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Klingsors Letzter

Archive for März, 2006

Französische Lehrer-Streik-Kultur

Eine Freundin, die gerade in Frankreich ist, hat mir geschrieben, wie der Streik in einer französischen Schule abläuft: Die Lehrer sitzen im Lehrerzimmer und warten die ganze Zeit, weil sie ja für ihr Gehalt da sein müssen. Zu jeder Unterrrichts-Stunde gehen sie ins Klassenzimmer und stellen die Nicht-Anwesenheit aller Schüler fest. Dann gehen sie wieder ins Lehrerzimmer und trinken Kaffee und warten.

Flirtkurs I: Das Lächeln

Momentan habe ich bei zwei erfahrenen Coaches (erfahren, weil sie Frauen sind) einen Bibliotheks-Flirt-Kurs belegt.
Das erste, was ich heute gelernt habe, ist, dass es nicht wichtig ist, Aufmerksamkeit zu wecken, sondern Aufmerksamkeit zu zeigen. Ich war davon ausgegangen, dass auch Frauen die ganze Zeit mit ihrem Blick Männer mustern und nach Aussehen kategorisieren. Ich dachte, da müsste ich dann schon auffallen, wenn ich sie einfach anschaue. Aber bisher stand ich dem wichtigsten Mittel des Anschauens skeptisch gegenüber: Dem Lächeln. Ich blickte einfach nur, weil ich dachte, dass würde schon genügen. Ein Lächeln kann doch so leicht falsch verstanden werden: Warum sollte ich denn lächeln? Aber, wie ich heute gelernt habe, geht es um ein “ein offenes Lächeln, das nichts will.”
Das Schwierige ist meiner Befürchtung nach auch der Zeitpunkt des Lächelns: Es darf nicht zu früh sein, denn dann sieht es aus, als wäre man dämlich und würde die ganze Zeit vor sich hin grinsen. Es muss genau in dem Moment des Augenkontaktes spontan auf den Lippen entstehen und es muss echt sein. Wie kann man plötzlich (wann treffen sich schon einmal Blicke) so ein kompliziertes zwangloses Lächeln finden, das einen aus der Masse heraushebt, das einen zu “ihrem Komplizen” macht (was auch immer das heißen mag – wemgegenüber denn?).
Immerhin eines habe ich gelernt: Grundlos lächeln ist nichts Falsches, sondern Grundlage des Flirtens. Ich werde es jetzt mal vorm Spiegel und dann morgen in der Bibo üben. Aber der Zeitpunkt …

Beeindruckende Alltags-Absurditäten

Ich habe nur Respekt vor Ideen und Texten, wenn ich merke, dass ich darauf nicht nach zehnminütigem Nachdenken zu diesem Thema auch gekommen wäre. Beim Poetry-Slam im Kassablanca beispielsweise gewann ein Berliner Slammer mit einem Text darüber, wie er in seinem Haus gegen die Briefkasten-Werbeflut vorgehen würde. Es war abzusehen, dass er für den Werbe-Spammer eine Odyssee durchs Haus erfinden musste. Diese Reise hat er wirklich gut auf die Spitze getrieben, aber trotzdessen blieb sie sehr vorhersehbar.
Gleichzeitig finde ich es auch beeindruckend, wenn sich jemand über ganz kleine Sachen unverhältnismäßig große oder tiefschürfende Gedanken macht und so den Alltag und die angewandten Theorien ad absurdum führt. Ein schönes Beispiel findet sich auf dem befreundeten Blog von Beetlebum unter: http://blog.beetlebum.de/2006/03/28/puddingmaximum-aufgabe/#more-261. Außerdem hat er zu meiner Freude und zu meinem Zweifel auch versucht, eine ewig alte Frage von mir zu lösen: Gibt es Dinge, die man nicht fönen kann? Die bisherige Antwort lautete: Die Tiefsee. Sein Tiefseefön ist – meiner Ansicht nach – zwar schön gezeichnet aber funktionieren würde er nicht, da der Luftstrom des Föns nicht ausreichen würde, um das bei der Öffnung des Ventils einströmende Wasser aufzuhalten. (http://blog.beetlebum.de/2006/03/29/jojo-meets-davinci/)
Zum Abschluss noch die schöne These einer Freundin, die wohl wahr ist, ich aber auch niemals gefunden hätte: Die Deutschen tragen die Sonnenbrillen nach Temperatur und nicht nach Sonnenintensität. Auch wenn im Winter oder Frühling die Sonne extrem stark scheint, ist es noch keine Zeit für eine Sonnenbrille – es ist ja noch zu kalt dafür.

