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Klingsors Letzter

Archive for Juli, 2006

Vorauseilender Gehorsam

Es gibt Sätze, die hört man nur in Deutschland.
Zum Beispiel:
“Sie wissen aber schon, dass das ein Rettungsweg ist. Wenn die Feuerwehr kommt und das sieht, tragen sie die Verantwortung.” (Situation: Möbel für maximal zwei Stunden in einen Korridor abgestellt, durchkommen leicht möglich.)
“Wenn da jemand rückwärts über das Kabel stürzt und ist dann querschnittsgelähmt, dann zahlen sie bis an ihr Lebensende.” (Situation: Verlängerungskabel unterhalb einer Türschwelle verlegt, um für einen Stand vor der Mensa Musik zu haben.)
Ich frage mich dabei immer, wie es dazu kommen kann, dass Menschen so ängstlich und gesetzesversessen sind. Gab es eine Situation in ihrem Leben, die das Vertrauen in die anderen Menschen so schwer erschütterte, dass sie nun dessen Rest in Gesetzesvorschriften zusammen kehren.
Aber vielleicht wohnt den Deutschen auch nur eine penible Angst inne, gegen die Gesetze zu verstoßen. Allerdings nur – und das ist die wichtigste Einschränkung – nur wenn andere es machen und sie möglicherweise die Verantwortung für das Handeln Anderer bekommen könnten. Im kleinen Kreis der eigenen Verantwortung sind viele Deutsche da wahrscheinlich nicht so scheu: Steuerhinterziehung oder Schwarzarbeit oder Raubkopien. Man nutzt den Vorteil, wo man ihn kriegen kann.

Klingshor und Klingsor

Eine Frage habe ich allerdings: Woher hat dein Blog seinen Namen?
Das würde mich besonders bei beetlebum, urbandesire und sapere aude interessieren. Bei den letzten beiden kann ich es mir schon fast denken, nur beetlebum bleibt mir ein Rätsel. Eine Antwort auf diese Frage gab beispielweise die Frau mit dem nahezu unerklärlichen Namen bereits hier.
Viele wundern sich immer warum dieser Blog in der URL ein H hat, im eigentlichen Namen allerdings nicht. Das liegt nat?rlich daran, dass irgendein ein sinnloser Spanier die Klingsor-Adresse seit 2001 aufgrund nur eines einzigen Eintrags äber Wagner und Liszt besetzt hält.
Klingshor entstand aus dem Maler und Zauberer Klingsor aus Hesses Erzählung “Klingsors Letzter Sommer” und dem wundersamen Geschöpf Hor aus der ersten und letzten Geschichte von Michael Endes “Spiegel im Spiegel”. Ich weiß nicht, ob ich wirklich noch diesem Namen entspreche. Dem manischen Zwiespalt des Zauberers bei Hesse und dem mysteriösen Führer durch den riesigen leeren Königs-Palast.

“Mein Name ist Hor. Ich bitte dich, lege dein Ohr dicht an meinen Mund, wie fern du mir auch sein magst, jetzt noch oder immer. Anders kann ich mich dir nicht verständlich machen. Und selbst wenn du dich herbeilassen wirst, meine Bitte zu erfüllen, es wird genügend Verschwiegenes bleiben, was du aus dir ergänzen musst. Ich brauche deine Stimme, wo meine versagt.” (Michael Ende, Spiegel im Spiegel)

Stöckchen und Steinchen

Nachdem ich ja nun selbst teilgenommen habe, habe ich jede/keine Berechtigung, dieses Stöckchen-Gewerfe zu kritisieren.
Der Wunsch nach Vernetzung der anonymen Blogger-Masse trieft aus diesem Hündchen-Spiel. Die Blogroll ist ja mittlerweile auch viel zu unübersichtlich geworden. Zeit für eine neue Art der Vernetzung. Wer kennt wen, wer mag wen? Das sind eigentlich die interessanten Fragen.
Wenn ich nun aber lesen muss, dass die Frage “Was ist deine Lieblingsfarbe?” Aufnahme gefunden hat, dann fühle ich mich an briefchen-schreibende 15-Jährige erinnert. Ich dachte, die Blogger-Bewegung wäre erwachsen, die Blogger-Generation wäre nicht die gegenwärtig pubertierende. Ganz zu schweigen von meinem überholten Anspruch einer sogenannten Gegenöffentlichkeit. Aber nun wird das Poesiealbums-Standard-Repertoire aufgefahren, fehlt nur noch “Was ist dein Lieblingsgericht?”
Wer hat eigentlich diese blöde Metapher erfunden: Stöckchen? Vielleicht sollte es doch eher das “Steinchen” sein, das man ans symbolische Blog-Fenster wirft? Stattdessen ist es ein Stöckchen, das der andere in seiner Antwort apportieren und vollgesabbert (weil Dank, Komplimente und Speichel fliessen) weiterwerfen soll. Ich mag ja unkonventionelle, abstruse Bilder, wenn sie allerdings nicht passen, hilft es auch nicht, sie durch Verniedlichung zu übertünchen und auf die Spielwiese des Ironischen ziehen zu wollen.

