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Klingsors Letzter

Archive for Februar, 2006

Durchpflügte Vergangenheit

Auf eine Nachricht, auf ein Zeichen zu warten, ist schrecklich. Je länger es ausbleibt, desto mehr wird die vormals festgefügte Vergangenheit von Zweifeln durchpflügt: Was man erlebt hat, was sicher war, was man richtig verstanden hatte, all das ist nicht mehr sicher. Es wird vom Jetzt gemartert und gefoltert – auf der Suche nach der Antwort auf die ewig sinnlose Frage “Warum?” Was bleibt ist eine zerlöcherte, eine geständige Vergangenheit, die unter der schlimmsten Folter ihre Einmaligkeit und damit ihre Lebendigkeit preisgegeben hat.

Spiegelungen

Meine ehemalige Mitbewohnerin hatte eine merkwürdige Angewohnheit: Sie brauchte bei Verabredungen immer absolute Sicherheit. Wenn man sich mit ihr zum Frühstück in der eigenen WG verabredet hatte und man am Abend wegging, fragte sie immer noch einmal, ob ich mich auch noch an die Verabredung erinnere und sie ja nicht vergesse. Wenn ich am morgen noch einmal schnell in die Stadt wollte, stand sie auch in der Tür und fragte: “Aber wir frühstücken doch gleich.” Es war, als gebe es keinerlei Sicherheit im Zwischenmenschlichen für sie, als müsse sie alles immer wieder kontrollieren und sicher stellen, dass auch nichts aus der Bahn geriet. Irgendwann später fand ich heraus, dass es wohl an einer langjährigen Beziehung mit einem unsteten Künstlertypen gelegen hatte.
Früher hat mich diese Unsicherheit immer verwundert, bis ich nun feststellte, dass man sie nicht nur in so banalen Lebensdingen wie Verabredungen haben kann. Man will diese absolute Sicherheit auch oft in Beziehungen haben. Und dort vielleicht noch viel extremer. Dort ist es mit tausendfachem Fragen nicht getan, dort gibt es nämlich keinen realen Termin, kein Frühstück, das die Unsicherheit wenigstens kurzfristig beenden könnte.

Altlasten

Leider kann man immer nur das geben, was man auch einmal empfangen hat. Früher, vor allen Gedankenrechnungen. Und wenn man mit Liebe immer nur belohnt wurde, wenn Liebe ganz natürlich immer an Bedingungen und Forderungen, an Gefallen geknüpft war, wie soll man es dann jemals anders können und jemanden als ganzen Menschen annehmen.

Maliziös

Heute mal ein schönes Wort für alle, die es noch nicht kennen: Maliziös. Ein schönes, wenn auch älteres Beispiel aus der Zeit: “Es ist das Recht der USA und ihrer Verbündeten gegen die Taliban und Al-Quaida vorzugehen,” sagt Mahdscherani. Und ergänzt maliziös: “Die USA haben sogar ein besonderes Recht dazu. Sie haben sie schließlich geschaffen.”

Nur ein Anruf der Polizei

Freihändig mit dem Fahrrad fahren kostet nur 10 Euro, während mit dem Handy in der einen Hand fahren 25 Euro kostet. Im Zweifelsfall entscheidet sich der Arm des Gesetzes freundlicherweise für die höhere Strafe.
Jedes Polizeiauto beherbergt eine Gefahr in sich, ist schon das Anzeichen irgendeines Fehlers, den man gerade unbewusst begehen könnte. Also schob ich mein Fahrrad als ich telefonierte und mir das Polizeiauto entgegenkam. Kurz nachdem sie vorbei waren, stieg ich wieder auf und fuhr gemächlich weiter. Im gewissen Sinne bin ich ja auch stolz, dass ich das alles gleichzeitig machen kann. Dann aber fuhr das Polizeiauto plötzlich wieder neben mir und ein Polizist aus dem Zombiepolizeiwagen wollte einen kleinen Smalltalk mit mir starten. Ich ließ mich auch darauf ein, es ist immer einfacher, wenn man wirklich gar nicht die Möglichkeit einer Ausrede hat und auf frischer Tat ertappt wird. Also plauderte ich frei von der Leber weg mit ihm über die obigen Tatsachen, ein anderer etwas verklemmterer Polizist meinte noch, dass ich einfach in die Buchhandlung gehen könnte und eine StVo kaufen könnte. Dann kam raus: Auch Polizisten müssen sich ihre Gesetze selber kaufen.
Plötzlich griff aber der Beamte, der im Auto saß und derweil meine Überweisungsaufforderung ausstellte, weil ich kein Bargeld mit hatte, nach dem Telefonhörer. Er hielt meinen Ausweis in der Hand. Der smalltalkende Beamte sah es und beugte sich kurz ins Auto und betätigte dann schnell einen Schalter, so dass sich das Fenster automatisch schloss. Mittlwerweile war mir doch etwas mulmig. Der Beamte wendete meinen Personalausweis hin und her. Was hatte ich getan? Konnten sie feststellen, dass ich schon zweimal ohne Licht erwischt worden war. Wollten sie dass ich mein Licht vorführe? Lag ein Haftbefehl gegen mich vor? Waren es doch Agenten des CIA, die im jahrelangen Kalten Krieg perfekt deutsch gelernt hatten und mich nun doch entführen wollten, weil ich aussehe wie ein Moslem oder zumindest wie ein Alternativer, der mal auf einer Demo einen Stein geschmissen hat? Dann legte er den Telefonhörer weg und reichte mir den Überweisungsschein samt Personalausweis raus.
Schon erstaunlich, wie leicht eine einfache Szene in ihr Gegenteil umschlagen kann. Welche Zweifel, da wahrscheinlich schon bei mir und bei ihnen gesäht worden sind. Ich antizipierte ja schon aus mir selbst heraus, dass ich irgendetwas falsch gemacht haben könnte. Ich überprüfte mich selbst, ob ich richtig gehandelt hatte. Ich war gewissermaßen im Angesicht der Polizei meine eigene Polizei.

