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Klingsors Letzter

Archive for November, 2005

Fliehen

Aus aktuellem Anlass, auch wenn ich es heute vielleicht anders ausdrücken könnte oder würde, ein sehr alter Text von mir:
Eines Tages flohen die Gedanken vor mir und versteckten sich, wie kleine Kinder, in meiner durchsichtigen Welt, verschwommen sah ich ihre Schatten, ihre Schemen hinter meinem Alltag, versuchte sie daran zu erkennen, mich zu erinnern.
Eines Tages suchten mich die Gedanken und ich versteckte mich, wie ein kleines Kind, in meiner durchsichtigen Welt, ängstlich sah ich ihre Schatten auf meinen Alltag fallen und duckte mich tiefer.

Ein Dialog

Entnommen aus Elias Canettis “Die Befristeten”
Zwei Kollegen.
Erster: Ich kann damit nicht fertig werden.
Zweiter: Du gibst Dir nicht genug Mühe.
Erster: Aber ich plag mich doch sehr. Ich versuche alles. Ich bin den ganzen Tag bei der Arbeit und die halbe Nacht dazu. Ich esse kaum, ich schlafe kaum, du mußt es mir doch ansehen, daß ich mich übernehme.
Zweiter: Ja. Wenn ich dich genauer ansehe, so muß ich dir recht geben. Du siehst gar nicht gut aus. Du arbeitest viel zu viel.
Erster: Und doch sage ich dir, ich kann damit nicht fertig werden.

(will ich jetzt nicht alles abtippen, der Dialog wird aber immer besser)

Erster: Feig und verächtlich. Ein Monstrum. Ich fürchte mich vor meinem Augenblick.
Das ist vielleicht die falsche Bettlektüre, wenn man gerade an seiner Diplomarbeit schreibt und nachts um zwei wegem dem abendlichen Espresso nicht einschlafen kann.

Ausdruck und Auslauf

In letzter Zeit höre ich immer öfter, mein Blog sei ein intellektueller Blog, was für mich wie eine Verurteilung klingt und was vielleicht auch die seltenen Antworten erklärt.
In einem Gespräch mit einem Freund erklärte er mir, dass er seine Gefühle am besten und am unmittelbarsten durch Musik ausdrücken könne. Wenn eine nahestehende Person ihn frage “Wie geht’s dir?”, setze er sich ans Klavier und spiele. Ich war skeptisch (vielleicht auch neidisch), dass ihm seine Gefühle so ja nie bewusst werden würden. Sie quasi kopflos direkt vom Bauch in die Finger fließen würden. Das reizte ihn wahrscheinlich auf die Frage, welche Melodie er mir geben würde, zu antworten: Eine Verkopfte. Damit meinte er nicht so sehr das Gedankenlastige, sondern eher das Komplizierte, Vertrackte. Keine geradlinige Melodieführung und verschiedene Themata gleichzeitig.
Letztenendes stellten wir fest, dass wir verschiedene Ausdrucksebenen haben. Meine ist die schriftliche. Die Gefühle müssen dabei zwangsläufig den Kopffilter passieren, bis ich auf der Tastatur wie auf dem Klavier spielen kann. Das kann poetisch werden, es kann aber auch ungewollt intellektuell und verkopft werden, wenn es im Kopf länger gärt als es im Bauch entstand.
Das stärkste Gefühl der letzten Zeit hatte ich aber ungefiltert. Wir ließen einen Drachen steigen. Als ich ihn das erste Mal an der Hand hatte, merkte ich schon wie Ballast abfiel. Dann rannte ich einfach los, querfeldein, endlos froh, dass meine Verbindung zum Himmel, mein Drache mir folgte und fliegen konnte. Es war zugegebenermaßen ein Billigdrache mit nur einer Schnur und ich verausgabte mich damit ihn zu Wendungen und Pirouetten zu bewegen. Aber es war ein großartiges Gefühl der Freiheit auf dieser riesigen Wiese allein mit dem Drachen über mir. Es war Kindheit.
Eine Freundin bemerkte dazu lakonisch, wie mir später erzählt wurde: “Norbert hat Auslauf.” Und sie hatte recht.