Zitate (II)

Wieder einmal Max Frisch: “Ihr Glanz ist die Freiheit, mein Preis dafür ist die Eifersucht; und ich bezahlte ihn voll.”

How to condemn

Nur mal ein fiktives Beispiel für die schöne englische Redewendung “to damn by faint praise”: Die Knöpfe an deiner neuen Jacke sind schön. Oder: Das Licht bei der ‘Hermannsschlacht’ (Theaterstück) war wirklich sehr gut.

Beziehungsperspektiven

Meiner Erfahrung nach kann es bei jeder Geschichte zwei völlig verschiedene Sichtweisen auf den Hauptdarsteller geben: Einen involvierten, sorgevollen Blick und einen abgekühlten, faktenorientierten Metablick.
Ein Beispiel: Eine gute Freundin von mir war den reinen Fakten nach in den letzten fünf Jahren nie Single. Sie hangelte sich von einem Freund zum nächsten. Zufälligerweise war es immer so, dass der neue schon am Horizont erschien, als der alte gerade am untergehen war. So könnte man das sehen. Aber ich war involviert, ich war dabei, habe jedes Zögern, jedes Zweifeln, viel Freude, viel Leid miterlebt: Ich weiß, dass die reinen Fakten täuschen, dass es diese Meta-Perspektive im Zwischenmenschlichen nicht geben kann. Jedenfalls nicht für mich.
Allerdings ist es natürlich auch eine Frage des Austarierens. Eine andere damalige Freundin hatte eine ständige Auf-und-ab-Beziehung. Ich erlebte eher die Abs. Obwohl ich also alle Abstürze in Erinnerung hatte und wusste, dass sie in ihrer Euphorie eigentlich nur Fallhöhe aufbaute, freute ich mich jedes Mal mit ihr, wenn ihre Beziehung wieder einmal nur schön war. Sicherlich hätte ich mahnen können und ich habe mich oft auch gefragt, ob das nicht meine eigentliche Aufgabe gewesen wäre. Hätte ich sie nicht daran hindern müssen, ihr Herz immer wieder freudig in diesen fünften Stock zu tragen, auf das er es dann erbarmungslos aus dem Fenster warf und ich die Scherben unten mit ihr aufkehren konnte. Aber ich hoffte immer auf ihr Lernen, auf ihre eigenen Erfahrungen. Immerhin sagte ich das auch: Es liege an ihr, daraus zu lernen. Ich werde mich nicht von ihr abwenden, aber ewig auffangen kann ich sie auch nicht.
Die Nahperspektive muss wohl dann um die oben beschriebene Metaperspektive erweitert werden, wenn sich das Handeln im Kreis dreht und immer wieder dieselben Fehler passieren.

Die schlechten Unterschiede

Manchmal habe ich das Gefühl, dass all das, was andere Menschen schlecht machen könnte, immer schon in unserer Gegenwart mitschwingt: All die klitzekleinen unangenehmen Eigenschaften, die die Person insgesamt unerträglich machen können, all das Gerede, was man über die Person über Dritte erfährt, was man aber ihr niemals gegenüber aussprechen darf, all die charakterlichen Schwächen, die jemanden genauso liebens- wie hassenswert machen können. Es ist nur eine ganz unscheinbare Nuance der Wirklichkeit, diese negative Trübung, diese störende Ebene, die man in jüngeren Jahren noch nicht ernst nimmt. Vielleicht ist es ein Spalt der Hoffnung, vielleicht auch der Liebe, die einen festgefahrenen, einen festlegenden Blick auf die Anderen verhindert.
Später jedoch wandert der Blick auf das Störende und verwandelt es – im eigenen Prestigedenken, durch die ständigen Eigenwirkungsanalysen – in das Ganze. Je tiefer man sich in der Gesellschaft verankert, desto seltener kann man in Anderen mehr als sich selbst sehen, desto mehr fürchtet man im Anderen die Haltlosigkeit des eigenen erwartungsschweren Ankers zu entdecken. Deshalb muss der andere auf genaue Koordinaten festgelegt werden, muss als anders, ferner – und damit auch als schlechter – definiert werden. Jede Offenheit, jede Freiheit wäre da gefährlich. Glücklicherweise umschließt der Boden des Alltags den Anker sehr schnell und macht die Positionsbestimmung damit zur Routine.

