten entstandene) nachlesen. Besonders prekär wird es natürlich bei psychischen Erkrankungen.
Der Personalausweis mit Bild und biometrischen Daten oder aber dem Fingerabdruck soll zunächst natürlich auch nur den Personalausweis fälschungssicherer machen. Die erhobenen Daten sollen auch nicht gespeichert werden. Aber was passiert, wenn doch wieder mal ein Notstand eintritt und es doch sinnvoll wäre, diese Daten zu haben und zu vergleichen.
Eine andere Entwicklung findet auf unternehmerischer Seite statt: Geomarketing und RFID-Chips. Man kann sich wunderbar anschauen, wie Geomarketing funktioniert, wenn man auf die Schnupperseite der Gesellschaft für Konsumforschung gehen und sich verschiedene Daten der verschiedenen Wohnviertel und Straßen anzeigen lassen (Einkommen, Sportlichkeit der Hausbewohner, soziale Zusammensetzung (Rentner, Jugendliche, Familien, Ausländer), Kaufverhalten. Das solche Daten bereits heute verwendet werden, listet der Zeitartikel beispielhaft auf (beispielsweise wird einigen Menschen, deren Adresse auf ein Problemviertel verweist, bei großen Onlineshops die Möglichkeit verweigert per Rechnung zu zahlen, da die Zahlungsmoral in diesem Viertel zu gering ist.)
Durch die quadratmillimetergroßen RFID-Chips sollen Waren identifizierbar sein. Das ist, wie so oft schon geschrieben, der Traum eines jeden Lagerverwalters und Supermarktbesitzers: Man weiß genau, wieviel Ware noch vorhanden ist und wievil rausgegangen ist. Beim Verbraucher sollte diese Technik allerdings enden. Mit einem Leser könnte man sonst ein genaues Konsumprofil des vor einem stehenden Gesprächspartners machen. Gestritten wird daher noch darüber, ob die Chips hinter der Kasse zerstört werden sollen, und wenn ja wie die Chips überhaupt zerstört werden können.
Das war nun nur ein kleiner und mit wenig (aktuellem) Material belegter Überblick über einige gegenwärtige Entwicklungen. Möglicherweise werde ich das demnächst noch aktualisieren.

Zwischendurch Politisches

Da ich aufgrund von Stress durch Prüfungen und der damit einhergehenden Fantasielosigkeit nur noch wenig hier Schreiben kann, will ich immerhin dem nachgehen, was sich in letzter Zeit zu einem weiteren Ansatzpunkt meines Schreibens entwickelt hat: das Politische.

Daher auch ein neuer Link in meiner Blogroll: Der Spiegelfechter. Ein ebenso gut recherchierter wie auch verfasster Blog, der sich tagesaktuellen Themen widmet. Als Einstieg empfehle ich die Lektüre und die damit verbundene Linksammlung zur Causa Schäuble und der Rechtsstaat. Angefangen mit dem Maßnahmenkatalog Schäubles zur Errichtung der neuen “Sicherheitsarchitektur”, kurz beschrieben in der Zeit, weitergehend zu einer realitätsnahen Beschreibung des zukünftigen Alltags, hin zu zwei theoretischen Artikeln im Parlament und in der Süddeutschen.