Essay. Ein Versuch nach Georg Lukacs

Da mir die Essayistik nahe liegt will ich nun versuchen ein paar Gedanken aus einem grandiosen Essay über den Essay nachzuvollziehen.
Der Essay steht zwischen Wissenschaft und Kunst. Das ist simpel. Aber wie unterscheidet er sich von der Kunst selbst, wie von der Literatur. Literatur versucht sich über Darstellung den Dingen zu nähern, versucht durch Handlung (Drama, Roman) oder durch Bilder (Gedicht) zu den bedeutsamen Momenten des Lebens zu gelangen. Sie nähert sich über das Schicksal dem Leben. Zugrunde liegen aber auch bei ihr bestimmte Erfahrungen, die sich eigentlich nicht ausdrücken lassen: Gesten, Worte, Einsichten, Gefühle. Alles, was sich in unserer innersten Seele regt und durch den Hauch eines Ausdrucks wenn nicht zerstört, so doch verändert wird. Erst wenn man diese Innerlichkeit durchlaufen hat, wenn man das Gefühl ausklingen lassen hat, kann man sich an dessen Darstellung begeben. Der Schriftsteller versucht dies über Kunst, über Konstruktion, durch Umstellung des Gefühls mit Handlungskomparsen, durch Übertragung und Spiegelung. Der Essayist versucht jedoch gerade diesen Übergang vom Seelenklang zur Vertonung zu thematisieren. Daher spielen bei ihm auch die vielen seelensuchenden Vertonungen eine Rolle, all die Romane, Gedichte, Dramen, Bilder, Sinfonien. Aber er braucht diese nicht, er kann ebenso auch direkt auf seinen eigenen Prozess, auf seine eigene Gefühls-Transponierung zurückgreifen. Diese Reflexion über die Formung der eigenen Gefühle geschieht im Kleinsten, referiert aber auf das Größte. Denn selbst in dem einen “Ich-Sagen”, in dem einen Gefühl, der einen ausgesprochenen Erfahrung spiegelt sich das ganze Ich und die Welt wider.

Das ist eine ausgestorbene Schrift, die viele älte…

suetterlin

Das ist eine ausgestorbene Schrift, die viele ältere Leute noch beherrschen: Die Sütterlinschrift. Aus aktuellem Anlass musste ich dieses Bild online stellen.

Perle

An manchem Morgen wache ich auf und habe die unscheinbare Perle der Freude nicht mehr bei mir. Ich blicke auf den Tag, suche perlene Momente. Ich wühle in mir, in anderen, in deren Blicken und Gesten, finde nichts als alltagssalziges Meer und aus vergangenem Lachen festgegeknüpfte Perlenketten.
Dabei hat sich die Muschel nur im Schlaf geschlossen, um bei sich, bei mir zu sein. Je stärker ich aber nun zerre und reiße, desto fester verschließt sie sich. Die erste sonnenstrahlende Berührung, das erste eigene Gefühl, könnte sie widerstandslos öffnen.

Letzte Einsicht

Wenn man ein Geheimnis hat, muss man lügen. Es geht nicht anders. Es werden einfache Nachfragen zu schweren Aufgaben. Diese Einsicht klingt simpel. Sie ist es aber nicht, wenn man immer noch den Anspruch der “Unendlichen Geschichte” in sich hat, Fantasien nicht weiter zu zerstören. Jedes Geheimnis produziert mit jedem Tag neue Lügen, bis zur finalen Lüge – der letzten Karte auf dem Kartenhaus.
Noch ein kurzes Beispiel aus meinem liebsten Buch “Niels Lyhne”. Diese Lügen haben zwar nichts mit mir zu tun, zeigen jedoch sehr stark die Veränderung durch Geheimnisse.
Die Hauptfigur Niels verliebt sich in Fennimore, die Frau seines besten Freundes Erik. Die Gefühle sind beidseitig und sehr groß. Sie müssen aber geheimgehalten werden und Lügen und Ausreden müssen erfunden werden.
“Dass Fennimore in dieser Hinsicht so erfinderisch war, ließ die erste Wolke am Himmel erscheinen. Es war anfangs so gut wie nichts, nur ein flockenleichter, vorüberjagender Zweifel; Niels fragte sich, ob seine Liebe nicht edler sei als die, die er liebte. Aber er war nicht klar dieser Gedanke, es war nur eine unklare Ahnung, die in diese Richtung wies, ein undeutliches Verlangen in seinem Herzen, das sich nach dieser Seite neigte.
Aber es kam wieder und hatte mehr im Gefolge, zuerst ebenfalls vage und unbestimmt, dann mit jedemmal eindringlicher. Und es war erstaunlich, mit welch reißender Schnelligkeit es zu untergraben, zu erniedrigen und Glanz zu rauben vermochte. Ihre Liebe wurde nicht geringer, im Gegenteil in dem Grade, wie sie sank wurde sie leidenschaftlicher und glühender, aber dieses Händedrücken, verstohlen unter Decken, diese Küsse auf Fluren und hinter Türen, diese langen Blicke unmittelbar unter den Augen des Betrogenen, das raubte ihr den ganzen großen Stil. Das Glück stand nicht mehr still über ihren Häuptern, sie mussten sein Lächeln und sein Licht erhaschen, wo sie konnten, und die List und die Schlauheit waren nicht mehr traurige Notwendigkeiten, sondern vergnügliche Triumphe, die Falschheit wurde ihr Element und machte sie so erbärmlich und so klein. Da gab es auch herabwürdigende Geheimnisse, die sie früher mit Trauer erfüllt hatten, einen jeden für sich, in dem Glauben der andere sei unwissend, die mussten sie nun teilen, denn Erik war nicht scheu zurückhaltend, und so konnte ihm oft einfallen, seine Frau in Niels’ Gegenwart zu liebkosen, sie zu küssen, sie auf seinen Schoß zu ziehen und zu umarmen und Fennimore wagte dies nicht abzuweisen oder besaß nicht – wie früher – Würde genug, diese Liebkosungen abzuwehren; das Bewusstsein ihrer Schuld machte sie unsicher und ängstlich.
So sank und sank das hohe Schloss der Liebe, das Schloss von dessen Zinnen, sie so stolz über die Welt hinweggeschaut und in dem sie sich so stark und so groß gefühlt hatten.
Aber sie waren froh inmitten seiner Ruinen. [...]
Der Zug ewigkeitsbetonter Melancholie, der ihrer Liebe das Gepräge gegeben hatte, war ausgelöscht; eitel Lächeln und Scherz war ihnen jetzt eigen und über ihnen lag eine solch fiebernde Hast, eine Gier nach den dahineilenden Sekunden des Glücks, als müssten sie sich mit ihrer Liebe beeilen, als hätten sie nicht das ganze Leben noch vor sich.”
(”Niels Lyhne” von Jens Peter Jacobsen)

