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Archive for März, 2007

Wir sind München! Ein Bericht von der Freudesfront

Jena ist das München des Ostens! Freudetaumelnd lagen wir uns heute in den Armen. Das hatten wir nicht erwartet. Glückstrunken schluchzte ein Freund von mir: “Man sieht sich ja so selten von außen, und dann … (unverständlich, weil ihn die Freude übermannte) … ja, ja, und da weiß man nie, wo man steht.” Ich pflichtete ihm gedankenversunken bei und meinte, treu dem Motto unserer Universität zum Jubiläum 2008 bereits heute folgend: “Wir leuchten, wir leuchten!” Und dann, als ich meinen kleinen Fauxpas bemerkt hatte (es heißt ja “Lichtgedanken”), ergänzte ich schnell noch: “Wir denken, wir denken!” Dann stimmten wir alle in einen Chorus ein und sangen die alte Volksweise “In Jene investierts sich bene”. Anfangs waren wir nur wenige, die um den alten Hanfried standen und unser Lied trällerten, doch dann gesellten sich die Touristen zu uns, die Mütter, die Rentner, die Studenten, die Arbeitslosen, der Stadtrat, die Skinheads, die Punks und ihre Freunde, die Manager, die Intershopper und die Fleischer. Später, noch mit dem Lied und der Harmonie im Ohr übertrugen wir die frohe Botschaft in jedes Fensterlein und zu jeder Tür hinein.
Als es dann wieder ruhiger wurde und sich die Sonne unserer Freude dem Westen und damit dem Untergang zuwandte, kamen auch schon, wie es sich für eine so hochphilosophische Stadt am Abend gehört, die hochphilosophischen Gedanken zurück.
Ich verfasste ein kleines Pamphlet, dass es gefährlich sei, sich als Elite zu definieren, dass man mit Anschlägen rechnen müsse, wenn die soziale Kluft zum Umland noch größer werde, und man möglichen innerjenensischen separatistischen Tendenzen bereits heute zuvor kommen müsste. Ich schrieb, dass wir als Leuchtturm die soziale Pflicht hätten, unserem Umland und dessen Bevölkerung den Weg aus ihrer lichtlosen und düsteren Existenz zu leuchten und ihnen trotz ihrer strukturellen Defizite ein positives Beispiel zu sein. Als ich fertig und die Tinte getrocknet war, stieg ich auf den Turm und ließ das Pamphlet auf Jena hinabsegeln. Als ich sah, dass sich mein philosophisches Manifest banalerweise in einem Looping der stillgelegten Minigolfbahn unterhalb des Turms verfangen hatte, stieg ich hoch enttäuscht in mein unaufgeklärt gebliebenes Jena hinab und begann mich tief enttäuscht dem Stammtischphilosphieren hinzugeben.
Als ich mein tiefschwarzes Schwarzbier vor mir sah, wurde mir etwas glasklar: Das schöne ist, dass wir München sind, ohne Münchner sein zu müssen. Wir müssen nun nicht überkandidelt durch die Straßen lustwandeln, müssen nicht karrieregeil an den Fahrstühlen in die obersten Etagen der Hochhäuser Sturm lecken, müssen nun nicht tagein tagaus nur noch oberflächlich Konversation betreiben, um dann abends mit rotschalumhangen Kunstkenner-Bekannten Vernissagen mit nasaler Stimme und herabhängender Hand als imposant zu loben. Nein, wir bleiben Jenaer: Wir haben weder Hochhäuser, von denen man Pamphlete segeln lassen oder deren sozialen Fahrstuhl man belagern kann, noch haben wir Kunst hier, die sich rotweingoutierend bestaunen ließe. Das wird uns wohl weiterhin vor dem schlimmsten bewahren.