Das (Familien-)Fest

Es gibt keine Tradition der Familienfeiern. Sie sind spätestens nach dem zweiten Weltkrieg entstanden, als sich die Kinder einen anderen Wohn- und Arbeitsort als die Eltern suchten. Davor war die Familie sowieso in einem Haus versammelt, eine Familienfeier hätte keinen Sinn gemacht. Sie ist ein Zeichen von Abwesenheit, von fremdem Alltag.
Was mich aber wundert, ist, dass sich dieses Konzept allgemein so schnell durchsetzen konnte. Besonders, wann sich die Familie trifft, ist ganz eindeutig geregelt: An Geburtstagen, Ostern und Weihnachten. Keine Ausnahme, alles ist rigide geregelt. Mit jedem Treffen zurrt man die Regeln unbewusst fester.
Mir erscheint diese Feierform schon selbstverständlich. Ich sehe heute schon, wie die Generationen wechseln und es genau das gleiche bleiben wird: Eine Tradition, die niemand will und es eigentlich auch nicht gibt, der aber trotzdem jeder folgt. Ein Treffen, bei dem die Themen immer gleich sind, das immer gleich abläuft. Ein Treffen, das im subjektiven Empfinden immer schrecklicher wird, wahrscheinlich bis die Teilnehmer altersbedingt ausgewechselt werden. Ein Treffen, das bloß höfliche Blendung ist. Ein Treffen, nach dem die eigentlichen, uralten Gräben mit rechthaberischer Freude wieder vertieft werden können. Sie waren währenddessen nur mit dem brüchigen Reisig des Alltags abgedeckt und überbrückt worden.

Denkzettel für die FDP

Der Wahlkampf der FDP hat in Sachsen-Anhalt eine neue Dimension gewonnen. Auf großflächigen Plakaten wird zu einer Denkzettel-Wahl motiviert: Keine Mehrwertsteuererhöhung – Jetzt FDP wählen. Welche Auswirkung hat die Landespolitik auf die bereits von der großen Koalition beschlossene Mehrwertsteuererhöhung? Die FDP begibt sich damit auf das gleiche Niveau wie die DVU, die auf ihren Plakaten gegen Hartz 4 wettert, was ebenfalls jenseits landespolitischer Entscheidungsräume liegt. Außerdem und das ist das schlimmste: Es wird von den Leuten nicht einmal problematisch betrachtet, dass die FDP die Bürger für dumm verkaufen will und einer landespolitischen Entscheidung Auswirkungen auf die bundespolitische Ebene zuschreibt.
Dazu passt auch, was ich heute im Radio hörte: Es finden heute nicht drei Landtagswahlen statt, sondern “ein bundespolitischer Stimmungstest”. Wahrscheinlich eine Art essentielle Demoskopie.

amazing photographies of the nearest future

Es gibt Gespräche, die nur darauf ausgelegt sind, zu zeigen, wie wenig man weiß. Besonders wenn es dann um Technik geht, tendiere ich dazu nostalgisch und kulturkritisch zu werden. Bei Fotografie bin ich da fast festgefahren wie ein Rentner: Digitale Spiegelreflex-Kameras sind niemals so gut, wie echte Kameras. Das Skurrile daran ist nur, dass ich da immer an einer technischen Imperfektion festhalte, die so lange einen Standard bot, wie es keine bessere Technik gab. Was kann denn daran besser sein, dass man Bilder per chemischen Verfahren auf einen gekörnten Film presst und dann mühsam im Labor entwickelt. Und doch ist das Handarbeit und besser als das neue automatiserte Verfahren, als die neue Vergänglichkeit der Bilder. Selbst das Warten auf die Bilder habe ich idealisiert, habe ich so in mein Foto-Verständnis eingebaut, dass ich die sofortige Verfügbarkeit abartig finde.
Bisher jedenfalls hatten mich alle meine Gespräche in meinem nostalgischen Glauben an das Gute in der Fotografie noch bestätigt: Die digitalen werden nie so gut sein wie die echten Kameras. Das wurde heute erschüttert. Die Technik hat meinen Glauben überholt und ich konnte den entstandenen Graben nur noch mit Ironie füllen.
Es gibt nun schon Kameras, die über eine GPS-Verbindung verfügen und zu jedem Bild speichern, wo es entstanden ist. Kameras können auch diverse Unfähigkeiten ausgleichen, so dass die Frage entsteht, was kann denn der Mensch hinter der Kamera überhaupt noch. Vielleicht sind es auch gar nicht seine Bilder, die er macht. Vielleicht sind es Archivbilder, die per Satellit mit seinem Standort abgestimmt und in Sekundenschnelle auf die Kamera gespielt werden. Schön wäre es dann, wenn man die Chinesische Mauer fotografiert und durch einen Serverfehler plötzlich die Ostsee auf seinem Bild sieht. Praktisch wäre dabei auch die Amazon-Empfehlungs-Funktion “Menschen, die dieses Bild gemacht haben, haben auch dieses Bild gemacht.” Möglicherweise wäre auch ein Navigationssystem behilflich: “Wenn sie sich nun um 90 Grad drehen und fünfzig Meter gehen, erhalten sie eine Panorama-Aussicht.”
Und wenn ich mal einen Freund zitieren darf: “Das wird so kommen, da können die Menschen sich nur dran anpassen.”
Eine andere kleine Idee hatte ich in diesem Umschwange auch: Wenn Schizophrene (oder auch ganz “Normale”) ein Handy haben, könnten sie sich ja für jede Persönlichkeit eine andere Nummer geben lassen. Dann erreichen einige Personen vielleicht nur den gutgelaunten Klingsor, andere haben nur die Nummer vom nörgelnden. Es wäre auch – nach guter alter Schläfermanier – möglich, dass sie verschiedene Klingeltöne programmieren und mit jedem Klingeln ihre Persönlichkeit verändern. Vielleicht ist das aber auch schon verwirklicht, indem man sieht, wer anruft.