Ein Bild wie eine Beziehung

Es waren die gelben Tonnen. Nachdem sie heute geleert wurden, verharrten sie noch eine Weile auf dem Bürgersteig.
Er (groß, stämmig, Baseball-Cap, Achselshirt, Mitte 30) und sie (groß, kräftig, kurze blonde Haare, beige gekleidet, Mitte 30) gehen Hand in Hand. Sie erreichen das Hindernis. Keine Pause, kein Zweifel. Sie lassen ihre Hände gemeinsam über die häßlichen gelben Tonnen hinweg gleiten. Fast als würde er sie zur Pirouette beim Tanzen auffordern, fast als würden sie beim Wiener Opernball eintanzen. Fast.

Die Jünger des Leidens

Es gibt Menschen, die sonnen sich in ihrem Umglück. Es ist egal, was ringsum pasiert: Ob sie einen Lachanfall haben, ob andere Menschen sich mit ihnen freuen, sich um sie kümmern. Das sind nur Momente – das große Ganze, die Traurigkeit schwebt immer über ihrem Kopf. Sie blicken dann hinauf und weisen schweigend auf dieses Damokles-Schwert aus Unglück und Pech, was sie über ihrem Kopf in Anschlag gebracht haben. Die Vergänglichkeit des glücklichen Moments im Vergleich zur Allgegenwart des Leidens.
Die einen machen es, weil sie in früher Kindheit gelernt haben, dass es dann Aufmerksamkeit in rauen Mengen gibt. Die anderen schleppen die Traurigkeit, ihr dunkles Sonnenlicht mit sich herum, weil sie nie gelernt haben, es auszudrücken und dadurch zu Erfahrung zu verarbeiten.
Ich leide eher still, nehme alles stoisch als Schlag des Lebens gegen mich wahr, erzähle nie davon. Dafür bin ich in den meisten Momenten Damokles-Schwert-frei, bin ganz in der Situation – ohne Wehmut über Vergangenes und Erlittenes.

Frühmorgendliche Überlegungen

Wenn ich heute nicht rausgehe, brauche ich mir auch nichts anzuziehen.

Das über den Rand fallende Stöckchen

Eigentlich mag ich diese Kennenlernspielchen gar nicht. In der Bloggerwelt geht so etwas aber momentan wie ein Virus um. Ist wohl doch nur ein große Verkupplungsveranstaltung. Zur Bestätigung dieser These habe ich gleichmal meine Links nebenan untersucht und festgestellt, dass ich extra zwei schöne Frauen aus der näheren Umgebung verlinkt habe. Ich hoffe ja immer sie lesen meinen Blog und fühlen sich geschmeichelt. Das erinnert mich an den schönen Spruch eines Freundes zu einer Frau: “Ich denke, du bist so intelligent, dass du nicht auf billige Komplimente reinfällst.”
Aber das nur nebenbei. Es geht ja um den Wunsch nach Gemeinschaft, nach Vernetzung, nach Lesern. Also will ich mich auch nicht weiter versperren, auch wenn mein Blog eigentlich ein Randblog ist, der für solche Sachen eine Sackgasse ist. Man kann die Bloggersphäre – wie alle guten Gemeinschaften – in Zentrum und Peripherie unterteilen. Im Zentrum gibt es die breiten Datenströme, die tausendfachen Verlinkungen, dort gibt es die großen Knotenblogs, die an die vielen kleinen umliegenden Blogs Links und Aufmerksamkeit verteilen. Wie die Kleinindustrie, die sich um die Großunternehmen sammelt, um von deren Forschungen und deren Anziehung zu profitieren. Diese jeweiligen Blogballungen und ihre großen Verlinkungen bilden das Zentrum. Links daneben liegt dieser Blog.
Hier geht nichts weiter, hier ist kein Durchfluss. Hier ist vielmehr die Schnittstelle zur Wirrklichkeit. Hier weiß man noch, wie weit das Zentrum dem realen Leben entrückt ist, wie sehr es um sich selbst kreist, wie sehr es kreißt, um endlich eigene Sphäre zu werden.
Aber das nur nebenbei. Diese Kennenlern-Versuche erinnern mich auch immer ein bisschen an die spätjugendliche Herrmann-Phase, dessen Teig man ja auch zu einem kleinen Teil behält und ansonsten weitergebend hofft, die andern würden gut für ihn sorgen. Dabei hat man dann auch das gute Gefühl, das beim anderen etwas von mir wächst, dass ich bei dem Freund in Form eines Hefeteiges sein kann. Und das Gefühl Teil einer großen Jugendbewegung zu sein. So in etwa ist auch das Stöckchenspiel. Deshalb mache ich mit.