Ein andalusischer Hund. Über Fantasie und Entsprechung

Gestern sah ich zum zweiten Mal “Ein andalusischer Hund” von Dali und Bunuel. Diesmal als Stummfilm, mit der Live-Vertonung durch ein Streichquartett. Ein Musiker sprach ein paar einleitende Worte und sagte, dass der Film ihm jedesmal eine neue Perspektive eröffne und jeder seine eigene Interpretation habe, die (natürlich auch) richtig sei.
Vermutlich wurden über diesen Film bereits ganze Regalmeter an Büchern geschrieben. Und möglicherweise war die Einstellung der meisten gestrigen Kinobesucher auch richtig, dass dies ja Kunst sei und man dazu, wenn man dies denn vorher wisse, ein Glas Rotwein trinken müsse. (Man muss sich das vorstellen: Rotwein zu diesem Film!)
Ich habe nur eine Idee durch diesen Film bekommen, nur eine einzige Vermutung durch diese enorme Verstehenskluft und das zeitgleich vorhandene Wissen darum, dass es eigentlich nicht an meiner mangelnden Fantasie liegen kann, diese zu überbrücken:
Ein Film ist für mich dann nicht mehr fantasievoll, wenn es für jedes Bild eine Eins-zu-Eins-Entsprechung gibt, wenn jedes Bild genau eine Bedeutung hat. Dann ist es kein fantasievoller, kein die Vorstellungskraft herausfordernder Film mehr, sondern nur ein Film, der in einer anderen Sprache verfasst wurde, eine Sprache, zu der nur der Autor oder Regisseur Zugang hat und deren Magie allein darauf beruht, dass man sie zuvor noch nie gehört hat und ihren neuen Klang so betörend anders findet. Aber – und das ist ihr Problem – sie klingt nicht im Betrachter nach, sie erzeugt kein emotionales Echo. Jede individuelle Bedeutung würde durch die Rationalität der Übersetzung verloren gehen. Man würde das Leben des Regisseurs betrachten, seine Frauen, seine Ängste, seine Eltern, würde intertextuelle Bezüge suchen, Briefe interpretieren und so weiter. All das schafft Distanz zum Film.
Allerdings ist die Hermetik der Bildersprache ein grundsätzlicher Aspekt jeder Kunst. Jeder Künstler muss seine eigene Sprache entwickeln. Worum es mir hier allerdings geht – und was meines Erachtens in dem Film missachtet wurde – ist die Offenheit für Interpretationen. Die Bilder sind zu konkret, zu speziell. Sicherlich ist es kulturgeschichtlich wertvoll, dass Dalis Bildwelten verfilmt zu sehen. Doch mehr auch nicht. Im Endeffekt spiegelt solch ein hermetischer Film, solch ein fremdsprachiger Film nur Dali selbst wider, dessen Selbstverliebtheit und Egozentrik. Vielleicht ist er daher ja genau etwas für Kunstliebhaber, vielleicht ist er genau deshalb Kunst.

Konsolidieren oder Verprassen

Sehr schön, sehr schön. Frau Merkel blockt alle Begehrlichkeiten ihrer Minister ab (das möchte man sich eigentlich gar nicht vorstellen). Es geht trotz steigender Steuereinnahmen vornehmlich um eine Haushaltskonsolidierung. Peer Steinbrück wird laut Handelsblatt (kostenlos dank gestriger Lesung) vom EU-Finanzkommissar gelobt für seinen strikten Konsolidierungskurs. Daher nur zwei Fragen: Gehört die Unternehmenssteuerreform (minus 5 Milliarden, vermutete Effekte in ?? Jahren) auch zum strikten Konsolidierungskurs? Gibt es denn, wenn es um soziale Ausgaben geht (Einschränkung aufgrund der Ausnahme aus Frage 1), nur die Wahl zwischen Konsolodierung und Verprassen? So klingt es zumindest.
Es ist immer wieder interessant zu betrachten, welche Alternativen in einem Diskurs zur Wahl gestellt werden und wie sie betitelt werden. Das Wort Konsolidierung selbst klingt so wunderbar deutsch und positiv. Jede andere Ausgabenpolitik kann neben der Konsolidierung nur negativ wirken. Wenn man solch ein Wort erst einmal in den Diskurs eingeschleust hat, kann man wunderbar neue Ausgabenvorschläge, als einmalige irrationale Begehrlichkeiten abklassifizieren, die nur dem lustvollen Verprassen der Steuermilliarden dienen sollen. Und so etwas läge dem deutschen grundkonsolidierten Wesen doch fern.

Die schlechteren Popliteraten. Wenn Blogger lesen

Gestern erlebte ich meine erste Bloglesung. Es lasen in Leipzig Don Dahlmann, Felix Schwenzel, Katharina “Lyssa” Borchert, Don Alphonso, Thomas Kn?wer und Madame Modeste. Die Links zu den gelesenen Geschichten und die Bilder der Lesung findet man bei Thomas Gigold. Andere (äußerst positive) Eindrücke findet man in der Heldenstadt. Wer sich diese Seiten vorher angeschaut hat, sei gewarnt, hier folgt nun eine Aussenseitermeinung.