Unsere Zukunft

Da fährt man ganz entspannt durch die Stadt und sieht plötzlich vor sich viele kahlköpfige Rechte. Spontan vermutet man eine Demonstration und sucht die gegnerischen Linken. Dann aber stellt sich heraus, dass es nur eine Schulklasse war. Wie tröstlich.

Tief-Lern-Phasen

Lernen ist wie Schlafen. Beim Schlafen durchläuft man verschiedene Stadien: Einschlaf-Phasen, Tiefschlaf-Phasen, Rapid-Eye-Movement-Phasen (REM). Genauso ist es beim Lernen: Es gibt Einlern-Phasen, wenn man gerade erst anfängt zu lernen und sich erst hineinfinden muss. Es gibt Tieflern-Phasen, in denen man sich unablenkbar intensiv dem Stoff hingibt. Und es gibt die REM-Lern-Phasen, in denen man mehr träumt als zu lernen. Nun muss nur noch das zeitliche Verhältnis dieser Phasen zueinander geklärt werden.

To do

Was einmal geschrieben werden sollte: Das Schwarzbuch der Bürgerrechte. Darin sollte einmal ausführlich beleuchtet werden, wie die liberalen Rechte (Recht auf Privatsphäre und Eigentum) im Zuge der Terrorismus-Bekämpfung und der Wirtschafts-Hörigkeit ausgehöhlt werden.
Was einmal gefilmt werden sollte: Die Bürokratie. Die Handlungen einer Bürgeramtsmitarbeiterin nach dem einfachen Wunsch, ein stillgelegtes Auto wieder anzumelden. Das Staunen wich der Angst. Sie rotierte etwa fünf Minuten: druckte, schnitt, unterschrieb, pauschte, druckte, legte weg, unterschrieb, klebte, druckte, verlangte Geld und Unterschrift.
(Aber das Schlimmste daran: Was sie mir gab, war nicht wirklich durchdacht. Man könnte doch vermuten, dass wenn neue Fahrzeugbriefe eingeführt werden, jemand darüber nachdenkt, ob sie denn passend faltbar sind. Fehlanzeige. Außerdem muss ich im Auto ein Extra-A4-Blatt mitschleppen, auf dem steht, welche Bereifung für mein Auto zusätzlich zulässig ist. Diese (wahrscheinliche) deutsche Norm wurde bei den neuen europäischen Fahrzeugbriefen leider nicht berücksichtigt. So müssen nun leider alle Fahrer dieses wichtige Blatt mitnehmen, um sie – auch gegenüber der Polizei – einhalten zu können.)

Unbekannte Länder: Südgeorgien

Südgeorgien untersteht der britischen Krone. Für die Verteidigung ist das Vereinigte Königreich zuständig. Die einzigen ständigen Bewohner Südgeorgiens sind Tim und Pauline Carr, die ein kleines Museum mit angeschlossenem Souvenirshop betreiben. Gelegentlich machen dort Touristen halt, um Ernest Shackletons Grab oder das Museum selbst zu besichtigen. Nationalfeiertag der (beiden) Südgeorgier ist seit 1982 der 14. Juni als so genannter “Liberation Day”. An diesem Tag eroberten die Briten die Falkland-Inseln von den Argentiniern zurück.

