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Klingsors Letzter

Archive for Dezember, 2005

Die Illusion der romantischen Liebe

Vor nicht allzulanger Zeit habe ich mir bei einem Antiquariat Schopenhauers “Die Welt als Wille und Vorstellung” bestellt. Ich habe noch nicht viel darin gelesen, weil es dummerweise in Frakturschrift gedruckt ist und ich keine Lust hatte, mich langsam an diese Schrift zu gewöhnen (ich will immer gleich perfekt sein). Gestern wagte ich das erste Mal einen Blick hinein und war gefesselt. Es war allerdings nicht der Text, der mich fesselte, sondern die Unterstreichungen und Randbemerkungen, die jemand hineingeschrieben hatte. Der bloße Text hätte dies nicht leisten können. Zudem war es eine alte Handschrift. Am Rand geschrieben stand also “So ist es!” und ich las die fett unterstrichenen Zeilen: “Denn alle Verliebtheit, wie ätherisch sie sich auch gebärden mag, wurzelt allein im Geschlechtstriebe, ja, ist durchaus nur ein näher bestimmter, spezialisierter, wohl gar im strengsten Sinn individualisierter Geschlechtstrieb.” So ist es!
Ich blätterte ein wenig zurück und fand heraus, dass nur das eine Kapitel mit Unterstreichungen und Randbemerkungen versehen war, nämlich die “Metaphysik der Geschlechtsliebe”. Aber der damalige Leser war kein Erzkonservativer, wie ich nun danach dachte. Vielmehr schrieb er später sogar an den Rand “Alter Sauertopf” und “Ogottogott” als Schopenhauer die Geschlechtsliebe als “feindseligen Damön” auftreten sieht.
Schopenhauer gelangt jedenfalls zu der alles entscheidenden Frage (neben der steht “er hat recht”) : “Weshalb sollte eine solche Kleinigkeit eine so wichtige Rolle spielen und unaufhörlich Störung und Verwirrung in das wohlgeregelte Menschenleben bringen?”
Hier nur kurz die erste Antwort: “Das nämlich, was dadurch entschieden wird, ist nichts Geringeres als die Zusammensetzung der nächsten Generation.“

Wenn man mit dem Bauch interpretiert

Heute früh war ein Schneeball an meinem Fenster. Um nun zu verstehen, was ich dachte und weiterhin auch denke, will ich eine kleine Geschichte erzählen.
Ich war einmal mit einem Mädchen zusammen – für etwa drei Tage. Als ich sie am dritten Tag besuchte, sagte sie mir, alles sei vorbei, es würde nicht funktionieren mit uns. Zuvor hatte sie mich stark umworben und ich hatte Probleme so schnell zu fühlen. Dass alles so schnell zusammenbrach, nachdem ich mich auch verliebt hatte, konnte ich sehr lange nicht verwinden, zumal sie nichts mit mir zu tun haben wollte. Sie erkannte wohl auch in meinem Freundschaftsgerede die tieferen Absichten. So hatte ich mich etwa ein halbes Jahr herum gequält, als plötzlich ein Schlüssel in unserem Briefkasten lag. Ich überlegte lange, mir fiel nicht ein, wem er sonst gehören könnte – außer ihr. Sie hatte alles eingesehen und wollte mich nun sehen. Alle Zweifel wischte ich beiseite und fuhr wahnsinnig erwartungsfroh nach Lobeda zu ihr. Ich glaubte wirklich es sei ihr Schlüssel. Auch noch nachdem ich an der unteren Tür alle Schlüssel probiert hatte und keiner passte. Oben wollte ich auch den Schlüssel probieren, klingelte aber statt dessen lieber und fragte sie beschämt, ob das ihr Schlüssel sei. Ein klares Nein war die erwartbare Antwort. Glücklicherweise war sie mit ihrer Mitbewohnerin irgendwie beschäftigt, so dass mein rotes Gesicht nicht so auffiel. Immerhin stand ich wohl eine halbe Stunde lang unter Schamschock und konnte kaum zusammenhängend reden. Als ich wieder zu Hause war stellte sich heraus, dass der Schlüssel für meine Mitbewohnerin gedacht war und sie dies mit einem Freund abgeklärt hatte.
Nun war heute also ein Schneeball an meinem Fenster. Schnell hatte ich mental abgeklärt, dass sie es nicht gewesen sein könnte. Trotzdessen habe ich meine Mitbewohner gefragt, ob sie es waren. Im Bauch herrrscht die Hoffnung. Ich glaub(t)e an ein Zeichen von ihr. Wahrscheinlich wird es aber nur ein kleines Kind gewesen sein, dass die ganze Zeit einen Schneeball in der Hand getragen hat und ihn endlich loswerfen konnte als die Mutter nicht hinsah. Und da man nicht auf Menschen wirft, war mein Eckfenster ideal.
Das schönste und traurige an den Geschichten: Beide Mädchen haben denselben Vornamen. Das macht die Erzählung und die Erinnerung einfacher.

Bestes Musikstück des Jahres

An dieser Stelle mal eine Auszeichnung. Am Ende des Jahres darf man das ja – loben. Die Auszeichnung für die größte musikalische Leistung meines Jahres geht an die Band “Polyphonic Spree”. Lange Zeit des Jahres, genaugenommen 11 Monate und 27 Tage lang, dachte ich, dass diese Auszeichnung 2005 gar nicht vergeben werden könnte. Doch heute vormittag traf ich nach 36 Minuten und 30 Sekunden meine Entscheidung. Die Band Polyphonic Spree, die wahrscheinlich aus Berlin kommt, hat sich für ihre “Exit Music” den Titel der innovativsten Perfomance verdient. Zehn Titel hat die CD, der 10. ist die besagte “Exit Music” und man ahnt es schon: Der Titel ist lang. Eine lange Verabschiedung gönnen sich die Berliner. Gewohnt war ich bisher Abschiede bei denen nach einer sinnlos langen Pause letztendlich noch ein kurzes zusammengepfriemeltes Gesangsstück kam, bei dem der Sänger endlich mal alles sagen konnte, was er schon immer sagen wollte, bei dem er heulen konnte wie eine Robbe oder ein Walfisch und ähnliches. Nebenbei bemerkt stellt sich ja die Frage, wie sie das aufnehmen: Ist dann solange Ruhe im Studio, alle versuchen zu schweigen, oft klappt das nicht und einer muss lachen. Wahrscheinlich ist dieses Stück dann die am häufigsten versuchte Aufnahme. Profane Musiker lassen das sicherlich am Rechner zusammenschneiden, die Langweiler.
Polyphonic Spree haben das anders gelöst: Sie spielen die ganze Zeit durch. Aber was für eine Zeit! Ganze 36:30 Minuten geht das letzte Stück. 36:30 Minuten! Wenn man 36:30 Minuten nichts machen würde, würde man mehr als eine halbe Stunde herumsitzen.
Nach 10 Minuten frag man sich, ob es denn eine Änderung geben wird, weil das Stück seit etwa 5 Minuten gleich blieb. Nach 20 Minuten hatte man eine Änderung und hat sich gefreut. Nach 30 Minuten fragt man sich das mit der Änderung erneut, da die Musik zur Ausgangswiederholung zurückgekehrt ist. Man ahnt, dass es zu Ende geht. Und nun der absolute Clou. Ich habe es (nur das Ende) mir extra noch einmal angehört, weil ich so verwirrt war. Also der Clou: Es endet abrupt, klingt nicht leise aus. Nach 36:30 Minuten, das muss man sich erstmal vorstellen. Wie genial.

