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Klingsors Letzter

Archive for September, 2006

Vergangenheitswäsche

Früher habe ich mich immer gefragt, wie es denn bei Werbung möglich ist, immer wieder ein neues verbessertes Produkt anzupreisen und nicht zugleich das alte bisher beste damit zu verdammen. Für die Werbung stellte das scheinbar kein Problem dar. Zu recht, wie ich heute feststellen muss. Denn auch die eigenen Erkenntnisse verhalten sich wie Ariel Ultra zum normalen Ariel: Wenn man sieht, was man früher nicht sehen konnte, ist das noch lange kein Vorwurf an die Vergangenheit. Solange es keinen kompletten Eigen-Relaunch gibt, wird der Erkenntnisprozess immer ein langsamer sein. Warum sollte man etwas eher von sich verlangen, als man es erkennen konnte?
Dass die Vergangenheit in den Farben der Gegenwart schöner aussähe, kann man immer vermuten. Im Grunde trägt sie sowieso die Mode der Gegenwart – nur in den verblichenen Farben der Vergangenheit. Jede neue Erkenntnis strahlt dagegen in eigenen klaren Farben, grenzt sich durch kräftige Konturen ab: Sie besitzt das leuchtende Feuer des Neuen. Das Verblassen ist in dieser Klarheit immer schon angelegt, es ist sogar lebensnotwendig für die Farben der Gegenwart – auch wenn viele Menschen gerade die eine klare Farbe, die eine eigene Erkenntnis, die sie in ihrem Leben hatten, wie ihren Augapfel hüten.

Absprung

Blogger.com ist echt scheiße. Mit absoluter Unregelmäßigkeit stürzt es regelmäßig ab. Ist es denn so schwer ein Blog-Hoster zu sein? Langsam habe ich es satt, stundenlang um die Texte zu bangen, nur weil Blogger sich entschieden hat, gerade mal wieder nicht erreichbar zu sein.
Es erinnert mich schwer an meine frühen Computererfahrungen. Als mich das Nicht-Funktionieren oft so aufregte, dass ich den Rechner anschrie, gegen Wände hämmerte, dann wieder versuchte beruhigend auf ihn einzureden, weil er ja so sensibel war. Ich dachte, das wäre vorbei. Liebe Freunde, holt mich aus diesem tiefen Blogger-Elend auf die scheinbar luftigen Wordpress-Höhen.

Between fake and fade

Sapere Aude hat seinen Blog für 151 Euro verkauft. Mir ist weiterhin unklar, ob es sich dabei nicht um eine Kunstaktion handelt. Vieles spricht jedenfalls dafür: Der Käufer ist zufälligerweise genau jemand der maximalen Profit aus dem Kauf herausschlagen will, wobei Sapere Aude den Blog wegen eben jener Kommerzialisierung der Blogosphäre verkaufte. Das also ausgerechnet ein gläubiger BWL-Student zuschlägt – nur Zufall? Das wird sicherlich auch gleich in den Kommentaren widerlegt werden.
Ein Experiment ist es trotzdem. Auch wenn viele Blogger es bezweifeln, die Blogaufmerksamkeit wird ihm für eine Weile sicher sein. Der Wandel zieht die Leute magisch auf diese Seite. Es ist so als würde eine neue Kneipe in einer alten beliebten Location eröffnen. Die alten Gäste gehen noch hin, meist nur um sich voller Abscheu und Faszination davon zu überzeugen, dass alles schlechter wird. Neue kommen auch hinzu, um zu schauen, ob es etwas für sie sein wird.
Problematisch wird es für den neuen Besitzer allerdings, wenn er Einträge jenseits der momentanen Entwicklung, jenseits des Kommerzialisierungs-Experiments schreiben muss. Noch hat es Neuigkeitswert, bald aber sind eigene Beiträge gefragt.