Warum dieser Blog persönlich ist

Dieser Blog ist nicht mein seelisches Verlautbarungsorgan. Darum geht es nicht. Vielmehr versuche ich aus meinen besonderen Erlebnissen das Allgemeine, die gefühlte oder rationalisierte Essenz herauszufiltern – mich zum pars pro toto zu schreiben.
Und wenn ich nur einmal eine Emotion, einen Gedanken eines anderen so spiegeln kann, dass er sich verstanden fühlt, bin ich schon zufrieden. Denn es gibt nichts schöneres als das Gefühl verstanden zu werden – es gibt Geborgenheit und Nähe. Und das ist weit mehr als man in diesem kalten Medium erwarten kann.
Aber zwischen all diesem netzuntypischen Persönlichen steht ja auch genügend Gedankenexperimentelles. Ich bin ja nicht immer nur schwer.

Der Server-Psychiater

Eigentlich wollte ich die beiden Bahn-Einträge schon gestern abend veröffentlichen. Allerdings funktionierte der Blogger-Server nicht. Diese nette Botschaft sollte alles erklären:
“This server is currently experiencing a problem. An engineer has been notified and will investigate.” Wenn das nicht schön ist: Experiencing. Wahrscheinlich hat der Server sich in irgendeine Ecke verzogen, um mit seinen problematischen Erfahrungen alleine fertig zu werden. Da ist es schon mal sinnvoll einen Techniker zu rufen, der mal Nachforschungen anstellt. Vielleicht wäre aber ein Server-Psychiater besser, falls es keine physischen Probleme, sondern psychische sind. Vielleicht ein Hypochonder-Server, der sich so übergangen, so benutzt fühlt, der sich einbildet tausende andere Rechner würden auf sein Gehirn zugreifen, ihm sein Wissen aussaugen und nichts zurücklassen.

Geplante Personenschäden und demütigende Dankbarkeit

Am Sonnabend wollte ich – wie schon erwähnt – nach Fulda. Praktischerweise hatte der Journalistenverband Mitfahrgelegenheiten organisiert. Leider erst ab Erfurt. Meine sehr früh begonnene Reise endete leider schon in Weimar, da dort ein “Personenschaden” aufgetreten war und die Strecke Erfurt - Weimar komplett gesperrt werden musste.
Das Wort “Personenschaden” sollte auch einmal semantisch untersucht werden: Meint die Bahn einen Schaden an ihren Zügen durch auf den Gleisen befindliche Personen oder meint die Bahn den durch ihren Zug ausgelösten Schaden an einer Person. Außerdem fragte ich mich, wann ich wohl aufstehen würde, an dem Tag an dem ich Selbstmord begehen würde (7:00 Uhr früh). Wäre das ein ruhiger Tag, würde ich ausschlafen? Wäre alles eiskalt geplant, auch welchen Zug ich nehmen würde? Aber ich habe mal gehört, dass Selbstmord nur in den seltensten Fällen im Affekt geschieht.
Meine Mitfahrgelegenheit war unerreichbar. Nach einer Weile setzten sich aber die ICEs in Bewegung, die in Weimar schon seit einer Stunde standen. Spontan beschloss ich als Ausgleich, einfach ICE zu fahren, da ich dann immer noch pünktlich ankäme und nicht mal umsteigen müsste. Ich überlegte mir, dass es auch sehr unwahrscheinlich und wirtschaftlich nicht rentabel sei, wenn die Schaffner in diesem verspäteten Zug kontrollieren würden. Sie müssten ja überall nur Gutscheine ausstellen. Das stimmte auch lange Zeit. So konnte ich darüber philosophieren, welche Einstiegsstation ich denn angeben würde, wenn doch noch ein Schaffner kommen würde. Logischerweise sank meine Bereitschaft die Wahrheit zu sagen, je weiter wir vorankamen. Zehn Minuten bevor wir ankamen, erschien dann doch noch der Schaffner. Ich entschied mich spontan für Erfurt, obwohl ich auch Eisenach hätte nehmen können. In Weimar selbst hatte ich im Reisezentrum noch den Komplett-Preis erfragt (33,80 Euro). Nun präsentierte mir der Schaffner ironischerweise einen teureren Preis vom gelogenen Erfurt als vom realen Weimar (34,30 Euro). Leider konnte ich das nicht so recht thematisieren.
Zudem hatte ich bereits ein anderes Problem: Ich wollte mit EC-Karte bezahlen. Der Schaffner fragte mich spontan, was ich mit dieser Karte wolle, sie werde schon seit Ewigkeiten nicht mehr akzeptiert. Kreditkarte oder Bargeld? Ich hatte 20 Euro dabei. Er begann noch einmal an seinem Gerät zu rechnen und sagte dann: “25,30 Euro ist das letzte Angebot, was ich ihnen machen kann.” Ich war kurzzeitig verblüfft, ob des scheinbar willkürlichen Unterschieds von acht Euro. (Heute habe ich herausgefunden warum: Er hat mir ein Ticket von Eisenach nach Fulda ausgestellt!)
Aber auch das Angebot war ja witzlos, wo sollte ich fünf Euro herzaubern. Blieb die letzte Variante: 40 Euro Strafgebühr für fahren ohne gültigen Fahrschein. Abgerechnet wird dabei über den Ausweis. Wir waren noch fünf Minuten von Fulda entfernt. Ich hatte gerade die Ausweglosigkeit eingesehen, als plötzlich ein Mann hinter mir, der die sinnlose Situation beobachtet hatte, mir einen Fünf-Euro-Schein hinlegte und sagte, er sei heute spendabel. Dankbar und demütig nahm ich das Angebot an. Eigentlich hätte ich mich freuen können, aber das Gefühl war ein anderes: Ich fühlte mich so bedürftig, so von der Hilfe anderer abhängig, so gedemütigt von diesem Almosen. Ich konnte diese unerwartete Geste nicht ausgleichen, auch weil sie so herablassend getätigt wurde. Erleichtert stieg ich letztendlich in Fulda aus und beschloss eine Hasstirade auf die Bahnentscheidung zur EC-Karte zu schreiben. Wurde leider etwas neutraler, aber Hass schlägt ja eh bloß auf den eigenen Magen.

