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Klingsors Letzter

Archive for Juni, 2006

Abreise

Ab heute wird noch weniger in diesem Blog los sein als schon in der letzten Zeit: Ich fahre nämlich aufs Fusion-Festival an der Müritz.
Jojo hofft nun schon auf neue wehleidige Einträge nach dem Motto “Wie schrecklich das Leben doch ist.” Aber das bezweifle ich. Ist zwar wahrscheinlich nicht mein Musikgeschmack, aber mal abwarten. Die Stimmung soll ja toll sein.
Ich habe mir auch schon einen festivaltypischen Anmachspruch überlegt: “Entschuldige, jemand hat mein Zelt vollgekotzt, kann ich in deinem schlafen?”

Fußball. Ein Abgesang.

Diese Fußball-Weltmeisterschaft ist ein Requiem auf den Fußball.
1. Gut spielen lohnt nicht mehr, es kommen nur die weiter die grottig spielen und eine gute Abwehr haben. Früher waren das lediglich die Deutschen, die sich so durchmogelten nun sind es außer den Deutschen nahezu alle anderen.
2. Es macht keinen Spaß mehr Fußball zu schauen. Es ist zumeist ein wirres Gekicke im Mittelfeld, Torraumszenen sind Mangelware. Wie der Kommentator heute bei Frankreich gegen Spanien bemerkte: “Es ist ein taktisch interessantes Spiel.” Ach so. Man muss etwa zehn Spiele schauen, um entweder ein interessantes Spiel zu entdecken oder in den zehn Spielen genug Aktionen für ein einziges spannendes und schönes Spiel zu finden.
3. Fußballer haben keinen Spielwitz mehr. Das ist nur eine Variation des zweiten Punktes, behandelt aber im Besonderen die Brasilianer. Sie spielen ohne jegliche Freude. Ein Kommentator sagte heute treffend: “In der Werbung sieht das noch anders aus.”
4. Statt Fußball schaut man den Proben einer Schauspielschule zu. Auch weil die Schiedsrichter jedes wirklich kleine Foul mit gelb ahnden, werden selbst bei kleinsten Berührungen größte Verletzungen simuliert. Jede leichte Berührung des Armes ist sofort ein Ellenbogen-Check, nach dem man sich auf dem Boden wälzen muss.
5. Fußball ist europäisch. Immerhin sind noch zwei südamerikanische Mannschaften dabei. In schrecklichen Spielen haben sich die Italiener, die Portugiesen, die Franzosen, die Ukrainer, die Engländer durchgesetzt. Das Italien die nächste Runde erreicht hat, ist die schwerste Beleidigung für den Fußball.
6. Es gibt keine Wunder mehr. Jedes Spiel gewinnt der Favorit, entweder durch Aussitzen oder durch Glück. Es gibt keine Tore in den letzten Minuten mehr, kein Mitfiebern, kein Drehen eines Spiels in den letzten Sekunden, keine Helden mehr. Es gibt die Geschichten nicht mehr, die den Fußball einst (wohl) ausmachten. Wo sind die tragischen Helden, wo die wirklichen Helden?
7. Es gibt keine außergewöhnlichen Persönlichkeiten mehr. Alles Durchschnitt und weichgespült. Die bekanntesten Spieler haben durch die tausend Werbespots ihren Charme verloren. Wer erinnert sich nicht an Carlos Valderrama, der wenigstens mal eine schöne Frisur hatte oder an den verrückten Torwart von (glaube ich) Paraguay?
Fußball plätschert nur noch vor sich hin. Und Deutschland spielt den besten Fußball. Das muss man sich vorstellen. Wer hätte das jemals gedacht?

Witz des Tages

“Herr Doktor, Herr Doktor, ich kann nicht einschlafen.” - “Haben sie es schon einmal mit einem Spiel der italienischen Nationalmannschaft versucht?” - “Nein. Hilft das?” – “Und wie! Das ist wie Narkose.” – “Ist das verschreibungspflichtig? Muss ich was zuzahlen?” – “Nein. Ich habe die gesammelten Spiele dieser WM auf Video. Die kann ich ihnen geben, damit können sie mindestens einen Monat lang duchschlafen.”

Der Bußfall

Gestern in den Tagesthemen: Offensichtlich war die Zeit nach den normalen Berichten zu Ende, da sagte Ulrich Wickert lapidar: “Übrigens das Wetter wird sehr schön morgen.” Ende. Kein Wetterbericht mehr. Man könnte nun über die Übermacht des Fußballs, der allen Menschen das Wetterwissen nahm, philosophieren. Muss man aber nicht.

Keine Professionalität, nirgends.