Geschäftsideen

Eine Idee, die wahrscheinlich jeder einmal in seinem Leben hatte, hat mich heute auch ereilt: Eine Kneipe in der Jenaer Innenstadt aufmachen. Dann kann man lange darüber diskutieren, wie sie denn aussehen und was sie ausmachen sollte, um dann doch nicht den Handlungsrubikon zu überschreiten.
Stattdessen will ich mich nun spezialisieren und der weltweit erste Handstand-Masseur werden. Fußmassage soll es ja schon geben – die Masseuse schwieg betreten als ich es versehentlich mit Trampling verwechselte – allerdings noch keine Handstand-Massage, die anspruchsvollste aller Massagekünste. Freiwillige Probanden können sich in den Kommentaren outen.

Italien, wie immer

Vor kurzem sorgte die Nachricht für Aufsehen, dass es in Italien einen privaten Geheimdienst gegeben habe. Jetzt wird bekannt, dass in Neapel Krieg herrscht. Das war keine Neuigkeit, keine News, sondern eine Altigkeit.
Vor kurzem erst habe ich die merkwürdige Idee gelesen, dass Nachrichten gar nicht neu, sondern alt sind – schön zusammengefasst in dem Slogan: news are olds. Die Nachrichtenauswahl, die Selektion aus den tausend möglichen Meldungen, aus den tausend möglichen Wirklichkeiten, leisten die Journalisten gerade auch vor ihrem eigenen kulturellen Hintergrund. Sie suchen das aus, was sich an einen bereits vorhandenen kulturellen Diskussionsstrang anknüpfen lässt, was sie sich als vermittelbar vorstellen. Natürlich gibt es auch andere Nachrichtenfaktoren (Überraschung, Konflikt, Nähe, etc.), aber gerade dieses Anknüpfen sorgt dafür, dass bestimmte Stereotype immer wieder bestätigt werden. So zum Beispiel von Italien als Land der Mafia und der Kriminalität. Möglich wäre es auch, dass es zugleich eine Nachricht gab, dass die Italiener eine neue Spezialgruppe gegen Geldfälscher ins Leben gerufen haben oder ein Staatsanwalt ein Verfahren eröffnet hat gegen einen Obermafiosi. Diese Nachrichten hätte zwar auch Nachrichtenwert (Überraschung), wären aber komplizierter zu erklären, weil man zugleich das Stereotyp erst einführen müsste, um sich dann davon abzusetzen.

Zitat VIII

“Toll, jetzt kann ich mich an- und ausschalten.”
Eine Freundin, nachdem sie zusätzlich zu den Schlaftabletten auch noch Koffeintabletten für eine 10-Tages-Exkursion gekauft hatte.

Tja, Jubiläum

Vor genau einem Jahr eröffnete ich diesen Blog.
Eigentlich war er ja nur ein klappriges Vehikel, um Frauen zu beeindrucken. Das habe ich nun geschafft. Meine einzige berichtenswerte Erfahrung also: Ein Jahr bloggen = eine wundervolle Frau kennenlernen. Anderen geht es scheinbar ähnlich. Glück ist der Blogkiller. Blogs sind Glückskiller. Vielleicht verkaufe ich meinen Blog ja auch. Das wäre dann wie ein Virus.
Aber ich wollte auch schreiben üben – und vergaß es doch immer wieder. Heute schreibe ich nicht besser als vor einem Jahr, nur anders: Poetisch verbrämt, theoretisch verquast oder absurd verbimmelt. Vielleicht werde ich ja genau das auch noch eine Weile machen: Brämen, Quasen, Bimmeln.
P.S. Ich danke auch allen, die auf meiner kleinen Feier waren. Es war sehr schön. Das mit dem Eimer hätte allerdings nicht sein müssen. Das war übertrieben. Und das mit der Katze auch. Aber ansonsten war es schon schön.

Warum meine Wünsche nie in Erfüllung gegangen sind

Immer wenn ich eine Wimper fand, die mir einen Wunsch hätte erfüllen können, legte ich sie auf meinen Daumen, dachte an den Wunsch und blies. Bösartigerweise blieb sie immer liegen. Beim nächsten Pusten vergaß ich den ursprünglichen Wunsch und wünschte nur noch, dass sie doch wegfliegen möge. Was sie auch gleich darauf tat.

Geständnis

Mit Bildern ergeht es mir wie einem Angler: Ich fange viele Kleine und nur wenige Große. Doch anstatt die kleinen zurückzuwerfen und ihnen ihre Zeit zu lassen, nehme ich sie alle, behalte sie aus Angst, keine weiteren zu fangen – und mache daraus eine verworrene Suppe.

