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Klingsors Letzter

Archive for Mai, 2006

Der Clown und der Humor

Ich frage mich in letzter Zeit immer häufiger, wer denn überhaupt meinen Humor teilt oder überhaupt versteht. Sicherlich gibt es Humorschnittmengen – aber es wäre doch schön jemanden zu kennen, der mehr als die Hälfte seiner Humormenge mit mir teilt.
Gestern habe ich mich beispielsweise sehr darüber gefreut, als mir jemand von der Aktion “Anwesenheitslisten klauen” erzählte, die überall in der Stadt Plakate aufgehängt hatte. Auch nach mehrmaligem Nachfragen hatte ich dies so verstanden, dass neben der Erläuterung der Aktion auch das Bild des “Anwesenheitslisten-Clowns” hing. Ich war so begeistert, weil ich just in diesem Moment an genau solch ein Bild gedacht hatte und weil ich hoffte, jemand hätte das auch so veröffentlicht. Bisher habe ich aber nur langweilige Texte dazu gelesen und nirgendwo den Clown entdeckt. Vielleicht sollte ich ihn mal goophen und dazu hängen.
Ich hab es doch mal “schnell” gegoopht.

clown

Nachtrag: Ich habe den Listen-Clown doch entdeckt. Ein sehr schöner Clown mit einer echten Liste. Eigentlich müsste ich mich mit meinem Humor nun verstandener fühlen. Ist aber nicht so.

Schöne Szene II

Ein Akrützelredakteur beim Nachrichtenlesen:”Lars von Trier hat meine Idee geklaut. Er will die Nibelungen neu verfilmen.” Nach einigem Lachen schob er erklärend und ernst nach: “Ich hatte die Idee schon lange.”

Eine schöne Szene

Wir spielen “Mafia”. Ein prima Denunziationsspiel. Eine Freundin widerlegt sehr langwierig – und wahrscheinlich auch in sich schlüssig – die Argumentation ihres Nachbars, der sie verdächtigt hatte. Er entgegnet nur lapidar: “Das wird zu komplex. Du bist es.”

Ein Nachtrag zu Fußball

Das schöne am Fußball, eigentlich an allen Sportarten, ist, dass man überhaupt nicht mehr nachdenkt. Alles reduziert sich auf Körper und Bewegung, auf Atem und Schweiß. Irgendwie kommt man – auf eine abstruse Art – mit sich ins Reine: Nach einem 10 Kilometer-Lauf gibt es keine Probleme außer den körperlichen mehr. Fußball ist eine Art Meditation.
Nur manchmal drängt sich neben das einfache Gewinnenwollen, unerwarteterweise der Gegner mit seiner absurden eigenen Wirklichkeit. Beispielsweise beim Herrentagsturnier der Uni: Ich wusste mit 100 % Sicherheit, dass der Ball meine Hand nicht berührt hat – es ist ja doch meine Hand. Die Gegnerin behauptete es trotzdessen mit einer extremen Überzeugtheit, die mir fast Angst machte. Ein andernmal dribbelte ich knapp vor der Auslinie, die ich aber sehr genau sah, weil ich fast drauf stand. Trotzdessen behauptete der Gegenspieler, der Ball sei im Aus gewesen. Und das immer mit einer Überzeugung, die in ihrer Intensität meinem eigenen Wissen (!) um die Wahrheit meiner Wahrnehmung entsprach. Da wurde mir erst bewusst, dass ich ebenso komplett falsch liegen könnte.
Die schönste Szene des ganzen Turniers lieferte aber einer meiner Mitspieler. Es war ein sehr ruhiges Turnier. Jede Mannschaft stellte auch zugleich Laien-Schiris für andere Spiele. In unserem Strafraum fällt ein Gegner im Laufduell mit einem Verteidiger um. Der Schiri pfeift Neunmeter. Einer unserer Spieler beschwert sich und meint eher unaufgeregt, dass der Gegner doch nicht dafür, das er dem Abwehrspieler ein Bein gestellt hatte, noch einen Strafstoß geschenkt bekommen könnte. Da kam nun der große Auftritt von Alex. Er stellte sich gekonnt zwischen Laien-Schiri und Laien-Fußballer. Er schubste den eigenen Spieler zurück, beschwichtigte, tat so, als wäre unser Spieler hyperaggressiv und kurz vor einem tätlichen Angriff. Diese schöne Parodie auf die sonst üblichen Aggressionen verlieh dem mittelmäßigen Spiel einen Touch eines großartigen, guten Spiels. Sie war Bundesliga unter den Freizeitkickern.