Ich hatte heute wohl das anstrengendste Interview meines bisherigen (semi-)journalistischen Daseins. Es war ein Telefoninterview mit dem thüringischen Staatssekretär für Bildung, dem zweiten Mann im Hochschulstaat. Ich hatte ihn schon mehrfach live erlebt und seine Eloquenz hat mich im Gegensatz zum eher stupiden Auftreten des Kultusministers sehr begeistert.
Daher wandte ich mich an ihn, um eine Stellungnahme zu den Paragraphen des neuen Hochschulgesetzes, die das Klinikum betreffen, zu bekommen. Grob gesagt wird das Klinikum selbstständig(er), es kann seine Finanzen und seine Grundstücke selbst verwalten, kann Kredite und Hypotheken aufnehmen. Gleichzeitig wurde aber auch die innere Hierarchie umgebaut. Noch extremer als an der Hochschule wurden die demokratisch gewählten Vertreter aus dem Vorstand bugsiert. Der Vorstand besteht nur noch aus drei Leuten, die einstimmig beispielsweise über die Verwendung aller Gelder, über die Schließung von Instituten und die Ernennung von Institutsleitern entscheiden müssen.
Darüber also wollte ich mit dem Staatssekretär sprechen und wählte zugegebenermaßen einen schlechten Einstieg, als ich ihn auf die “Machtballung” des Vorstands ansprach. Er reagierte entrüstet und wollte das Gespräch gleich abbrechen. Auf so einem Niveau wolle er nicht weiter reden, das sei dem Thema nicht angemessen. Durch etwas mehr Geschick konnte ich das Gespräch zunächst doch noch retten und er begann zu erzählen, dass doch solch ein riesiges “Unternehmen” professionell geleitet werden müsse. Aber auf jeden Einwand meinerseits reagierte er zugleich pikiert und aggressiv. Ich habe selten ein Gespräch mit einem so dünnhäutigen Menschen geführt. Seine dünne Haut war der Anspruch, die Intellektualität. Sobald eine Frage etwas schärfer möglicherweise damit auch unpräziser gestellt war, wollte er das Gespräch abbrechen, das war unter seinem Niveau.
Ich konfrontierte ihn mit einer anderen Meinung (”die Fakultät wird entmachtet”), die er dumm und unreflektiert fand. Dann holte er sie raus, die Intellektuellen-Keule für den alltäglichen Umgang mit den Medien: “Das ist ja noch schlechteres Niveau als bei der Bildzeitung.” Er warf mir vor, künstlich Probleme zu schaffen, da doch alle mit dem Gesetzentwurf zufrieden seien. Mit einer hohen, aufgebrachten Stimme sagte er: “Und dann kommt ihr wieder mit eurer Studentenzeitung und sucht wieder nur das Schlechte.” Es fehlte nur noch, dass er sagte, wir würden Dreck werfen und das Nest beschmutzen. Denn eigentlich könnte Thüringen ja froh sein, dass die Kliniken nicht komplett privatisiert worden seien wie in Hessen und dass der Tarifvertrag gültig bleibt. Aber muss man dafür die demokratischen Strukturen opfern?
So diskutierten wir etwa 20 Minuten lang, bis er dann für sich selbst festlegte, dass das Gespräch so seine Meinung nicht adäquat wiedergeben könne. Er wiederholte immer wieder: “Das können sie nicht abdrucken, dafür gebe ich ihnen keine Authorisierung.” Ich wies dezent darauf hin, dass ich keine Authorisierung brauche, da er das Gespräch im Wissen darum begonnen habe, dass ich es für eine Zeitung führe. Da holte er die letzte Keule raus: “Falls sie es dennoch abdrucken, werde ich dem Akrützel nie wieder ein Interview geben.”
Das Gespräch ging dennoch weiter und wir diskutierten über das Gespräch an sich noch etwa 10 Minuten. Ich sprach von Redaktionsschluss, er von sich Zeit nehmen. Er wollte mir alles erläutern, wobei das, nach den Erfahrungen mit seiner Kritikfähigkeit, eher nach dem Wunsch nach Brainwashing klang. Das Gespräch war so anstrengend, weil der Staatssekretär bei ihm unliebsamen Fragen entweder die Exit-Option stark machte (nach dem Motto “solche Fragen beantworte ich nicht”) oder auf mein mangelhaftes (weil kritisches?) Wissen verwies (”das sollten sie noch einmal nachlesen”). Ihn am Hörer zu halten war somit ein Balance-Akt: Wir redeten fast mehr Meta als über die Sache an sich. Etwa 40 Minuten. Da hätte er mir das Gesetz wahrscheinlich auch haarklein erklären können.
Am Ende sagte er dann unerwarteterweise, dass ich so nicht einmal ein Zwei-Minuten-Statement hätte. Überrascht fragte ich ihn, ob er mir das denn noch geben könne. Dann fing er an. Die bestmögliche Lösung bundesweit …
Was mich am meisten wundert, ist, dass er eine enorme Professionalität erwartete, ohne sie selbst jedoch auch nur ansatzweise an den Tag zu legen. Er reagierte immer nur überzogen wie ein kleines Kind. Da ist mir der plumpe Kultusminister mittlerweile bei weitem lieber, bei ihm kann man wenigstens noch provokativ sticheln. Der nimmt das nicht persönlich.