Was mir von Anfang an klar war: Die Wahrscheinlichkeit, dass jemand, der einen Blog schreibt, die darin enthaltenen Geschichten auch vorlesen kann, ist äußerst gering. Das ist ja bei den meisten Autoren so. Bei einigen Bloggern war allerdings die Vortragsfähigkeit äußerst gering ausgeprägt. Es wäre vermutlich um einiges lustiger geworden, wenn beispielsweise Felix Schwenzel seine Texte nicht gelesen hätte (was er nicht konnte, weil er, wie er im zweiten Teil selbst bemerkte, keinerlei Interpunktion las), sondern einfach frei Anekdoten erzählt hätte. Madame Modeste war ähnlich schwer zu folgen, weil sie ihre quasiliterarischen Texte, ebenso interpunktionslos vor sich hin säuselte. Positiv hervorzuheben (von der Leseleistung) war Thomas Knüwer, der sich immerhin Mühe gab und seine Novela-ähnliche Geschichte mit verteilten Rollen las. Die anderen drei lasen zwar eher unterbetont, aber doch relativ routiniert.
Im Grunde war eine solche Verteilung der Vortragskompetenz zu erwarten gewesen. Was ich allerdings nicht wusste, war, was die Blogger lesen würden. Was liest man von den vielen Einträgen, die man über Jahre verfasst hat? Die beteiligten Blogger waren scheinbar zu dem Schluss gekommen, dass sie Kurzgeschichtenähnliches vortragen sollten (eine äußerst positive Ausnahme gab es, aber dazu später). So durfte man dann alltäglich-banalem ICH-Sagen lauschen – also den Anekdoten, die die Blogger höchstpersönlich erlebt hatten (beispielsweise eine Koloskopie oder einen Arztbesuch oder eine Schulgeschichte) und die sie mit (wenig interessanten) erklärenden Aussagen über sich (beispielsweise Unsportlichkeit) anreicherten.
Aber als Geschichtenschreiber waren diese Blogger eher durchschnittlich begabt. Sicherlich, sie konnten ihren Alltag besser beschreiben als der Durchschnittsdeutsche. Das bedeutet allerdings noch nicht, dass sie irgendwie begabt sind im Geschichtenschreiben – das können tausende Möchtegern-Literaten besser. Was ihre eigentliche Begabung ist, warum man ihren Blog liest, konnte ich bei der Lesung absolut nicht erkennen. Jeder, der seinen Alltag nur halbswegs wahrnimmt, könnte solche Geschichten schreiben. Jeder, der nur 10 Minuten über eine Sache nachdenkt, könnte auf die Gedankenspiele und Pointen kommen. Das Problem war: Es gab nichts neues, nichts unerwartetes, nichts überraschendes. Man könnte das als Lesernähe oder Authentizität bezeichnen. Ich wurde allerdings wieder auf die Frage zurückgeworfen: Warum lesen Menschen (diese) Blogs? Ist das nur eine Einmann-Daily-Soap? Ist das der durchschnittliche Popliterat von neben an, der mir kostenlos jeden Tag ein paar Texte liefert? Oder konnte in der Lesung vielleicht einfach nicht das vorgeführt werden, was Blogs ausmacht?
Ich tendiere zur letzten Version, ich hoffe zumindest, dass es so ist. Wenn man Blogger ihres Netzumfeldes beraubt, werden sie zu ganz normalen Geschichtenschreibern, die ihre eigenen Geschichten noch nicht einmal gut vortragen können. Ich kann jedem nur empfehlen, sich lieber irgendwelche Popliteraten anzuhören als Blogger. Was Popliteraten schreiben, ist meist darauf ausgelegt, vorgetragen zu werden. Es besitzt einen Sprachrhythmus, eine eingewobene Sprachmelodie. Und außerdem: Sie können ihre Texte zusätzlich zu diesem textlichen Vorteil auch noch adäquat vortragen. Allerdings sind die Inhalte der Popliteraten meist ähnlich. Vortragende Blogger sind daher die schlechteren Popliteraten.
Fiktionalität ist das, was ich vermisst habe. Die meisten vorgetragenen Texte waren in meinen Augen nicht fiktional, sondern nur leicht fiktional überhöht. Das Reale macht diese Geschichten langweilig. Wozu sollte ich mir Geschichten gesprochen anhören, die ich auch jeden Tag selbst erleben kann. Ich finde es wichtig, dass man versucht, wenn man schon die eigenen Erlebnisse in einem Text verarbeitet, darin den Sprung vom Speziellen zum Allgemeinen zu schaffen oder aber das Erlebte so deutlich fiktional zu übersteigern, dass die Grenze zwischen Realität und Fiktion verschwimmt. Das ist zumindest dann wichtig, wenn man nicht von einer außergewöhnlichen oder pointierten Situation erzählen kann.
Unter all den alltäglichen Geschichten stachen lediglich die von Don Dahlmann gelesenen etwas hervor, da sie die Grenze zwischen Realem und Fiktiven ausloteten. Eine bemerkenswerte Ausnahme gab es allerdings von den Kurzgeschichten-Versuchen: Don Alphonso las einen Text über das Imari-Porzellan und die Globalisierung. Allein die geschichtliche Entfernung, die diese Geschichte zu all den anderen durchschnittlichen ichverhangenen Kurzgeschichten hatte, machte sie so herausragend. Ein sehr schöner und runder Text mit einer feinen Pointe.
(Diesen Text hätte ich aber vermutlich niemals bis zu Ende gelesen, wenn er nicht vorgetragen worden wäre. Das ist auch die besondere Ironie einer Bloggerlesung: Die Blogger lesen extra lange Texte, die in der Blogosphäre niemand bis zu Ende gelesen hätte, weil dort die Aufmerksamkeit weitaus begrenzter ist.)
P.S. Es war übrigens schade, dass die Lesenden nur strikt ihre Texte lasen und kaum eine Beziehung zum Publikum, beispielsweise durch kleine Anekdoten, aufgebaut haben. Ich vermute, das hätten die meisten Blogger ohne Weiteres gekonnt.