Deutschland gerettet: Du bist Deutschlands Medizin!

Die Süddeutsche berichtet heute, dass die “Du bist Deutschland”-Kampagne ein voller Erfolg war. So jedenfalls resümieren die Werbeagentur und ein Umfrageinstitut. Die Binnennachfrage steige wieder, wir bewegen uns auf einen echten Aufschwung zu, etwa 10 Millionen Menschen fühlen sich durch die Kampagne motiviert, Dinge anzupacken. (Aber wahrscheinlich fühlen sie sich zu gleichen Teilen durch die Neujahrsansprache der Kanzlerin motiviert: “Überraschen wir uns damit, was möglich ist!” Leider wurden die Korrelationen nicht erhoben.)
Nebenbei wird noch einmal die ambivalente, weil doktrinäre Bedeutung der Kampagne deutlich: Tausende Firmen wollen auch bei der Kampagne einsteigen, um ihre Mitarbeiter zu einer Anpack-Mentalität zu motivieren.
Aber es gebe auch viel positive Resonanz: “Mal verzichtete ein Absender auf seine Auswanderung, weil er nun wieder an das Land glaube.” (O Gott!!! Wenn solche Leute wirklich hier bleiben!!! Es ist Zeit auszuwandern. Mit Deutschland kann es nur noch bergab gehen.)

Weltraumschrott: Tote Blogs

Es ist Wahnsinn, wieviele tote Blogs im Netz rumschwirren. Allein der Versuch einen schönen neuen Blog-Namen zu erwischen, verschlägt einen in einen Kosmos aus einwöchentlicher Motivation und vergangenem Interesse. Die meisten Blogs wurden schon vor mehr als einem Jahr stillgelegt, ohne dass sich die Nutzer noch die letzte Mühe gegeben hätten, ihrem Blog die letzte Ehre zu erweisen und ihn ordentlich zu beerdigen. So erinnert das an Weltraumschrott, der irgendwann einmal dorthin geschossen wurde und nun auf der einmal gefundenen Bahn um die Erde kreist. Nebenbei behindert er aber auch die neuen und ambitionierten Blogs, indem er die Laufbahnen einschränkt und oft auf Kollisionskurs treibt.

Ungesundes Single-Dasein

Nach all diesem sinnlosen Geschriebs mal wieder eine echte Geschichte. Diesmal aus der (vielleicht bald überflüssigen) Kategorie “Was man macht, wenn man Single wird”. Und nebenbei um mal einen Standard für “ungesunde Beziehung” zu setzen. Es wird sehr lang und vielleicht auch lohnenswert. Wer es bis zum Schluss schafft, bekommt einen “Klingsors-Letzter-Superleser”-Button.
Ich erzähle diese Geschichte hier, weil sie mir vor kurzer Zeit von einem völlig Unbeteiligten spontan nacherzählt wurde. Er hatte es über einen Freund erfahren, dem diese Frau, die ab sofort Natalja (sie nennt sich selbst gerne so) heißen wird, alles, wirklich alles erzählt hatte.

I
Ich habe Natalja vor einer Ewigkeit kennen gelernt. Es war ein Poetentreffen, eine Literaturzeitschrift sollte gegründet werden. Ich war sehr jung. Und ich war entspannt, weil ich absolut nichts von dem Abend erwartet hatte. Sie saß zufälligerweise neben mir und fand meine Lockerheit anziehend. Spontan legte sie ihren Arm um mich und begann mir über den Rücken zu streicheln. Ich glaube, sie sagte, so etwas wie, dass ich in ihr “Beutespektrum” fiele. Das war das erste mal, dass ich diesen Begriff gehört hatte und es lief mir zusätzlich zu ihrer Hand ein kalter Schauer über den Rücken. Ich begleitete sie heim und erinnere mich nur noch, dass sie dann komisch war. Sie machte mir die Tür vor der Nase zu. Später sagte sie, ich sei einfach zu extrem in meinen Wünschen gewesen, ich hätte gleich von fester Beziehung und so geredet. Wahrscheinlich war es auch so. Immerhin lud sie mich zu einer zweiten privaten Vorstellungsrunde ein. Leider war ich so aufgeregt, dass ich wohl viel gestammelt habe. An eine schreckliche Szene erinnere ich mich noch: Spontan sagte sie, dass ich doch mein T-Shirt ausziehen solle. Ich war so perplex und machte es dann auch, hatte allerdings da ich sehr jung war und an den Nieren nicht frieren wollte, ein Unterhemd an. Das hat sie scheinbar abgeschreckt. Wir haben uns dann nicht wieder gesehen. Ich bin ab und an noch an ihrem Haus vorbeigefahren: Sie wohnte in einem Zimmer mit Erker. Von außen sah man zwei Erker und ich musste immer an Brüste denken, wenn ich es sah. Das alles ist ewig her.