Die sinnlose Taste

Wer bitteschön braucht die Einfügen-Taste auf der Tastatur? Bitte jetzt melden!
Wieso heißt sie überhaupt Einfg, wenn sie doch nur dazu da ist, ständig in den überflüssigsten Modus – den Überschreibe-Modus – zu wechseln. Wer überschreibt seine Texte, weil er den ganzen Absatz für schwach hält. Kein Mensch kann abschätzen, wie lang seine Sätze werden und wieviel Text er damit überschreiben kann. Die meisten werden den Absatz einfach markieren und löschen. Es hat sicherlich etwas Luxeriöses den Buchstaben-Darwinismus auf dem eigenen Bildschirm zu beobachten, aber mehr auch nicht. Wahrscheinlich war einfach noch Platz auf der Tastatur, als man sich diese schnuckelige Funktion ausdachte.
Warum kann man bei ihrem Gegenspieler – der sinnvollen Entfernen-Taste – nicht auch einfach umschalten. Und ist Überschreiben nicht auch Entfernen? Ist der Umschaltmodus der Kompromiss zwischen beiden Tasten, hätten sie sonst nicht nebeneinander existieren können? Oder hat sich die Einfügen-Taste einfach weitergebildet, ohne dass die Entfernen-Taste etwas davon wusste? Wurde die Entfernen-Taste einfach vor vollendete Tatsachen gestellt und schmollt nun in ihrer Ecke, und entfernt deshalb voller Häme immer mehr Text als man eigentlich will?

Stimmen zum Spiel. Diesmal: Meine Mitbewohnerin

Hier die autorisierten Zitate:
„Die Ecuadorianer haben sich sehr fantasievoll angezogen. Die Deutschen sehen eher aus wie Ärzte aus der Schwarzwaldklinik.“
„Was macht der Ballack eigentlich mit seinen Haaren – die stehen ja auch wenn er rennt. Vielleicht ist es ja ein Helm.“
„Netzer sagt „Ich gratuliere“ so, als ob gerade etwas extrem Salziges im Mund kauen müsste.“

Ein Ferienjob

Ein Zwei-Tages-Job an der Bahnstrecke von Jena nach Weimar vermittelt durch eine Zeitarbeitsfirma.
Die Bahn wollte ein zweites Gleis nach Weimar legen. Doch bevor die Arbeiten beginnen konnten, mussten Zeitarbeiter zunächst ein Sicherheitsgeländer am bestehenden Gleis befestigen, damit es keine Unfälle bei den Bauarbeiten gebe.
Um halb acht am Bahnhof in Großschwabhausen. An der schon bebauten Strecke gab es noch ein sicheres Hupen-Warnsystem, falls ein Zug käme. Bei der Arbeit an der noch zu bebauenden Strecke in Richtung Jena gab dieses Vorwarnsystem nicht mehr. Nur das erfahrene Gehör eines älteren Zeitarbeiters half uns Züge zu erhören. Das war an dieser Strecke auch nicht schwer, da sie so kurvig ist und Züge im Allgemeinen recht laut die Kurven nehmen. Schwieriger wurde es jedoch später, als vom laut röhrenden Lastwagen benötigte Teile abgeworfen und neben den Gleisen verteilt wurden. Ein Hilfsarbeiter wurde abgestellt nach dem Zug zu schauen und zu pfeifen, wenn er käme. Jedoch war die Strecke wie bereits erwähnt recht kurvig, so dass wir immerhin den Zugfahrer im letzten Moment laut hupen hörten, als er um die Ecke bog. Der neben den Gleisen stehende Arbeiter stand in diesem entscheidenden Moment glücklicherweise direkt am LKW.
Die Auszahlung fand auf dem Parkplatz bei McDonalds statt: Ein Mercedes fuhr vor, ein Kofferraum mit einer Kasse wurde geöffnet, ein Schäferhund saß unruhig auf dem Rücksitz. Immerhin gab es 250 DM für zwei Tage Arbeit.