Erkenntnis

Man erschafft sich alle Dämonen, die einen quälen, selbst.

Wenn das Leben einen auslacht

Manchmal hört man durch den Grundton des Alltags das schallende Lachen des Lebens. Es ist ein schreckliches Lachen, das Lachen eines Kindes, das sich freut, dass wieder einmal jemand in seine Falle gegangen ist. Kein Hollywoodregisseur könnte die Brutalität dieses Momentes so passgenau ausgestalten.
Szene: Eine Feier in einer alten Bahnhofshalle. Diverse Bühnen und Tribünen sind aufgebaut, verschiedene Künstler treten nacheinander auf.
Vorgeschichte: Mit einem Freund setze ich mich auf eine Tribüne, wir lassen das erste Konzert entspannt vorbeistreichen. Weil ich meine Regenjacke nicht die ganze Zeit tragen will, lege ich sie dort ab, auf die höchste Stufe.
Wie ich es bereits geahnt hatte, war sie auch da. Das Mädchen, das diesen Blog schon von Anfang an (wie eine Blutspur) durchzieht. Aktuelle Situation: Ich hatte sie zum Autoscooter eingeladen, sie hatte sich nicht gemeldet. Heute blickte ich ein wenig traurig auf den wieder zugeparkten ehemaligen Rummelplatz. Sie hat einen Freund, das wußte ich. Es war eine sogenannte Haßliebe. Sie sagte, sie könne nicht ohne ihn, aber auch nicht mit ihm.
An diesem Abend war sie aber mit jemand anderem da. Ich kannte ihn ganz gut. Sie lief mehrfach an mir vorbei, ohne dass ich wußte, ob sie mich gesehen hatte. Dann sahen wir uns, ich wollte nicht auf sie zugehen (siehe Vorgeschichte) und lief achselzuckend vorbei. Leider setzte sie sich nun aber auf die Tribüne, auf der wir zu Anfang gesessen hatten – direkt auf meine Jacke. Liebenswürdigerweise kam dann ihre Begleitung und es wurde offenbar, dass sie doch ohne ihren Freund leben konnte. Das war zunächst schwer zu verkraften.
Dann aber wollte ich betont gelassen meine Jacke entfernen. Ich zog sie, ohne sie wirklich zu beachten, hervor und “glücklicherweise” stand darunter direkt ein Glas, dass ich mit der Bewegung mitzog. Es zersplitterte auf dem Boden. Wenn ich einen Abgang gewollt hatte, dann entweder cool oder unbemerkt – beides war jetzt utopisch. Alles sah mich an. Ihr neuer Freund sah mich an und sagte, da gebe es aber Pfand drauf, da müsse ich ihm nun einen Euro geben. Ich war kurz davor zu sagen: “Ne lass mal, da sind wir ja quitt.” Dann aber lachte er und streckte mir seine Hand entgegen, die ich abklatschen sollte. Welch ein grandioser Moment: Ich mache High-Five mit dem neuen Freund des Mädchens, in das ich lange, viel zu lange, verliebt war, der ich tausend schöne Geschenke gemacht hatte, an die ich fast jeden Tag gedacht hatte und dann traurig darüber war, dass sie sich für ihren (damaligen) Freund entschieden hatte. Unter der Hand, ohne offizielle Ausschreibung war die Stelle neu vergeben worden. Und dann an einen stadtbekannten Aufreißer. Wie gut, das so zu erfahren. Es war demütigend, aber in einer Intensität, die schon wieder so ins Skurrile abdriftete, dass ich es nicht mehr wirklich fassen konnte. Als ob das Gehirn implodiert, aber das Zwerchfell herzhaft dazu lacht.
An dieser Stelle möchte ich allen Beteiligten danken, die an dieser wunderbaren Szene mitgewirkt haben, allen und im Besonderen ihr, die ihren Part genau auf diesen einen Moment seit einem Jahr hingespielt hat. Das war mal eine gut vorbereitete Punchline.
Ich blieb dann noch etwas, weil ich glaubte und hoffte, dass es irgendwann einen Zeitpunkt geben musste, an dem es doch wieder aufwärts gehen musste, sich irgendetwas änderte. Den gab es nicht.