II
Im letzten Frühling traf ich sie zufälligerweise auf einer Party wieder. Ich war gerade frischer Single. Es kam wie es kommen musste, sie war besoffen, ich hatte Knoblauch gegessen: Wir saßen uns auf der Couch gegenüber, sie erzählte irgendetwas, ich antwortete wohl. Dann küsste sie mich. Die Party lief im Hintergrund weiter. Später begleitete ich sie auf dem Heimweg. Sie sagte Tschüss, küsste mich kurz und ging.
Das war ja alles nur Vorgeplänkel, um die folgende Geschichte besser zu verstehen. Zunächst aber noch eine kurze Beschreibung Nataljas: Sie sieht gut aus. Sie ist arrogant und hochnäsig, verstockt und steif. Sie spricht liebend gern über andere, als würde sie über ihnen stehen, ordnet sie mit Kraftausdrücken in Schubladen. Sie kann das, denn sie schon intelligent. Entgegen ihrer eigenen Steifheit hat sie sich angewöhnt, sprachlich so zu tun als wäre sie es nicht: Sie redet immer offen über alles, über ihr Beutespektrum, über ihre Polygamie, über ihren Sex.
Ihr Gesicht spiegelt all das wider, die ganze Arroganz und das Herabwürdigende. Es zeigt selten eine Emotion, ist mithin ausdruckslos, die einzige Bewegung, die es kann, ist eine Augenbraue betont hochzuziehen.
Diese Natalja wollte ich, obwohl ich all dies wusste, trotzdem treffen. Vielleicht weil es mich reizte, vielleicht aus Masochismus.