Der Geburtstagsärger

Mal was anderes ausprobieren: Der Geburtstagsärger. Statt einfach nur gefeiert zu werden, machen die Freunde richtig Ärger und streiten mit dir.

Die glücklichen Neubaublogger

Aus aktuellem Anlass stelle ich zwei Neubau-Blogs vor: Urbandesire und Beetlebum.
Auf der Rückkehr aus dem Blog-Ghetto rätselten wir Innenstadtkinder, was – außer Behäbigkeit – Menschen dazu veranlassen könnte, freiwillig in diesen Neubauten zu hausen.
Früher war es möglicherweise die Gemeinschaft (jeder hörte und bespitzelte somit jeden) und die Austattung dieser Bauten (Warmwasser, Fernheizung). Heute ist es möglicherweise der Preis, obwohl der sich auch nur noch marginal vom Innenstadtpreis unterscheidet.
Letztendlich kam ich zu dem Schluss, dass es nur der Blick vom Balkon sein könne, der Menschen in Lobeda hält. Der Blick hinab. Die Möglichkeit jederzeit Selbstmord begehen zu können. Manchmal stehe ich in meinem Zimmer traurig am Fenster. Manchmal bin ich auch schon gesprungen. Die meiste Zeit aber weine ich und blicke mißmutig auf den Turm – dort zu wohnen, welch ein Traum!
Ich wohne nur Parterre. Parterre. Ich kann mir maximal den Fuß verstauchen. Wenn ich Glück hätte, würde ich schlecht fallen und auf die Straße purzeln und von einem der selten vorbeifahrenden LKWs überfahren werden. Aber die sehen mich ja immer schon, wenn ich auf dem Fensterbrett stehe und bremsen ab. Weicheier! Einmal hatte ich mich auch versteckt und war ganz schnell hinter der Heizung hervor über das Fensterbrett gesprungen – da war der LKW aber schon abgebogen.
Aber neulich stand ich auf dem Balkon eines Neubaus! Im neunten Stock. Welch ein Gefühl. Es durchwehte mich eine Ahnung der Schönheit Lobedas. Daher: Ein Prosit auf die glücklichen Neubaublogger!

Die zwei Party-Überbleibsel

Bevor ich zu der Feier ging, deprimierte ich mich noch ein wenig mit gegenwärtiger Comedy-Kultur. Die Sendung hieß “Nightwash” und war unterirdisch. Im Grunde hätte jeder die Pointen bringen können, das Motto lautete “Wie schaffe ich es, all die Fragen abzuarbeiten, die sich jeder der 100 Zuschauer schon einmal gestellt hat?” Man rede über die schlecht funktionierende Automatik der Sensor-Wasserhähne, über Anrufbeantworter-Sprüche, über ausgefallene Kindernamen bei befreundeten Pärchen. Man finde kleine skurrile Anekdoten, um die Leute in Staunen zu versetzen. Zum Beispiel von dem Tanga-Automaten auf einer Kölner Toilette. Jeder Mensch hätte sich dazu einen Witz einfallen lassen können. Nur besaß nicht jeder den Mut und die Skrupellosigkeit damit auf eine Bühne zu treten.
Doch gerade bei der oben genannten Feier gab es keinen solchen Automaten auf der Toilette. Dabei hätte er sehr hilfreich sein können, auch um die Aufmerksamkeit ein wenig abzulenken. Aber es war schön. Auch wenn ich – wie immer – mit wehenden Fahnen in die Mittelalter-Falle rannte: Damals glaubte man, meines Wissens nach, dass sich innere Schönheit auch im Äußeren zeige. Ein Beispiel einer anderen Feier: Eine wunderschöne Frau wandelte die ganze Zeit durch die Räume, sie flanierte unter den Blicken der Anwesenden. Bis sich der Veranstalter eine Zigarre in ihrer Nähe anzündete. Sie kreischte und schrie, ging ganz aus ihrem schönen Körper heraus – sie zeigte sich. Danach ging sie unbemerkt durch alle Räume, nur selten wurde sie noch angesehen und dann mit einem enttäuschten Kopfschütteln oder mit einem auf das Mittelalter verweisenden Seufzer bedacht. Ja, so war das auf der Party. Und wenn es noch einen
Automaten gegeben hätte, dann wäre alles anders gewesen.
Anmerkung: Lieber Blogleser, es liegt nicht an Ihnen, wenn Sie sich nun schlecht infomriert fühlen und an sich selbst zweifeln. Dieser Eintrag ist absichtlich missverständlich und mehrdeutig geschrieben.