Die unverhältnismäßige Ausdehnung der Worte

Manchmal ist es schon erstaunlich, wie stark kürzeste Momente ganze Wochen verändern können. Am deutlichsten ist das wohl bei Unfällen oder Körperlichkeiten. Ein unaufmerksamer Moment, egal von welcher Seite, und schon liegt der Radfahrer unter dem Auto. Aber dieses Phänomen gibt es auch im rein psychischen. Eine Unachtsamkeit oder ein falsch gewähltes oder anders konnotiertes Wort eines wichtigen Freundes und ganze Wochen werden in Gedanken daran zerkocht. Es ist auch unklar, welche Worte einsinken und welche abprallen. Meist wird es nicht thematisiert und kann mental bis zur Unkenntlichkeit nachreifen.
Ein Wort-Mißverständnis zum Beispiel hat mich drei Wochen lang beschäftigt und zermürbt. Immerhin war es keine nahestehende Person, aber vielleicht wird es gerade an diesem geschäftlichen Mißverständnis deutlich, welche Zeitausdehnung einige kurze Worte erfahren können. (Nebenbei: Vielleicht ist das ja das Maximum, was Worte erreichen können: Durch missverstanden-werden länger währen, als es ihrem kurzen Ausgehauchtwerden eigentlich zusteht; seltenst werden Worte positiv bewahrt.)
Die Geschäfts-Situation: Ich wollte mein Auto zurückgeben an den Händler, von dem ich es gekauft hatte, da es schwerwiegende Rostschäden aufwies, die mit bloßem Auge nicht erkennbar waren. Ich telefonierte also mit dem Geschäftsführer des Autohauses. Er bot mir an, es zurückzunehmen. Ich wollte allerdings wissen, welchen Wertabzug ich hinnehmen müsste. Er sagte “um die 200-300 Euro”. Heute, nach drei Wochen dem blöden Geschäftsführer-Hinterhertelefonieren und ständigem Abgewimmeltwerden, nach drei Wochen mit dem zermürbendem Gefühl eine Entscheidung vor sich her zu schieben und noch schlimmer, keine Entscheidung herbeiführen zu können, fast ohnmächtig zu sein, heute also telefoniere ich wie immer mit einem Lakaien, der mir sagt, dass Herr Fischer wie immer nicht da sei und möglicherweise blablabla kommt. In einem Anfall von Entschlossenheit rufe ich noch einmal an und versuche aus dem Handlanger Informationen rauszuquetschen, mit ihm zu verhandeln. Im Endeffekt erklärt er mir, dass es nicht um 200-300 Euro (Abzug) ging, sondern, dass Herr Fischer den grammatikalischen Anschluss einfach nicht bekommen hat und sich der Gesamtwert um 200-300 Euro belaufen werde. Drei Wochen lang hielt mich also ein falschgebrauchtes oder falschverstandenes UM auf. Es sollte eine Strafe für Worte geben, die so lange währen. Der Nichtgebrauch funktioniert leider bei solch einem funktionalen Wort nicht, aber könnte bei anderen schädlichen Worten in Erwägung gezogen werden. Ein Jahr Nichtgebrauch und Nichtlesen und Durchstreichen für einen Tag Missverständnis. Das wäre eine gute Regel.