III
Auf dieser sinnlosen Party hatte sie mir ihre E-Mail-Adresse gegeben. Also schrieb ich ihr. Sie antwortete mit ihrer Telefonnummer. Wir telefonierten. Sie sagte mir, dass ich sie nicht besuchen könnte, weil sie bei ihrem Freund wohnt. Wir liessen das so stehen. Zwei Wochen später bekam ich eine E-Mail, ob wir uns nicht am Wochenende treffen wollten, da sie dann Strohwitwe sei. Ich rief sie an und sie deutete an, dass wir auch irgendwo übernachten könnten. Als sie mir den Weg dorthin beschrieb, erklingt im Hintergrund plötzlich eine männliche Stimme, die sie bei der genauen Anfahrt korrigiert. Das war ihr Freund – er saß scheinbar daneben.
Das Dumme war eigentlich, dass ich keine Zeit hatte. Aber Sonnabend-Nachmittag nahm ich mir trotzdem frei. Wir trafen uns in Freyberg an der Unstrut. Ich war sehr aufgeregt, auch weil ich tierisch zu spät kam. Mehrere Straßen waren gesperrt gewesen, es war tierisch heiß und ich war durchgeschwitzt. Natalja erwartete mich auf dem Marktplatz in einem geblümten und tiefausgeschnittenen Kleid. Wir setzten uns in ein Eiscafé. Ich war, wie gesagt, müde und fertig, das warf sie mir auch gleich vor. Das Gespräch lief dementsprechend schleppend und ich fragte mich, warum ich gekommen war. Endlich verließen wir Freyburg und fuhren mit den beiden Autos an einen schönen Ort, den sie mir unbedingt zeigen wollte. Da ich sehr angespannt war und wir auch durch die absolute, einsame Pampa fuhren, kam mir der Film-Gedanke, dass dies eine Falle sei und sie und ihr Freund mich irgendwo ausrauben und foltern wollten. Aber das Schloss Goseck war dann doch ein öffentlicher Ort, was mich beruhigte und den Gedanken vergessen ließ. Wir setzten uns zu meinem Bedauern voneinander sehr weit entfernt auf die dortige Ausblicks-Terasse und redeten und redeten. Das ging mittlerweile immerhin. Um sechs wurde das Schloss geschlossen und wir hinaus gesetzt. Immerhin hatte eine kleine Kirche noch auf. Sie war sehr düster, die vorletzten Sonnenstrahlen fielen betont hinein. Wir standen uns vor dem Altar sehr nah gegenüber und redeten über Mut. Zwischen den Zeilen forderte sie mich auf, sie zu küssen. Ich blickte in ihr zu gleichen Teilen ausdrucksloses, erwartendes und abschätziges Gesicht – und konnte nicht. Außerdem kaute sie Kaugummi und strahlte einen latenten Minzgeschmack aus – für mich und meine Küsse sehr abschreckend.
Mit gesenktem Haupt verließ ich die Kirche und dachte schon, dass ich mich wohl nie trauen würde. Wir gingen dann allerdings zu einem kleinen Panorama-Punkt und sie telefonierte mit ihrer besten Freundin. In dem Gespräch deutete sie nebenbei an, dass wir doch noch eine Abendplanung vor uns hätten. Das nahm mir nach meinem Kirchendebakel die Furcht und als wir uns danach wieder gegenüber standen, küsste ich sie. Sie lobte mich danach prompt damit, dass sie solch stürmische Küsse nicht von mir erwartet hätte. Dann planten wir den weiteren Abend. Sie schlug vor Baden zu fahren. Eine gute Idee, dachte ich. Wir fuhren zum Mondsee, der höchstwahrscheinlich irgendwo bei Leipzig liegt. Dort war niemand mehr, wir gingen also prompt ins Wasser. Sie lachte, als sie erklärte, dass sie entgegen ihrer sonstigen anzüglichen Art beim Umziehen sehr schüchtern sei. Ich schaute weg. Im Wasser schwamm sie dann – die Sonne stand tief – mit einer Sonnenbrille und hochgesteckten Haaren. Jeder schwamm seine Bahnen, bis ich den Bann brach. Dummerweise sah sie in diesem Moment einer Jenaer Freundin sehr ähnlich – was ich ihr auch prompt sagte. Trotz dieses Fauxpas kamen wir uns näher. Jemanden mit Sonnenbrille zu küssen ist sehr unangenehm, jedenfalls, wenn man sich nähert. Man sieht verwirrenderweise sich selbst und das in einer Situation, die eigentlich unbewusst und unbespiegelt sein sollte. Aber wenn man es ersteinmal hinter ihre Sonnenbrille geschafft hat … dann schwimmt sie einfach weg. Plötzlich drehte sie sich einfach um und schwamm weg, ohne sich umzudrehen. Das war der erste Moment, an dem ich darüber nachdachte, was das denn für theatralische kindische Spielchen seien.
Wir sprachen aber nicht weiter darüber, sondern fuhren wieder zurück zu ihr nach Hause. Sie telefonierte wieder mit ihrer Freundin und lud sie spontan ein, sich mit uns zu treffen. Also saßen wir auf der Terasse des Hauses ihrer Eltern, die nicht da waren und warteten auf die beste Freundin und ihren neuen Freund. Die Freundin war scheinbar bis vor einem Tag mit einem sehr netten und von allen gemochten Menschen zusammengewesen, hatte dann aber auf dem gestrigen Dorffest, sie kam vom Dorf, einen neuen Macker kennengelernt. Diesen brachte sie auch gleich mit. Er war kräftig und sonnengebräunt. Natalja fragte sie gleich maliziös über ihre Beziehung aus: “Na, ist das jetzt die große Liebe?” Als Vergleich brachte sie unsere Beziehung ins Spiel und streichelte meine Hand. Nach einer halben Stunde war das anstrengende Kammerspiel vorbei.
Wir gingen zu zweit zum Griechen essen. Wir unterhielten uns über irgendwas. Ich dachte an später. Dann war kurz vor Mitternacht und somit auch später. Wir saßen im Wohnzimmer der Familie rum. Es geschah, was noch ausstand: Die Eltern kamen heim und kurz ins Wohnzimmer. Sie fragten nicht, wer ich sei. Ich schüttelte ihre Hände. Dann verschwanden sie lachend im oberen Stockwerk. Sie waren auch beim Griechen gewesen, hatten uns gesehen und scheinbar mehr Ouzo getrunken.
Natalja fragte mich, wie wir das jetzt machen könnten. Sie sagte – ohne Augenzwinkern – oben sei es sehr hellhörig und ihr Zimmer liege genau zwischen dem der Eltern und dem des Bruders. Es gebe aber noch das Gästezimmer unten. Sie zeigte es mir: Eine ausziehbare Couch stand darin. Leider so gestand sie mir, hatte sie die hinteren Kissen gerade erst zu ihrer Oma zur Reparatur gebracht. Daher war die Couch nur halb solang. Ich probierte sie und passte diagonal gerade so drauf. Wir gingen zurück ins Wohnzimmer. Sie machte ein paar Kerzen an. Wir redeten. Sie blies die Kerzen aus. Wir küssten uns. Dann wieder der theatralische Abgang: Urplötzlich entwand sie sich und entschwand ohne sich umzublicken nach oben. Mein Interesse an diesen Spielchen war im Laufe des Nachmittags stark abgesunken, außerdem stellte ich mir meine Sucherei im oberen Stock vor: “Welche Tür ist die Richtige?”. Ich ging zu meinem “Gästebett” und legte mich diagonal und über die tiefe Mittelspalte schlafen.
Um halb sechs wurde die Tür ruppig aufgerissen und ich blickte in das Gesicht ihrer überraschten Mutter. Sie murmelte kurz Entschuldigung und ging. Wie ich später erfuhr wollte sie bloß eine Aufheizung des Hauses durch Herablassen der Jealouisien verhindern. Um sieben Uhr stand ihr Vater in der Tür und entschuldigte sich ebenfalls voller Überraschung. Scheinbar hatten sie nicht miteinander gesprochen. Was er wollte, konnte ich nicht in Erfahrung bringen.
Um halb neun kam Natalja und setzte sich wie eine Krankenschwester an mein Bett. Es ging ums Frühstück. Ob ich noch mitfrühstücken wolle – mit ihren Eltern.
So saßen wir wieder zu viert auf der Terasse. Die Eltern interessierten sich überhaupt nicht für mich. Sie schienen sich an ständig wechselnde Typen gewöhnt zu haben. Es muss ein langer Prozess gewesen sein. Das machte es auch einfacher. Ich war für das Schweigen nicht verantwortlich. Aber ich war auch einfach austauschbar, sie nahmen mich glaube ich nicht einmal wahr, sie waren in ihrem eigenen Trott. Sie hatten sich leckere Waffeln gemacht, der Tisch war sehr gut gedeckt. Die Sonne schien. Wir warteten, also insbesondere Natalja, auf das Sonntagsrätsel auf Klassik-Radio. Es dauerte eine Weile und schweigen war sinnvoll. Dann war alles vorbei. Ich hatte überlebt. Ich brachte noch das Geschirr mit ins Haus – ich bin zu höflich erzogen – und verabschiedete mich von den Eltern.
Natalja selbst hatte mir noch etwas Besonderes vorbereitet. Sie stand vor dem Haus und ich ging nachdem ich meine Sachen eingeladen hatte noch einmal zu ihr. Sie stand mir gegenüber. Ich überlegte nicht lange und umarmte sie noch einmal. Aber was war das für eine Umarmung. es war als hätte man eine Puppe umarmt. Sie bewegte sich absolut nicht, war kalt wie eine Leiche. Die Umarmung war wohl die schrecklichste, die ich jemals erlebt habe. Als ich wieder zum Auto ging, war mir aber leicht wie selten ums Herz. Diese Umarmung hatte in einer Klarheit gezeigt, wie unfähig sie war, Emotionen zu zeigen, wie sehr sie schauspielerte. Im Auto lachte ich sehr lange über diese unbeholfene kindische Kälte. Ein wenig Verrücktheit mischte sich auch hinein, in Erinnerung an die abstrusen Erlebnisse. Aber es war auch Erleichterung dabei, weil ich spürte, dass diese Umarmung ein Schlusstrich sein könnte.
Aber leider nicht war.