Wo das Geld sitzt: Arbeitslose, Rentner und Sozialhilfeempfänger

Um es noch einmal ganz genau auf den Punkt zu bringen, was ich hier schrieb. In der heutigen Tagesschau: Es geht um den langsam aufkeimenden Widerstand gegen die Mehrwertsteuererhöhung. Nach einiger Kritik daran kommt Peer Steinbrück zu Wort, der das Geld schon fest eingeplant hat: “Wenn ich in der Größenordnung einsparen müsste, dann müsste ich die Schwachen dieser Gesellschaft treffen, ich müsste an die Rentner, an die Arbeitslosen, an die Sozialhilfeempfänger ran. Das heißt um solche Summen zusammenzukriegen, müsste ich in diesem Bundeshaushalt Einsparmaßnahmen verabschieden, die wirklich tiefgreifende soziale Verwerfungen entstehen lassen.”
WIE BITTE? Wo ist da die Logik? Wieso kann man nur da sparen? Das klingt so als hätten nur diese Armen Geld, als könnte man nur an Sozialleistungen sparen. Was ist das denn für eine Argumentation, zumal die Mehrwertsteuereerhöhung sowieso schon die Rentner, Arbeitslosen und Kranken trifft.

Danke, ARD!

Fußballschauen kann sehr langweilig sein. Diesmal haben sich aber die Kameraleute der ARD übertroffen. Anfangs glaubte ich, dass die ARD lediglich die Erstverwertungsrechte erstanden hatte und jede Zeitlupe extra zahlen musste. Zeitlupen waren selbst bei strittigen Szenen Mangelware. Lieber sagte der Moderator “Wir haben uns das noch mal angeschaut.”
Aber dann am Ende übernahm ein wirklich humorbegabter Redakteur die Bildleitung. Es begann alles mit dem wirklich gemeinen Schnitt auf Angela Merkel, die bei den beiden Lattentreffern, zusätzlich zu ihrer sonst schon schlechten Figur noch viel schlechter – weil unkontrolliert – wirkte. Ich glaube, das war sogar in Zeitlupe. Gemein, aber echt lustig.
Dann viele schöne kleine Szenen: Man sieht einen ausgelassen singenden Fan – das Spiel ist schon lange vorbei, man wundert sich. Dann geht davor ein polnischer Fan entlang und schaut betont auf die Uhr. Dann David, der Dävid genannt werden will, sagt das es wichtig war zu gewinnen, weil wir gewinnen wollten und deshalb auch gewonnen haben. Am besten aber der Wechsel nach Greifswald, dem Geburtsort von Michael Ballack. Wie schön, dass die ARD die Hebamme von Michael Ballack ausgegraben hat. Und während der Moderator rumlamentiert wie toll die Stimmung sei und die Fans nahezu ausrasten, weil sie sich gleichzeitig im Fernsehen sehen, steht da die ganze Zeit ein Typ im Vordergrund mit riesiger Ballmütze, gerade so als wäre er der Experte, der gleich zu interviewen sei, dabei war es ein stinknormaler Fan. Manchmal schwenkte die Kamera auch mehr zu ihm als zum Moderator.
Wie schön. Das war echt mal eine lockere Art, Fußball zu senden. Danke ARD.

Blog-Glossar Teil I

Immer wieder häufen sich die Fragen, was denn bestimmte Begriffe der Blogwelt bedeuten. Hier nun die Aufklärung.
“New Kids on the Blog” - Früher Newbies, im Western Greenhorns, im allgemeinen Anfänger.
Blogopädie - Wissenschaft, die die physische Sprachfähigkeit der Blogbetreiber untersucht und die häufigsten Krankheiten (Aphasie und Legasthenie) zu heilen versucht
Blogpartei - in neueren Diskussionen sogenannte A-Blogger, die neben dem übermächtigen Bildblog bestehen und keine thematischen Alternative sind (pejorativ: Blogflöten)
Blogik - Logik der Verbreitung der Blogthemen. Man spricht auch von einer Wellen-Blogik, in seltenen Fällen von Tsunami-Blogik
Blogjob - Tätigkeit der kleinere Blogger (sog. Blogsucker) in großen Blogs nachgehen, in der Hoffnung durch diesen “Gefallen” aufzusteigen
Blogwork Orange – fatalistische Metapher für die Zukunft der Blogwelt: vom jugendlich stürmerischen zum gesellschaftlich kastrierten
Blogbuster – ein sehr erfolgreicher Blog, der auch in der realen Welt Erwähnung findet, beispielsweise Bildblog oder Ehrensenf
Blogsatz – Standardsatzformat der meisten Blogs, erkennt man an „Heute ist wieder nichts passiert“
Im Teil II werden folgende Begriffe geklärt: Blog Rocking Beats, Blogseminar, Blogade, Bibi Blogsberg, Blog’n’Roll, Betablogger, Gefängnisblog, Blogschokolade.