Der Gedankenkeller

Eigentlich sind wirkliche Einsichten, eigene Gedanken sehr selten. Die meisten Gedanken rauschen vorbei wie die Abgrenzungen auf einer mentalen Autobahn: Sie sind kaum zu greifen, kaum wahrzunehmen. Erst das Stehenbleiben – sei es durch einen Unfall oder durch eine erzwungene Pause – ermöglicht ihr Erkennen. Man betrachtet sie erschrocken und stolz, wie man den grasigen Untergrund betrachten würde, wenn man zum ersten Mal das mannigfaltige Treiben auf dieser vielbetretenen Sicherheit entdeckt.
Dann holt man das Einmachglas hervor, fängt den knospenden Gedanken ein und stellt ihn in seinen Gesprächsschrank. Dort verstaubt er, bis er irgendwann einmal hervorgekramt und die Staubschicht unter kurzen hustenden Erinnerungsversuchen weggeblasen wird. Dann wird er jedoch präsentiert, als wäre er in diesem Moment gerade erst entstanden und nicht nur für diesen einen Moment – angeleint an die eigenen Überzeugungen – in die Freiheit entlassen worden. Dass er aber nur in einer vergangenen Witterung, einer anderen Sonne blühen konnte, wird vergessen. Neu blühen wird der Gedanke so kaum, eher gestutzt, bevor er dann wieder in den mentalen Keller gebracht wird. So ähnlich ergeht es auch vielen Gefühlen.
Deshalb nun mein praktisch orientierter Vorschlag: Es sollte zu jedem Gedanken, den man äußert, auch gleich dessen Herstellungsdatum und dessen Produktionsbedingungen genannt werden. War es ein Freiland-, ein Bodenhaltungs- oder ein Käfiggedanke? Wann war das Verfallsdatum?
So erkennt man möglicherweise, dass der Gedanke auch heute noch weiter gedeihen und Früchte tragen könnte.

Jane Austen für Pärchen

Eine Technik, die ich sehr gut beherrsche und aus der ich immer wieder Witze erschaffe, ist das Verhören. Es sind meist bloß kleine Wortfetzen, die ich nicht verstehe und dann verdrehe, obwohl ich genau weiß, was der andere eigentlich sagen wollte. Das ist recht lustig, wenn der andere wirklich glaubt, ich hätte ihn so verstanden.
Aber auch das bewusste Verlesen kann gut sein. Heute beispielsweise in der Neon. Das Titelthema ist diesmal “Warum die ersten dreißig Tage eine Beziehung entscheiden.” Leider (vielleicht auch zum Glück) hat sich die Neon nicht getraut, einen eigenen Artikel dazu zu schreiben, sondern nur ein Interview und acht Grundsatzfragen abgedruckt. Eine besonders Prägnante lautet zum Beispiel: “Dein neuer Partner will unbedingt ‘Stolz und Vorurteil’ sehen. Englische Literaturverfilungen, in deren actionreichster Szene ein Glas Wein vom Esstisch fällt, sind nicht dein Ding. Gleichzeitig läuft ‘Miami Vice’ im Kino. Was tun?” Abgesehen davon, dass die Frage klischeedurchtrieft ist und man immerhin noch erahnt, auf welche Ebene sie abzielt, lautet eine der Antworten: “In einen Jane-Austen-Film zu gehen, ist für Männer ein ähnlicher Grad der Selbstverleugnung wie für Frauen.”
So weit das, was ich las. Eine schöne kritische Antwort, wenn da nicht dieser eine stereotype Nachsatz wäre, den ich überlas. Es lautete eigentlich: “… wie für Frauen, ‘Rambo’ zu gucken.”

Sportsfreunde

Ein interessantes Video von Spiegel-TV mit einer recht überraschenden Wendung. Doch erstaunlich wie nah einige Menschen am Sport gebaut sind.