Geständnis

Warum ich immer so viel schreibe?
Weil ich manchmal Texte schreibe, die mir fast zu privat sind. Löschen will ich sie aber im Nachhinein auch nicht. Deshalb schreibe ich schnell ganz viele (meist zwei) weitere Beiträge, um die Leser über diese intimen Einträge hinwegzutäuschen.

Ein Atavismus

Wenn ich mir manchmal meine gesammelten Geschichten ansehe, wundere ich mich selbst: Wie konnte ich innerhalb von drei Jahren 180 Seiten mit Kleinstgeschichten wie der Folgenden füllen? Wahrscheinlich erfüllten sie die gleiche Funktion wie dieser Blog, nur viel kryptischer und weniger abstrus. Die Bedeutung vieler Geschichten ist – aus heutiger Sicht – leider schrecklich offensichtlich, was sie ein wenig schmählert.
Aber die folgende Geschichte mag ich auch heute noch, auch wenn ich sie selbst nur teilweise verstehe. Vielleicht ist das aber auch der Reiz. Mein spätes Ich versucht mein frühes Ich zu verstehen. Mein früher Gedanken-Blog trifft meinen späten Blog. Es hat sich also – immerhin – doch etwas geändert.

Alte Geschichten (I)

Du sitzt auf der Brücke, der Fluß rauscht unter dir, deine Beine baumeln im Wasser. Du legst dich auf die Brücke, fühlst das Wasser an den Füßen, am ganzen Körper, du schwimmst in Gedanken. Plötzlich wird dein Fuß mitgerissen und du kannst dich gerade noch am Geländer der Brücke festhalten. Die Schlinge verschwindet wieder und du ziehst dich zurück ins Trockene, betrachtest die Wunden von den Holzsplittern. Sie werden bleiben, werden einwachsen. Du legst dich auf den Bauch und blickst in die Richtung, aus der der Fluß kommt. Dort treibt jemand mit geschlossenen Augen auf deine Brücke zu. Vorsichtig streckst du die Hand hinab, in diesem Moment öffnen sich die Augen, eine Hand ergreift deine. Doch du liegst sicher, lange schaust du in die fremden Augen und fragst dich, wer wen hält. Plötzlich schließt er seine Augen wieder, läßt los und lacht haltlos.
Du sitzt auf der Brücke, die Beine angezogen, die Knie umklammert, und hörst wie sich das Lachen von dir entfernt.