Die letzten Helden

Zu Hause konnte ich endlich drei Tage lang wieder Fernsehen. Am interessantesten sind dabei meist nicht die Filme oder Sendungen, sondern die Werbung. Sie ist der schönste Spiegel der Gesellschaft.
Meine Lieblingswerbung der letzten Tage kam vom Praktiker-Baumarkt: Eine Kreissäge fährt durch das Bild. Eine Stimme im Hintergrund sagt “20 Prozent auf alles”. Das kann man dann auch auf dem Bildschirm großbuchstabig mitlesen: “20 Prozent auf alles”. Plötzlich aber erscheint unter diesem Schriftzug etwas kleiner die Wortgruppe “Außer Tiernahrung”. Das spricht der Sprecher nicht, statt dessen wird das gesamte Bild gleich vom Praktikerslogan übertüncht, als würde man sich dafür schämen, dass Tiernahrung nicht unter “alles” zählt. Aber was macht die Tiernahrung so besonders? Warum nicht die Springbrunnen, die Kloschüsseln oder die Kühlschränke? Möglicherweise sind die Tierfutterhändler ausgewiefte Verhandlungspartner, die sich nicht wie die anderen auf Handwerker-Verhandlungs-Level trainierenden Werkzeug- und Holz-Firmen über den Tisch haben ziehen lassen. Wahrscheinlich haben sie ihre Erfahrungen aus den Preispokern mit Aldi und Lidl genutzt um sich von den unerfahrenen Baumarkt-Rabatt-Jägern nicht unter den Tiernahrungsherstellungspreis drücken zu lassen. Die Tiernahrungshersteller sind die letzten Bewahrer der deutschen Produktionsstandards, sie sind die letzten die gegen die stetige Ausbeutung durch die Baumärkte aufbegehren, sie lassen sich nichts mehr diktieren.
Daher auch das schnelle Übergehen dieser dem “alles” im Slogan widersprechenden Demütigung. Wer gesteht schon gerne eine Niederlage gegen die gefährliche Tiernahrungslobby ein.

Undank ist der Deutschen Lohn. Eine andere Ansicht

Die Mitleidsmaschinerie fordert nun ihr erstes Opfer: Susanne Osthoff selbst. Sie ist undankbar: Ruft ihre Familie nicht an, kommt nicht nach Deutschland und will sogar weiterhin im Irak bleiben und dort forschen. Scheinbar hat sie die Bedeutung ihrer eigenen Entführung nicht verstanden. Für sich selbst sicherlich. Aber nicht für Deutschland. In Deutschland hatte ihre Familie Petitionen und Aufrufe gestartet, sie war für mehrere Tage Nachrichten-Top-Thema, Ex-Bundeskanzler Schröder hat eine Botschaft an die Entführer gerichtet, drei Altbundespräsidenten haben einen offenen Brief an die Entführer verfasst.
Deutschland hatte endlich seine Mitleidsmaschine hochgefahren. Aber nicht ihretwegen, sondern, weil man nun auch einmal betroffen ist. Jede Entführung sei letztendlich auch “eine symbolische Gefangennahme einer Nation”, schreibt ein Kommentator in der Süddeutschen. Susanne Osthoff hat nun mit ihrer undankbaren Reaktion klargestellt, dass es um sie und nicht um die Nation ging. Nun ist die Nation beleidigt. In der Süddeutschen sieht man schon die Mitleid-Standards bei neuerlichen Entführungen gesenkt. Wie soll die Nation noch einmal diesen Kraftakt aufbringen, wenn sie nun solchen Undank geerntet hat?
Entführungen sind aber kein Fußballspiel, es geht nicht um den nationalen Selbstwert, es geht um ein individuelles Menschenleben. Und wenn dieser Mensch all die medialen Anstrengungen, all die Solidarisierungen, all die Aufrufe gar nicht will, muss er dann trotzdem den Preis der Anstrengung all dieser Menschen bezahlen? Scheinbar schon. Im Undank offenbart sich am ehesten das Motiv des Helfers.

Wuschig am Morgen

Manchmal gehe ich auf meinen Blog und frage mich, warum ich denn keine neuen Nachrichten habe. Dann stelle ich erschrocken fest, dass da ja keine neuen Nachrichten sein können, außer denen, die ich schrieb. Schlaf-Bloggen wäre schön, dann könnte ich mich jeden Tag über das Wirre Zeug wundern, was mein Schlaf zutage förderte.
Nebenbei bemerkt mal etwas positives aus der Neon. Unnützes Wissen: Kraken haben einen Lieblingsarm.

Mein Lebensapologetentum

Es gibt Momente, in denen ich das Leben liebe. Gerade war solch ein Moment. Ich hatte mich schon zu Bett gelegt, als ich ein klackendes Geräusch am Fenster höre. Im Bruchteil einer Sekunde entdecke ich, dass ich tief in mir schon seit Tagen die Hoffnung trage, dass sie doch an mein Fenster klopfen würde. Erwartungsfroh eile ich zum Fenster und sehe eine Bierflasche auf dem Fensterbrett stehen. Ein Typ hat sie kurz abgestellt, weil er gegen meine Hauswand schiffen musste.
Ich habe ihm die Bierflasche kurzerhand über den Kopf gezogen und ihn dann ins Krankenhaus gefahren. Nein. Leider habe ich nur diesen Eintrag verfasst.