Anfänger

Ich bin Anfänger. In so vielem. Ich dachte immer, dass ich schon weit sei, schon 25 Jahre gelaufen sei. Aber das ist utopisch. Ich fange gerade erst an mich warmzumachen und den Trainingsanzug auszuziehen. Das zwischenmenschliche ist so weit, man selbst so zerknittert und zerwunden zwischen anderen. Sich selbst wahrzunehmen ist das schwierigste und es dann auch noch ausdrücken zu können, erfordert Jahre. Zumal es ja nicht einmal nur voran geht, sondern man auch die früheren Jahre wieder einholen muss und die kleine Strecke, die man damals unter Anleitung lief, nun alleine nachvollziehen muss. Und besonders schwierig ist es zu sehen, wann man getragen wurde und ob das überhaupt die eigene Richtung war.
Immer stärker spüre ich in letzter Zeit auch den Unterschied zwischen Wissen und Empfinden. Wissen ist nichts wert, es gibt nur Strukturen, Gleise für die Erfahrung. Diese würde sich aber auch einfach einen Weg durch das unwegsamste Seelen-Gelände bahnne. Es ist mithin egal, ob dort Gleise liegen oder nicht. Im Nachhinein schaut man dann auf die Karte und versucht nachzuvollziehen, welchen Weg man genommen hat und bildet sich oft ein, dass dort ja schon Gleise gelegen hätten.

Zurückgebliebenes

Es gibt Tage, da geht man sich selbst verloren. Man läuft einfach weiter und etwas bleibt zurück. Man vermisst es kaum, denn man kann ja laufen. Und laufen gibt Sicherheit, denn es gibt ja ein Ziel. Und mit jedem Schritt entfernt man sich mehr davon. Es wartet und hofft wie ein kleines Kind darauf, dass man wiederkommt. Aber man kommt nicht wieder.
Nur selten stellt einer fest, dass er sich selbst verloren gegangen ist. Dann dreht er sich entnervt um und versucht sich selbst wie einen Hund wieder nah zu pfeifen. Doch das misslingt und er muss gegen den Wind all der Errungenschaften und all der Selbstverständlichkeiten zurück kriechen – bis all die Alltagspatina abgeweht wurde.
Das kann nur ein Tag sein, das können aber auch Jahre sein.

nähe

Nur ein kurzer Satz, der mich heute sehr berührt hat. “… and that’s the only way I finally succeed … in being me.” (Aus dem Song “suck and run” von Console).
Ich hoffe ich erscheine nicht schizophren in meiner Anspruchsvarianz.

Skala

Habe gerade eine neue Skala für zwischenmenschliche Beziehungen entwickelt. Sie reicht von -10 mit Sex über 0 mit Freundschaft bis zu +10 mit Beziehung.

Ein anderer Weg glücklich zu sein

ist im tiefen Tal der Emotionen verstanden zu werden. Und dieses emotionale “Verstehen” gibt eine Geborgenheit, die auch in der Dunkelheit und Kälte dieses Tals aufhellt und wärmt. Es ist ein wunderbares Gefühl, eines Abends wegzugehen und als ein Größerer wiederzukommen. Oder, wenn man es mit ein wenig Abstand betrachtet: Es ist ein wunderbares Gefühl, eine weitere Stufe auf der Leiter der eigenen Möglichkeiten zu entdecken.

Ein Weg glücklich zu sein

Ein Weg glücklich zu sein ist, sich die Freiheit zu gönnen, Luftschlösser zu bauen. Sollte sich herausstellen, daß es real geworden oder nicht mehr aufrechtzuerhalten ist, dann verguc…* flüchte man sich schnell in ein neues.
*vergucke