Die Ex-EC-Karte in der Bahn

Man kann in der Bahn seit dem 01. August 2004 nicht mehr mit der EC-Karte bezahlen. Nur noch mit Kreditkarte oder Bargeld. Die Bahn hat diesen Schritt damit begründet, dass durch den EC-Karten-Betrug Einnahmeausfälle in Millionenhöhe entstanden seien. Die Bezahlung sicherer zu machen, sei nur mittels einer Online-PIN-Abfrage möglich. Das wäre aber zu teuer und nicht in allen Zügen möglich.
Leider hat die Bahn das aber so gut wie nicht publik gemacht. Vielleicht auch, weil es eine kaum nachvollziehbare Entscheidung ist. In ihrer eigenen Begründung gab die Bahn auch an, dass nur etwa jeder 20. Kunde im Zug bezahle (5%), von diesen zahlt jeder 10. mit EC-Karte (0,5 %). Wenn von diesen Kunden vielleicht – sehr hoch geschätzt – jeder zwanzigste betrügt, wäre das für die Bahn ein Ausfallrisiko von 0,025 %. Jeder 4000. Kunde würde betrügen. Außerdem hinkt die Argumentation, dass zur Sicherung nur eine Online-PIN-Überprüfung möglich wäre: Es ist ebenso möglich mit dem Ausweis, die Identität abzusichern (H&M macht das beispielsweise so). Der Ausweis könnte natürlich ebenso gefälscht oder geklaut sein.
Zudem hat es für die Bahn selbst den Nachteil, dass die Schaffner nun Bargeld in großen Mengen (wahrscheinlich 800-1000 Euro) durch die Züge schleppen müssen. Das verschafft den Schaffnern wohl kaum ein wohliges Gefühl. Immerhin müssen sie es im Falle eines Diebstahls oder Raubs nicht selbst bezahlen, insofern sie nicht grob fahrlässig gehandelt haben.
Aber dieser Schritt ist typisch für die Bahn: Sie will die Flexibilität der Kunden maximal einschränken. Am liebsten wüsste sie ganz genau, wer wann wohin fährt. Spontaneität und Verspätung müssen ausgemerzt werden. Die Bahn konkurriert aber mit der absoluten Flexibilität des Autos und nicht mit der festgelegten Kapazität eines Flugzeugs. Das sollte die Bahn endlich mal einsehen.

Wunsch und Wissen

Manchmal wünsche ich:
Einfach einen Lügendetektor anschließen und herausfinden, wo ich mich selbst belüge, mich betrüge.
Manchmal weiß ich:
Es gibt keine Lügen und ich brauche sie.