Passivität in der Telefonkurve

Ich hätte nie gedacht, dass es wirklich stimmt. Es gibt scheinbar eine Regel, ab wann man jemanden zurückrufen kann. Wenn man einmal in die passive Rolle gesetzt wurde, kann man nichts mehr tun als die vorbeistreichenden Tage zu zählen und auf die umgekehrte Kennenlern-U-Kurve hoffen. Am Anfang will sich nicht die Blöße geben und gleich anrufen, das klänge zu sehr nach Abhängigkeit und aufgegebenem eigenen Leben. Nach zwei bis drei Tagen besteht diese Gefahr nicht mehr. Dann steigt die Wahrscheinlichkeit exorbitant. Vorausgesetzt es ist ein beidseitiges Gefühl, was selten der Fall ist. Nach vier oder fünf Tagen geht man auf den letzten Herzschlägen und es lohnt eigentlich auch nicht mehr dann anzurufen. Ein Anruf dann ist eine Absage.
Im Grunde ist es wie ein Witz über die Bundeswehr: Was ist der richtige Abstand zum Vordermann beim Marschieren? Antwort: 20 Zentimeter. 10 Zentimeter ist schwul, 30 Zentimeter Fahnenflucht.
Noch suche ich den richtigen Abstand – und habe doch keinerlei Einfluss darauf.

Soziale Phänomene neu entdecken: Versetzt werden

Das Versetzt werden kann eine unheimliche Dynamik jenseits des Warte-Prozesses auslösen. Bei konsequenter Ablehnung von Ablenkung kann eine permanente Selbstreflexion einsetzen, die je nach Ursprungsrichtung Katharsis- oder Selbstzerfleischungseffekte hat. Aber versetzt werden ähnelt in jedem Fall einer langen ausgiebigen Meditation. Man beschränkt sich wieder auf sich selbst, lernt die eigenen Grenzen kennen und schätzen.

Schwarzeneggers peinlicher Abschied von Österreich

Es ist wohl ähnlich schwer über Wasser zu wandeln wie in der politischen Sphäre einen Fehler einzugestehen. Selbst im Alltag, wo es nicht darauf ankommt, ist ein Fehlereingeständnis selten. Bei jedweder Kritik beginnt man erst sich automatisch zu verteidigen und dann, wenn die Verteidigung ins Leere läuft, spürt man einen großen Unwillen, spürt man, wie sich alles wehrt gegen das Schuldeingeständnis. Dabei könnte einem das berechtigte Eingeständnis menschliche Größe verleihen, wenn man schon ein egoistische Messlatte anlegen will. Allerdings ist die Situation für die meisten Menschen nie so eindeutig, dass die Verteidigung ins Leere läuft: Da werden äußere Umstände herangezogen (ich war krank, schlecht geschlafen), da werden andere Geschichten (die überhaupt nichts damit zu tun haben) auf die Waage gelegt, da wird die Bedeutung für den anderen heruntergespielt, auf Meta-Ebenen gegangen – aber niemals wird ein Fehler eingestanden. Das liegt wohl an der Kommunikation, würde ein Freund von mir nun sagen. Die meist in diesen Fällen geführte Kommunikation beschränkt sich darauf zu sagen: “Du warst so und so und hättest eigentlich so und so sein müssen”, ohne dem anderen einen Spielraum für eine andere Interpretation zuzugestehen. Der andere wird durch das Gespräch auf die Rolle festgelegt. Der Teufelskreis sieht dann so aus: Wenn man einmal angefangen hat sich zu verteidigen, muss der andere sein Anliegen (zumeist seinen Vorwurf) verteidigen, was zu einer verstärkten Verteidigung der Verteidigung führt, was im Endeffekt zu verhärteten Fronten führt. Nach der ersten Verteidigung ist eine Entschuldigung für einen Fehler nicht mehr möglich.
Wenn es nun im Alltag schon kaum möglich ist, diesem Teufelskreis auszuweichen, wie soll es dann in der medienvermittelten Politik möglich sein. Im Kleinen wie im Großen geht es um Deutungsmacht und den daran geknüpften Selbstwert. Ein Diskurs über Themen ist im Alltag aber eher möglich als in der Politik. Im Alltag gibt es (glücklicherweise) keine Opposition, die immer “Siehst du” oder “Hab ich dirs nicht gesagt” sagt (außer den Eltern vielleicht), keine Opposition, die nach der nächsten Wahl vom Eingeständnis deines Fehlers, deiner Fehlbarkeit, irgendwie mit Wählerstimmen profitieren könnte. Und aus dieser Angst vor dem Eingeständnis dieser Fehlbarkeit müssen alle Entscheidungen, die einmal gefällt sind, mit an Idiotie grenzender Ignoranz verteidigt werden. Die Entscheidung über Leben und Tod eines Menschen, um die es hier gehen soll, ist dabei noch einmal eine Ausnahme. Sie ist die absoluteste Entscheidung.
Arnold Schwarzenegger hat der Stadt Graz nun das Recht aberkannt, seinen Namen zu nutzen. Diese hatte aufgrund seiner Ablehnung der Begnadigung von Tookie Williams überlegt, ihm die Ehrenbürgerwürde zu entziehen und das Arnold-Schwarzenegger-Stadion umzubenennen. Nun kam ihnen Arnie zuvor. Durch die blinde Verteidigung dieser Entscheidung hat er nun konsequenterweise all seine Wurzeln, all seinen Ursprung begraben müssen. Er fühlte sich in seinem Selbstwert angegriffen und das einzige, was ihm als Reaktion einfiel war, die ihn in Frage stellenden Österreicher da zu treffen, wo er wahrscheinlich bei den meisten Menschen die Schwachstelle vermutet: Beim Geld. Er entzog also die Vermarktungsrechte. Die Österreicher hatten seine menschliche Eignung als Ehrenbürger aufgrund dieser Entscheidung in Frage gestellt. Nun hat er dies durch seine Reaktion mehr als nur bestätigt: Auf die menschliche Frage hat er nur eine finanzielle Antwort gefunden.
Das Eingeständnis eines Fehlers wird es in der Politik nicht geben. Zumal die Kategorie “Fehler” auch nur meine Deutung ist, für einen erzkonservativen Politiker wie Schwarzenegger kann dies kein Fehler sein. Aber vielleicht ist dieses Verständnis (meinerseits) hier nicht angebracht. Das Verständnis endet, wenn es um den Tod anderer Menschen geht.