Gesunde Politiker

Gestern war ich wirklich schockiert, wie sich die Debatte um die Gesundheitsreform entwickelt. Ich war verwirrt, weil ich mir doch eine gewisse Medienkompetenz zugeschrieben hatte, ich allerdings die Berichterstattung überhaupt nicht verstand.
Zum Beispiel Edmund Stoiber. Er sagt – für die CSU – sprechend: “Unser Maßstab bleibt Bayern.” Bedeutet das nun, dass auch SPD und CDU nur für die Länder sprechen, in denen sie regieren? Ist der Bundestag der Bundesrat? Er und andere Landesfürsten (welch treffender Ausdruck!) blockieren, weil sie angeblich die Auswirkungen auf die Landtagswahlen 2008 fürchten. 2008? Auswirkungen? Was ist das denn für ein Vorwand? Und wie sollte, bitteschön, irgendetwas die Stellung der CSU in Bayern gefährden?
Und dann der Vorwurf, der Entwurf sei nicht rechtzeitig abgeliefert worden, sei zudem falsch, eine regelrechte Herausforderung, weil er nicht den Eckpunkten entspräche, etc. Die Medien prüfen diese Vorwürfe auch nicht mehr, sie geben nur noch Raum für alle möglichen Anschuldigungen und Rechtfertigungen. Sehr schade.
Noch schwanke ich: Ist es besser von diesen politikverdruss-erzeugenden interessenpolitisch geführten Kleinstkriegen nichts zu erfahren oder ist es gerade wichtig, sie medial vermittelt zu bekommen? Würden sich möglicherweise die Politiker nicht so verhalten, wenn ihnen nicht mediale Aufmerksamkeit für jeden “Ausrutscher” zuteil würde oder würden wir es nur nicht mehr erfahren?
Passenderweise habe ich nachher ein Gespräch mit Christoph Matschie, dem zufälligerweise die Hand ausrutschte, als er ein Papier gegen die offizielle Anti-Studiengebühren-Linie der SPD unterschrieb, und ihm damit zufälligerweise große Aufmerksamkeit zuteil kam.
Nachtrag: Bei der Darstellung des Konflikts war ich selbst der Darstellung der Medien aufgesessen. Die Medien haben damals den Konflikt um Matschie und dessen Studiengebührenbefürwortung sehr stark hochgepusht. Er hat dies also kaum für das bisschen Aufmerksamkeit gemacht.

Zitate VII

Political rhetoric is a way “to sharpen up the pointless and blunt the too sharply pointed.”
Kenneth Burke

Die Luke. Ein Nachtrag

Als ich weiter unten über die verschlossene Gefühlsluke schrieb, vergaß ich wohl das Entscheidende. Es klang so, als wäre der Untergang des U-Boots die Schuld jedes Einzelnen.
Heute wurde mir, in einem Gespräch mit einer Freundin, bewusst, dass es gerade nur die Gegenwart eines anderen Menschen sein kann, die die versiegelte Luke öffnet, eines Menschens, der es versteht zuzuhören, der es versteht, der zumindest ahnt, was man sagt, was man meint, was man fühlt. So jemanden findet man nur mit Glück und Mut. Es ist ein großes Wagnis sich einer anderen Person anzuvertrauen, sich zu öffnen und so zu sein, wie man sich gerade fühlt, egal wie es in diesem Moment sein mag. Viele Menschen meiden dieses gefährliche Terrain, sie haben Angst enttäuscht oder abgewiesen zu werden: Aber je später man es wagt, desto tiefer wird das U-Boot bereits gesunken sein.
Viele Menschen werden das wunderbare Gefühl des Verstanden-Werdens nie kennenlernen. Es durchbricht mit aller Kraft unsere monadenhafte Gefühlseinsamkeit.

Wiederherstellung

Neulich half ich einer Freundin bei ihren Computerproblemen. Ich zeigte ihr die Windowsche Wiederherstellungskonsole, mit der man den früheren Zustand seines Computers wiederherstellen kann. Ich hatte dazu bei mir immer Zeitpunkte mit dem schönen Titel “Geht alles” oder “Alles OK” angelegt.
Das sollte es auch für Menschen geben. Dann kann man seine eigene durchwühlte Gefühlswelt, all die ausgesprochen überflüssigen Ängste, die ewig kreisenden Gedanken und Zweifel zurücksetzen auf den wunderbaren Stand, als man einfach so lebte, das Leben einfach fließen ließ, als jegliche Sorge so fremd und fern erschien, dass man sie neugierig und verwundert betrachtete als wäre man der Entdecker einer neuen Kultur – und nicht der überforderte Vater einer ganzen Rasselbande an Problemen. Das wäre schön.
Aber das ist ein Wunsch, der aus Schwäche entstand. Die Einwände schlagen schon Purzelbäume.