P.S. Es war ?brigens schade, dass die Lesenden nur strikt ihre Texte lasen und kaum eine Beziehung zum Publikum, beispielsweise durch kleine Anekdoten, aufgebaut haben. Ich vermute, das h?tten die meisten Blogger ohne Weiteres gekonnt.

Selbstverständlichkeiten

Es ist ein merkwürdiges Gefühl, wenn sich Selbstverständlichkeiten auflösen. Vorgestern fuhr ich mit dem Fahrrad zum Campus, stellte es dort ab, dann fiel mir ein, dass ich was vergessen hatte und wollte, zehn Sekunden nachdem ich mein Fahrrad dort abgestellt hatte, noch einmal losfahren (die Situation ist also tiefster Alltag). Allerdings hatte in dieser kurzen Zeit mein Fahrradschloss beschlossen, nicht mehr an meinem Alltag teilzunehmen. Der Schlüssel ließ sich nicht mehr drehen. Möglicherweise hatte sich mein Fahrrad gerade auch auf eine kleine Pause eingestellt und wäre auch wieder gefahren, wenn ich zu einem Zeitpunkt wiedergekommen wäre, auf den es sich hätte einstellen können. Das würde allerdings bedeuten, dass es meinem Fahrrad keinen Spaß macht, von mir geritten zu werden. Ein Gedanke, den ich selbstverständlicherweise weit von mir weise. (Von “reiten” kann man hier sprechen, da ich dummerweise einen riesigen Damensattel bei Ebay erstanden habe, weil ich dachte “was von Tchibo kommt, kann nicht schlecht sein”. Dass TCM verständlicherweise für Frauen produziert, vergaß ich.)
Nun hatte sich allerdings vom Grunde des Alltags eine unhinterfragte Selbstverständlichkeit gelöst. Sie war aus den Untiefen des Alltagsmeeres ans Licht gestiegen. Erst in diesem Moment merkt man, wie voraussetzungsvoll der Untergrund doch ist, über den man jeden Tag mit seinem kleinen Boot schippert.
Noch eindeutiger wird man dieses Gefühl bei Krankheiten haben. Wenn der Körper urplötzlich nicht mehr funktioniert, wenn eine Bewegung, die man sonst tagtäglich macht, nicht mehr möglich ist, weil sie Schmerzen bereitet.
Und dann passiert es: Man wird plötzlich dankbar für die Kleinigkeiten des Alltags. Als mein Schloss plötzlich wieder funktionierte (zugegebenermaßen, nachdem ich es geölt hatte), war es ein wunderbares Gefühl, weil ich es nicht mehr erwarten durfte, weil ich nun wusste, dass es nicht selbstverständlich ist.
Allerdings kann dieses Gefühl nicht lange anhalten. Ein, zwei Tage verharrt das früher Allgemeine im Schwebezustand des Besonderen, bevor es wieder normal wird.
Wollte man das Gefühl der Dankbarkeit für das Kleine bewahren, müsste man im Grunde eine Alldankbarkeit (mögliches Fremdwort: Pancharistie) entwickeln. Allerdings wüsste man dann nicht, wofür man alles dankbar sein sollte. Man könnte beispielsweise nach jeder Straßenüberquerung dafür dankbar sein, nicht überfahren worden zu sein. Besser ist es daher wohl, wenn die Kleinigkeiten des Alltags in der eben beschriebenen Form im Wechselspiel auf sich aufmerksam machen und Dankbarkeit für sich einfordern.