Der Narzissmus des “Spiegels”

Der Spiegel hat eine eigene Rubrik für Eigenlob. Sie nennt sich Hausmitteilung und beinhaltet, soweit ich sie bisher gelesen habe, lediglich narzistisches Sich-selbst-auf-die-Schulter-Klopfen. Keinerlei Kritik, keinerlei Selbstrücknahme. Im neuen Spiegel, wie auch auf Spiegel-Online, wird sich ausführlich dem Thema “Wir wussten es schon vor Monaten” gewidmet. Es sind in diesem Falle die außerterritorialen Verhöre durch deutsche Beamte und der CIA-Verschleppungsfall el-Masri. Wie ein kleines Kind beharrt die Redaktion darauf, es als erste gewusst und geschrieben zu haben. Das ist schön zu wissen. Aber warum hat der Spiegel dann nicht damals schon die Brisanz des Themas erkannt und es zum Titelthema gemacht. Das unterscheidet nämlich gute, selbstbewusste Medien von den Trends nachlaufenden Medien. Leider gibt es in Deutschland kaum noch Themen-setzende Medien.
Die gesamte Hausmitteilung des Spiegels kann man auch als einen Abgesang auf seine einstige Fähigkeit sehen, Themen zu erkennen und mit der nötigen Brisanz zu publizieren. Der Spiegel rennt nur noch Trends hinterher. Hinzu kommt die Unfähigkeit eigene Fehler anzuerkennen: Man schreibt, die ganze Affäre kam durch angebliche Enthüllungen der Süddeutschen Zeitung zu Stande. Und dann packt man aus, das war doch alles nicht neu, das stand bei uns dann und dann. Scheinbar lesen die Spiegel-Redakteure ihre eigene Zeitung nicht gründlich genug, sonst hätte man das sofort thematisieren müssen als die CIA-Flüge bekannt wurden. Wieso nutzte der Spiegel seine eigenen Informationen nicht zur Neu-Aufdeckung des Themas? Noch schlimmer und an der Ekel-Grenze ist, dass man einen Politiker zitiert, der sinngemäß sagt: “Lesen sie den Spiegel, da steht alles drin.” Der Titel der Eigenlob-Rubirk ist gut gewählt – es sollten aber Hausmitteilungen bleiben. Immerhin erkennt man daran, wie extrem das Selbstbewusstsein aufgebläht ist und wie der Spiegel seine Mitarbeiter motivieren will. Andere Unternehmen geben viel Geld für Motivationstrainer, der Spiegel veröffentlicht einfach eine “Wir sind toll”-Meldung im eigenen Blatt und schon geht’s den Redakteuren gut, weil sie wissen “Wir sind Elite”.
Der Spiegel (welch sprechender Titel mittlerweile) ist damit der Leuchtturm in Deutschlands Jammerlandschaft. Hier ist man positiv gelaunt und weiß um die eigenen Stärken. Schade nur, dass die Leser und die breite Öffentlichkeit davon bisher nicht profitieren konnte.

Unerwartete Entdeckungen: Die Welt der Öle

Nur noch selten lässt man sich aus seiner Konsumentensicherheit reißen. Man kennt so viele Produkte, weiß um die zwanghaften Neuerungen zur Gewinnsteigerung. Man ist gesättigt und wird nur selten überrascht.
Neulich passierte es mir doch einmal wieder. Ich stand im Tegut und das Staunen überfiel mich. Glücklicherweise war ich alleine in meinem Gang, niemand hat es gesehen, hoffe ich. Ich wollte Mandelöl kaufen. Zugegeben selbst das verwunderte mich damals schon, dass es so etwas geben sollte. Aber da es in einem Rezeptbuch abgedruckt stand, ging ich davon aus, dass es so etwas wirklich gab. Vor dem Öl-Regal jedoch traf mich der erwähnte Schock. Ich hatte die Öl-Entwicklung verschlafen, die Diversifizierung der Öl-Palette war an meinen trüben Augen vorbeigegangen. Da gab es Bärlauch-Öl, Walnuss-Öl, Trüffel-Öl, Sonnenblumenkern-Öl, Kürbiskern-Öl, Traubenkern-Öl und Raps-Öl. Nebenbei auch Oliven-Öl, aber das war egal. Kurzzeitig zweifelte ich am Bedarf für all diese Öle, doch dann dachte ich an mein Kochbuch und schob die Zweifel beiseite. sicherlich gab es auch schon ein Kochbuch speziell für Traubenkern-Öl oder besondere Rezepte, die nur mit diesem Spezial-Öl funktionieren: “Bitte übergießen sie nun die Ravioli mit kalt gepresstem Traubenkern-Öl, nach einer Weile werden sie sich (je nach Qualität des Öls in verschiedenen Abtönungen) grün färben.”
Mein Mandel-Öl gab es allerdings nicht. Scheinbar kooperieren die Supermärkte mit den Buchhandlungen. Das Kochbuch hatte ich aber von meiner Tante geschenkt bekommen und die wohnt in Berlin. Solche Fernschenkungen können vom sogenannten Kochbuchhandlungs-Supermarkt-Öl-Versorgungs-Komplex kaum eingeplant werden und müssen im tragischen Rezepte-Scheitern und dem daran geknüpften Selbstwert-Verlust enden.