Wir lernen uns alle kennen!!

Warum bloggst du ?
Früher wollte ich der Flüchtigkeit der Gedanken etwas entgegensetzen, wollte in meinen Erlebnissen die kleinen Gesetze des Lebens widerspiegeln. Heute stehe ich dem Bloggen eher skeptisch gegenüber, weil ich merke, wie ich mich selbst immer mehr in die Unterhaltungsecke dränge und kaum noch die Kraft zur früheren Ehrlichkeit habe.

Seit wann bloggst du ?
Seit dem 26.09.2005.
(Damals hatte ich noch keinen Spam-Filter.)

Selbstportrait
Gibts morgen.

Warum lesen deine Leser deinen Blog?
Weil ich zu ehrlich bin.

Welche war die letzte Suchanfrage, über die jemand auf deine Seite kam ?
Der Garten Sulik (die vorletzte war “Kotstau bei Kindern”)

Welcher deiner Blogeinträge bekam zu Unrecht zu wenig Aufmerksamkeit?
Die frühen. Am liebsten würde ich viele der ersten Einträge nochmal neu bloggen, nur damit sie die leicht erhöhte Aufmerksamkeit genießen können.

Dein aktueller Lieblingsblog ?
Habe ich nicht. Aber ich freue mich immer sehr, wenn bei Netzküssen ein neues Bild ist.

Welchen Blog hast du zuletzt gelesen ?
Beetlebum, sonst würde ich das ja nicht machen.

Wie viele Feeds hast du gerade im Moment abonniert ?
Keinen.

An welche vier Blogs wirfst du das Stöckchen weiter und warum ?
An keinen, ist ja ein Randblog, eine Sackgasse.

Kinohopping II - Erlebnisse

Anfangs waren wir sehr aufgeregt beim Kinohopping. Wir glaubten, das Personal würde besonders auf uns achten, würde uns wahrnehmen. Es dauerte lange bis wir unsere Unsichtbarkeit erkannten.
1. Beim zweiten Mal beispielsweise hatten wir Tickets für eine spätere Vorstellung genommen, um ein Alibi dafür zu haben, später noch im Kino zu sein. Normalerweise schauten die Kontrolleure nicht auf die Zeit des Films. Diesmal schon. Wir taten sehr überrascht und ließen uns ein neues Ticket ausstellen. Wir kamen rein, hatten aber unsere Anonymität verloren, unsere Gesichter hatten die Masse der verschwommenen Visagen verlassen.
Wir wechselten ein wenig vorsichtiger. Alles klappte. Ein Problem ist allerdings, dass die Säle nach den Filmen immer sauber gemacht werden. Wir setzten uns in einen Saal, der schon sauber aussah. Hinter uns noch ein Pärchen, das Licht war noch an. Die Saubermachtruppe erscheint. Wir versinken in unseren Sesseln, drehen uns nicht um. Einer macht einen Scherz mit dem Pärchen und meint: “Habt ihr denn überhaupt bezahlt, wir haben euch gar nicht gesehen.” Wir gehen, den Blick zu Boden gewandt, hinaus. Ich erreiche die Tür, öffne sie und bin frei. Schnell und froh sprinte ich die Treppe hinab, drehe mich noch einmal nach F. um. Ich sehe wie er auf der Türschwelle stehenbleibt, irgendetwas sagt und zurück geht. Sie haben ihn, denke ich, panisch.
Der wichtigste Rückzugspunkt war am Anfang immer die Toilette. Dort konnte man aus dem einen Kino hingehen und in ein anderes wieder zurückgehen. In einer Kabine harrte ich erstmal aus und grübelte, was ich machen könnte. Zusätzlich muss ich an dieser Stelle erwähnen, dass F. immer Knabbereien und Getränke mit hinein schmuggelt. Wir hatten es uns im Kino gerade bequem gemacht, ich hatte Erdnüsse geöffnet, er ein Bier aufgemacht.
Nach einer Weile kam er wieder – ohne Handschellen. Ihm waren noch die Erdnüsse eingefallen als er hinausging. Abstruserweise hatte er sie noch holen wollen. Glücklicherweise hatte er folgenden Satz gesagt, über den sich die Putzgruppe fast totlachte: “Norbert hat seine Nüsse vergessen.” Darüber vergaßen sie, unsere Identität und die Tatsache, dass auch Erdnüsse im Kino kaum erlaubt sind.
2. Beim allerersten Mal hatten wir gerade einen Film wie “Mission Impossible” gesehen. Es war gerade das Übergangsstadium von den frühen Filmen zu den späten Filmen. Wir trafen uns in einer Toilettenkabine und wollten unseren weiteren Weg festlegen. Da kamen einige Leute.
F. war noch aufgeregter als ich. Ich stellte mich auf das Klo, damit niemand von außen erkennen konnte, dass wir zu zweit in einer Kabine waren. Dann wollten wir uns besprechen. Ich gab den Plan vor: Kino 6, nacheinander. Aber F. war durch Mission Impossible so geprägt, dass er unbedingt einen Plan B haben wollte, falls einer geschnappt wird. Das bräuchten wir nicht, meinte ich, wir treffen uns dann doch einfach draußen. Das genügte ihm nicht: “Das ist kein Plan B”. Ich hatte keine Lust, mir unnötigerweise irgendetwas auszudenken. So wiederholte ich einfach, das bisher Gesagte. So standen wir in der kleinen Klokabine und wiederholten uns immer wieder. F. wurde immer aufgeregter, er wollte unbedingt einen Plan B, sonst wollte er nicht losgehen. Er schüttelte mich verzweifelt und rief: “Wir brauchen einen zweiten Plan, sonst sind wir verloren.” Es war so abstrus, dass ich zu lachen begann. Ich konnte auch nicht mehr aufhören. Jedesmal, wenn er mit verzweifelter Mine “Plan B” sagte, musste ich losprusten. Das machte ihn nur verzweifelter. Auf dieser Toilette hatte ich meinen ersten echten Lachkrampf. Wie wir es dann letztendlich vom Klo weg – ohne Plan B – geschafft haben, weiß ich nicht mehr. Wir brauchten den nicht vorhandenen Plan glücklicherweise nicht.