Sachsen-Anhalt harrt meiner Hymne

Es gibt noch Menschen mit Visionen. Sufjan Stevens hat sich vorgenommen: Er will allen 50 amerikanischen Bundesstaaten ein Album widmen. Bisher hat er Michigan und Illinois geschafft, aber er ist auch erst 30 Jahre alt. Als Marx den ersten Band des Kapitals veröffentlichte war er schon 49 Jahre alt und er wollte noch fünf weitere Bände folgen lassen. 48 Staaten braucht Stevens noch, wenn er in jedem Jahr einen schafft, ist er immerhin mit 78 fertig. Aber vielleicht reichen ja für einige Staaten auch nur Remix-Versionen (Arizona/New Mexico/Texas - The Dust LP oder North- & South-Carolina - The Secession Session) eine.
Außerdem wie will ein Folk-Sänger etwas zu Hawaii schreiben? Vielleicht sollte er sich daher schon jetzt eine Liste machen, damit er die schönen Staaten noch vor seinem 50. Lebensjahr gebührend würdigt. Für die tristen, traurigen Staaten reicht die heutige Lebenserwartung wohl allemal.
Für Deutschland hat ja Rainald Grebe mit “Thüringen” einen Meilenstein gesetzt. Jetzt hat er auch noch Brandenburg nachgelegt. Das sind allerdings nur einzelne Lieder. Im wirtschaftsschwachen Deutschland können wir uns scheinbar keine ganzen CDs leisten.
Das interessante ist auch, dass bisher die Nationen ein Monopol bei monothematischen Staatsliedern in Form einer Nationalhymne hatten. Das ist vorbei. Männer wie Sufjan Stevens oder Rainald Grebe zerbrechen die anachronistischen Machtballungen. Aber vielleicht endet der Trend in Selbstzensur bei der Frage: Darf Mohammed vertont werden?
Nachtrag: Auf der Illinois-CD ist auch der Track mit dem schönen Titel: A short reprise for Mary Todd who went insane but for very good reasons. Verstehe ich.

Alte Themen variiert: Verliebtheit

Ist es nicht am skurrilsten, dass man dann am meisten gewollt wird, wenn man nichts will?

Mut gegen Unbekannte

Eine Freundin gab mir neulich eine schöne Idee mit: Alte Menschen erinnern sich weniger an die Fehlentscheidungen und Peinlichkeiten ihres Lebens – in der Erinnerung wird das meiste schöner. Das einzige, was nicht schöner werden kann, sind die verpassten Chancen, die ungenutzten Momente des Lebens.
Sie bleiben in der Gleichung des Lebens Unbekannte. Sie sind Schätzwerte, die ganze Jahre ergebnislos verwischen können. Solange noch die Chance auf Klarwerte besteht, sollte man sie nutzen.

Hilfe zur Selbsthilfe

Wahrscheinlich gibt es eine besondere Affinität von Humorlosigkeit und Leserbrief-Schreibwut. Vielleicht sollte man die meisten Leserbriefe mal einem Psychologen vorlegen. Zu dem unten stehenden Artikel habe ich diesen Leserbrief erhalten. Einige Auszüge:
“Ich nehme doch ganz stark an, dass die Aussagen des Artikels wissenschaftlich fundiert sind, da ja der Konjunktiv und die Modalverben fehlen. Also nehme ich den Artikel für bare Münze, denn Satire oder Ironie kann ich in diesem auch nicht erkennen. Ich fand meine Persönlichkeit und trotz dem vernichtenden Urteil begehe ich keinen Suizid [... es folgt eine Selbstanalyse ...] Auch mein Arbeitszimmer liegt am weitesten vom Schlafzimmer entfernt, daher bin ich ein “ernster” Mensch und mein Lebensraum wirkt “unnahbar” und “unpersönlich”. Wieso eigentlich? Wo sind eigentlich die Prämissen, die einen solchen Schluss zulassen? Quellenangabe? [... weiter in der Selbstanalyse - Vorsicht...] Ich habe ein Simpsons-Poster, weil es mich an meinen toten Bruder erinnert. [...] Hast du eigentlich schonmal darüber nachgedacht, dass es eine größere Bedeutung hat, ob man ein Rollo oder Gardine oder gar nichts vor dem Fenster hat? Nein. Wäre eine Recherche wert? [... dafür war leider kein Platz mehr ... ] Was sollen wir Studenten eigentlich aus diesem misanthropischen, pseudowissenschaftlichen Pamphlet lernen? Es reicht noch nicht einmal zum Entertainment. Dieser Artikel ist einfach nur schlecht und es wundert mich auch nicht, dass die FSU keine Elite-Uni geworden ist, wenn DAS studentisches, hermeneutisches Arbeiten repräsentiert. Dieser Artikel befindet sich auf dem Niveau von Jahrmarkts-Psychologie und Kaffeesatz-Lesen.”
Neon hat ihn scheinbar zurecht abgelehnt.