Lesen ist nach-denken. Ein Lob des selbst-denkens

Oh je, wie kann man nur so wahre Gedanken so zerpflücken und missverstehen? Wozu gibt es Germanisten? Dürfen diese Menschen unsere Kinder lehren?
Kurzum, es war ein Seminar zu einem Essay von Schopenhauer. Schopenhauer formulierte darin in einem wunderbaren Stil, die Idee, dass man nicht selbst denken lerne, wenn man Bücher konsumiere. Man hinkt zumeist Gedanken des Autors hinterher, und verlernt im Nachhinken auch noch das eigene Gehen oder die Schönheit und Bedeutung des eigenen Gehens. An diesem für mich sehr nachvollziehbaren Gedanken erzürnte sich auch die Germanistenbrut (möglicherweise aus Selbsterhaltungstrieb). Wie könne man so etwas behaupten, wie solle man denn jemals weiterkommen im Denken, wenn man nicht liest, was andere vor einem gedacht haben? Das sagte selbst der Dozent. Was für ein Trugschluss. Es bringt nichts Kant oder Schiller oder Rilke zu lesen, wenn man nicht vorher selbst gedacht hat. Man kann niemals durch Fremdlesen eine höhere Stufe erklimmen, nur durch In-sich-selbst-Lesen steigt man. Und jeder Mensch fängt bei Null an, egal ob die Literatur-oder Philosophiegeschichte in sich einsaugt und hofft deshalb luftballongleich zu steigen. Eher hindert dieses Wissen oder verstellt den Blick auf die eigenen Erfahrungen und Gedanken. Als ich 18 oder 19 war hatte jeder Siddharta von Hesse gelesen, ich auch. Aber was hat es mir gebracht, nur langsam schaffe ich es einige Gedanken nachzuerfahren. Ein damaliger Freund von mir sagte mir, dass er die Bücher jeweils in dem Alter lesen werde, in dem auch der Autor sich befand. Welch weise Vorraussicht. Immerhin kann das Lesen eine Ahnung vom Erfahrbaren geben, wie wenn man auf einer Schiffsreise eine ferne Insel schemenhaft am Horizont erscheinen sieht. Nur dass der Kurs niemals genau dorthin gehen wird, irgendwann später wird man die Insel wiedererkennen und wissen, dass man sie bereits von Ferne sah.
Das ist natürlich nur meine – wie es scheint – vereinzelte Meinung. Wie wäre denn eine solche Diskussion über den Text überhaupt möglich, wenn man nur die fremden Gedanken wiedergibt, fragt eine. Den Inhalt des Textes anerkennend, sagt ein anderer, sei der Stil für diesen Anlass ungeschickt. Hat Schopenhauer nicht auch nur seine eigene Wut damit kompensiert? Diese und andere weltbewegenden Fragen veranlassten micht stark an mir und meiner Wahrnehmung zu zweifeln. Möglicherweise bin ich nicht kritisch genug, vielleicht lasse ich mich zu leicht überzeugen von solch affirmativen Texten. Ich hatte auf einer emotionalen Ebene sofort gespürt, dass Schopenhauer recht habe. Nach und nach im Zuge der Diskussion machte ich leichte Konzessionen, aber die wichtigste Aussage blieb bestehen: Bücher geben die Gedanken anderer wieder. Vielleicht war es auch in etwas abgewandelter Form das, was Siddharta zu dem Erleuchteten Gautama sagte. Er meinte, dass er zwar sehe, das dieser seinen Weg zur Erleuchtung gefunden habe, aber er spüre auch, dass dies nicht sein Weg sein könne und auch eigentlich keines anderen Weg. Es ist vielleicht wie bei Kafkas Geschichte “Vor dem Gesetz”, dass es für jeden nur einen einzigen Zugang zu diesem Ziel gibt und dieser sich mit dem Tode schließt. Allerdings stehen, in der Kombination der Bilder, vor diesem Eingang die Lehrmeister und stapeln Bücher, sie bewachen den Eingang und verschließen ihn mit ihren Lehren. Und häufig ist man auch recht froh darüber, dass sie so adrett davor stehen und einem zusäuseln: “Hier bleib nur stehen und lies.”
Und die Germanisten haben dies verinnerlicht und werden es auch weitergeben – sie werden ja Lehrer. In meinem Gefühl der Andersartigkeit entspann sich dabei auch eine latente Arroganz und ich dachte, dass die meisten in diesem Seminar wohl noch nie die Freude eines eigenen Gedankens erfahren haben. Und wie immer kam dann der Zweifel und nagte an der Besonderheit meiner Gedanken. Nun denn, ich werde wohl weiterhin schweigen und schreiben müssen.