Wir sind ausgeliefert

Manchmal kreisen große schwarze Raben vor meinem Fenster. Dann denke ich – wie wahrscheinlich die meisten Menschen – an Hitchcocks “Die Vögel” und stelle mit Bedauern fest, dass die Architektur nichts aus diesem Film, dieser Vision gelernt hat. Wieso überall Glas- und Stahlkonstruktionen? Wieso Glas? Einmal saß ich in der neuen Bibliothek und grübelte, wo es denn in diesem Gebäude noch einen fensterlosen Raum gebe. Mir fiel keiner ein. Was wenn die Vögel angreifen oder eine Atombombe fällt? Immerhin haben wir in unserer Wohnung ein sicheres und gut abschließbares Bad. Wie konnte man nur solche gläsernen Fehlbauten errichten? Was ist mit Attentätern, was mit berockten Frauen, was ist mit Saubermachen?

Ein Nachtrag zum Flirten

Der größte Reiz des Flirtens ist das Spiegeln. Das funktioniert nahezu immer. Dazu braucht man ein wenig Menschenkenntnis, den Mut, die eigenen Interpretationen auszusprechen und die Fähigkeit, sie mit ein wenig Arroganz beiläufig ohne Besserwisserei einzustreuen. Zum Beispiel: “Du bist jemand, der immer alles verstehen muss.”

Verwandte Musik: Die Kleingeldprinzessin

Ich höre selten deutsche Musik. Man kann dabei viel einfacher auf die Worte achten und das ist das Todesurteil für die meisten deutschen Texte. Irgendwann hatte ich mich damit angefreundet, dass die besten deutschen Texte die kryptischen (eigentlich aneinandergestückelten) Texte von Bands wie Tocotronic, Blumfeld oder Element of Crime sind. Um gar nicht von den ganzen Jugendbands (Tomte, Kettcar) zu reden.
Die Texte bestehen zumeist aus zwei guten Gedanken, zwei guten Bildern, die irgendwie miteinander verknüpft werden mussten. Dazwischen werden dann überflüssige Wortbrücken gebaut. Meist merkt man auch, wie sich die Bands bemühen von ihrem einfachen Alltag möglichst stark zu abstrahieren. Ich habe die Situation A, darf das aber nicht so singen, B wäre noch zu offensichtlich, daher muss ich A erst in B einpacken und kann es dann als C singen. Wichtig ist, dass es kryptisch und damit poetisch erscheint.
Vielleicht ist das alles auch gar nicht meine Welt – vielleicht spiegelt es ja die innere Welt anderer wider. Vor kurzem habe ich nun die erste deutsche Band entdeckt, der ich mich irgendwie verwandt fühle: Die Kleingeldprinzessin aus Berlin. Wunderschöne Texte, traumhafte Stimme. Das schönste Lied, was mir am meisten aus der Seele spricht ist “Alles Du”, es ist leider nicht auf der Homepage verfügbar. Aber “ein Tag” oder “gut genug” sind fast ähnlich schön.
Meine Lieblingszeile: “Die Welt steht offen zu entdecken, also können wir uns genauso gut noch heute hier verstecken.”

Flirtkurs III: Die Gelegenheit

1. Man muss sich seines Körpers bewusst sein, man muss ihn mögen. Man muss seine eigene Körpersprache beherrschen, wissen wie man wirkt.
(Männer sind nicht sexy, sie sind selbstbewusst.)
2. Man muss wissen, was man will und das auch ausstrahlen. Man muss wissen, wie der Gegenüber denkt und was er erwartet.
(Erwartungen sind von anderen abhängig, Ziele nicht.)
3. Man sollte seinen Willen nicht mit seinem Instinkt verwechseln.