Intimzone Kühlschrank

Heute hatte ich erstmals wirklich das Gefühl nicht hip und cool zu sein. Es geschah als ich die Neon durchblätterte und bei der Rubrik “Darum ist das so” hängen blieb. Ich las zunächst alle drei Erklärungen der einen Seite. Die Phänomene (warum wir gleich mitklatschen, warum Männer nichts zur neuen Frisur der Freundin sagen, warum die Zeitung nebenan interressanter ist) betrafen mich nicht stark und ich spürte in mir eine ungewisse Differenz zum Zielpublikum in mir aufsteigen. Normalerweise hätte ich hier wahrscheinlich das Magazin weglegen müssen, doch etwas trieb mich auch noch die andere Seite zu betrachten. Und da stand es: “Warum wir bei unseren Eltern immer zuerst in den Kühlschrank schauen.” Hatte mich das andere nicht betroffen, ich aber eingesehen, dass es irgendwo Menschen geben mochte, die das Thema interessant fänden (von den wenig spannenden Erklärungen mal abgesehen), stand nun dieses absolut unsinnige Style-Thema vor mir und mir wurde schlagartig klar, dass ich nicht die Zielgruppe bin. In einem kurzen Anfall von Selbstüberhöhung wagte ich sogar den Schluss, dass das Magazin hier Dinge aufklärt, die es eigentlich nur in hippen Fernsehserien oder bei coolen Menschen gibt, die stark dem amerikanischen Sitcom-Lebensmodell nacheifern. Ich konnte und kann mir nicht vorstellen, dass es dieses Klischee in Wirklichkeit gibt. Bei den Eltern? Als erstes in den Kühlschrank schauen? Vielleicht bei Freunden, aber nicht mal da. Der Kühlschrank hat doch jenseits aller in Sitcoms suggerierten Zugänglichkeit, eine Aura der Intimität. In den meisten WGs deuten das schon die verschiedenen Fächer an. Das mag mit der Alternativität der WG abnehmen, aber selbst Alternative haben heutzutage ja oft ein ausgeprägtes Besitzdenken.
Beim Heimkehren zu den Eltern deutet es schon einen sehr großen Unterschied an, ob man direkt an den Kühlschrank geht oder tausend andere Dinge zunächst macht oder fragt. Wahrscheinlich ist man, wenn man direkt an den Kühlschrank geht, mental noch nicht einmal ausgezogen, denn es würde der Einsicht bedürfen, den dortigen Kontext zwar als die Heimat, aber nicht als das eigene Heim zu erkennen. Und das ist eben der Unterschied: Wenn man in den anderen Kontext kommt, benötigt es Zeit, daraus die damalige und heutige Heimat zu formen. Der sofortige Gang zum Kühlschrank dampft den großen Unterschied zwischen der eigenen Wohnung und der elterlichen Wohnung ein.
Zur Rettung der Redakteurin und zu meiner Schande muss ich hier ehrlicherweise anmerken, dass mich der Titel so abgeschreckt hat, dass ich den Artikel nicht las. Die Redakteurin wollte damit weniger die Selbstverständlichkeit der Selbstbedienung suggerieren, sondern eher das Gefühl für die heile Heimat-Welt (wofür ein gut gefüllter Kühlschrank steht) symbolisieren. Bei mir löste jedoch die Überschrift und die vorherigen Gedanken über die Neon-Zielgruppe die obige Aversion aus.

Kommunikative Pointen

Es gibt manchmal Momente, da denke ich wirklich, dass es Sinn macht zu studieren. Nach langer Zeit habe ich wieder einen theoretischen Text gelesen und fahndete darin nach einer Fragestellung für meine Magisterarbeit. Es war das zusammenfassende Vorwort einer 30 Jahre-später-erschienenen Neuauflage, die mittlweile auch schon 15 Jahre alt ist. Ich quälte mich durch leidige 30 Seiten, um genau zu diesem Satz zu gelangen: “Vieles spricht dafür, dass [das Thema ihrer Magisterarbeit, Anm. K.] ambivalent ist.” Immerhin konstatiert der Autor, dass man es gut mit dem theoretischen Rahmen seines Buches versuchen könne. Ganz am Ende schreibt er semi-selbstkritisch: “Damit will ich sagen, dass ich wenn ich heute noch einmal [das Thema ihrer Magisterarbeit] untersuchen würde, nicht wüsste, welches Ergebnis ich bekommen würde.” Wenn das nicht gut vorbereitete Pointen sind. 30 Seiten und zwei Denk-Stunden Fallhöhe. Dafür studiere ich.

Easy way out

Heute hat es endlich geschneit. Erinnerungen an Finnland stiegen wieder auf. Spontan begann ich ein paar Schnee-Bilder aus Finnland auf mein Bilderkonto zu laden und stellte erschrocken fest, dass das Lied, was ich zufälligerweise dazu höre, “Needle in the hay” von Elliott Smith ist.
Elliott Smiths traumhafte Musik hatte ich damals in Finnland entdeckt. Irgendwann wieder in Deutschland wollte ich mehr über sein Leben erfahren. Das Leben jenseits der Musik spielte bei dieser traurigen Stimme für mich eine besondere Rolle. Ich fühlte mich ihm irgendwie verbunden, den Texten nahe. Was ich fand, war erschreckend und traurig. Elliott Smith hat am 21.Oktober 2003 Selbstmord begangen. Das war mein 23. Geburtstag und ich war gerade in Finnland.
Hier nur eine kleine Erinnerung an diesen grandiosen Songwriter.

Easy way out
you’ll take advantage til you think you’re being used
cos’ without an enemy your anger gets confused
i got stuck on the side you know i never chose
but it’s all about taking the easy way out for you i suppose
there’s no escape for you except in someone else
although you’ve already disappeared within yourself
the invisible man who’s always changing clothes
it’s all about taking the easy way out for you i suppose
while i watch you making mistakes
i wish you luck, i really do
with the problem, with the puzzle
whatever’s left of you
i heard you found another audience to bore
a creative thinker who imagined you were more
a new body for you to push around and pose
it’s all about taking the easy way out for you i suppose
it’s all about taking the easy way out for you i suppose