Schweigen

Als ich neulich den Film “Finding Neverland” sah, verstand ich meine momentane Beziehung zu diesem Blog besser.
Es geht in dem Film um den Autor J.M. Barrie und wie er die Figur des Peter Pans erfand und das Nimmerland ersann. In seiner Ehe nicht glücklich, lernt er im Park eine Witwe mit ihren vier Söhnen kennen. Gemeinsam mit diesen erlebt er einen traumhaften Sommer voller Fantasie und Schwerelosigkeit. Mit ihnen lebt er das Nimmerland, das er immer schon in sich trug. Sein heimischer Alltag ist allerdings trist, seine Frau kennt seine Fantasiewelten nicht, ist nüchtern und einsam, bis sie sich letzlich mit einem anderen Mann tröstet. Aber das ist schon zuviel erzählt. Wichtig war mir ein Dialog zwischen Barrie und seiner Frau. Sie sagt zu ihm sinngemäß: “Du hast mir nie eine Chance gegeben am Nimmerland teilzuhaben.” Die Entfernung, die zwischen beiden besteht, basiert auf dem einen fehlenden Moment des Teilhabenlassens, des Mitnehmens in die Welt der eigenen Fantasie. Und das Tragische daran: Wenn man es nicht früh wagt, sich zu öffnen, sich mitzuteilen, entwickeln sich beide Wege nur noch auseinander. Die Wege von der Kreuzung, an der man gemeinsam stand, führen in entgegengesetzte Richtungen. Und jeder weitere Meter Schweigen schafft nur noch eine größere Kluft, verdoppelt die Entfernung voneinander. Reaktion ruft Gegenreaktion ruft Reaktion hervor. Und wie sollte man, nachdem man den Blick so lange in die entgegengesetzte Richtung gewendet hat, nur seine eigene Welt im Blick hatte und sie für sich bewahrt und geschützt hatte, wie soll man da noch den Blick wenden können und die eigene Welt, dem anderen zeigen können, wie kann man dann noch wollen, dass sie sich in dessen Augen widerspiegelt.
Ich fing an, dass sich in dieser Szene mein Verhältnis zu meinem Blog widerspiegele, und endete nun doch in allgemeineren Gedanken zu Beziehungen an sich. Dennoch kann man darin noch immer erkennen, wie es ist, wenn man sich von der Möglichkeit sich (in diesem Fall) der Welt mitzuteilen, langsam verabschiedet, wie es ist, wenn sich die eigenen Gedanken, nicht mehr in den Blog übertragen lassen, weil man selbst schon so weit davon entfernt ist und sich nicht mehr umdrehen kann. Dann passiert es, dass man die eigenen Gedanken nur noch auf Minutenlänge halten kann und sie alsbald von der Schwere der Formulierung zerbröselt werden.
P.S. Ironischerweise ist dieser Beitrag, das Gegenteil dessen, was er ausdrückt. Und dennoch stimmt es. Noch.

Horizonterweiterung

Nachdem ich vor einiger Zeit mit offenem Mund den Schilderungen eines Freundes gelauscht hatte, wie man in den USA lebt, habe ich nun einen Blog entdeckt (via Titania und Yetanotherblog), der sich genauestens den kulturellen Unterschieden widmet und sie ohne Wertung beschreibt: USA erkl?rt. Mit dem schönen Untertitel: Der faktische Hintergrund, freundlich erklärt.

Es war für mich unvorstellbar, dass man sich in Städten nicht frei zu Fuß bewegen könne, sondern immer nur für jeden Weg das Auto nutzt und von diesem abhängig ist. Unvorstellbar, dass es keine Innenstädte (er bezog sich auf Atlanta) geben soll, nur Shopping Malls. Dass man “nur” die kultivierte Natur der Nationalparks kennt, die aber dafür umso besser vermittelt durch Ranger. (Nur hier in Anführungsstrichen, weil die geschützte Natur in den USA oft auch atemberaubend schön ist.)

Der Blog ist eine Quelle von sehr lesenswerten, pointierten Darstellungen von kulturellen Unterschieden. Als Einstieg empfehle ich etwas über die Höflichkeit der Amerikaner zu lesen.

Die durchgewunkene Reform

Morgen soll die große Unternehmenssteuerreform beschlossen werden. Finanzminister Peer Steinbrück begründet die Entlastung der Unternehmen damit, dass Gewinne, die in Deutschland erwirtschaftet werden, auch hier versteuert werden sollen. Damit räumt er indirekt ein, dass die Unternehmen, die es sich leisten können, das bisher nicht machen. Seine Argumentation läuft darauf hinaus, dass diese Unternehmen durch die Reform urplötzlich wieder anfangen, ihre Steuern in Deutschland zu zahlen. Das erscheint ein wenig utopisch. 3,5 Milliarden Euro sollen so nach seiner Schätzung eingenommen werden. 11,6 Milliarden wird die Reform allerdings allein die Bundeskasse kosten. Es ist merkwürdig, dass wochenlang über die Finanzierung der Kosten für Kindergartenplätze debattiert wird, die etwa 3 Milliarden Euro bis zum Jahr 2013 betragen würden, aber zugleich eine Reform durchgewunken wird, die durch die mangelhafte Gegenfinanzierung noch im nächsten Jahr ein Loch von mehr als 10 Milliarden in den Bundeshaushalt reißen könnte.
Weitere Informationen über die geplante Reform in einem ausführlichen Artikel der Jungen Welt.