Die Fähigkeit zu antworten

Gestern war ich auf dem Journalistentag in Fulda. Bastian Sick war auch da, der gehypte Autor der Zwiebelfisch-Kolumne und der von seiner eigenen Zeitung zum “Daktari der deutschen Sprache” ernannte Sonnyboy. Er saß auf dem interessantesten Forum des in sterilem Messe-Hallen-Ambiente veranstalteten Journalistentreffs. Kurz zuvor hatte er noch vor 15000 Zuschauern in der Köln-Arena die größte Deutschstunde der Welt (?) gegeben oder eher zelebriert.
Sein Auftritt in Fulda hat mich wieder daran erinnert, wie sehr die meisten Menschen doch nur aus ihren eigenen Erfahrungen zehren. Sicher: Was kann es denn auch für andere Quellen geben? Aber eine Podiumsdiskussion ist etwas anderes als ein privates Gespräch – sie stellt einen allgemeineren Anspruch. Trotzdessen können die meisten Diskutierenden nur dort “oben” sitzen, indem sie alles Allgemeine in das für sie Spezifische überführen, auf ihre kleinen Alltagsgeschichtchen herunterbrechen, es in ihre Erfahrungssprache übersetzen. Das ist nicht schlimm, wenn die Rückkehr in den allgemeinen Rahmen noch gelingt. Wenn das Beispiel aber nur um seiner selbst willen genutzt wird, ist es nur wie die stolze Präsentation einer eigenen Erkenntnis, wie der tagesnotdürftige Beweis der eigenen Existenz.
Bastian Sick zum Beispiel merkte man an, dass er auf Fragen gar nicht antworten konnte, weil er zu sehr in seinen Zwiebelfisch-Erkenntnissen verloren war. Eine Meinung konnte er so noch nicht entwickeln, dazu hätte er von seinen eigenen Erfahrungen abstrahieren können. Aber für die ist er ja berühmt geworden. Daher gilt hier: Never change a winning team.

Schreiben und Gegenwart

Ich lese gerade Montauk von Max Frisch, den unverhüllten Abschied von seiner großen Liebe Ingeborg Bachmann. Am Strand sitzend mit irgendeiner fremden Amerikanerin: “Er möchte bloß Gegenwart.” Später: “Gegenwart bis Dienstag.”
Eine andere schöne und zutreffende Stelle:
“Der Schriftsteller scheut sich vor Gefühlen, die sich zur Veröffentlichung nicht eignen; er wartet dann auf seine Ironie; seine Wahrnehmungen unterwirft er der Frage, ob sie beschreibenswert wären, und er erlebt ungern, was er keinesfalls in Worte bringen kann.”
Es ist ein weiter Weg dorthin. Es beginnt mit der Nachzeitigkeit des gedanklichen Schreibens, lange nach dem Erleben wird die Erinnerung durchforstet und in eine andere Gegenwart hinüber geschrieben. Irgendwann keimt der Gedanke schon einmal während des Erlebens einer besonderen Episode. Dann wird die Gegenwart satzförmig: Die Menschen werden in Sätzen eingefangen, über den Momenten schweben Punkt, Ausrufe- und Fragezeichen, darauf wartend sich endlich hinter eine Sekunde setzen zu dürfen. Vergleiche verzerren und verzehren die Einmaligkeit. Max Frisch geht in Montauk noch einen Schritt weiter: “Leben ist langweilig, ich mache Erfahrungen nur noch, wenn ich schreibe. Eigentlich kein Witz, er lacht trotzdem.”
Traurig könnte man hier obigen Satz – leicht verändert – anschließen: “Er bräuchte bloß Gegenwart.” Beides stimmt und bedingt sich: Der Wunsch die Vergangenheit zurückzulassen und die Unfähigkeit die Gegenwart mehr zu erleben, als sie – wie ein leeres Blatt – nur zu beschreiben.
Ich würde niemals schreiben, wenn ich glücklich wäre. Schreiben ist künstlich. Ein Blatt, das sich – wie Pauschpapier – vor die Welt schiebt. Ein Text, der – wie Alkohol – Grandiosität spendet.

Das Sachzwang-Areal

Die Franzosen sind wieder auf der Straße: Etwa 250.000 Studenten und Schüler, 17 Unis sind komplett besetzt. Sie protestieren gegen etwas, das bei uns wohl einfach durchgewunken worden wäre: Die Aufhebung des Kündigungssschutzes für die ersten zwei Berufsjahre. Bei uns wären wahrscheinlich die Gewerkschaften Sturm gelaufen, niemals die Studenten und Schüler, wie in Frankreich. Die Studenten hätten sich nicht betroffen gefühlt oder auf die vorgegebene Meinung “Das ist der einzige Weg zu mehr Arbeitsplätzen” gehört. Die Deutschen haben eine Hinnehmer-Mentalität: Wahrscheinlich gibt es in jedem Gehirn ein Sachzwang-Areal, das immer wieder den Satz “Wir können ja doch nichts ändern” auf PR-Reise durch die Restregionen schickt.