Nachtidee

Heute nacht bin ich aufgewacht und auf der Toilette fiel mir eine unheimlich witzige Idee ein, die ich sogleich aufschreiben musste. Gerade eben, etwa 20 Stunden später, schaute ich zufälligerweise wieder auf den Zettel und fragte mich, was daran hätte witzig sein können. Hinzufügen muss ich, dass das nächste Titelthema des Akrützels “Wie Studenten wohnen” wird. In diesem Zusammenhang formulierte ich also die folgende Artikel-Idee: “Exklusivbericht: Wie Vampire dein Zimmer gestalten würden.” Bei jedem Versuch es zu verstehen, fällt mir nur noch meine diebische Freude über die grandiose Idee ein, aber nicht, warum ich das toll fand.
Ich habe heute auch wieder eine merkwürdige Regelmäßigkeit meines Lebens festgestellt. In den letzten Tagen werde ich immer zu einer bestimmten Zeit wach: Nämlich um 8:04 Uhr. Auf dem Weg zum Klo und vor Ort kommen mir dann entweder Gedanken wie “Was mache ich denn heute?” oder “Warum war das so”, die mich dann etwa eine weitere halbe Stunde im Bett beschäftigen, obwohl ich eigentlich bloß friedlich und gedankenlos weiterschlafen wollte. Manchmal schaffe ich es auch den Weg gedankenfrei zurückzulegen. Meist konzentiere ich mich dann auf meinen tranceartigen Zustand, falle nach einer Minute wieder zurück ins Bett und schaue nur kurz auf den Wecker, der dann stolz verkündet 8:05 Uhr, was mich insbesondere heute wiederum kurz hat grübeln lassen, warum ich denn immer zu dieser Zeit aufwache. Dann aber dachte ich befreit: “Das schreibe ich nachher in meinen Blog und dann wird es gut sein.” Und so war es.

Weise Worte? (etwa 2:39 Uhr)

“Ich weiß echt nicht wohin der Weg führt, ich gehe ihn einfach.”
“Slow down, slow down…” (Radiohead, Tourist)
“Es ist so, wie versonnen einer Klorolle nachzublicken, die langsam aber unaufhaltsam in einen Wassereimer rollt.”

Abseits

Es gibt Momente, in denen man neben sich steht. Man schaut sich zu und fragt sich, warum man bestimmte Dinge sagt und warum man lacht. Man ist nur noch der Kameramann seines Films, weder Hauptdarsteller noch Regisseur.
Es ist als ob man ins Restaurant geht und das Tagesmenü nimmt, ohne es zu kennen. Die ganze Zeit sitzt man da und wartet, was es denn sein wird, ob es schmecken wird. Man beobachtet sich bei den eigenen Gedanken und Sorgen. Und wenn es dann da ist, schluckt man kräftig und isst es, auch wenn es das ist, was man nicht wollte oder wenigstens niemals erwartet hatte. Und wenn der Kellner dann die Rechnung bringt, fragt man sich, ob man es bezahlen sollte, wo es doch so fern der eigenen Wahl war. Meist rennt man weg und prellt die anstehende Zeche.

Entlassen wegen Ehrenrunde. Über die Schwierigkeit soziale Situationen zu verstehen

Es gibt in den Medien immer wieder Geschichten, die mich ob ihrer außergewöhnlichen Komponente faszinieren. Im Studium sollten wir einmal das alltägliche Gespräch eines Ehepaares lesen und verstehen. Das war unmöglich, weil man so viel Hintergrundwissen brauchte, weil so viele Geschichten zwischen beiden stehen, die nur durch ein Wort reaktiviert werden können, dass man auch eine einfachste Kommunikation über das Abholen des Sohnes nur schwermöglich komplett verstehen kann.
Diese Hintergründigkeit des Alltags wurde mir nun wieder bewusst, als ich die absurde Meldung hörte, dass der Trainer des FC Schalke 04 entlassen wurde, weil er eine Ehrenrunde im Stadion vor dem Spiel gedreht hatte. Um diese abstruse Reaktion zu verstehen, muss man die Hintergründe zu klären. Ein wenig Recherche offenbarte zwei verhärtete Positionen, die die Deutungsmacht jeweils für sich beanspruchen: Die Leitung und den Trainer. Am Freitag hatte der Trainer unerwarteterweise angekündigt seinen Vertrag nicht über den Sommer 2006 zu verlängern. Zuvor hatte die Bildzeitung berichtet, dass im Vorstand überlegt werde, den Vertrag nicht zu verlängern. Das liege scheinbar daran, dass das I-Tüpfelchen an Leistung fehle. Rangnick war zwar der erfolgreichste Trainer der letzten sechs Trainer, aber das reiche nicht. Am Freitag sagten beide Seiten noch, dass man professionell bis zum Sommer weiterarbeiten wolle. Am Samstag geschah dann folgende Situation: Die Fans (bei denen Rangnick beliebt ist) wissen um die Brenzligkeit der Situation, wissen, dass ihr Trainer bald nicht mehr da sein wird. Wer nun wen fordert, bleibt unklar, jedenfalls geht Rangnick zu den Fans und “bedankt sich” für das Jahr 2005 bei den Fans. Was die Leitung des Vereins darin gesehen hat, ist nur schwer nachvollziehbar. Es muss ein Affront gewesen sein, der das gesamte zerrüttelte Verhältnis widerspiegelt und von dessen Symbolik sich die Leitung angegriffen gefühlt hat. Wahrscheinlich weil Rangnick in ihren Augen eine Front geschafft hat, die so eigentlich im Fußball nicht existieren sollte. Die Dankesrunde implizierte die Aussage: “Der Vorstand handelt gegen euch (die Fans), die ihr mich offensichtlich verehrt.” Diese Infragestellung konnte die Leitung nicht dulden, wahrscheinlich auch, weil ihr der Wahrheitsgehalt des Vorwurf bewusst ist. Die Demontage des Trainers wurde nur vom Vorstand und den von ihm informierten Medien unterstützt, alle am Fußball Beteiligten (Spieler und Fans) standen auf Seite des Trainers. Dieser Frontenbildung stand der Vorstand machtlos gegenüber und musste zu dem härtesten Mittel greifen, das seine Hilflosigkeit nur noch stärker symbolisiert: Der sofortigen Entlassung. Der Schalke-Manager Rudi Assauer kommentierte dieses Mittel sinngemäß so: “Er hat sich verabschiedet, also ist nun auch Schluss.” Mit dem Trainer ist jetzt Schluss, aber notwendige Debatten kann man mit einem symbolischen Schlussstrich nicht beenden.