Offene Wunden II

Ja, ich bin gleich fertig mit meinen Tiraden. Nur diese eine noch. Der folgende leicht gekürzte Artikel steht momentan (und wahrscheinlich schon seit fünf Tagen) bei Neon-Online an oberster Stelle. Er wurde von der Spezialistin Kaddinsky geschrieben, die nebenbei bemerkt so gut aussieht, dass es sich eher lohnt die Zeit, die man ihren sehr durchschnittlichen Text lesen würde, lieber vor ihrem schönen Foto zu verweilen. NACHTRAG (17.06.06): Sie hatte mal ein schönes Foto online gestellt. Das ist nun auch weg, so dass es sich kaum noch lohnt etwas von ihr zu lesen.
Hier aber nun der Anfang und das Ende des Textes. (http://neon.stern.de/user/id/20340/)
“Meine Skepsis bewahrt mich davor Fanatiker zu werden”
Die “Bombe” auf des Papstes Kopf
Der Neon-User Benedikt_XVI. hat in seinem Profil ein Bild von Papst Benedikt dem 16., den er mit einer düsteren Figur aus dem Science-Fiction Film Star Wars gleichsetzt. Die Aussage des Bildes lautet: Papst Benedikt der 16. gehört zur dunklen Seite der Macht.
Meine erste Reaktion auf dieses Profil, das seit der Ernennung des neuen Papstes auf Neon zu bewundern ist, war: schallendes Lachen. Ja: Ich mag den Papst nicht und wofür er steht noch weniger.
Ein anderer User hier schrieb zur selben Zeit einen bösen Artikel über den Papst und die katholische Kirche. Die Anfeindungen ihm gegenüber sind in einem seitenlangem Diskussions-Thread dokumentiert. Doch der Artikel wurde von Neon-Online auf die Startseite gestellt – denn er war sehr gut geschrieben und traf gewissermaßen den Nerv der Zeit. Ja: bei Neon-Online herrscht Pressefreiheit – zumindest meistens.
[...]
Provokation auf dünnem Eis
Doch ist es wirklich klug, in Zeiten wie diesen derart zu provozieren? Nein. Das ist es nicht. Jedoch: Wer glaubt ernsthaft, dass solche Bilder uns erspart geblieben wären, wenn keine europäische Zeitung die Karikaturen veröffentlicht hätte? Vielleicht hätten wir noch eine Weile unsere Ruhe (vor dem Sturm) gehabt, doch was wir dieser Tage im Fernsehen sehen sind nur die Ausbrüche von Gefühlen und Gedanken, die in den Köpfen derer, die anzünden und mit Steinen werfen, latent vorhanden waren. Die ganze Zeit. Das ist es ja auch, was uns Angst macht, wenn wir Tagesthemen schauen: Jetzt wissen wir: als Teil des „Westens“ sind wir Teil eines Feindbildes, das in vielen der islamischen Ländern von Regierungen – aber auch und vor allem von religiösen Führern – propagiert wird und somit potentielle Angriffsziele.
Was wird das Problem lösen können? Darüber streiten sich weitaus bewandertere Menschen, als ich es bin. Ich bin keine Islamwissenschaftlerin und kann nicht in die Köpfe der Menschen sehen, die dänische Flaggen anzünden. Dies ist auch kein wirklicher Kampf um Meinungsfreiheit (das ist nur ein Nebenkampfplatz). Um den Konflikt zu lösen müssen die Europäer und Amerikaner überhaupt erst einmal erkennen, wofür oder wogegen die radikalen Demonstranten auf den Straßen der islamischen Länder kämpfen. Die Mohammed-Karikatur allein reicht dabei wohl kaum als Antwort aus.

Offene Wunden I

Hier nur der Anfang des Textes, der abgelehnt wurde. Die meisten werden ihn ja schon kennen.
Schlafen
Es gibt Liegezimmer und Sitzzimmer. Im ersten Fall dominiert das große Bett deutlich den Raum, andere Sitzmöglichkeiten sind nur Alibi. Leute mit dieser Variante schlafen gern großflächig, manchmal sogar tagsüber beim versuchten Lesen oder Arbeiten. Die Distanz zwischen Schlafen und Leben ist gering, bei Besuch wird maximal eine Decke über die federne Intimzone gebreitet. Der Bewohner ist ein Nesttyp, der die mütterliche Wärme vermisst. Eine pragmatische Abwandlung ist der Hochbetttyp. Ursprünglich entstanden aus der Platznot, trennt er ideal zwischen Leben und Schlafen. Unten lebt und arbeitet er, oben ist die kuschelige Rückzugsbastion, in der die nötige Wärme und Intimität immer zugegen ist. Der Hochbetter ist ein warmherziger Pragmatiker. Im Gegensatz dazu steht der Bettmacher. Er besitzt entweder eine Umklappcouch oder garniert sein Bett mit Polstern zur Couch. Er hat die weiteste Entfernung zum Schlaf und ist somit der ernsteste Typ. Sein Zimmer sieht immer aus wie ein Wohnzimmer, unpersönlich und unnahbar.
Eine skurrile Sonderform ist der Bettflüchter, der auf einer Matratze auf dem Boden schläft. Er nutzt sein Zimmer nicht als Zuhause, sondern als Schlafhöhle und empfängt seltenst Besuch, sondern beschränkt sein Sozialleben ausschließlich auf das Besuchen Anderer.

Mein Neon-Artikel

Neon Online wollte meinen schönen Text über die studentische Wohnkultur nicht. Verständlich. Ich verstehe das voll und ganz. Kindisch wäre es nun sich hier darüber auszulassen. Das dort nur verkappte, pseudohippe Möchtegern-Journalisten sitzen, für die man immer nur das ICH im Artikel tausendmal schreiben muss, ICH, ICH, dann wird es schon ein grandioser und lustiger Artikel, vielleicht noch ein Interview mit einem Psychologen hinterher um DAS ICH zu bestätigen, aber das muss nicht sein, für eine Titelgeschichte reicht es auch schon ICH zu sagen. Insofern ist die Neon das modernste unter allen Magazinen, am nächsten auch an der modernen Philosophie, wobei dort natürlich schon der Ich-Zerfall diagnostiziert wird. Aber damit kenne ich mich nicht aus. Hier aber nun mein neuer Neon-Artikel.