Nachtrag zu Bedeutung der Blogs. Das populäre Gerede …

Vielleicht muss es sie ja wirklich geben, die Selbstüberschätzung der Blogwelt. Vielleicht kann man nur durch die Entwicklung übersteigerter Zukunftsvisionen an Boden gewinnen. Vielleicht kann man ein Land nur dann erobern, wenn man es großspurig als besetzt erklärt und alle alten Herrscher als überkommen und aussterbend. Vielleicht braucht die Blogwelt auch große Visionen, um von dem kleinen abzulenken, was sie bis dato darstellt und produziert. Vielleicht kann man nur wachsen, wenn man weiß wohin.

Vermutlich braucht jede neue Bewegung Euphoriker und Visionäre. Jedenfalls war es nun in der taz so weit, dass Stefan Niggemeier und Katharina Borchert ihre Vision f?r die Zukunft der Blogwelt vorstellen durften. Die Analyse beginnt recht nüchtern und schwenkt dann aber spontan in eine düstere Zukunftsvision um. Immerhin glauben beide nicht, dass die klassischen Medien untergehen werden. Aber sie werden in Anbetracht der Blogwelt an Bedeutung verlieren.
Daher hier noch einmal: Das Blogpublikum ist ein äußerst spezielles. Blogs werden nicht die große Masse erreichen. Die Generation ab 40 wird meines Erachtens nicht mehr anfangen Blogs zu lesen. Außerdem bietet eine Zeitung komprimiert sehr viel mehr Wissen an, als man durch gezieltes Bloglesen aquirieren kann.
Das ganze erinnert mich immer ein wenig an mein Studium. Um genau zu sein an Ulrich Beck. Er war in den 90ern der Populärsoziologe, war in allen Zeitungen, gab Interviews, war in Talkshows. Die Soziologie von Ulrich Beck basiert allerdings nur auf einem Phänomen: Der Überbetonung von Einzelfällen, die Stilisierung einer neuen Ausnahme zu einer zukünftigen Regel. Er fabulierte von der Auflösung der Grenzen des Nationalstaats, sah Menschen eine transnationale Identität entwickeln, nur weil die Rentnerin aus Deutschland nun ihren Winter in Nairobi verbringen könnte. Daneben gibt es ganze Theoriegebäude, in denen die Bedeutung der Umweltbewegungen der 80er Jahre derart überhöht wird, dass man fast gar nicht glauben kann, in welchem schäbigen nationalstaatlich-begrenzten und parteiendemokratie-unterworfenen Stahlgehäuse wir uns momentan befinden.
Diese ganze Überhöhung wird nun auch mit den Blogs betrieben und in zehn Jahren werden wir immer noch die abertausend Funblogs neben den Tagebuchblogs haben und vereinzelt dazwischen ein paar Experten, die sich die Mühe machen, sich abends nach ihrer Arbeit hinzusetzen, Themen zu recherchieren und ihr gesammeltes Wissen niederzuschreiben.

Nur so (IV)

Es ist übrigens erschreckend, wenn man bei einem Film erst ganz am Ende feststellt, dass man den Film schon einmal gesehen hat.

Gleichzeitigkeit

Immer wenn ich auf der Autobahn fahre, fasziniert mich die dortige Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen: Die Häuser, die neben der Autobahn stehen, sind nur einen Steinwurf weit entfernt und doch unendliche Kilometer von der Straße entfernt. Man müsste von dem Ort, der nur zwanzig Meter vom Haus weg ist, eine halbe Stunde fahren, um diese zwanzig Meter zu überwinden. Alles, was man von der Autobahn aus sieht, ist abgeschirmt, nahezu unerreichbar. Eine unsichtbare Grenze verläuft entlang der Autobahn – die der Mobilität. Deshalb ist es vermutlich auch so faszinierend, auf einer Autobahnbrücke zu stehen und den Verkehr zu beobachten. Man wird im Angesicht der ausgereizten menschlichen Mobilität auf die eigenen Füße zurückgeworfen, auf die vielen Kilometer, die man noch laufen muss und für die man unendlich mehr Zeit brauchen wird als diese Verleugner der Ortszeit.