Überbewertete Argumente

Es ist ein alter Irrglaube, der vermutlich aus der Zeit der Aufklärung stammt, dass man Menschen mit Argumenten überzeugen könnte. Aber die Nennung oder gar Aufzählung von Argumenten bringt nur dann etwas, wenn beide Seiten nicht emotional beteiligt sind. Wie ein Freund von mir einmal sagte: “Man wird niemals auf der Sachebene miteinander reden und debattieren können, wenn die Beziehungsebene ungeklärt ist.” Das gilt besonders auch dann, wenn man die Sicht des Anderen, dessen Erfahrungen gar nicht kennt und man somit eigentlich auch keine besondere Beziehung zueinander hat. Man sieht dann bloß einen erbitterten Kampf mit Argumenten gegen sich, ohne auch nur zu wissen, warum man eigentlich angegriffen wird. Und auch die eigene Verteidigung wird dann als Angriff gewertet. Argumente sind dann nur noch Schleier, unter denen man seine Fäuste verbirgt. Der genannte Freund fragte dann weiter: “Hast du es jemals erlebt, dass irgendjemand durch Argumente (!) überzeugt wurde und seinen vorherigen Standpunkt revidierte?” Das Maximum war in meiner Erfahrung ein – wie auch immer geartetes – “Ja … , aber…”. Jeder Mensch hat Gründe und Erfahrungen, auf denen seine Vorstellungen und Handlungen basieren. Und die lassen sich nicht durch Argumente widerlegen.
Ein einfaches Beispiel mag das illustrieren: Wie können Menschen nur einen Stierkampf ästhetisch finden, wie können sie sich nur an einer Inszenierung des Tötens erfreuen? Fragen, die ich einem Spanier stellen könnte. Es gibt dutzende Argumente, die ich im Zuge dessen anführen könnte, ohne auch nur ansatzweise den Erfahrungskern des Spaniers zu berühren. Erst, wenn ich auch seine Position kenne, wenn ich weiß, warum er so denkt, warum er damit diese Gefühle verbindet, kann ich ihm meine Seite, meine Erfahrungen schildern. Es geht dabei nicht darum, ihn zu überzeugen, das wird man selbst dann nicht schaffen, wenn man dessen eigenen Erfahrungsschatz gegen ihn verwendet. Wenn man jemanden in die Ecke drängt, reicht er einem nicht die Hand zum Frieden, sondern nur, um mit der anderen Hand den finalen Stoß vorzubereiten.
Ein sehr interessantes Projekt, das gerade auf dieser Überlegung aufbaut, ist das Projekt “Compassionate Listening”. Dort wird versucht in einem der wohl härtesten Konflikte weltweit, dem zwischen Israel und Palästina, die Fronten abzubauen: “God gave us two ears and only one mouth, that we should listen twice as much as we speak.”
Das klingt ein wenig esoterisch und hippiesk nach dem alten “Wir haben uns alle lieb”, ist aber meines Erachtens eine Voraussetzung für das tägliche Miteinander. Leider gelingt es nur Wenigen von ihrem eigenen Standpunkt, von ihrem eigenen Selbst zu abstrahieren und zu erkennen, dass der Andere, der vor einem steht, einen ebenso berechtigten Standpunkt hat.
Was nun aber, wenn der andere einem unablässig ins Gesicht schlägt? Es wird wohl niemand in diesem Fall fragen, warum er das denn macht und mitfühlend auf die Geschichte seiner schrecklichen Kindheit warten. Allerdings muss man hier zwischen realem und symbolischem Schlagen unterscheiden. Niemand weiß, dass er mich verletzen kann, wenn er den (für ihn normalen) Satz X sagt. Solange ich nicht weiß, dass er mich absichtlich treffen will, sollte ich auch nicht zurückschlagen. Wenn er aber meine Achillesferse kennt und bewusst hineinschlägt, ist es meines Erachtens wenig sinnvoll noch zurückzuschlagen, sondern lieber getrennter Wege zu gehen. Wer will schon einen Freund, der einen bewusst verletzt?
Öffentliche Diskussionen, in denen solche Beziehungen nicht bestehen, gleichen allerdings eher einem Kampfspiel auf einem alten Computer: Wenn der eine es geschafft hat, einen besonderen Move zu machen, muss der andere erst einmal untätig zusehen, wie seine Figur (!) verletzt wird, bevor er seinen nächsten Angriff starten kann, bei dem der andere nur zusehen kann.

Crunchy Letters

Manche fragen sich wahrscheinlich, was der wunderbare Darsteller des Schokoladenherstellers Mr. Milton von der Whizzo Chocolate Company (unter anderem verantwortlich für die Marke “Crunchy Frog” und “Ram’s bladder cup”) heute macht. Terry Jones schreibt sehr erfolgreich offene Briefe für den Observer. Nachdem er 2003 Bushs Irak-Politik erfolgreich anhand eines Nachbarschaftsstreit veranschaulichen konnte (bestes Zitat: “My wife says I might be going too far but I tell her I’m simply using the same logic as the President of the United States. That shuts her up.”), hat er sich nun sehr intensiv mit den Folterpraktiken des Irans auseinandergesetzt: Call that humiliation. No hoods, no electric shocks, no beatings. These iranians are clearly an uncivilised bunch. (via Spiegelfechter, der auch eine deutsche Übersetzung bietet)