Endlich frei
Aussteigen lohnt sich für viele, nur trauen sich wenige
Damals stand ich auf meinem Balkon, meine Freundin stand hinter mir und sagte plötzlich: “Ich mag nicht mehr weiter. Lass uns aussteigen.” Das war das erste Mal, dass ich wirklich darüber nachgedacht hatte. Wie mir geht es vielen. 90 Prozent der Aussteige-Willigen hatte noch nicht darüber nachgedacht, bevor sie mit ihrer Freundin auf dem Balkon gestanden hatten, konstatiert auch Wilhelm Schuster, Verhaltenspsychologe an der Humboldt Universität. “Es ist die psychische Spannung, wenn man auf das Leben hinab blickt, da lassen viele Menschen von ihren Ängsten ab und ihren Träumen freien Lauf.” Auch ich habe geträumt. Wenn ich damals gewusst hätte, dass ich zwei Jahre später mit einem Kumpel in einem ehemaligen Bergbaugebiet eine Kindertagesstätte aufmachen würde, hätte ich es nicht gemacht. Denn es war schwer. All die Behörden, die einem Steine in den Weg legen, all die alten Kohlekumpels, die nicht loslassen können, all die Eltern, die sich um die Verschüttung ihrer Kinder sorgen. Meine Freundin hat dann aber gesagt, als wir hinab auf unsere Grube und die darin spielenden Kinder blickten: “Wir haben alles richtig gemacht.” Und gelächelt. “So geht es nicht vielen,” meint der Verhaltenswissenschaftler dazu, “die meisten schaffen einfach den Absprung nicht.” Sie sind wie ein mit Sekundenkleber an die Decke geklebter Gummi-Ball: Er könnte noch fallen, aber je länger er hängen bleibt, desto fester wird er.
Neulich hat uns auch ein alter Schul-Freund mit seiner drogenabhängigen Schwester besucht, die seit Mai clean ist, aber immer noch trinkt wie ein Schlot. Sie wäre beinahe verschutt gegangen, aber wir hatten die Lore festgebunden. Das wäre keine gute Werbung für unseren Bergbau-Erlebnis-Kindergarten gewesen. Dabei wollte mein Kumpel auch ins Geschäft ein- und damit aussteigen. Aber nach der Geschichte besannen wir uns eines Besseren und er sich seines Neides und gründete in der Kaligrube nebenan eine Kinderarztpraxis. Als Aussteiger lebt es sich gut. Wenn es auch oft schwer ist. Ich kann’s nur jedem empfehlen.
Klingsor

Geschluckte Enten: Dicke Thüringer

Die Thüringer sind nicht die dicksten Deutschen. Ein längerer Artikel in der Thüringer Allgemeinen wollte dies investigativ herausgefunden haben und bezog sich auf eine “jetzt veröffentlichte Studie der deutschen Gesellschaft für Ernährung”. Das Problem dabei, der zitierte Wissenschaftler aus Jena bestätigte lediglich, dass es keine neue Studie gebe. Die Thüringer wären nur in einer Studie aus dem Jahr 2000 die Dicksten, mittlerweile seien die Thüringer in der Folge-Untersuchung von 2004 nur noch unter den Top-Drei der Dicken. Die Reporterin habe ihn wohl falsch verstanden. Aber die Meldung machte in einer gekürzten DPA-Version die bundesweite Runde. Auch wenn sie komplett erfunden war und vor sechs Jahren hätte veröffentlicht werden müssen.

Wahrheit. Ein Nachtrag

Wahrheit wird überschätzt: Wie kann das, was man in einer Sekunde des Lebens fühlt und denkt, das sein, was Tage und Wochen lang gilt?
Ist sie nicht bloß eine aus dem Fluss geschöpfte Hand voll Wasser, die Fluss sein soll: Trinkbar oder ungenießbar, sauber oder verdreckt, warm oder kalt. Der Fluss ändert sich nicht innerhalb von Sekunden und dreht sich auch nicht um 180 Grad. Aber er ändert sich trotzdem und auch die schöpfende Hand mit ihm. Einmal schöpft sie vom sicheren Ufer, einmal von der trockenen Brücke oder vom seichten Ufer aus, häufig genug schöpft sie aber auch in der umströmten Mitte, schwankend in den Stromsschnellen stehend. Das Gefundene wird immer anders sein: Nicht wahr, nur Moment.
Und doch ist es diese Hand voll Wasser, die wir trinken wollen, trinken müssen, als wäre sie alles. Wir müssen das Bittere so schmecken, als wäre es ewig bitter, das Süße als wäre es der einzige Geschmack. Außer wir beginnen zu hoffen, an den “falschen” momentenen Geschmack zu glauben. Oder wir erkennen die Willkür der Wahrheit.

Wayback

Hier mal die Vorstellung einer tollen Recherchemöglichkeit im Internet. Unter http://waybackmachine.org kann man in der Vergangenheit des Internets surfen. Ein riesiger Server hat dort ein riesiges Repertoire an Seiten aus dem Internet nahezu alle drei Monate einmal gespeichert. So kann man auf den schrecklich schlecht gebauten allerersten Homepages herumsurfen, kann sich alte Vorlesungsverzeichnisse anschauen, kann sich ausgestorbene Produkte anschauen, etc.
Sicherlich ist es auch bedenklich, dass nichts mehr löschbar ist, dass jeder Fehler ewig dokumentiert bleibt. Aber es ist auch nur gerecht, da alle anderen Medien die Verantwortung für ihre Inhalte tragen müssen. Nur weil es einfacher löschbar ist, heißt es nicht, dass es damit im digitalen Orkus verschwinden kann.
Bei der Wayback-Machine ist wie bei allen zwiespältigen Dingen: Solange sie nur wenige kennen, können sie gar nicht schlecht sein, da sie im Dienste der guten Sache stehen.