Eigen- und Fremdwahrnehmung II

Am letzten Sommertag waren wir an einem wunderschönen, idyllischen See. Die Sonne schien, der See spiegelte sich, wir schwammen zur Insel in der Mitte des Sees. Es war wie Urlaub, irgendwo anders. Als wir aus dem Wasser kamen, beschloss ich die dort noch vorhandene DDR-Ausstattung zu nutzen. Am Ufer stand ein verrosteter Schwimmer-Beobachtungsposten, ein metallener Hochsitz. Dort wollte ich mich – über allem schwebend – von der Sonne trocknen lassen. Ich drapierte mich ein wenig, um auch von unten gut und lässig auszusehen. Das Legere, das Lebemännische wollte ich darstellen. So entspannte ich eine Weile dort oben.
Ein wenig später kam die “reichlich rohe Person” zu mir auf den Hochsitz. Nebenbei bemerkt sie, dass ich genauso aussah, wie ich mich fühlte: Sehr lässig und entspannt. Wie schön, dachte ich und sie ergänzte: Ein wenig störend sei in diesem Bild lediglich das stetige Rinnsal gewesen, das die ganze Zeit von meiner nassen Hose hinabtropfte.

Überholte Gedanken: Ein medialer Fake

Sapere Aude verkauft seinen Blog bei Ebay. Abgesehen davon, dass ich nun meine wichtigste Verbindung zum Bloggersautreiben verliere und ich nicht in der Liste seiner wichtigsten Leser genannt werde, gibt es dazu einiges zu schreiben.
Aber wie ich gerade lese, war es wirklich bloß ein Fake. Mist, soviel umsonst geschrieben. Und Recht gehabt. Aber hier meine Original-Überlegungen, die von der Gegenwart überholt wurden.

Lange grübelte ich darüber nach, warum mir diese Aktion so suspekt war. Ich dachte und denke, dass es ein Fake, eine mediale Eigeninszenierung ist. Wie allerdings kann man jemandem, den man überhaupt nicht kennt solche Motive unterstellen? Vielleicht ist es ihm wirklich ernst mit seiner Kritik an der Kommerzialisierung der Blogosphäre. Um all das auf die Spitze zu treiben, verkauft er seinen Blog an den meistbietenden, eine sehr sarkastische Aktion. Das korrespondiert allerdings überhaupt nicht mit seinen eigenen Aussagen dazu: Die klingen traurig und enttäuscht, die meisten beinhalten den merkwürdigen Satz “wenn ich noch bloggen würde, …”
Wichtiger allerdings ist der Zeitpunkt seines angeblichen Ausstiegs. Eine Sautreibwelle endete gerade in der Blogwelt: Die des Herrn Frank Huber, der die Blogwelt mit seinen Anregungen zur Vermarktung professionalisieren wollte. Es war diese Nachphase, in der auch andere noch Aktionen starteten und auch Sapere Aude selbst eine kleinere Beratungs-Aktion versuchte. Dann aber plötzlich der Schritt von der Aktion zur Auktion. Sehr unerwartet, keinerlei Zweifel vorher, kaum Kritik an der Kommerzialisierung vorher. Daher für mich eine Inszenierungs-Aktion. Das entscheidende Argument erkannte ich erst jetzt deutlich: Es ist das unglaubliche mediale Verwertungs-Potential dieser Aktion. Ich malte mir immer wieder Artikel bei Spiegel-Online oder Heise aus – es war so einfach darüber zu berichten. Es hätte, wenn es ernst gemeint gewesen wäre, im Internet einen großen Nachrichten- und Skurrilitätswert gehabt. Am meisten verwirrten mich aber, die gutgläubigen Leser die Nachrufe verfassten und die Aktion für bare Münze nahmen. Es ist eine Gratwanderung zwischen mangelnder Medienkompetenz und notwendigerweise unterstellter Authentizität.