Kinohopping I - Grundlagen

Definition: Kinohopping ist der Versuch, das maximale aus dem Besuch eines Multiplex-Kinos herauszuholen. Außerdem erweitert es den kulturellen Horizont, wenn man etwa zehn Minuten in “Scary Movie 4″ oder “The fast and the furious” oder “Ab durch die Hecke” saß.
Vorgehensweise: Man kauft sich ein Ticket für einen x-beliebigen Film und geht in irgendeinen der vielen Kinosäle. Eigentlich sollte man – in der Theorie zumindest – nichts von den gezeigten Filmen wissen. Das lässt sich oft jedoch durch Werbung nicht vermeiden. Nach zehn Minuten oder eigenem Gusto wechselt man den Film. Allerdings muss man so planen, dass man letztendlich doch einen Film ganz sieht. Wichtig: Nicht schämen, wenn man in Action-Filmen versackt. Das ist das Beste, was passieren kann.
Hintergrund: Es ist interessant, sich das Umfeld des Filmes, das Genre des Filmes und die grobe Richtung der Handlung selbst zu erschließen. Dadurch lernt man Filme anders zu sehen.
Zwei Beispiele: Einmal saßen wir in “Final Destination 4″, ich dachte die ganze Zeit, es müsste eigentlich Zeichentrick (Verwechslung mit Final Fantasy) sein. Aber der Film kam nicht zum Punkt, nach zwanzig Minuten wusste ich immer noch nicht, worum es gehen sollte. Horror war klar, aber wozu diese Vorgeschichte? Anders war es neulich bei dem “Haus am See”. Da hatte ich mich auf Horror eingestellt. Das Haus am See klingt schon gespenstisch, es klingt nicht nach einer unlogischen Zeitverschiebungsromanze.
Wichtiger Nebeneffekt: Man kann abschätzen, wie schlecht es der Kinobranche momentan geht. Wenn nur Fortsetzungen kommen, wenn nur Filme im Gleichschnitt kommen, wenn “X-Men 4″ oder “Das Haus am See” die besten Filme sind – dann spürt man die Kinokrise wie die kleine Erbse unter dem so weichen Kinosessel.

Neon-Leser

neon_leser


Schlechtes Rezept

Nicht alles, was auf den ersten Blick lecker klingt, ist es auch in der Zubereitung. Außerdem gilt, nur weil man zwei leckere Sachen kombiniert, heißt es noch lange nicht, dass dabei auch etwas gutes herauskommt. Kurzum: Frisch geschlagene Schlagsahne mit Schokomüsli – Nein!
Die Sahne hat dabei auch einen etwas merkwürdigen Part: Sie wird im Mund immer mehr, man nimmt nur einen Löffel und kostet bloß ein wenig, will dann aber eigentlich schon nicht mehr den zweiten nehmen, weil es so viel wird. Außerdem wird Schokomüsli, wenn man es aufgrund der enormen Sahnemenge eine Weile stehenlässt echt pappig.