Das Ende der Osterhasen und Korkenzieher

Eine kleine, traurige Geschichte. Manfred Klauda war ein besonderer Mensch. Er begann Anfang der 80er Jahre skurrile Gegenstände zu sammeln. Er begann mit Nachttöpfen. Er sammelte bis zu seinem Tod 8000 Nachttöpfe aus den verschiedensten Ländern. Und diese Nachttöpfe sind keineswegs banal oder ekelig, sie zeigen vielmehr, wie stilvoll damals mit unseren Ausscheidungen umgegangen wurde. Die meisten davon sind schön verziert und einzigartig gestaltet. Das ist heute kaum noch vorstellbar, die Toilette ist nur noch ein funktionaler Ort.
Zusätzlich zu diesen Nachttöpfen sammelte er Bourdalous. Diese werden ähnlich gebraucht, sehen nur anders aus (wie Saucieren). Die Legende besagt auch, dass der Jesuit Bourdaloue am Hofe Louis XIV. so grandios predigte, dass die lauschenden Frauen kein Wort verpassen wollten und sich daher zu seinen Predigten Saucieren aus der Küche holten, um notfalls dahinein zu miktieren.
Aber Manfred Klauda sammelte noch schönere Sachen. Er hatte eine große Sammlung an Tretautos, Parfum-Flacons, Osterhasen, Schutzengeln, Vorhängeschlössern, Korkenzieher und Wolpertinger Fabelwesen. Das alles stellte er in München im “Zentrum für außergewöhnliche Museen” (ZAM) auf etwa 500 Quadratmetern aus.
Dieses Museum gibt es nicht mehr. Es rechnete sich nicht. Die Exponate wurden in diesem Jahr aufgeteilt und in der ganzen Welt verkauft. Seine Tochter verscherbelte alles.
Das hat mich sehr traurig gemacht. Wie wundervoll diese Sammelleidenschaft auch war, welch schöne Exponate er auch zusammengetragen hatte, mit seinem Tod verliert es seine Bedeutung, seinen Zusammenhang. Sein gesamtes Lebenswerk wird zerstört, aufgesplittert, worin soll er noch weiterleben. Gerade bei so einem ausgefallenen Lebenswerk hätte ich gehofft, das es bestehen bleibt. Was soll denn dann aus unserem banalen Leben werden, wer soll sich daran erinnern?

Hoffen

Die Hoffnung ist ein Mittelding zwischen Flügel und Fallschirm. (Durieux)

Der Unfall als Anschlag

In London ist ein Treibstoff-Depot explodiert. Die Polizei geht von einem Unfall aus. Das zweite musste extra dazu gesagt werden, denn mittlerweile ist jeder Explosion Terrorismus inhärent. Früher war es andersrum: Nach tagelangen Recherchen wurde herausgefunden, dass es sich gar um einen terroristischen Anschlag handeln könnte. Zuvor ging man fast natürlich von einem Unfall aus. Diese Umkehrung entspricht auch unseren Gefühlen dabei: Ein Treibstofflager, London, oje, schon wieder. Die Frage ist nur, was zuerst da war: Die ängstlichen Gefühle oder die Medien, die sie unterfüttern.

Über die Regelhaftigkeit des Lebens. Fast ein Roman.

Manchmal entdecke ich seltsame Regelhaftigkeiten des Lebens, die aber in ihrer Entdeckung meist wieder vergehen. Dies ist also ein – in diesem Falle sogar trauriger – Rückblick.
Früher verletzte ich mich beispielsweise an wenigen Tagen nacheinander zufälligerweise an fast allen Fingern der Hand. Dann schaute ich meine Hand an und sah an jedem Finger die spezifische Wunde und dachte, wie seltsam diese Häufung war und warum nicht an einem Finger zwei waren. Vielleicht haben die Finger das untereinander ausgeknobelt, haben sich blitzschnell aus der Schneidlinie des Messers bewegt, nur damit der Nachbar auch einen Schnitt bekommt. Vielleicht sind Finger auch gehässig und gönnen dem anderen keine Unversehrtheit. Ob ich mich nach dieser Entdeckung noch verletzte, weiß ich nicht mehr.
Dieses Leben-in-Regeln-Pressen nahm manchmal auch seltsame Züge an. So glaubte ich bei mir lange daran, dass die Zahl drei eine Bedeutung in meinem Beziehungsleben spielte. Drei Küsse in drei Stunden bekam ich von einem Mädchen damals (wobei der letzte der schmerzhafteste war), drei Tage hatte ich meine erste Freundin (wobei der letzte der härteste war), drei Wochen die zweite Freundin und fast drei jahre die dritte Freundin. Oje, wird die nächste Beziehung 30 Jahre dauern – wahrscheinlich ist das.
Aber eigentlich sträubt sich das Leben gegen solche Regeln. Im Grunde sind es nur Interpretationen, die wir an die Mannigfaltigkeit des Lebens antragen, in etwa so als würde man den Himalaya mit einem Lineal und einem Geodreieck ausmessen wollen. Aber immer wieder erklärt man die eigenen Messungen für richtig, dabei hätte man genauso gut alles andere messen können.
Meine neueste Himalaya-Messreihe jedenfalls ist unerwartete Zuwendung. An den letzten drei Tagen gab es jeweils ein schönes Mädchen, das sich mir lächelnd zuwandte. Das ist insoweit besonders, als dass ich das nicht erwartet und eigentlich schon aufgegeben hatte. Ignoriertwerden gehört zum Tagesgeschäft. It’s all in days work for Ignored-Man. Gestern beispielsweise kam es zu einer sehr merkwürdigen zwischenmenschlichen Situation. Eigentlich war es diese Situation, die ich hier beschreiben wollte, der gesamte Vorlauf hat sich nebenbei im Grübeln über Regelhaftigkeit ergeben.
In der Mensa, alleine essen gehend, stehe ich plötzlich hinter einem Mädchen, das ich früher interessant fand, die sich aber mit ihren Blicken direkt neben die sauren Trauben gehangelt hatte. Sie dreht sich plötzlich um und schaut mich an als müssten wir uns kennen. Es ist wieder einer dieser kurzen Augenblicke, wo man Erkennen in des anderen Augen sucht, es aber nicht findet und daher die Augen niederschlägt, um die Hoffnung zu verbergen, die man auch ausgestrahlt hatte. Abgeblockte Augen-Hoffnung ist eine der härtesten nonverbalen Niederlagen. Vielleicht gibt es deshalb so selten Augenkontakt.
Ich war eher überrascht und das äußerte sich auch in meinen Augen, soweit ich mein Gesicht ohne Spiegel beurteilen kann. Ich stand aber weiterhin hinter ihr. Auch an der Kasse. Sie hatte ihren Personalausweis aufgeklappt und ihr Bild überraschte mich etwas, so dass ich länger hinsah, als es die Höflichkeit geboten hätte. Einen ermahnenden Blick oder das ähnlich wirkende Zurückziehen der Information gab es nicht. Aber nachdem sie bezahlt hatte und eigentlich ihr Tablett hätte wegnehmen und weggehen müssen, blieb sie kurz stehen und drehte sich kurz komplett zu mir um. Sie wandte sich mir so zu, als müssten wären wir gemeinsam hier. So als wollte sie mir die ganze Zeit was sagen, als wollte sie, dass wir gemeinsam essen. Es war fast wie eine Einladung. Wir standen uns ganz kurz so gegenüber, es war nur eine Sekunde. Ich glaube fast, dass sie es unbewusst tat, ohne wirklich darüber nachgedacht zu haben. Dann kam ihr Kopf wieder hinzu und wandte sich ab. Vielleicht wollte sie mich auch nur ermahnen, nicht so neugierig zu sein. Aber das wäre eine negative Deutung und da ich durch meinen Blog in den Augen meiner Mitbewohnerin zum “Lebensapologeten” geworden bin, verwerfe ich das lieber. Zumal es nicht mit meiner momentenen Deutung übereinstimmen würde.
Schade eigentlich nur, dass die Serie jetzt durch ihre Beschreibung abreißen wird. Immerhin waren es drei unerwartete Zuwendungen. Das passt zu meiner oben geschilderten Beziehungsregel.
Warum das ausgerechnet nun passierte, kann ich glücklicherweise erklären: Ich werde krank, da wirkt man anziehender.