Songs’n'Soul

Aus irgendeinem Winkel meines Kopfes kommen manchmal Songfetzen, herausgelöste Liedzeilen auf meine Lippen. Das geschieht ganz unbewusst und doch – oder vielleicht gerade deshalb – spiegelt diese Melodie meinen momentanen Zustand sehr genau wider. Das wird mir regelmäßig ein oder zwei Gedanken später bewusst.
An einem Abend als ich mich abgrundtief traurig auf ein großes Festival schleppte, hatte ich schon auf dem Hinweg, die sehr pathetische, aber doch zutiefst ehrliche Zeile Morrisseys auf den Lippen: “I will be alone forever more.” Dieses Gefühl spannte sich über den gesamten Abend, es blieb die Grundmelodie, auch wenn ich später vieles andere hörte.
Zum Camille-Konzert in der Stadtkirche hatte ich jenes Mädchen eingeladen, von dem ich eigentlich Abschied nehmen wollte, aber noch immer das belastete Geschenk dieser Einladung mit mir herumtrug. Letztendlich beschloss ich, dass es doch ihr gehören sollte. Als ich ihr die kleine CD samt Ticket übergeben wollte, kam sie mir aber todtraurig entgegen und sie war den Tränen nahe. Ich übergab es und ließ sie allein. Aber sie kam zum Konzert. Als wir danach weggingen, war mir ironischerweise nur diese eine Zeile als Ohrwurm geblieben: “Je veux prendre ta doleur.” Ich konnte es nicht verhindern – und glaubte vielleicht auch daran.
Zwei All-Time-Favourites habe ich, in denen ich allerdings noch keine Bedeutung erkennen konnte: Die Zeile “And then while I’m away, I’ll write home everyday” aus “All my loving” von den Beatles und ganz allgemein Jeff Buckleys “Halleluja”.

Goopho II

Vielleicht sollte ich an dieser Stelle lieber verschweigen, dass ich früher ganz stolz auf meine Photoshop-Kenntnisse war. Ich hatte meiner Mitbewohnerin damals sogar von der neuen Kunstrichtung vorgeschwärmt, die ich gründen wollte: Die GooPho-Kunst. Sie wird in Live-Wettbewerben zelebriert, bei denen die Teilnehmer zehn Minuten Zeit zu einem bestimmten Thema bekommen und ein Google und ein Photoshop. Aus dem gefundenen Material müssen sie sich dann ein Bild zusammenschneidern. Meine Mitbewohnerin meinte dazu nur verächtlich: “Was hat das mit Kunst zu tun?”
Das habe ich mittlerweile überwunden. Ich kann auch mit der Imperfektion dieser Werke leben. Daher hier nun mein zweites Goopho-Kunstwerk. Ich brauchte allerdings, das muss ich gestehen, eine dreiviertel Stunde.

gutes geld

Der sympathische Hundeschlachter

Auch wenn ich mittlerweile das Gefühl habe, dass mein Blog zu einem “Schaut was ich für einen tollen Link gefunden habe”-Blog verkommt, muss ich diesen wunderbaren Link noch loswerden.
Falls sie keine Lust mehr auf ihren Hund haben sollten, können sie sich getrost an den sympathischen Hundefleischer von nebenan, Herrn Kim Kim, wenden. Sehr lesenswert sind die Rezepte, das Retrievergulasch und die Hundesuppe (hergestellt aus einem Suppenhund) und auch das Angebot der Eigenschlachthund: “Innerhalb weniger Minuten ist Ihr Liebling komplett ausgeblutet und wird von unserem Küchenmeister abgezogen und zerlegt. Sie bekommen das Fleisch schließlich vorportioniert in handlichen PET-Vakuumpaketen. Während des gesamten Vorganges können Sie unserem Küchenmeister durch eine Glasscheibe bei der Arbeit zusehen.”
Außerdem findet man auch noch Gründe, warum Menschen einen Hund halten, eine Reportage über die erste hundefreie Stadt Neustadt und den Aufbau einer Bürgerinitiative gegen Privathundehaltung.