Der faire Valentinstag

Ein kurzer Vortrag zum kommenden Valentinstag: Neulich war ich bei der konstituierenden Sitzung unseres Studentenrats. Dort trat also die neue Jenaer Studentenvertretung zusammen. Dabei mussten auch die alten Referenten für ihre Arbeit im vergangenen Jahr bestätigt werden und mit einem neuen Mandat ausgestattet werden.
Das gilt nun auch für den Valentinstag. Da müssen auch die Freunde bestätigt werden. Die Frau ist also an diesem Tag grundsätzlich frei und kann von jedem umworben werden. Am Ende des Tages kann sie dann die Bestätigung für ihren Freund oder irgendjemand anderen, dessen Werbung sie besser fand, aussprechen. Sie muss natürlich dann ihre Kriterien offenlegen, damit die demokratischen Standards gewahrt bleiben und nicht die Willkür – und damit die Tradition – herrscht. Jeder sollte eine Chance haben.

Ein Traum

Wenn ich heute Nacht geträumt hätte, wäre es möglicherweise der folgende Traum gewesen.
Ich stehe in einem Gerichtssaal und bin eigentlich der Angeklagte. Die wunderschöne Richterin verweist mich jedoch des Gerichtssaals, weil nun eine Entscheidung getroffen werden soll. Alle Vorfälle wurden gehört, alle Geschehnisse protokolliert. Ich werde in den Nebenraum gebracht, der mein Zimmer ist. Auf das Urteil wartend blicke ich hinaus und sehe, wie sich alle meine ehemaligen Beziehungen vor dem Fenster versammeln. Sie halten ein Banner hoch, das ich nicht lesen kann. Ich gehe näher heran: Aber je näher ich gehe, desto mehr verschwimmt die Schrift, verschwimmen die Gesichter. Weil ich weine. Ich will in den Gerichtssaal, aber er ist einer Geburtstagsfeier gewichen. Ich nehme den Geburtstagskuchen und schmeiße ihn mir ins Gesicht. Auf dessen Boden lese ich den Spruch des Banners und während ich mir die letzten Sahnereste in den Mund stopfe, weiß ich, dass ich freigesprochen bin.

Der Steg-Parasit

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Dieses Photo zeigt meine kleine Peperoni-Pflanze, die ich vor drei Jahren in Kalabrien gekauft habe. Man erkennt im Hintergrund eine rote Peperoni, ein angefressenes Blatt und einen dunkelbraunen Steg. Das letzte nun ist das entscheidende. Als ich mir den Steg aus der Nähe ansah, stellte ich fest, dass er gar nicht mit der Pflanze verbunden war, also kein kleiner Ast oder ähnliches war. Stattdessen war dieses Gebilde weicher als der übrige Pflanze und aus einem anderen Material. Am erstaunlichsten war jedoch, dass sich dieser Steg scheinbar festgeklammert hatte mit mehreren kleinen Fühlerchen. Es schien als wäre es ein Tier, ein Parasit, der sich diese Form gegeben hatte und gutmütig helfen wollte, indem er die schwere Peperoni und den Ast an dem sie hängt, mehr stützt. Was es wirklich war habe ich nicht herausgefunden, ich habe mich nicht getraut es anzufassen und als ich nun nachschauen wollte, war es weg.

Wie ich merke, dass Zeit vergeht

Immer wenn ich im Supermarkt stehe und mir Toastbrot kaufe, schaue ich auf das Verfallsdatum und stelle verwundert fest, dass es schon wieder Mitte Februar sein muss. Das ist übrigens ein Ritual aus früheren Zeiten, als es noch darauf ankam den Toast zu finden, der am längsten hält und der immer hinter dem morgen verfallenden Toast lag. Heute ist das eigentlich nur noch eine schöne Tradition, denn das Toastbrot verfällt bei mir sowieso.

Wenn der See umkippt …

Es ist immer wieder erstaunlich, welche riesigen Pflanzen man aus einem kleinen Samen Hoffnung sprießen sieht. Genauso erstaunlich ist, wie ein kleiner bitterer Tropfen Zweifel einen ganzen See der Deutung vergiftet. Aber am erstaunlichsten an beidem ist, dass man es nur beobachten kann, ohne irgendetwas daran ändern zu können.

Die Hoffnung auf Eisbrecher

Manchmal braucht es einen Hagelsturm, manchmal ein Wintergewitter, damit der Schnee auf dem warmen Boden liegen bleiben kann und manchmal braucht es auch Schneeflocken, die mutig über die Erde reisen als träge auf sie zu fallen.
Manchmal braucht es einen Eisbrecher, damit man ruhig rudernd folgen kann.

Truth

truth

Da in meinem Blog ja nun die Fremd-Tradition eingeführt wurde, Bilder von Künstlern zu zeigen, die man bewundert, will ich nun nachziehen: Die mysteriöse Frau auf dem oberen Bild ist Sidsel Endresen, eine norwegische Sängerin und Dichterin. Sie hat wunderschöne Lieder und Alben mit dem norwegischen Jazzer Bugge Wesseltoft gemacht. Eins davon ist “truth”:
… truth is my neglected child, so unembraceable, for any length and time …. I hate truth … I make my compromise … truth is too high a price, takes away the thrill of illusion, my moonshine…
Ein wunderschönes Lied. Leider habe ich nirgendwo die “wahren” Lyrics gefunden.

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