Recherchabel

Fragen, die ich mir momentan stelle und durch Recherche zu beantworten suche:
Woher kommt der Gong im Kino? (ewig recherchiert, nichts gefunden, bis meine Mitbewohnerin meinte, es sei vom Theater und der Oper abgeschaut. Trotzdessen noch keine weiteren Anhaltspunkte)
Die Klostrippe stirbt aus. Wann wurde das Hochklo vom Tiefklo ersetzt und warum? (Lange Diskussion in der WG gehabt, alle Gründe sind nicht recht plausibel: Zunächst Wasserersparnis stimmt nicht, da auch die neuen tiefhängenden Drück-Apparate ohne Wasserspartaste auskamen. Raumprobleme: Es war zu wenig Raum da, so dass man es sich nicht leisten konnte, den zusätzlichen Platz hinter der Toilette zu vergeuden. Ästhetik: Relativ plausibel, trotz dessen entsteht eine Leerstelle im Bad, die gefüllt werden muss.)
Wie sind Blitzer befestigt, wie sichert die Polizei die herumstehenden Blitzer vor der willkürlichen Mitnahme? (Anrecherchiert: Anruf bei der Polizei in Jena, als Journalist für die Studentenzeitung aufgetreten, nach Hermsdorf vermittelt, dort dreifach höhervermittelt bis zur Chefin, die wiederum zurück nach Jena vermittelt zum Pressesprecher. Dort war als ich dort anrufe, mein Rechercheanliegen auch schon durchgedrungen, ich wurde fast namentlich begrüßt, sollte trotz dieser heimeligen Atmosphäre noch eine Mail mit meinem Anliegen schreiben. Tat dies, es gab bis heute keine Rückmeldung. Die wollen es wahrscheinlich aussitzen.)
Gibt es eine Liste mit Worten, die bei einer Neuauflage aus dem Duden aussortiert werden? (Telefoniert mit Frau vom Dudenverlag, die mir wohlwollend versicherte, dass es so etwas nicht gäbe, weil sie dafür keine Kapazitäten haben. Mittlerweile glaube ich, dass die Frau – auch wenn sie freundlich war – log. Es ist kulturgeschichtlich von immenser Bedeutung zu wissen, welche Worte aussterben. Der Duden-Verlag lässt die Wort-Kandidaten auch extern von Wissenschaftlern prüfen und da soll es keine kleine Excel-Tabelle geben, in die man das einträgt. Aber der Duden hält sich eh bedeckt, auch bei Neueinfügungen. Warum, was fürchtet man? Widerspruch? Immerhin konnte sie mir ein Wort nennen das aussortiert wurde und der Duden auch pressewirksam verbreitete, so dass nahezu jede Zeitung darüber schrieb: Der Pomadenhengst war vor etlicher Zeit ein Casanova-Typ. Jetzt soll sichs auspomadiert haben – könnte man auch bezweifeln.)
Und zuguterletzt: Seit wann heißt Göthe Goethe?

Like Christmas in a Submarine

Das ist mal ein schönes Motto. Es beschreibt die Musik der Silver Jews auch sehr treffend. Solch ein Motto will ich auch mal finden.
Tolles Interview (in der neuen Intro) zudem. Über die Live-Auftritte zum Beispiel: “Dass diese Leute mit ihrer Kunst auf Tour gehen und sie immer und immer wieder vortragen, während Fans ihre Namen rufen und versuchen, sie zu umarmen. Aber: Die Popkultur ist noch nicht alt genug, um mit Sicherheit sagen zu können, welchen Einfluss ein solches Prinzip auf den Künstler hat. Ich vermute, dass Applaus, Affirmation, speziell unberechtigte, also zum Beispiel das herzhafte Lachen über eine Ansage, die vielleicht gar nicht so witzig war, oder insgesamt Interesse an dem, was der Musiker zu erzählen hat, auch wenn es vielleicht gar nicht interessant ist – all das bringt die Kalibirierung desjenigen durcheinander, der da im Mittelpunkt steht.”

Das Gerede und die Wirklichkeit (beibehaltener Arbeitstitel)