Scheinargumente

Da ich mich demnächst mehr oder weniger professionell dem Thema „Studiengebühren in den Medien“ widmen werde, hier schon einmal einige argumentative Unstimmigkeiten.
Zwei große Argumente werden in den Medien immer angeführt um Studiengebühren zu rechtfertigen: Das Gerechtigkeits- und das Kundenargument. Das Gerechtigkeitsargument lautet grob: Die Verkäuferin zahlt mit ihren Steuern das Studium des Arztsohnes. Einmal ganz abgesehen davon, dass sie auch das Studium ihres eigenen Kindes bezahlen würde und die Philharmonie, die sie noch weniger nutzt finanziert, funktioniert das Argument nicht. Wie wird denn die Verkäuferin entlastet, wenn Studiengebühren eingeführt werden? Wenn Studiengebühren ganz und gar den Hochschulen zu Gute kommen sollen und nicht zur Sanierung der Landeshaushalte genutzt werden? Die Situation ist genau die Gleiche. Möglicherweise empfindet die Verkäuferin auch eine abstrakte Befriedigung darin, dass Studenten nun auch zur Kasse gebeten werden, so wie sie sonst auch überall im Leben. Aber im Grunde zahlt sie das Gleiche. Es wäre nur gerechter, wenn dafür die Ausgaben des Bildungshaushalts gesenkt werden würden.
Das Kundenargument lautet wie folgt: Wenn die Studenten für ihre Bildung bezahlen, werden sie auch Leistungen einfordern können. Die Gegenfrage: Können sie also momentan noch keine Leistungen fordern? Ist es eine Frage der Motivation, des Selbstbewusstseins? Ändert sich irgendetwas an den Hochschulstrukturen, das allein nur den leichten Anschein erwecken könnte, dass die Studenten stärker mitbestimmen dürfen. Wird nicht in mehreren Ländern schon seit langem versucht, die verfassten Studentenschaften abzuschaffen. Und jetzt können sie auch noch mehr fordern. Eine merkwürdige Argumentation.

Der Schuhstreifen und die drei Klammern

Als ich neulich, in einem meiner seltenen Versuche interessante Blogs zu finden, diversen Links folgte, fand ich immerhin diesen schönen Eintrag. Er widmet sich dem unerklärlichen Phänomen der waisen Schuhe, die auf dem Standstreifen der Autobahn liegen.
(Nur nebenbei: Wäre es nicht schön, wenn es einen Strandstreifen an der Autobahn geben würde. Man hält an und sonnt sich ein wenig, zwischen all den Abgasen und all dem Dröhnen. Aber im Staufall wäre es ideal.)
In Marks “schönen” Erklärungsversuchen und den Kommentaren erkennt man ein interessantes Phänomen: Es gibt jemanden der Ideenluftballons an kleinen Alltagsphänomenen aufsteigen lässt, der die abstrusesten Ideen damit verbindet, nur um dann ganz profan von irgendjemandem Fantasielosen mit dem Luftgewehr des “Das ist doch ganz einfach” abgeschossen zu werden.
Derjenige will ich nun sein. (Wenn ich schon nicht mehr der Kreative sein kann). Beim ADAC kannten sie das Phänomen der ausgesetzten Schuhe nicht. Dafür konnte mir die Mitarbeiterin der Autobahnmeisterei Hermsdorf schon eher weiterhelfen. Die banale Erklärung dafür lautet: Motorradfahrer oder Dachgepäckträger. Viele Fahrer verlieren unterwegs Dinge, für die sie später nicht bereit sein werden, zurückzufahren. Schuhe zählen zu diesen Dingen. Sie sind außerdem meist außerhalb oder oben verstaut. (Vielleicht weil die Motorradfahrer auch barfuß fahren wollen – nur was machen sie dann ohne Schuhe? Sie kaufen sich im nächsten Geschäft neue. Eine schöne, weil pragmatische Einstellung zum Einkaufen. Neulich hörte ich auch von einem Freund, dass er sich ein Hemd gekauft hatte, weil es ihm zu kalt war. Eine andere Freundin hatte sich ein T-Shirt gekauft, weil ihr aktuelles komplett durchgeschwitzt war. Nicht mehr Mode, sondern Wegwerfartikel. Schön.)