Zitate VI

Napoleon’s reply to his general, who objected that circumstances were unfavourable to a proposed campaign: “Bah, I make circumstances!”

Das Legoland

Ein sehr schöner, gut geschriebener Artikel in der Süddeutschen zu ökonomischen Denkmodellen und Wirklichkeit:
“Ökonomen sind Künstler. Sie reduzieren die Wirklichkeit. Der Künstler sieht ein Gesicht, einen Baum und reduziert es auf das Wesentliche, er verfremdet, verwirft, gestaltet um, bis etwas Neues entsteht. Wie der Ökonom. Er reduziert die Welt und blendet vieles aus.
[...]
Doch etwas unterscheidet den Ökonomen vom Künstler: Der Maler weiß, dass er Kunst macht. Der Ökonom nicht. Pablo Picasso dachte nie, dass sein Guernica ein Foto des spanischen Bürgerkrieges ist. Der Ökonom aber schaut auf die Lego-Welt und sagt: “So ist das Leben.”

Freudestrahlige Innovationen

Es gibt seltene Momente, in denen mich technologischer Fortschritt überrascht. Einmal war das im Auslandsjahr in Finnland, als mir ein Este zum allerersten Mal einen USB-Stick zeigte. Da lief mir ein leichtes Kribbeln den Rücken hinab und ich dachte: “Wow, es gibt doch noch wirklichen Fortschritt. Die Menschheit entwickelt sich weiter.” Gestern war wieder so ein Moment.
Vor einige Zeit hatte eine Freundin mir auf die Mailbox gesprochen. Leider gab es nach etwa 20 Sekunden einen Verbindungsfehler, ihre Stimme war plötzlich weg, Stille herrschte. Beim Abhören wartete ich fast 10 Minuten – nichts geschah. Ich legte auf, wußte aber, dass sich die Mailbox damit nicht zufrieden geben würde. Gestern hatte ich erneut eine Nachricht darin. Statt mir die neue anhören zu können, musste mir die Mailbox aber logischerweise zunächst die alte unvollendete komplett vorspielen. Ich hatte schon beschlossen, das Handy dann irgendwo in eine Ecke zu legen, es einfach laufen zu lassen, als das Wunderbare geschah. Ich hörte die Stimme der ersten Nachricht, hörte, wie sie abbrach. Stille. Und dann: Eine Computerstimme, die mir verkündete, so als wäre es ganz selbstverständlich, wie ich denn in der Mailbox vor- und zurückspulen könne. Sie tat dies mit einem wissenden “Übrigens” in der Stimme. Ich war hellauf begeistert. Welch technische Innovation! Erst später kam mir der Gedanke, dass jemand möglicherweise meine Mailbox überwacht.

Wissen über die Frau

Was sich auf dem Trödelmarkt alles so findet. Heute war das Grundthema Frauen. Ein schönes Buch von August Bebel: “Die Frau im Sozialismus”. Beispielsweise beweist er anhand von Statistiken, dass die zunehmende Ehelosigkeit mit der steigenden Selbstmordrate unter Frauen zusammenhängt. Ein anderes Buch, ein medizinisches Handbuch mit mehr als 1500 Seiten, widmet sich den Frauenkrankheiten. Im Anhang findet sich die schlüssige Erklärung, wie man die Symptome der Krankheit Schwangerschaft erkennt. Viele Frauen spüren es zunächst als leichten Schauer, der über den Rücken geht. Erst dann kommt als Symptom das Ausbleiben der Periode. Im nächsten Anhangskapitel widmet sich der Ratgeber der Frauenkrankheit “übermäßiger Begehr von Geschlechtsverkehr”. Es wird festgestellt, dass Frauen, die sehr viel Sex haben, im Alter schwächer sind, dass sie bereits mit 40 oder 50 Jahren so gebrechlich sind wie eigentlich erst mit 70 oder 80 Jahren.