Vaterfreuden

Ich habe mir heute redlich Mühe gegeben, den kleinen Sohn einer Freundin gut zu halten. Ohne dass er schreit, ohne dass er zu frei schwebt, so dass er schön alles sehen konnte, und zufrieden war. Da sagt doch ein Freund, dass er ein Foto davon machen wolle, weil es “so aussieht wie ein ukrainischer Gemüsehändler, der einen Sack Zwiebeln zum Verkauf hält.” Das Foto habe ich glücklicherweise nicht und die Aussage stimmt auch nicht.

Das echte Naturerlebnis

Man schafft sich die persönliche Fallhöhe immer selbst. Heute waren wir beispielsweise an der wunderschönen Talsperre Noßbach baden. Für mich der schönste See in Jenas Umgebung. Und so war es auch: Die Sonne ging gerade über den letzten Baumwipfeln unter, es war fast niemand mehr im Wasser. Ringsum war es still, lediglich ein paar Vögel waren noch zu hören. Als ich, auf dem Rücken treibend die Augen schloss, dachte ich, ich wäre in den Alpen, in einem kleinen versteckten Bergsee, ich spürte wie die kalte Luft mich langsam umfing und die letzten Sonnenstrahlen abkühlte. Und irgendwann während des Treiben-Lassens vergaß ich auch die Tagessorgen. Sie fielen einfach in einem kleinen befreiten Lächeln ab. Das einzige Geräusch, das ich nun noch hörte, war das leise Plätschern meiner eigenen Bewegungen. Diese Stille. Zwischendurch dachte ich noch an die anderen Seen, von denen einer mittlerweile umgekippt sein soll, und auch an den angeblich so stinkenden Schleichersee. Wie gut, dass ich hier war.
In einem kurzen Moment des Zweifels nahm ich allerdings auch wahr, dass der See sich entschlossen hatte, meinen Weg mit übrigbleibenden Luftblasen nachzuzeichnen. Das irritierte mich kurz, dann aber erinnerte ich mich, dass ja Sommer ist und wohl jeder See ein wenig atmen müsse. Ich schwamm weiter und drehte kleine Pirouetten, weil dadurch der Tagesschweiß abfiel. Ich schwamm noch ein wenig und dachte daran, rauszugehen, als etwas auf mich zuschwamm, oder besser: zutrieb. Um es kurz zu machen: Es war ein toter Fisch. Ein wenig surreal fand ich das schon, es geschah wie in Zeitlupe: Ich blieb auf der Stelle und der Fisch trieb langsam an mir vorbei. (Ironischerweise sah er aus wie ein Goldfisch – vielleicht war er ja ausgesetzt/freigelassen worden.) Es dauerte einen Moment, bis ich den Widerspruch in meinem Kopf verarbeiten konnte und mich der Ekel ergriff: Das Wasser, in dem ich eben noch aufgelebt war, das mein Element gewesen war, war auch Wasser des Todes, beherbergte den Tod.
Jetzt werden einige relativistisch denken “Das ist eben Natur.” Ein Nebeneinander von Werden und Vergehen. Sicher. Jederzeit gerne. Aber nicht, wenn ich mich entspanne! Nicht, wenn ich abschalten will!

Die irre Parabel

Nachdem ich zufälligerweise herausfand, dass “irreparabel” ja auch “irre Parabel” sein kann, aber außer der Parabel “Vor dem Gesetz” von Kafka noch kein weiteres brauchbares Beispiel fand, das dem entspräche, suchte ich noch weitere irre Worte. Der Duden enttäuschte mich nicht.
Naheliegend sind ja irreduzibel und irreversibel. Meine Vermutung: Bei beiden wurde das “B” herausgekürzt, um es aus dem kirchlichen Kontext zu lösen und auch Normal-Sterblichen zugänglich zu machen. Natürlich wäre die Irre-Duz-Bibel ein Affront gegen die Ur-Siez-Kirche.
Deshalb hat man auch gleich “irreligiös” mit in denselben Kontext gepackt, um alle Irre-Wörter zu diskreditieren. Aber ligieren bedeutet im Fechten, das wussten wahrscheinlich viele nicht, “die gegnerische Klinge zur Seite drücken”. Daher stelle man sich nun diesen einen ligiösen Moment im Fechten oder im übertragenen Sinne vor, um die ganze Bedeutung erschließen zu können. Wie jemand irre, des Gegners Waffe zur Seite drückt, ihn quasi irrational entwaffnet. Und was könnte es für ein schöneres Sinnbild für die Kirche geben. Zynischerweise hat sie es im heutigen Sprachgebrauch geschafft mit “irreligiös” andere als “nicht religiös” zu denunzieren, statt die eigene Vorgehensweise treffend zu charakterisieren.
Außer den irren kirchlichen Wörtern gibt es auch noch nahezu unbekannte medizinische Begriffe: irreponibel (nicht mehr einrenkbar) und irrespirabel (zum Einatmen untauglich). Da es sich um medizinische Begriffe handelt und ich mich damit nicht auskenne, vermeide ich jeden noch so schlechten Wort- oder Vorstellungswitz.
Es bleiben noch irregulär und irrelevant. Das letzte erklärt sich in diesem Eintrag von selbst, das erste nicht, da es keine Sonderform ist. Ich verweise noch auf den klimaxen Dreiklang “irre führen/machen/werden.”