Meine erste Rezension

Uwe Timm tarnt seine Recherche zum Buch als BuchUwe Timm tarnt seine Recherche zum Buch als Buch
Es ist, als ob man dem Selbstgespräch eines alten Mannes zuhört. Es wird viel gesagt, geradezu geplappert, es werden unzählige Anekdoten aneinandergereiht, einige Pointen vergessen und viele alte Theorien gewälzt. Der Sinn der Rede liegt ausschließlich in ihr selbst, im Schwelgen in der eigenen Erinnerung.
Grundsätzlich soll sich der Monolog „Am Beispiel meines Bruders“ von Uwe Timm um dessen im zweiten Weltkrieg getöteten Bruder drehen. Dessen Tod lag wie ein Schatten über dem Leben der gesamten Familie. Anhand von Tagebuchaufzeichnungen und Briefen versucht Timm die Person, die diesen Schatten warf, mit Leben zu füllen. Er schreibt unverhohlen einen Recherchebericht und buchstabiert jede Frage, die ihn bewegt, haarklein aus. „Wie kommt es zu dieser Einsicht?“ oder „Was waren das für Bilder, die ihn bedrängten?“ Er schwankt zwischen Theoretisieren und Erzählen. Er versucht den Bruder aus dessen Aufzeichnungen zu verstehen, aber auch ihn aus seinem historischen Wissen zu erklären: Wie konnte er skrupellos einen Russen, der sich eine Zigarette anzündete, erschießen und sich zugleich über die Bomberangriffe auf Hamburg aufregen? Gab es zwei Maße der Menschlichkeit?
Timm will am Beispiel seines Bruders den Krieg und dessen Auswirkungen schildern. Am Beispiel seines Bruders schildert er aber vielmehr nur seine eigene private Familiengeschichte. Eine Distanz ist nicht erkennbar, das Buch ist durchsetzt vom realen Ich des Autors. Wenn es Fiktion geben sollte, wäre sie gut versteckt. Und so kann sich das Buch nicht über den Alltag seines Autors erheben.
Nur sehr selten zeigt Timm seine Fähigkeit zu beobachten. Es sind die besten Momenten des Buches. Die Demütigung der Vätergeneration, der langsame Abstieg des Vaters in den Alkohol, die Intimität der Beziehung zu seiner Mutter, mit der noch auf ihrem Sterbebett ein aus der Kindheit bewahrtes „zartes Druckalphabet des Einverständnisses“ teilt. Doch diese prosaischen Elemente bleiben Ausnahmen, banalste Alltagssprache dominiert das Buch. Er schafft es nicht, in seinen persönlichen Schilderungen eine literarische Dichte – wie etwa Max Frisch in „Montauk“ – zu erreichen. Eine Dichte, die dem Leser mehr als nur Wissen um die Timmsche Familiengeschichte gibt.
Als Ersatz für diese Sprache dient der Krieg. Der Zweite Weltkrieg zieht immer. Die mediale Erinnerungskultur a la Guido Knopp war auch gerade auf dem Höhepunkt, als Timm sein Buch 2003 veröffentlichte. Was allerdings „Am Beispiel meines Bruders“ zur Aufarbeitung beitragen kann, ist unklar. Alles, was darin steht, ist nicht neu. Timm selbst nennt sogar die Bücher, in denen man es – besser geschrieben – nachlesen kann. Sein Buch ist nur eine Erinnerung an schon vorhandene Erinnerungen. So schön es ist, wenn sich jemand mit seiner eigenen Familiengeschichte auseinandersetzt, so überflüssig ist es, wenn er sie als Literatur tarnt und auf dem Literaturmarkt verhökert.

Thüringen entlässt seine Hochschulen – in die Diktatur

Das wird demnächst im neuen Thüringer Hochschulgesetz beschlossen. Wie schön – starke Führung hat ja noch niemandem geschadet.
Der Rektor wird zum Präsident: Er hat Vetorecht bei allen Beschlüssen, kann endlich neben Professoren auch noch Dekane berufen, in Abstimmung mit dem Präsidium (Kanzler, Prorektoren) kann er die Studiengänge neu sortieren, kann sie abschaffen oder fördern. Kontrolliert wird er von einem Hochschulrat, der aus externem (also wirtschaftlichen und politischen) Sachverstand gebildet wird, und einem zahnlosen Senat, der alles beschließen darf, was keine Bedeutung hat, und zu allem Stellung nehmen darf. Gewählt wird der Präsident vom externen Sachverstand (Wirtschaftsrat), der Senat darf die Liste erstellen und dann zustimmen. Die Studenten, die schon oft eine entscheidende Stimme hatten, werden die Rektorwahlen nicht mehr beeinflussen. Der Präsident darf, falls er es wünscht, sogar noch die alte (in der demokratischen Verfasstheit geprägte) Bezeichnung “Rektor” tragen.

Warum man Menschen mag und nicht

Wenn man jemanden mag, dann ist das ein Bauchgefühl. Und wenn dann jemand daherkommt, den man ebenfalls mag, und dann versucht einem einen Strick draus zu drehen, einen großen Vorwurf draus macht und sogar deshalb den Charakter in Frage stellt, dann bekommt meine Wenigkeit zumindest ein sehr heftiges Bauchgefühl und muß gehen.
Wenn jemand jemand nicht mag, dann ist das auch ein Bauchgefühl, dass ich respektiere.