Die Luke

Ein Freund hat einmal eine schöne Metapher für sein Gefühlsleben gefunden: Er befindet sich auf einem U-Boot, das gerade auf der Meeresoberfläche treibt. Er will an Bord, rüttelt an der U-Boot-Luke – aber sie ist verschlossen. Er krallt sich mit bloßen Händen an die Umrisse der Öffnung und will ihr die darunter liegenden Geheimnisse entreissen. Dann taucht das U-Boot langsam wieder ab.
Bei vielen Menschen kommt das U-Boot aber nicht einmal an die Oberfläche. Sie bergen ihre Gefühle wie einen Schatz im weiten Meer ihrer selbst. Oft wissen sie nicht einmal von dessen wirklichen Wert. Oft fürchten sie darin erstickte und dunkle Inhalte, die zu Tage kommen könnten, fürchten all das, was sich dort in der Tiefe angesammelt hat. Oft sind es aber auch gerade die nächsten Vertrauten, die vom Schlauchboot ihrer Beziehung auf das U-Boot springen und verzweifelt an der Luke rütteln und zerren.
Das wird vergebens sein: Denn meist bestand die dringlichste Aufgabe gerade darin, den Schlüssel im U-Boot selbst zu verbergen, ihn damit zu verschmelzen. Je mehr Unausgesprochenes, Hinuntergewürgtes und Unangesehenes dort landete, desto tiefer zog es auch den Schlüssel hinab. Mit Worten kann man an der Luke nur noch kratzen.
Die Hoffnung, dass mit dem einmaligen Öffnen auch das Sonnige, das vergessen Farbige aus dem dunklen Wrack trete, es geradezu zersprenge und Licht wie Schatten über den gesamten Ozean verteile, ist illusorisch. Meist ist es nur ein blindes Tasten, ein zufälliges Nachgeben, das einen Spalt selbst, einen Spalt Gefühl für einen Moment freigibt. Bei vielen Menschen öffnet sie sich nur dann, wenn sie – später, viel später – lachend darüber stehen und Alkohol auf die Luke fließen lassen, oder wenn sie bereits in unbekanntem Land gestrandet sind.

Safer war

Nun sollen 2400 deutsche Soldaten in den Libanon geschickt werden. Das wird als hinter vorgehaltener Hand als historisch bezeichnet. Dabei ist es nur die Marine. Marine! Die Marine ist was für uns schreckhafte Deutsche. Sobald der erste tote deutsche Soldat zu beklagen ist, wird der Einsatz wieder in Frage gestellt. Aber die Chance, dass bei diesem Einsatz Soldaten sterben, ist weitaus geringer als in Afghanistan. Marine ist nämlich “safer war”.
Da kann schonmal ein Matrose im angetrunkenen Zustand spätabends über Bord gehen oder sich den Kopf bei starkem Wellengang schwer anschlagen. Aber Gefechte? Wann gab es die letzten Gefechte auf See? Die deutschen Schiffe dürften denen der Hisbollah weit überlegen sein, zumal es sich wohl eher um Schmuggler-, als um Kampfschiffe handeln wird. Zu fürchten sind lediglich Piraten.
Die US-Streitkräfte hatten bei den Anschlägen des 11.September mehr Verluste (33 tote Seemänner in einem Flugzeug) als im gesamten Irak-Krieg (26 Tote) oder in Afghanistan (15 Tote) (Quelle)

Eigen- und Fremdwahrnehmung

Ich: Eines schönen Tages saß ich mit einigen Freunden auf dem Campus. Die Sonne schien, es war Sommer und ich war guter Dinge. Da sah ich sie. Sie stand am sonnengefluteten Bücherstand. Es war eine Ewigkeit vergangen, seit ich sie das letzte Mal gesehen hatte. Ich musste die seltene Chance, sie zu sehen, nutzen. Alibihalber ging ich auch zum Bücherstand und sah mir ein paar Bücher an, blickte ab und zu kurz zu ihr, dann aber wieder verschüchtert hinab, weil ich mich nicht traute, ihr in die Augen zu schauen. Dann ging sie, ohne mich bemerkt zu haben, vom Platz.
Sie: Das eine Mal, das war schrecklich. Das war auf dem Campus beim Bücherstand, da hast du mich mit offenem Mund unentwegt angestarrt. Auch als ich wegging, bliebst du noch wie angewurzelt stehen und starrtest.

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