Das inoffizielle WM-Maskottchen

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Französische Hoffnung

Leider war der Moment, auf den ich mich seit drei Wochen gefreut hatte, recht unspektakulär. Aus Frankreich hatte ich noch billigste Volvic-Flaschen mitgebracht, die genauso aussehen wie deutsche. Ich wusste natürlich, dass sie nach der Scannung des Strichcodes angenommen werden. Aber irgendwie keimte in mir die Hoffnung auf, mit diesen französischen und damit revolutionären Flaschen, einen Leergutautomaten vor Verwirrung zu sprengen. Der Leergutautomat zerstörte meine Hoffnung, er drehte die Flasche mehrmals verwirrt, vielleicht weil er ahnte, dass er sie doch von der Form kennen müsste, überlegte dann ein wenig und entschloss sich dann mein revolutionäres Anliegen durch banales Zurückgeben zurückzuweisen. Welch eine Schmach.
Aber ich habe noch zwei Flaschen hier, die nur auf den richtigen Zeitpunkt warten. Dann wird die Revolution beginnen! Wenn erst der erste Leergutautomat zerstört ist, wird der Kapitalismus auch nicht mehr zu halten sein!

Warum Blogs keine Gegenöffentlichkeit sein können

1. Blogger spiegeln unsere Gesellschaft wider: Zumindest die verschiedenen Milieus der 20-40-Jährigen, vom Popper (90%) bis zum Philosophen (1%) ist alles vertreten. Ein Spiegelbild kann auch nicht mehr zeigen.
2. Blogs sind ohne Notwendigkeit entstanden: Sie waren Eruptionen der “Spaßgesellschaft”. Sie waren die Lava, die langsam von der Spitze der Bedürfnispyramide, der Selbstverwirklichung, hinab floß und über all den basalen Alltagsbedürfnissen und -erlebnissen erkaltete.
In China oder in den USA können und müssen Blogs der Gegenöffentlichkeit Nahrung geben. Im übersättigten Deutschland können sie hingegen nur noch als finaler Rülpser Ausdruck finden.

Nur für Notfälle

poncho

Der Glanz in ihren Augen

Manchmal wundere ich mich, was andere Menschen für grandios oder brilliant halten.
Ein Blogger namens Poodlepop schrieb eine Polemik zu eben jenem unten beschriebenen Opel-Thema. Sie war nicht gut geschrieben, nur wütend und angreifend. Ein paar Bilder rutschten auch rein, aber erst am Schluss. Vorher wurde auf niedriger “Ihr seid so und so”-Ebene polemisert. Eine Polemik ist aber, für mich zumindest, nicht das banale “Du bist dumm”, sondern eine eloquente Umschreibung der Person, ein langsames Enger-Ziehen der Stricke, bis man den Hals dann in einem letzten Satz vollends eingeschnürt hat. Der Text von Poodlepop hingegen ist ein wütendes Würgen nach dem Motto “Jetzt, stirb endlich!”
Aber er hat an sich sicher nicht den Anspruch gestellt, eine tolle Polemik zu schreiben. Das kam erst durch seine Leser. Ein anderer Blog, der hochgelobt wurde, hatte meines Erachtens ebensowenig Grandioses zu bieten. Vielleicht freuen sich die Menschen heutzutage schon, wenn sie einen wohlgeformten Hauptsatz mit richtig angeschlossenem Nebensatz lesen dürfen, der zudem auch noch eine Information oder gar eine Idee enthält. Eine Idee! Welch rares Gut.
Ich erinnere mich da noch deutlich an eine 2,7 in einer Hausarbeit in Mediävistik (Ältere deutsche Literatur). Ich hatte die Arbeit nebenbei geschrieben und keine Ahnung von dem Thema. Im Gespräch erklärte mir der Dozent, dass er das auch gemerkt habe, aber da es immerhin lesbar war, gebe er mir eine 2,7. Sein entscheidender Satz lautete: “Sie wissen ja gar nicht, was man da (in der Germanistik!) alles zu lesen bekommt.” Dabei starrte er ein wenig entrückt, so als sehe er all das noch einmal geballt vor sich. Ich hätte ihm sicherlich auf die Schulter geklopft, wenn ich nicht so im Glück meines eigenen Bestehens verfangen gewesen wäre.