Wie Artikel entstehen

Es ist schon merkwürdig, wie sich Informationen ändern können. Vor etwa einem Jahr besuchte ich Badeseen rund um Jena, um die schönsten zu entdecken. Auf meiner Deutschland-Karte markierte ich alles, was blau und ein wenig größer war. Ich überlegte eine Route und fuhr mit meinem damals neuen Auto die scheinbaren Seen an. Eine sehr ernüchternde Sache – ich fand so gut wie keinen schönen Badesee. Der eine war nur eine kleiner Klärtümpel, der andere war ganz grün, dann ein anderer wurde zwar bebadet, aber von leicht rechts wirkender Dorfjugend. Gebadet habe ich letztendlich in keinem, nie konnte ich meine letzten Skrupel überwinden. (Außerdem befürchtete ich immer, man könnte mir mein Auto klauen.)
Allerdings machte ich daraus – mehr aus Verzweiflung, denn aus Überzeugung – eine kleine Übersicht mit “Badeseen” fürs Akrützel. Ich hoffte, niemand würde es bemerken. So war es auch. In diesem Jahr allerdings entschloss sich die jetzige Chefin, diese Übersicht noch einmal abzudrucken, weil es soviele Anfragen gab…
Und in diesem Jahr testete mein Mitbewohner zwei der sechs Seen. Der eine war nicht mehr vorhanden – oder zumindest nur noch kniehoch. Der andere “leicht” schaumig. Das schlimmste war jedoch, dass ich mich daran erinnerte, wie wir (zu zweit) gerade diesen schaumigen See gesucht hatten. Es war der Stausee Großbrembach. Er war ausgeschildert – das war das Problem. Wir fuhren zunächst etwa 10 Kilometer in die falsche Richtung, dem letzten Schild folgend. Dann wieder zurück, dann in die andere Richtung, dann zurück, dann durch den Ort in jegliche Richtung. Solange bis wir alle Straßen und alle falschen, im Kreis verweisenden Schilder kannten. Irgendwann entdeckten wir eine ackerartige Sackgasse, der wir verzweifelt folgten. Und dort lag er – friedlich, unberührt und (damals noch) schaumfrei.
Wir ruhten uns ein Weilchen nach dem langen Gesuche aus. Dann beschlossen wir – anstatt einer komplizierten Beschreibung – einfach nur folgendes zu schreiben: “Im Ort einfach den Schildern folgen.”

Spleen

Manchmal wünschte ich mir, dass ich einen einfachen kleinen Spleen hätte. So ein Spleen, so eine kleine Regel im Leben, die einfach nur skurril und schrullig, die einfach nicht begründbar ist. Ich sag immer nur “ich mag keine …” . Aber eine solche Geschmacksäußerung genügt den Spleen-Ansprüchen nicht, sie muss jenseits des Begründbaren weit ab von den eigentlichen Bewertungskriterien liegen.
Der schönste Spleen, den ich seit langem gehört habe, war: Jemand isst keine dunklen Früchte, weil man ja nicht wissen kann, was da drin ist, sie sind einfach unheimlich und auch unsympathisch.
Ab und an habe ich mir immerhin Geschichten zu den Früchten, die ich ablehne, ausgedacht. So zum Beispiel Oliven. Meine Mitbewohnerin erzählte mir einmal, dass sie in der Geo gelesen habe, wie Oliven selbst an den kärgsten Hängen wachsen können. Seitdem sind Oliven für mich die Früchte der Entbehrung, die Früchte, die dem Boden gerade noch abgetrotzt werden konnten, für mehr hat es nicht gereicht. So schmecken sie auch.
Aber ein Spleen wäre es wohl erst, wenn ich sie meiden würde, weil sie in Öl eingelegt sind.