Mensaszenen und Saraszenen

I
Nach dem großen Galadinner in der Abbe-Mensa schiebt ein Mathematik-Professor mit der einen Hand einen vermutlich ausgeliehenen Bürostuhl über den Abbe-Platz und mit der anderen Hand den Rollstuhl, in dem seine Frau sitzt.
II
Vermutlich durch einen dummen Zufall schloss sich die Feuerschutztür in der Abbe-Mensa zur besten Mittagszeit und versperrte den Studenten, nachdem sie die Treppe hinabgegangen waren, den Weg, so dass sie wieder zurück laufen mussten. Es war ein wunderbares Schauspiel zu beobachten, wie immer wieder Studenten hinabgingen und andere gleichzeitig wieder hochkamen. Auf die Idee, den anderen einen Tipp zu geben, kam merkwürdigerweise niemand.
III
Soweit ist es schon: Jetzt werden nicht mehr Telefonnummern ausgetauscht, sondern man kann sich gegenseitig anhand des Namens im StudiVZ finden. Ist mir heute das erste Mal passiert, ich hoffe, es war das letzte Mal.

Die Bedeutung der Blogs. Oder: Das populäre Gerede vom Niedergang der klassischen Medien

Vermutlich musste das Pamphlet einfach raus. Don Alphonso, über den selbst an Blankenhainer Bloggertischen diskutiert wird und über den gerne der überflüssige Satz gesagt wird “Man kann ja halten von ihm, was man will, aber…”, genau diese tendenziell übersteigerte Kunstfigur mit den stark menschlichen Zügen hat nun seinen Frust über die von den Verlegern missverstandene Bloggerwelt hinausgebrüllt. Allerdings gilt auch hier wie so oft: Nur weil etwas laut ist, ist es noch lange nicht richtig.
Es ist naheliegend, dass die Zeitungen ihr Revier verteidigen und die Blogs kleinreden, besonders auch, weil sie diese neue Welt kaum verstehen. Ebenso verständlich ist es auch, dass Blogs versuchen Zeitungen kleinzureden und sich als die einzig wahren unabhängigen Medien darzustellen. Da ich nun mal in einem Blog schreibe und sich die Zeitungen immerhin bemühen, die Blogosphäre zu verstehen, hier nun einige relativierende Ausführungen zur Qualität der klassischen Printmedien.
Bei den Bloggern entsteht die Klage vermutlich aus der Wut, außer den klassischen Medien, keine andere Informationsquelle zu haben. Es wird allerdings keinen Blogger geben, der auf die Lektüre der klassischen Medien verzichten kann. (Spiegel-Online bietet im Vergleich zu einer (Qualitäts-)Tageszeitung sehr wenig Informationen.) Allein durch Bloglektüre wird man nur einen kleinen Teil der Welt erfassen. Letzten Endes berufen sich die meisten Blogbeiträge auf Zeitungsmeldungen. Dies liegt zum Teil auch daran, dass die meisten Blogger nur sehr selten recherchieren und dass sie, wenn sie doch recherchieren, nicht als gleichwertig anerkannt werden.