Woran man Menschen erkennen kann

An ihrem Gang, an ihrem Lachen,
an ihrem Klatschen, an ihrer Art zu Reden.
An ihren Freunden, an ihren Feinden,
Frauen an ihrem Freund, Männer an ihrer Freundin,
Hunde an ihren Herrchen, Herrchen an ihren Hunden.
An ihrem Wunsch, Menschen zu erkennen
über ihren Gang, ihr Lachen.

Die körperliche Wirklichkeit des Traums

Beim Einschlafen kennt wahrscheinlich jeder den Moment, wenn die Wirklichkeit noch einmal kurz am Horizont des Schlafens – wie ein Pottwal – auftaucht. Meist geschieht das in Form einer körperlichen Reaktion, die man wohl am ehesten mit dem “kalten Schauer” umschreiben kann, der einem über den Rücken läuft. Dann schüttelt man sich kurz und ist wieder wach.
Gestern hatte ich einen bezeichnenden Einschlaf-Moment. Jemand stand mit einem Ball in der Hand vor mir. Dann warf er den Ball mit beiden Händen in mein Gesicht. Ich wehrte mich nicht, sondern spürte in einer Bewegung des ganzen Körpers den Aufprall des Balls. Mein Körper reagierte, als hätte ich den Ball wirklich abbekommen. Glücklicherweise konnte ich nicht umfallen, da ich lag. Dann war ich wach und grübelte lange darüber, warum die Vorstellung bestimmter Situationen nicht ausreicht, um sie wirklich zu empfinden. Wahrscheinlich hindert uns ein (unbewusster) Realitätssinn daran, der ja auf dem Weg zum Schlaf ausgeschaltet wird.

Am Beispiel meiner Eltern

Es ist sehr erstaunlich, dass es in Deutschland einen Sozialneid nach unten anstatt nach oben gibt. Meine Eltern haben mir das schön verdeutlicht. Der Sozialstaat könne nicht mehr alles tragen und müsse deshalb abgebaut werden, Hartz 4 müsse auch verschärft werden. Am präsentesten waren die Beispiele der Sozialschmarotzer: Es kann nicht sein, dass ein Pärchen mit Kind gemeinsam mehr Geld verdient, als wenn einer von beiden arbeiten geht. Außerdem bekommen sie ja auch noch die Kinderbetreuung und die Miete bezahlt.
Warum setzen sich solche marginalen Beispiele fest, warum werden sie durch die Medien (in diesem Fall ein Artikel in der Mitteldeutschen Zeitung) so wirksam verbreitet? Warum setzt sich nicht Ackermann fest, warum nicht der steuerhinterziehende Mittelständler? Warum soll der Sozialstaat auf den Schultern der Ärmeren “saniert”, also beerdigt werden?
Meine Eltern meinten dazu nur, das sei doch Sache der Unternehmen, wieviel Geld sie dem Ackermann zahlen und außerdem wären die Einnahmen, die es beispielsweise aus der (so schrecklich benannten) Reichensteuer gebe, minimal. Das wäre nur ein Tropfen auf den heißen Stein, aber das “Motivieren” der bisherigen Schmarotzer, das wäre effektiv.
Das habe ich jetzt ein wenig zugespitzt – aber diese Argumentation war präsent und lag der Diskussion zu Grunde. Wahrscheinlich ist die Befürchtung, dass die Schmarotzer den eigenen Lebensstandard verringern könnten, dass sie einem über den Umweg des Staates auch auf der eigenen Tasche liegen, dass man mehr Geld hätte, wenn es sie nicht gebe. Im Gegenzug lassen sich der Steuerhinterzieher oder der Unternehmer nicht gut instrumentalisieren, sie sind ungreifbar. Das würde man ja als Mittelständler auch gerne machen, wenn sich denn die Chance böte. Außerdem hat man ja die Hoffnung noch nicht aufgegeben, dorthin aufzusteigen. Wieso sollte man sich dann auch noch Steine in den Weg zu legen?
Die soziale Diskussion funktioniert also nach dem so bekannten Fahrradprinzip: Nach oben buckeln und nach unten treten.

Reise-Wetter-Gefühle

Ich will es noch einmal versuchen – auch auf die Gefahr hin wieder einmal mit Bildern und Vergleichen zu jonglieren, die mir leicht entgleiten könnten.
Der emotionale Haushalt ist wie das Wetter. Das klingt banal. Aber die Kenntnis des Wetters ist nicht banal, das Wissen um das Wetter anderswo. Es ist so schwer zu ahnen, dass das Wetter an einem anderen Ort – nur 100 Kilometer nördlich – ganz anders sein kann, dass das Wetter mit einer anderen Person ganz anders ist. Wenn man immer nur auf den eigenen unklaren Himmel schaut, wird man es nie sehen.

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