Über Pfefferspray oder wie man Situationen souverän meistert

Ich hasse es, wenn Menschen unsouverän sind, die eigentlich dafür bezahlt werden, souverän zu sein. Wie zum Beispiel die beiden Ärztinnen (?) von der Organisation Help-EU auf dem Campus.
Zugegebenermaßen reize ich zumeist die Spielräume aus, mache mehr oder minder schlechte Scherze. So fragte ich anfangs die beiden Trullas, die zu diesem Zeitpunkt noch hübsche Frauen waren, ob ich denn, wenn ich bei dem Kohlenmonoxid-Lungen-Test einen besonders geringen Wert hätte, eine Zigarette bekommen würde. Da bröckelte ihre Fassade schon leicht. Logischerweise waren diese Beiden dafür auf den Campus gestellt worden, um nototische Raucher allein mit dem Kohlenmonoxidwert ihrer Lunge zu bekehren. Da ich allerdings in den letzten 24 Stunden weder aktiv noch passiv geraucht hatte, ging ich von einem geringen Wert aus.
Als ich das Testgerät bekam, stieg der Wert erstmal, ohne das ich etwas tat auf 5. Dann blies ich hinein und er stieg weiter auf 9. Logisch schlussfolgerte ich, dass mein Wert bei 4 liegen müsse.
Dann ging’s los. Fünf sei die Außenluft, die ich einatme. Die habe sich aber doch nicht in meiner Lunge abgelagert, die könne man doch nicht einfach addieren. Ich habe 4. Das war zuviel. “Du kapierst es wohl nicht?” sagte die eine abfällig wie zu einem kleinen Kind. Die andere ergänzte “Da haben wir wohl einen, der in der Schule in Mathe richtig gut war.” Leider, wie ich hier gestehen muss, bin ich in solchen Situationen immer zu überrascht, als dass ich angemessen reagieren könnte (indem ich sie nett darauf hinweise, dass sie verdammtnochmal nicht so mit mir zu sprechen haben, indem ich immer wieder vor ihrem Stand auf und ab gehe und rufe “Verschwindet, solange ihr es noch könnt, die Teufel testen euch, die Apokalypse naht” – oder sowas ähnliches).
Später ärgere ich mich stundenlang darüber. Dieser Moment sollte immer eingefroren werden, bis man angemessen reagieren kann, weil es ungerecht ist, dass Arschlöcher immer mit iher Masche durchkommen, nur weil sie das Überraschungsmoment auf ihrer Seite haben. Man bräuchte einen Taser oder zumindest Pfefferspray, um diese Situationen zu bereinigen. Oder, um es doch einmal genannt zu haben: Schlagfertigkeit.

Warten auf den September

Ich habe mittlerweile ein gespaltenes Verhältnis zu meinem Blog. Immer wenn ich ihn selbst betrachte, frage ich mich, wo denn all die traurigen Erlebnisse sind, wo die absurden Überlegungen sind, wo die überflüssigen soziologischen Erkenntnisse. Alles weggespült. Im Orkus des Sommers vergangen.
Wenn ich meinen Blog anschaue, denke ich immer abwechselnd: „Ach, was ich für ein langweiliges Leben habe, weil da nichts drin steht.“ und „Ach, was ich für ein interessantes Leben habe, weil da nichts drin steht.“ Das mache ich immer zum Einschlafen. Es ist wie mentales Tennis. Es beruhigt, weil es noch Deuce steht. Nun Aufschlag Langeweile.

Auto-Schach

auto_schach

Schöne Beschäftigung für den Samstag Nachmittag: Auf fremden Autos Schach spielen.

Der Wurststrauß

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Mein Mitbewohner freut sich über seine Geburtstagsblumen.

Redaktionsalltag

Heute ist die letzte Ausgabe der “neuen” Chefredakteurin fertig geworden. Dazu eine kleine symptomatische Szene für ihre gesamte Zeit. Wir, zwei Alt-Redakteure, plädieren dafür, einen Kommentar herauszunehmen: “Was sagt der Artikel denn aus?” Antwort: “Was sagt er denn nicht aus?” Schweigen. Der Artikel erscheint am Mittwoch.

Dinge, die man nicht hören will

Bei der Vernissage des Foto-Wettbewerbs “12 im Kasten”: Man sollte sich aus all den Fotos seine Favoriten raussuchen. Ich hatte nichts zu schreiben mit, daher versuchte ich mich bei anderen durchzuschlauchen. Zufälligerweise stand ein nettes Mädel zweimal in meiner Nähe, als ich meine Favoriten entdeckte. Es bedeutete mir nichts, ich fand sie nur schön. Zweimal kokettierte ich noch damit, mir ihren Stift zu leihen. Immerhin lächelten wir uns jedesmal kurz an.
Dann ging ich mit Freunden auf eine andere Feier. Kurz vor Ende besorgte ich noch Schokolade aus der Redaktion und wollte sie verteilen. Da lief sie mir über den Weg. Wie passend, dachte ich, und sprach sie an und bot ihr als Ausgleich ein Stück an. Sie sagte als sie umdrehte nur folgenden schönen Satz: “Du bist der Typ mit dem Stift, oder?”
Ja, genau, der bin ich. Der Typ mit dem Stift. Wie passend.