Einmal vertrat ich in einer Diskussion die Ansicht, dass in dieser Oase der Servicefreundlichkeit die ursprüngliche Ostunfreundlichkeitswüste verloren gegangen sei. Ja sogar, dass man sich im Grunde aufmachen sollte und die Geschäfte suchen sollte, in denen man noch unfreundlich – und damit meines Erachtens nach menschlich – bedient wird. Die Kundenfreundlichkeit erinnert mich immer an Schilderungen aus Asien, wo die Menschen niemals nein sagen würden oder einen im tiefsten Hass noch freundlich anlächeln. Sicherlich auch an die verlogene Kundenservilität der Amerikaner. Warum sollte man den Angestellten nicht auch ein Leben zugestehen, ihnen Emotionen zubilligen? Warum diese blendend weiße Grauzone, strahlt das nicht auch auf das Leben ab, führt zu Fassaden lächelnd gebleckter Zähne? (Nicht das man große Emotionen jemals im Alltag gesehen hätte, aber drückt sich nicht in der leichten Gestimmtheit, in den Zwischentönen vor dem Paukenschlag, auch das Menschliche aus?) Ich sehnte mich also nach menschliche Unberechenbarkeit: Hatte die Apothekerin schlecht geschlafen und deshalb etwas verwirrt und ruppig; war ihr Kind krank und machte sie sich deshalb Sorgen; hatte sie gerade einen Kurzurlaub gemacht und war noch entspannt und lächelnd? All diese Hintergründe würde ich nie erfahren, aber sie würden doch den unpersönlichen Konsum und damit den Umgang miteinander lebendiger machen. In meinem Absolutheitsdenken sehnte ich mich sogar noch Osteuropa, wo Unfreundlichkeit allgegenwärtig ist. Dann wäre der Konsum sogar sozial verbindend, weil man sich gemeinsam aufregen könnte. Aber in ihrer Festlegung auf die mürrische Seite des Beziehungsspektrums entsprachen sie eigentlich nicht meinem Wunsch nach Verkäufer-Menschlichkeit. An diese schöne Diskussion wurde ich gestern von meiner Mitbewohnerin erinnert und zugleich aber auch an mein nachmittägliches Verkaufs-Erlebnis. Voller positiver Energie war ich auf der Suche nach Einback, einer exklusiveren Variante des profanen Milchbrötchens. In meiner Energie wollte ich und konnte ich in einer Bäckerei nicht so lange warten bis die einzige langsame Kundin bedient war und fragte schnell zwischendurch. Die Verkäuferin hielt kurz inne und hatte meine Frage verstanden, aber anstatt eine Antwort zu geben, die ihr offensichtlich auf der Zunge lag und “Nein” lautete, sagte sie barsch aber auch abschätzig ob der Störung “Warten sie bis sie dran sind.” Das erdete mich stark. Diese Demütigung wollte so gar nicht zu meiner Hochstimmung passen.
Eigentlich sollte dieser Eintrag nun in der Konfrontation von Gerede und Wirklichkeit enden. Was nützt mein theoretisches Geschwätz, wenn ich dessen Anwendung in der Wirklichkeit nicht ertragen kann. Aber in der Ausformulierung der Situation wurde mir klar, dass es keine echte “menschliche” Unfreundlichkeit der Verkäuferin war, sondern eine ebenso aufgesetzte wie grundlose Unfreundlichkeit, die nur dem ungeschriebenen Geschäfts-Prinzip des “der EINE Kunde ist immer König” folgt.
Das Gerede muss also noch auf den Prüfstand der Wirklichkeit. Aber nur, wenn ich mal wieder geschäftsgrau gestimmt bin.