Fussballfans und Hooligans

Der FC Carl-Zeiss Jena ist aufgestiegen. Ironischerweise mit der ersten Niederlage diesen Jahres.
Bei den Feierlichkeiten gab es zum Abschluss ein sehr schönes Sinnbild für den Unterschied zwischen Fußballfans und Hooligans. In den letzten Minuten des Spiels hatten sich bereits hunderte Fans am Spielrand gesammelt und waren nur noch schwer vom Spielfeld fern zu halten. Bei Abpfiff war der Rasen voll von feiernden Fans. Etwas abseits, vor der gegnerischen Fankurve, standen etwa hundert Hooligans und beschimpften die mitgereisten Fans. Während also die Fans den Aufstieg feierten und es eigentlich nur Grund zur Freude gab, lieferten sich die wütenden Hooligans noch eine Schlacht durch den Zaun – bis die Polizei Tränengas einsetzte. Zwischen diesen beiden Gruppen lagen nicht nur fünfzig Meter, sondern zwei Arten des Fußballverständnisses. Die einen jenseits des Spielfeldes hätte man getrost wegsperren können: Sie haben mit Fußball nichts zu tun.

Ein Gruß aus dem Blickicht

Sie hatte mich auf eine kleine Feier mitgenommen. Damit wir uns mal wieder ein wenig unterhalten können. Man saß herum und wir nebeneinander. Die Gespräche kamen aus allen Richtungen und sie ging telefonieren. Lange. Es kamen Leute. Sie kam wieder. Wir sprachen nicht, alle sprachen. Plötzlich stand sie auf und setzte sich neben eine Freundin.
Und dann geschah es: Ein Blick, er war einfach da. Aus irgendwelchen unbewussten Ecken. Es war ein Blick, der sagte “Wie kannst du es wagen, dich wegzusetzen?” Ein Blick, als wären wir vierzig Jahre verheiratet, beleidigt und verärgert, weil sie mir gehört und mich allein sitzen lässt. Was sollen die Anderen denken: Eine gestörte Ehe? Was erlaubt sie sich, meinem Ruf so zu schaden? Ein Blick wie eine Ohrfeige. Ein alter Blick.
Das alles schwang in der einen Sekunde dieses Blick. Das alles erkannte ich in der nächsten Sekunde und war schockiert. Aber da dieser Blick so fern von mir selbst war, so unerklärlich, so komprimiert, konnte ich nur lachen. Das befreite mich und sie, die den Blick noch im selben Augenblick verstanden hatte.
Vielleicht hatte der Blick sich ja verlaufen, gar im Stockwerk geirrt. Vielleicht war er zu früh aus dem Blickicht gesprungen. Vielleicht wollte er mahnen, vielleicht ein Blick aus der Kristallkugel. Hoffentlich nicht.

Vermintes Gelände

An dem Versuch, ein Plakat gegen eine Nazidemonstration zu erstellen, zeigt sich sehr deutlich, wie vertrackt der gesellschaftliche Umgang mit Nazis ist.
Zunächst sollte man die Nazis nicht abbilden. Zum einen, weil ihr Äußeres nicht nur häßlich, sondern auch politisches Statement ist und man ihnen, sobald man sie abbildet, eine Plattform bietet. (Klingt etwas abstrus, wurde mir aber schon mal vorgehalten.) Zum anderen, weil man mit der Darstellung die Bürger verschrecken könnte, die man doch auf die Demonstration holen will. Die Realität kennt der Bürger zwar als diffuses Bild, aber konkretisieren sollte man es nicht. Das wirkt so bedrohlich. Daher versuchen die meisten Gegendemonstrationen, den friedlichen Aspekt herauszustellen und firmieren unter dem fröhlichen und abgenudelten Motto “Farbe bekennen”.
Ein anderes Problem ist das der Sprache. Bei starker Ablehnung besteht die Gefahr, in einen ähnlichen Jargon zu verfallen, der den Nazis eigen ist. Beispielsweise ein Plakat auf dem eine Glatze aus einem Blumentopf erwächst, über dem steht “nicht jede Art ist schützenswert”. Das ist nahe an dem Begriff Rasse.
Eine Sondergefahr besteht in der Verwendung falscher Symbolik: Eine Glatze steht nicht notwendigerweise für Nazi, ein Springerstiefel auch nicht mehr. Dabei kann man allerdings abwägen, wie groß der Teil des Publikums ist, die diesen feinen Unterschied mitbekommen.
Die geringe Kreativität und häufige Wiederholung der Motive liegt also an dem stark eingeschränkten Darstellungsraum.