Drei Unfälle in 15 Minuten – Warum Eile überflüssig ist

Es gibt gewisse Grundregeln, die man beim Autofahren einhalten sollte. Die wichtigste, aber unbekannteste: Es bringt nichts in der Stadt oder auf der Landstraße zu rasen. Man steht immer (!) gemeinsam an der nächsten Ampel. Alles Rasen wird an der nächsten Ampel wieder nichtig. Das Dumme daran: Man erinnert sich an diese Regel nicht, wenn man in Eile ist. Jede Sekunde zählt dann.
So auch gestern bei mir. Ich hatte einen wichtigen Termin um 15:30 Uhr. Das war die Deadline. Zuvor hatte ich ein Interview mit ebenjenem Staatssekretär in Erfurt. Und das zog sich, weil er mir alles erklären wollte. Ich kam erst 15:00 Uhr aus Erfurt raus. Also raste ich wie blöde. Ich schaffte es 15:40 Uhr in meiner Straße zu sein, ohne einmal geblitzt (was einen eigentlich bei solchen Gelegenheiten erwischt) worden zu sein oder einen Unfall gebaut zu haben. Es war sogar ein recht großer Parkplatz frei. Nur noch rückwärts einparken. Innerlich war ich stolz es so schnell geschafft zu haben. Also fahre ich gedankenlos und schnell in die Parklücke hinein, ich versuche es jedenfalls. Als erstes komme ich dem nebenstehenden Auto gefährlich nahe. Noch bevor ich reagieren kann, treffen sich unsere Spiegel. Meiner ist schwächer und fällt ab. Ungläubig starre ich auf die Stelle, wo der Spiegel war, reiße mich dann aber zusammen und will das Auto wenigstens noch einparken, bevor ich mir das Problem ansehe. Dummerweise besitze ich eine Anhängerkupplung, die nicht schwach ist. Ich ramme das Auto das hinter mir steht leicht. Kein Problem, denke ich, ist mir schon öfter passiert. Als ich hinters Auto gehe, finde ich dort jedoch das Nummernschild des anderen Autos auf dem Boden. Kurz überlege ich, ob es wirklich zu dem dort stehenden Auto gehört. Es ist mittlerweile 15:45 Uhr. Ich überlege noch entweder umzuparken oder einen Zettel zu schreiben, als die Besitzer erscheinen und mich mit dem Nummernschild in der Hand ertappen.
Mir wird sofort bewußt, dass ich es nun reparieren muss. Ich hole einen Werkzeugkasten von zu Hause. Leider stellt sich heraus, dass das Nummernschild nur Einwegschrauben hatte und sich durch erneutes Anschrauben nicht befestigen lässt. Eigentlich ein Wunder, dass es so gehalten hatte. Die Frau will trotzdem meine Personalien. Es ist 15:50 Uhr. Hektisch renne ich zu mir und hole neue Schrauben. Wir versuchen es erneut, es funktioniert. Sie will meine Telefonnummer, man weiß ja nie, sagt sie.
Aber ich habe es geschafft. Jetzt nur noch los. Ich sammle noch den Spiegel auf, der nur leicht innen zerkratzt ist. Es ist 15:55 Uhr. 15:30 Uhr wollte ich da sein. Ich rase erneut, diesmal mit dem Fahrrad, komme gut durch, bis plötzlich ein langsam fahrendes Mädchen, direkt in meinen Weg fährt. Sie fährt fast in Zeitlupe, ich bremse so gut es geht, rase aber doch seitlich in sie hinein. Sie stürzt, aber steht auch gleich wieder auf – nichts passiert. Ich will sagen: “Bist du bescheuert?”, sage aber nur in einem verzweifelten, verständnislosen Ton: “Wieso bist du denn weiter gefahren?” Sie murmelt, dass sie meine Geschwindigkeit nicht einschätzen konnte. Aber ich bin schon weg. Es ist 16:00 Uhr. Ich bin eine halbe Stunde zu spät.
Das ist eigentlich gar nicht schlimm, wie sich herausstellt. Ich habe es geschafft, in einer viertel Stunde zwei Unfälle mit dem Auto und einem mit dem Fahrrad zu bauen. Das ist nun mein persönlicher Rekord.

Die Logik der Verlierer

Es ist gut, dass Deutschland ausgeschieden ist. Die deutsche Mannschaft hat erneut nicht gut gespielt. Die Italiener zwar auch nicht, aber die sind es gewohnt sich mit stinklangweiligem Fußball durchzuschummeln. Es ist besser für unseren Fußball nach so einer Leistung erst gar nicht weiter zu kommen, sonst bürgert sich das noch ein.

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