Umzugs-Männlichkeit

Bei Umzügen gibt es auch immer wieder nette soziale Effekte zu beobachten. Die meisten hängen mit Männlichkeit zusammen. Ein Verdrängungswettbewerb darum, wer das schwerste trägt, wer am meisten leistet, setzt meist dann ein, wenn einer sich dazu berufen fühlt, an seine Grenzen zu gehen. Wenn man dann schon einmal nur eine Kiste trägt, wird man komisch angesehen, betrachtet sich selbst sogar anhand des Vergleichs als schwächelnd. Dabei besitzt Gewicht auch eine zeitliche Komponente: So wie man eine nur leicht gefüllte Flasche Wasser am ausgestreckten Arm nicht länger als eine Minute halten kann, so wird auch eine leichte Kiste im vierten Stockwerk schwerer.
Es gibt scheinbar ein akzeptiertes Gewicht, was indirekt jedem in Verhältnis zu seiner Erscheinung zugeschrieben wird: Du 15 Kilo, du nur 10 Kilo. Alle Ausbrüche werden sanktioniert. Wenn jemand zuviel nimmt, wird er als Masochist charakterisiert, bei zuwenig als Faulpelz.
Gestern habe ich wieder mal bei einem Umzug geholfen. Ein Masochist war auch dabei. Ich gehe langsam die Treppe hinter ihm runter und weiß, dass da noch ein sehr schweres sperriges Regal im Transporter ist. Erleichtert sehe ich, dass es noch einige leichtere Bretter gibt, die zuvor hochgebracht werden müssen. Aber da hatte ich seinen Ehrgeiz unterschätzt, spontan schlägt er vor: “Lass uns die Bretter doch erstmal in den Hausflur stellen.” Ich kann nicht widersprechen, was spräche auch dagegen, gleich das Große zu nehmen. Ich bin doch jung und fit (aber auch faul). Später schleppte er noch ein ganzes Sofateil alleine auf dem Rücken. Aber das war wirklich beeindruckend, ungelogen.

Später Abschied

Neulich ist es mir zum ersten Mal bewusst geworden: Die DM ist mir verloren gegangen. Ich hatte üblicherweise, als mir ein Preis zu teuer erschien, in DM umgerechnet und vor meinem inneren Portmonnaie gesagt: Das würde jetzt soviel DM kosten. Aber erschreckt stellte ich fest, dass ich keinerlei Skala, keinerlei Relation mehr in mir besaß, die den Wert für mich hätte ausdrücken können. Die DM-Skala war abhanden gekommen: Vier Jahre nach deren faktischer Abschaffung nun auch in meinen Gedanken.
Allerdings gibt es in Jena auch noch eine Telefonzelle, die krampfhaft darauf getrimmt wurde, noch DM anzunehmen. Eine Laufschrift verkündet, hier können sie auch noch mit DM zahlen. Man bräuchte Statistiken: Reale und mentale.

Abkürzungen und Trampelpfade

Eine Abkürzung ist der längste Weg zwischen zwei Punkten. Das gilt auch für zwischenmenschliche Abkürzungen.
Wenn man beispielsweise fühlt, dass der andere nicht normal (wie üblich) mit einem redet. Die Abkürzung ist, genau das zu thematisieren. Der Zielpunkt ist, “wieder normal” miteinander zu reden. Der Weg dahin soll der Satz “Du bist heute so [...anders, nicht normal, sauer, unausstehlich, etc...]” sein.
Das funktioniert in den wenigsten Fällen. Es impliziert nämlich: “Du bist gerade falsch, sei mal richtig.” Und richtig oder normal ist in den meisten Fällen nur das, was der andere schon kennt, womit er umgehen kann. Es ist eine Emotionsgarantie statt einer Emotionsfreiheit.
Das erwünschte Ziel, die verbriefte Emotion, wird durch das Einklagen aber nicht erreicht. Sie wird vielmehr auf einem langen Marsch durch vergangene Situationen in Frage gestellt. Der wortlos schmale Trampelpfad der Sicherheit, des Vertrauens wäre kürzer und sicherer gewesen – auch wenn er lange Zeit nicht sichtbar ist.

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