Hängen oder Vierteilen

Am Wochenende ist Oberbürgermeister-Stichwahl in Jena. Die Wahl fällt mir schwer, weil ich die Mankos beider Kandidaten kenne. Der Eine beherrscht das Soziale, der Andere das Faktische. Der Eine verspricht viel, ohne zu wissen, der Andere verspricht nichts, weil er weiß, dass es nichts zu versprechen gibt. Der Eine ist ein lächelnder Händeschüttler und penetranter Omaknutscher, der Andere ein kalter Stoffhuber, ein realitätsferner Schreibtischregent.

Masochismus

Es gibt Momente, in denen man eindeutig erkennen kann, ob man ein Masochist ist. Ein banales Beispiel: Der Moment, in dem man das erste mal den Freund der Frau sieht, die man wochenlang kennen lernen wollte. Geht man beleidigt weg, erspart sich den Anblick, wie sie sich küssen, vergisst man? Oder bleibt man einfach stehen und kann nicht wegschauen, so fasziniert als ob man einen schweren Unfall betrachten würde, auch wenn man selbst dabei verbrennt.

Die Blogosphäre: Überflüssige Alltagsbanalitäten

An dieser Stelle ein Geständnis: Ich hatte ein falsches Bild der Bloggerszene. Für mich stellte sie – und das wollte ich mir selbst zunächst nicht eingestehen – eine Art Gegenöffentlichkeit dar. Einen Bereich, in dem Absurdes neben Recherchiertem stehen konnte, eine kleine anarchische Sphäre.
Das war Quatsch. Und es gab eindeutige Indizien dafür. Es gibt hunderttausende kleine Blogs, in denen nur Alltag berichtet wird. Nichts weiter. “Tell me why I don’t like mondays” ist der Grundtenor. Warum sollten diese Alltagsblogger es komisch finden, wenn die Alpha-Blogger, sich billigst verkaufen? Die Alpha-Blogger sind doch auch nur etwas bessere Alltagsblogger – sie sind welche von uns. Die kleinen Blogger sitzen im Gefängnis ihrer eigenen Unbekannheit und schauen erfreut oder neidvoll auf die, die es geschafft haben, die ihre fünf Minuten, ihre tausend Klicks genießen. Was sollten sie kritisieren, wo sie doch unterhalten werden. (Ein schrecklich klischeehafter Satz, der aber wohl zutrifft.)
Und da wurde mir klar, dass es eigentlich nicht schade ist: Die Kommerzialisierung hat Einzug gehalten, ohne dass es jemanden stört. Vier bekannte Blogger haben sich verkauft für ein Butterbrot. Was ist ein Monat lang kostenlos Auto fahren? Nichts. Jeder, der etwas auf sich hält, hätte wohl einen höheren Preis für seine Echtheit genommen. Aber an diesem Kuhhandel, an diesem Billigpreis erkennt man auch die Einstellung der Blogger. Mit der Alltagsweisheit des geschenkten Gauls auf den Lippen nehmen sie es an.
Die Blogsphäre hat nichts jenseits des Alltags zu bieten. Sie spiegelt die Generation wider, für die die Neon erschaffen wurde: Die hippen, junggebliebenen Großstadt-Mittdreißiger. Im besten Fall ist das skurril oder wirr, im schlechtesten und häufigsten Fall banal und überflüssig. Aber kritisch ist es nie, war es nie, wollte es nie sein.
Insgeheim hatte ich noch Meldungen aus den USA im Ohr, die so begannen: “Blogger deckten auf” oder “wie Blogger herausfanden.”

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