Das Lügen-Wahrheit-Paradox

Die meisten Blogeinträge sind nicht so privat, wie es dieser werden wird. Das Paradoxe daran hat mich allerdings so verwirrt, dass ich es einfach einmal schildern muss. Heute log ich bewusst und weil ich log, wurde das, was ich erlog, Wahrheit. Doch von vorne: Ich hatte eine Verabredung mit einem wunderschönen Mädchen, das ich nicht kenne (und die nebenbei bemerkt einen Freund hat). Das sollte um fünf sein. Zuvor besuchte ich noch eine gute Freundin, die mich auch prompt nach meinen weiteren Plänen fragte. Um nicht in Erklärungsnot zu geraten und mich selbst unter Erfolgsdruck (durch spätere Nachfragen, wie es denn gelaufen sei) zu setzen, log ich, dass ich mich mit einem guten Freund träfe. (An dieser Stelle Entschuldigung für diese Notlüge) Das war nicht ganz falsch, da er sich dort zur gleichen Zeit mit einer Freundin verabredet hatte (und auch das Mädchen einmal sehen wollte). Ich ging ins Wagner und wartete. Der Freund war nicht da, sie auch nicht. Ich wartete eine dreiviertel Stunde, sie kam nicht. Es gibt Momente, in denen etwas zerbricht, bei mir zerbrach in diesem Moment die Hoffnung. Der eigene Blick ändert sich durch das Klirren: Nebenan saß ein Pärchen, was mich grundsätzlich nicht störte. Aber als der Kellner ihnen eine Kerze brachte und an meinem Tisch vorbeilief, ließ er die Traurigkeit da. Allerdings gab er mir einige Zeit später auch wieder Hoffnung: Auch ich war ihm letztendlich eine Kerze wert, wenn auch nicht auf den ersten Blick, so doch aus steigendem Mitleid oder zunehmender Dunkelheit. Aber weiter in der Geschichte: Ich ließ also in dieser Stimmung das Wagner und die meisten meiner Ambitionen zurück. Als ich die Außentür jedoch aufstoße, treffe ich justament den erwähnten Freund, der sich kurz einen Moment Zeit genommen hatte und mich aus oben genannten Gründen besuchen wollte. Meine Lüge war also Wahrheit geworden, ich traf nur ihn im Wagner. Diese Ebene war noch einfach, nun wird es noch komplizierter. Meine offen zur Schau gestellte Traurigkeit bewegte ihn, mich später anzurufen und mir Ablenkungsvorschläge zu machen. Wir entschieden uns für Kinohopping. Es war wenig Zeit und ich musste schnell zum Kino. Und nun passierte das Boshafteste von allem: Auf dem Weg traf ich meine schöne Unbekannte wieder. Allerdings erkannte ich sie erst im vorbeifahren, da sie gerade in ihrem Rucksack kramte. Und wie es im Zwischenmenschlichen oft ist, konnte ich mich und meine Traurigkeit nicht überwinden. Sie war ja Schuld. Immerhin sahen wir uns noch kurz in die Augen im Auseinanderfahren. (Wie schrieb Proust so schön: va a contre coeur). Aber ich konnte nicht umdrehen, ich konnte nicht. Wir gingen dann ins Kino und sahen etwa sieben Filme ganz oder teilweise, aber das gehört schon nicht mehr zur Geschichte.
Ich bin nun etwas verwirrt und glaube fast, dass ich sie getroffen hätte, wenn ich nicht am Anfang gelogen hätte. Aber das ist wohl esoterischer Schnickschnack. Seufz.

Schattenphilosophie

Neulich stellte mir eine Freundin eine interessante Frage: Auf was würdest du eher verzichten, auf dein Spiegelbild oder deinen Schatten? Sie sagte zudem, für mich kontraintuitiv, dass sie eher auf ihr Spiegelbild verzichten würde. Alle weiteren Freunde, denen ich diese Frage stellten, erschien es hingegen klar, dass sie ihren Schatten abgeben würden. Wozu braucht man diesen auch? Es gibt zwar die Geschichte des Peter Schlemihl, aber so richtig nachvollziehen kann man die Ausgrenzung nicht. Heute nun sagte mir eine zweite Freundin, dass sie eher ihr Spiegelbild aufgeben würde. Spricht das nun für das Verhältnis zu sich selbst. Ich weiß es nicht. Ebenso spräche es für das Verhältnis zu sich selbst, das Spiegelbild, gewissermaßen die äußere Haut, nicht aufgeben zu können. Sie argumentierte dementsprechend auch so. Kann man etwas weggeben nur weil man es nicht wahrnimmt? Müsste es nicht vielmehr positive Gründe geben, das Andere zu behalten? Ihr Grund war, dass der Schatten viel interessanter sei, weil er lediglich die Konturen wiedergibt, das Spiegelbild hingegen langweiligerweise alles genauso wie es denn ist. Zudem könne man eh nichts daran ändern, wie einen die Menschen wahrnehmen, sie nehmen einen mit oder ohne Spiegel wahr.
Abgesehen von diesen Überlegungen gibt es auch einige rein technische Schwierigkeiten bei diesen Vorstellungen. Wie ist es möglich, dass ein Mensch ohne Schatten existiert? Wenn man hinter diesem Menschen steht und dieser eigentlich die Sonne verdecken müsste, er also einen Schatten auf mich werfen müsste, was passiert dann, wenn er keinen Schatten hat. Ist er dann durchsichtig und scheint das Licht genauso auf mich? Das gleich Problem gibt es auch beim abgegebenen Spiegelbild: Wenn ich hinter jemandem stehe, der kein Spiegelbild hat, sehe ich mich dann im Spiegel? Ist er dann durchsichtig? Und warum ist er dann nicht immer durchsichtig, sondern nur, wenn ein Spiegel in der Nähe ist? Oder existiert er nur, wenn ich ihn ansehe, wie er vor mir steht, wenn ich jedoch in den Spiegel gucke, ist er verschwunden und ich sehe mich? Fragen über Fragen, die Vampire oder Peter Schlemihl unmöglich erscheinen lassen. Das schöne ist es jedoch, sich gerade über so etwas Abstruses und Unwichtiges, den Kopf zu zerbrechen. Sonst könnte man es ja auch mit einer Physikaufgabe tun und das brächte niemandem etwas.