Aber warum bringen sich beide immer wieder in Konkurrenz zueinander? Das Pamphlet von Don Alphonso behauptet sogar einen direkten Zusammenhang zwischen dem Niedergang der klassischen Medien und dem Aufstieg der neuen Medien. Das soll provokativ sein, ist aber ein eher abstruser, alter Vorwurf.
Es ist das ewig-alte Gejammere des Gestern-war-alles-besser: Die Tageszeitungen, die Jugend, das Wetter. Sicherlich die Tageszeitungen stehen unter einem größeren Druck, die Zeit für Recherchen ist gering. Bei vielen Themen werden nur Agenturmeldungen abgedruckt. Aber ebenso gibt es viele Themen, die besonders in Qualitätszeitungen sehr ausführlich behandelt werden, ausführlicher als es Blogs (je?) könnten. (Man denke hier nur an die klassische Seite 2 der Süddeutschen, auf der ein aktuelles oder weniger aktuelles Thema in seinen Facetten beleuchtet wird.) Und wenn den Zeitungen vorgeworfen wird, sie schrieben voneinander ab, dann sollten die meisten Blogger zu diesem Vorwurf schweigen, da die Blogosphäre genauso funktioniert.
Selbst wenn man dem Vorwurf des Immer-schlechter-Werdens, der so leicht von den Fingern geht, zustimmt, ist nicht klar, wie sich die Kausalität verteilt. Sind die Zeitungen qualitätsarm, obwohl es einen sehr großen Bedarf an Qualität gibt? Vermutlich richten sich die Zeitungen aber auch an ihren vermuteten Lesern aus. Wenn die Aufmerksamkeitsschwelle der vermuteten Leser geringer wird, weil das Informationsangebot breiter wird, werden sich die Zeitungen anpassen und mehr Unterhaltung präsentieren. Es kommt zudem immer auch darauf an, welche Medien man betrachtet, wenn man von Qualitätsverlust spricht: Regionalzeitungen, Qualitätszeitungen, Boulevardzeitungen?
Genauso wie die Antwort nach den Zeitungstypen zu unterscheiden ist, so muss man auch bei den Kunden verschiedene Lesergruppen unterscheiden. Die jungen Blog-Leser sind noch eher offen für die klassischen Medien als umgekehrt. Die älteren Zeitungsabonnenten werden sich wohl kaum den Blogs zuwenden. Wenn behauptet wird, dass die Leser der klassischen Medien aussterben, ist das wohl nur die eine Seite. Denn die Demographie spricht für die klassischen Medien. Die Leserschichten überschneiden sich meinem Erachten nach kaum. Bundestagsabgeordnete, Lehrer oder Fleischer werden sich nicht in Blogs informieren. Das Bloglesepublikum ist ein sehr spezielles.
Die Rolle, die in diesem Pamphlet den Blogs zugeschrieben wird, ist zu groß. Es mag zwar schön sein, das Ideal zu haben, dass Blogs Gegenöffentlichkeit sein können, aber wenn man sich die Inhalte der meisten Blogs ansieht. Ja, es gibt Blogperlen, ja, es gibt Recherche, ja, es gibt eine sehr gute Vernetzung. Aber wie ist das Verhältnis zu den unpolitischen “Ich-poste-mal-ein-lustiges-kleines-Video-Bloggern” oder zu den “Was-ich-heute-alles-so-gemacht-habe-Bloggern”? Soll die große Zukunft, die den Blogs bescheinigt wird, darin liegen, dass es eine Recherche-, oder sogar eine Meinungswelle geben wird?
Das einzige, was man dem Pamphlet entnehmen kann, ist die These, dass die klassischen Medien den Einstieg ins Web 2.0 verpasst haben. Meine These ist allerdings, dass hier von Äpfeln erwartet wird, dass sie Birnen seien, dass die klassischen Medien gar nicht das leisten können, was Blogs leisten und Blogs umgekehrt niemals Tageszeitungen sein können.
Nachtrag: Ironischerweise schreibt gerade jemand, der als Journalist sein Geld verdient, und der vermutlich durch seinen Beruf auch seinen Blog professionalisieren konnte, dass sich Tageszeitungen im Niedergang befinden. Die einzigen in seinem Sinne guten (weil kritischen) Blogs werden aber von hauptamtlichen Journalisten betrieben. So schlecht, können die Zeitungen somit also nicht sein. Die Journalisten, insbesondere Don Alphonso, betrachten Blogs eher als die Sphäre, in der sie endlich unabhängig von redaktionellen Linien endlich mal ihre eigene Meinung rausbrüllen können. Das ist es, was sie vermutlich so sehr an Blogs fasziniert und zu dem oben beschriebenen Blogbild führt.

Die Inhalte der Blogs

Gestern abend nach seiner Lesung brachte der Textspeier sein und auch mein Problem mit der Blogosphäre auf den Punkt: Das ganze basiert in seinen Grundfesten nicht auf Inhalten, sondern auf Verlinkung. Die Blogosphäre ist ein selbstreferentieller Zirkus, der nur in den seltensten Fällen Kunststücke produziert. Er funktioniert wie der beste Blondinenwitz aller Zeiten, er ist ein ewiges Weiterreichen von den wenigen Inhalten, die man produziert.
Am meisten irritiert mich dabei immer die Trackback-Funktion. Wenn ein großes Blog etwas schreibt, wird der Eintrag nicht kommentiert, sondern es wird im eigenen Blog darauf verwiesen, dass X einen Beitrag dazu verfasst hat. Will man nicht mehr miteinander kommunizieren? Wollen diese Leute nur Leser auf ihre Seiten locken? Ist diese Methode dafür geeignet? Ist es nur eine Form des Ankörperns, wie meine Mitbewohnerin es so schön nennt, eine Hommage an den Schreiber? Oder ist es nur ein neutraler Hinweis? Soll es einen informativen Schneeballeffekt auslösen? Wird es damit nicht zu einem selbstreferentiellen Lesezahlensteigerungssystem? Gibt es um jeden großen Blog ein System aus Adepten und Zulinkern, die die Leserzahlen in unregelmäßigen Abständen extra steigern? Ich bevorzuge es jedenfalls, direkt zu antworten. Das zollt dem Autor den nötigen Respekt und führt auch Leser auf meine Seite.
Ich finde es auch extrem sinnlos, seine Artikel mit Links zu überspicken. Wenn jedes Wort ein Link ist und eine Geschichte nur noch anhand der eingesetzten Links verstanden werden kann, vergeht mir jede Lust am Lesen. Sicherlich will man nicht immer alles neu erzählen, aber ein wenig mehr “Echtzeit-Lesbarkeit” würde vielen Blogs gut tun.
Ich bin wahrscheinlich einfach nicht web-2.0-fähig.