Scientology und Digitalfotografie

Entzauberung ist allerorten. Jeden Tag ein paar Menschen. An einigen Tagen viele. Heute hat es Beck und eine Freundin erwischt. Beck ist Mitglied bei Scientology. Das wars. Was folgt? Und Heidegger war ein Nazi. Schwere philosophische Frage. Ich tendiere bei Autoren immer dazu, eher ihr Leben zu schätzen, denn ihre Werke. Denn gerade was ihr Leben war, strahlt oder ätzt aus ihren Büchern. Bei Musikern war ich nie so konsequent. Vielleicht sollte ich es sein.
Eine Freundin jammerte immer, weil sie nie Geld hatte. Und sie sparte bei allem, wirklich bei allem, nutzte jede Gelegenheit billiger zu telefonieren, zu kopieren oder zu essen. Die Intensität ihres Sparwahn ging mir oft auf die Nerven, weil sie mir gleichzeitig die Frage aufdrängte, ob ich nicht verschwenderisch sei. Und nun hat sie sich spontan eine digitale Spiegelreflex-Kamera für einen fast vierstelligen Betrag geholt. Und meinte, sie wäre dumm gewesen, wenn sie bei diesem Preis nicht zugeschlagen hätte. Schön eigentlich, dass dieselbe Sparlogik auch bei solch großen Beiträgen noch immer hilft. Ich verstehs nicht: War alles Gejammere nur vorgeschoben, wirkte es nur bis zu dem Zeitpunkt, an dem man Geld hat? Ich dachte, ein sparsamer Mensch hat auch einen asketischen Geist. Oder ist es einfach der moderne Luxuswahn, der selbst Asketen zu sinnlosen Investitionen treibt und ihnen Bedürfnisse und Selbstverwirklichungs-Gedanken gibt, die jenseits all ihrer eigenen inneren Konsistenz liegen. Immerhin wird sie nun nie mehr jammern können. Jammern ist nun der letzte persönliche Luxus, nachdem der reale Luxus Einzug hielt.

Zeitnotstand

Nur mal kurz was Interessantes aus dem Studium, hat man ja nicht so oft. Das Linder-Axiom dreht sich um die Zeitnutzung des modernen Menschen. Hier nun eine Skizze dieses Axioms, soweit ich es verstanden habe und weiter unten persönlicheres und unsoziologischeres.
Zunächst einmal kann man Wohlstand auf drei verschiedenen Ebenen sehen: materiell, sozial und temporär. Nun gibt es ein besonderes Verhältnis zwischen dem Güterwohlstand und dem Zeitwohlstand: Sie verhalten sich antiproportional zueinander. Je mehr Güter ich habe, desto weniger Zeit habe ich. Das liegt besonders an der steigenden Konsumzeit, die ich pro Gut brauche. Die Theorie besagt nun, dass wir immer weiter steigenden Güterwohlstand verzeichnen, aber ironischerweise keinerlei Zeit mehr für deren Konsumption haben.
Aber die These geht noch weiter. Man kann sich die Tagesbeschäftigungen anschauen, beispielsweise eine Stunde: 20 Minuten Philosophieren, Meditieren oder Naturspaziergang, 20 Minuten Fernsehen, 20 Minuten Computerspielen. Diese Aufteilung verschiebt sich mittlerweile, so die Idee, stärker zu den güterintensiven Beschäftigungen, da diese qualitativ steigerbar sind. 20 Minuten Natur können nur schwer intensiver erlebt werden, 20 Minuten Fernsehen hingegen bergen immer die Möglichkeit einer qualitativen Steigerung, 20 Minuten Computer ebenso dank neuer Grafiken und endlosem Spieleangebot. Das passiert jedenfalls, wenn man an die inhärenten Möglichkeiten dieser Elemente glaubt, wenn man immer weiter zappt, weil es doch etwas gutes geben muss.
Inwieweit diese Ideen stimmen, habe ich auch schon mit Freunden diskutiert, sie waren eher skeptisch. Höchstwahrscheinlich aus Selbsterhaltungsgedanken. Ich jedenfalls habe das bei mir oft festgestellt, dass ich mir für die besinnlicheren Dinge kaum noch Zeit nehme, die Dinge, bei denen ich nicht drei Sachen gleichzeitig machen kann, sondern nur still sitze und zuhöre. Daher ist Kino auch antagonistisch: Wenn man drin ist, ist man für zwei Stunden wirklich auf eine Tätigkeit festgelegt. Musik beispielsweise läuft bei mir meist nur noch im Hintergrund, wirklich genießen kann ich sie nicht. Höchstens beim Aufstehen. Vielleicht liegen dort gerade die letzten Potentiale der besinnlichen Tätigkeiten: Am Abend und am Morgen. Der Schlaf ist wie eine kleine Kirche, die fast erdrückt wird von den umstehenden Bürogebäuden der Großstadt.

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